Wachsende soziale Ungleichheit und Armut in der Türkei

Von Sinan Ikinci
23. April 2003

Eine neuere Studie der Gesellschaft Kum hat gezeigt, dass die ohnehin enormen Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Schichten in der Türkei sich verschärfen und zum größten Problem des Landes werden. Das monatliche Einkommen der reichsten Familien der Türkei beträgt über 10,5 Mrd. Türkische Lira (ca. 6.000 €), während die ärmsten Familien versuchen, mit 132 Mio. TL (75 €) zu überleben.

Im Jahr 2001 hat die Türkei die schwerste Wirtschaftskrise ihrer modernen Geschichte erlebt. Das sogenannte "Desinflationsprogramm", das von 2000-2002 im Laufe von drei Jahren umgesetzt werden sollte, stellte sich nach nur einem Jahr als eines der größten Desaster der IWF-Politik heraus.

Seit den letzten zwei Jahren ist die arbeitende Bevölkerung zunehmend erschöpft und verzweifelt. Das Monatseinkommen einer durchschnittlichen Familie mit geringem Einkommen beträgt zwischen 200 Mio. TL (115 €) und 500 Mio. TL (285 €). Zu dieser Einkommenskategorie gehören 48 Prozent der Bevölkerung, deren Anteil am Nationaleinkommen 32,5 Prozent ausmacht.

Nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 2001 wurde ein neues Programm in Angriff genommen, das die niedrigeren Einkommensgruppen noch mehr belastet. In den letzten drei Monaten sind die Preise für Produkte und Dienstleistungen wie Benzin, Gas, Telefonkosten, Elektrizität und andere Grundnahrungsmittel wie Zucker und Tee drastisch gestiegen, während die Lohnerhöhungen der Arbeitnehmer begrenzt wurden.

Die Wirtschaftspolitik der Regierung kann eigentlich nur noch als bloße Schuldenverwaltung bezeichnet werden, ohne jedes Bemühen, die Produktion neu zu beleben. Sie erinnert an die Schuldenverwaltung im hochverschuldeten Osmanischen Reich des späten 19. Jahrhunderts. Diese erlaubte es imperialistischen Interessen, den Einsatz der Haushaltsmittel zu steuern, wobei die Bedienung der Auslandsschulden oberste Priorität hatte. Die heutige Situation wird durch die erdrückende Last der Auslands- und Inlandsverschuldung diktiert, die insgesamt 160 Mrd. Dollar beträgt und das Bruttosozialprodukt des Landes übersteigt.

Der nur geringe Anstieg der Löhne in Verbindung mit der Entlassung von Tausenden Arbeitern hat den Lebensstandard der ärmeren Schichten noch weiter gesenkt, die größtenteils in den Vororten der Großstädte leben. Die Türkei ist jetzt in eine Periode der schnellen Verarmung eingetreten mit allen Begleiterscheinungen wie Diebstählen, Raubüberfällen und Prostitution und bewegt sich auf eine soziale Explosion zu.

Die Türkei belegt Platz fünf auf der Liste der Länder mit der schlimmsten Einkommensverteilung. Trotz der Versprechungen der AKP beinhaltet ihr Programm Maßnahmen, die die Schere der Einkommensverteilung nicht nur nicht ausgleichen, sondern weiter öffnen werden.

Das Programm sieht Kürzungen bei den Bauern und den Gruppen mit geringerem Einkommen vor. Mit der Verringerung der öffentlichen Ausgaben sind auch die Löhne der Arbeiter und Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gesunken. Weil auch die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse nur entsprechend der vom IWF diktierten Vorgaben gestiegen sind, hat sich auch die Armut auf dem Lande verschlimmert.

In den letzten Jahren hat die Landbevölkerung das meiste von dem, was sie verbrauchte, selbst produziert, aber das hat sich mittlerweile geändert. Elektrizität und Telefon sind auch auf dem Land wichtige Güter geworden. Die Menschen in den ländlichen Gebieten kaufen ihr Brot von der städtischen Bäckerei. Sie benutzen Benzin statt Holz. Mit anderen Worten hat sich das Land verstädtert und ist in den kapitalistischen Markt einbezogen worden. Heute hat die Türkei eine Landbevölkerung, die Waren auf dem Markt kauft und sich den sogenannten Kräften des Marktes bewusst ist.

Das reale Einkommen der Landbevölkerung ist am Sinken, und dies wiederum löst neue Wellen der Abwanderung in die Städte aus, die damit nicht fertig werden können. Die Vororte der Metropolen wachsen an und mit ihnen enorme Problem in den Städten.

Grundbedürfnisse einer Familie

Die durchschnittlichen Ausgaben einer vierköpfigen Familie für Nahrungsmittel betragen ungefähr 70 bis 80 Mio. TL (40 bis 45 Euro) - für eine ausreichende Ernährung.

Die normalen Mieten in den großen Städten der Türkei (Ankara, Istanbul, Izmir) schwanken je nach Lage und Größe zwischen 200 Mio. TL (115 €) und 900 Mio. TL (510 €).

Die Ausgaben für Kleidung schwanken ebenfalls stark.

Selbst wenn Kinder in eine staatliche Schule gehen, sind noch viele Ausgaben nötig, etwa für Lesebücher, Lehrbücher und Schuluniformen.

Mehr als 1,5 Mrd. TL (850 €) sind pro Monat notwendig, damit eine durchschnittliche vierköpfige Familie ein anständiges Leben führen kann.

Die Armutsgrenze für eine vierköpfige türkische Familie ist laut einer Studie des größten türkischen Gewerkschaftsdachverbandes (Türk-Is) im Februar auf 1,3 Mrd. TL (740 €) gestiegen. [1]

Die Mindestausgaben der Familie einer solchen Größe für Nahrungsmittel, d.h. die Hungergrenze, sind in diesem Monat laut der Studie auf 421 Mio. TL (240 €) angewachsen.

Die Armutsgrenze umfasst die Mindestausgaben für Nahrung und andere Grundausgaben. Die Zahlen zeigen, dass das zum Überleben notwendige Realeinkommen höher geworden ist. Die Armut in der Türkei hat nach zwei aufeinanderfolgenden Wirtschaftskrisen im Jahr 2000 und 2001 stark zugenommen.

Die Gesundheitsversorgung ist das Hauptproblem der arbeitenden Bevölkerung. Durch die begrenzte Anzahl von staatlichen Krankenhäusern und das geschwächte Sozialsystem haben Millionen von Menschen keine ausreichende Gesundheitsversorgung.

Laut der Informationen von Türk-Is leben mehr als 10 Millionen Menschen in der Türkei unterhalb der Hungergrenze.

In der Türkei entwickelt sich jetzt eine Art von Armut, die früher unbekannt war. Bisher war sie dort eher versteckt. Es gab auch vor der Krise von 2001 schon Armut, aber die Solidarität der Familie, der Religionsgemeinschaft oder der Leute aus derselben Stadt verdeckte sie in einem bestimmten Maß. Anders gesagt kümmerten und halfen sich die Leute in schwierigen Zeiten gegenseitig.

Diese Beziehungen können nun nicht mehr aufrechterhalten werden. Die Wirtschaftskrise hat die Tünche über der Armut abbröckeln lassen. Die Armut hat alle diese Beziehungen enorm beeinträchtigt und die Zukunft unsicher gemacht. Die Gesellschaft hat einen allgemeinen Zustand der Armut erreicht. Niemand hat noch die Kraft, jemand anderem zu helfen. Mit anderen Worten ist die Türkei nun in einer Phase, wo das wahre Gesicht der Armut sichtbar wird.

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