Am vergangenen Sonntag erschien in der New York Times eine ungewöhnliche öffentliche Anklage gegen einen ihrer Nachwuchsreporter, Jayson Blair. Dieser ernsthafte Zwischenfall verdient eine nähere Untersuchung. Er zeugt von einer tiefen Krise, von Demoralisierung, Panik und Feigheit in einer Institution, die lange als das Maß aller Dinge im amerikanischen Zeitungswesen galt.
Blair, der seine Karriere 1998 als Redaktionsassistent begonnen hatte, schied zu Beginn dieses Monats aus der Redaktion aus, nachdem herausgekommen war, dass er ein Interview aus einer anderen Zeitung abgeschrieben hatte, in dem eine Frau über den Verlust ihres Sohnes bei der Intervention im Irak gesprochen hatte.
In einem großen Artikel auf der Titelseite mit der Überschrift " Times- Reporter hinterlässt lange Spur des Betrugs" beschuldigt die Zeitung den 27-jährigen Blair, er habe "Leser und Times -Kollegen in die Irre geführt mit Berichten, die angeblich aus Maryland, Texas und anderen Bundesstaaten kamen, obwohl er sich oft nur im fernen New York aufhielt. Er dachte sich Szenen aus. Er stahl Material von anderen Zeitungen und Nachrichtenagenturen. Er wählte Details aus Fotos aus, um den Eindruck zu erzeugen, dass er irgendwo gewesen sei oder jemanden getroffen habe, während dies gar nicht der Fall war."
Die Times ließ dann die Geschichte von Jayson Blair in einem Beitrag folgen, der mehr als 14.000 Wörter umfasste und über vier Seiten reichte. Auf Seite drei erschien zudem noch eine Notiz des Herausgebers, dass fünf Reporter und ein Untersuchungsteam beauftragt wurden, den Fall zu durchleuchten, und hierfür "unbeschränkten Zugang" zur gesamten Belegschaft der Times, auch den leitenden Redakteuren und dem Management, erhalten haben.
Wenn die Vorwürfe der Times der Wahrheit entsprechen, dann hat Blair gegen Grundregeln des Journalismus verstoßen. Aber es muss dazu gesagt werden, dass seine Taten zwar ungehörig aber nicht ungewöhnlich sind. Der Druck, um jeden Preis sensationelle Neuigkeiten zu bringen, der einen Großteil der Medien kennzeichnet, schafft ein Milieu, das leicht dazu verführt, eine Abkürzung zu suchen oder eine Story mit gefälschten Details aufzupeppen.
Tatsache ist, dass Blair keine Geschichten erfunden hat, die nie passiert sind - wie es bei anderen Aufsehen erregenden Entlassungen bei der Washington Post und der New Republic der Fall war. Er verleumdete niemanden und warb auch nicht heimlich für ein bestimmtes politisches Programm.
Was die Reaktion der Times so außergewöhnlich und bizarr macht, ist der enorme Raum, den sie zur Verfügung stellt, um die Karriere eines jungen Mitarbeiters der Redaktion rücksichtslos zu zerstören, und der böse und persönliche Tonfall, der die Schuldzuweisungen der Zeitung charakterisiert.
Der Artikel der Times ist selbst eine Parodie auf objektiven Journalismus. In einer sprunghaften Darstellung, die zwischen einer wenig überzeugenden Chronologie von Blairs Missetaten und subjektiven Kommentaren hin- und herschwankt, beschreibt die Times Blairs Handlungen als "Vertrauensverrat und Tiefpunkt in der 152-jährigen Geschichte der Zeitung". Der Laptop und das Mobiltelefon des Reporters werden als "seine Werkzeuge der Täuschung" bezeichnet. Der Artikel geht sogar so weit, persönliche Details preiszugeben: So wird nach der Feststellung, Blair habe "beachtliche persönliche Probleme" gehabt, zu Verstehen gegeben, dass er an Alkoholismus litt und deshalb bereits an ein Beratungsprogramm des Unternehmens verwiesen worden war.
Aber das ist noch nicht alles. Der Artikel sinkt bis zum Rufmord hinab, wenn er feststellt, ungenannte "Andere" würden Blair als "unreif, mit ausgesprochenem Ehrgeiz und einem unstillbaren Interesse an Redaktionsklatsch" beschreiben.
Vom rechtlichen Standpunkt aus kann die Reaktion der Times nur als gänzlich unangemessen bezeichnet werden. Das normale Verfahren in solch einem Fall bestände in der Veröffentlichung einer in Zusammenarbeit mit den Unternehmensanwälten sorgfältig formulierten Stellungnahme. Die kolossale Überreaktion macht die Zeitung zweifellos juristisch angreifbar, wenn Blair sich für solche Schritte entscheiden sollte.
Blairs angebliche Verstöße sollten in einem größeren politischen Kontext gesehen werden. Sein Stehlen von Zitaten und seine falsche Darstellung von szenischen Details als "Tiefpunkt" in der Geschichte der Times zu bezeichnen, ist einfach absurd.
Es handelt sich schließlich um die Zeitung, die in den 1930-er Jahren Walter Duranty beschäftigte - den Korrespondenten, der vorsätzlich Stalins Verbrechen vertuschte und die Rechtmäßigkeit der Moskauer Schauprozesse verteidigte, die zur physischen Vernichtung der Revolutionsführer vom Oktober 1917 führten und den Beginn der Terrorherrschaft der sowjetischen stalinistischen Bürokratie markierten, in deren Verlauf Hunderttausende umgebracht wurden. Die Times präsentiert Duranty immer noch mit Stolz als einen ihrer Gewinner des Pulitzer Preises.
Während des Zweiten Weltkriegs gab es in der Zeitung einen Redaktionsbeschluss, Berichte über den Holocaust, die Vernichtung von sechs Millionen Juden, zu unterdrücken.
Es gibt aber auch Zwischenfälle aus jüngerer Zeit, gegenüber denen sich Blairs angebliches Fehlverhalten klein ausnimmt. So stand die Zeitung in den Jahren 1999/2000 an der Spitze einer groß angelegten Hetzkampagne gegen den chinesisch-amerikanischen Wissenschaftler Wen Ho Lee, die vom Weißen Haus als "explosiven und an Hysterie grenzenden Enthüllungsjournalismus" bezeichnet wurde, in der neunmonatigen Inhaftierung von Lee resultierte und seine Verurteilung und die Verhängung der Todesstrafe hätte herbeiführen können.
Die Zeitung veröffentlichte lediglich eine widerwillige Entschuldigung für ihre sträfliche Vorverurteilung von Lee und maßregelte keinen der beteiligten Journalisten. Im Gegensatz zu Blairs Taten, die frei von böswilliger Absicht waren, entsprang die Hexenjagd auf Lee den rechten politischen Ansichten des Times -Reporters Jeff Garth. Dieser Mann hatte zuvor bereits die besessene und prinzipienlose Untersuchung über die Whitewater-Investitionen von Präsident Clinton initiiert.
Die hysterische Kampagne gegen Blairs angebliche "Betrügereien" erfolgt kurz nach einem Krieg, der auf der Grundlage offenkundiger Lügen der Bush-Regierung, der Medien insgesamt und der Times im Besonderen gerechtfertigt wurde. Hatte die Zeitung den Krieg gegen den Irak ursprünglich mit der Begründung befürwortet, es sei notwendig, die "Massenvernichtungswaffen" zu zerstören, schrieb ihr führender Kolumnist für außenpolitische Fragen Thomas Friedman kürzlich: "Bush schuldet der Welt keinerlei Erklärung für die fehlenden chemischen Waffen (selbst wenn sich herausstellt, dass das Weiße Haus diese Frage übertrieben dargestellt hat)."
Lügen - sowohl von der Regierung als auch von der Times - um einen Krieg zu führen, in dem Zehntausende sterben, stellen somit offensichtlich kein Problem dar, aber das Abschreiben aus einer anderen Zeitung ist ein Schwerverbrechen. So sehen die journalistischen Standards des Blattes aus.
Man muss nur das Verhalten von Blair mit dem von Judith Miller vergleichen, einer hochrangigeren Korrespondentin der Zeitung, die bereitwillig die falschen Informationen und Argumente für den Krieg aus neo-konservativen Kreisen verbreitet hat. Sie hat sich auf Geschichten spezialisiert, die auf keiner einzigen verifizierbaren Tatsache fußen, und behauptete wiederholt, es gäbe Beweise für die Existenz von "Massenvernichtungswaffen". Erst kürzlich beteuerte die Times, dass die Verbindung von Frau Miller zum rechten und pro-zionistischen Middle East Forum von Daniel Pipes, der nicht nur für einen Krieg gegen den Irak eingetreten ist, sondern das gleiche Vorgehen gegen den Libanon und Syrien fordert, keinen Verstoß gegen die Objektivitätsstandards des Blattes darstellt.
Die außergewöhnliche Behandlung, die Blair zuteil geworden ist, ist symptomatisch für eine tiefe politische Krise innerhalb der Leitung der Times. Was im Grunde eine Frage der Arbeitsdisziplin ist, die sich in ähnlicher Form in praktisch allen mittleren Unternehmen Amerikas stellt, wird behandelt, als handelte es sich um die Aufdeckung eines Jahrhundertverbrechens.
Ein sieben Milliarden Dollar schweres Unternehmen ist mit seinem gesamten Gewicht über jemanden hergefallen, den es selbst als problembelasteten jungen Mann beschreibt, zerstört damit effektiv seine Aussichten auf eine künftige Anstellung und setzt ihn vor der ganzen Welt auf eine Schwarze Liste. Das Unternehmen selbst wurde auf den Kopf gestellt und die Redaktion zum Schauplatz peinlicher Verhöre. Man hat das Gefühl, dass in der letzten Woche der Wahnsinn Einzug gehalten hat bei der Times.
Es gab bereits seit einiger Zeit Gerüchte, dass die internen Beziehungen bei der Zeitung durch Unruhe gekennzeichnet sind, seit Howell Raines das Amt des Chefredakteurs übernommen hat. Unter seiner Leitung ist die politische Linie des Blattes weiter nach rechts verschoben worden. Aber angesichts der letzten Episode darf man definitiv vermuten, dass die Leitung der Zeitung vollkommen den Kopf verloren hat.
Der Leitartikel über Blair aus der Times vom Sonntag schließt mit einer Stellungnahme des Herausgebers Arthur Sulzberger, der versichert, dass das Blatt nicht nach "Sündenböcken" Ausschau hält. Er erklärt: "Die Person, die dies getan hat, ist Jayson Blair. Lasst uns nun nicht unsere führenden Leute verteufeln - weder den Chefredakteur noch, wenn ich das sagen darf, den Herausgeber." Hat Sulzberger Angst, dass seine oder Raines Position durch diese Episode gefährdet sind? Falls ja, durch wen? Dass so eine Möglichkeit überhaupt Erwähnung findet, sagt viel über den starken politischen Druck, der sich hinter den Kulissen aufbaut.
Der Krieg im Irak und Washingtons Wende hin zu einer Politik des unverfrorenen Imperialismus hat eine weitreichende Veränderung in den politischen Beziehungen innerhalb der Vereinigten Staaten und den herrschenden Kreisen Amerikas ausgelöst. Gleichzeitig ist der von der Bush-Regierung ausgerufene dauerhafte und weltweite "Krieg gegen den Terrorismus" von umfassenden Angriffen auf demokratische Rechte und einem zunehmend härten Vorgehen gegen die Pressefreiheit begleitet worden.
Die Medien allgemein und ganz besonders die Times haben sich dem Druck der Regierung gebeugt, die staatlichen Übergriffe vertuscht, die Rechtfertigung eines Krieg gegen den Irak auf der Basis von Lügen ohne Widerspruch erlaubt und sich selbst bei der Berichterstattung über den Krieg der Militärdisziplin unterworfen.
Wenn sich die Times an die Rechten anpasst, heißt das nicht, dass die Rechten sich auch an die Times anpassen. In den ultra-reaktionären Kreisen, die entscheidenden Einfluss auf die Bush-Regierung ausüben, gilt die New York Times immer noch als Bastion des Liberalismus, wenn nicht gar als Nest von kommunistischen Sympathisanten. Rechte Talkmaster und Kommentatoren wettern regelmäßig über das Blatt.
Als die Enthüllungen über Blairs angebliches Fehlverhalten bekannt wurden, sah sich die Zeitung offensichtlich unter enormen Druck. Die Geschichten, für die er angeblich Details erfunden und Zitate gestohlen hatte, betrafen so sensible Themen wie die Toten und Verwundeten des Irakkriegs und die Jessica-Lynch-Story, die zu einem amerikanischen Mythos gemacht worden ist.
Zweifellos fürchtete die Zeitungsleitung zudem aus gutem Grund, dass Blairs schwarze Hautfarbe von den Rechten zum Anlass genommen würde, um ihr Gift gegen Gleichstellungsmaßnahmen zu verspritzen und gegen den Liberalismus und die Zeitung allgemein zu hetzen.
Die Führungsspitze der Zeitung sah sich klar im Belagerungszustand. Anstatt sich aber solchen Drohungen zu widersetzen, reagierten Sulzberger und Raines panisch und feige. Beinahe ebenso verwunderlich wie ihre wilde Denunziation von Blair ist ihre erbärmliche und erniedrigende Selbstgeißelung. Sie erklären, dass "die Times den Schaden reparieren muss, den sie dem öffentlichen Vertrauen zugefügt hat", gestehen, dass "etwas in der Times Redaktion ganz klar zu Bruch gegangen ist" und informieren die Welt im Jammerton, dass die "Atmosphäre einer langen Totenwache für einen ungeliebten Verwandten die Redaktion erfüllt".
Die Reaktion der Times ist symptomatisch für den verrotteten Zustand dessen, was im heutigen Amerika als Liberalismus gilt.
Früher wurde die Times mit ihrer Herausforderung der Nixon-Regierung durch die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere und die Watergate-Enthüllungen, die schließlich die Regierung zu Fall brachten, identifiziert.
Indem sie diese Tradition zurückweist und sich dem rechten Druck beugt, unterstützt und begünstigt die Spitze der Times eine Entwicklung, die einen umfassenden Angriff auf demokratische Rechte, darunter die Pressefreiheit, mit sich bringt. Es kann kaum Zweifel daran geben, dass die Blair-Affäre eine allgemein abschreckende Wirkung auf Reporter haben wird, und dass die neuen Regeln, die die Zeitung entwickelt, abträglich sind für einen objektiven investigativen Journalismus, der sich nicht an den Interessen der Machthabenden orientiert.
