Die Plünderungen von Museen und Bibliotheken in Bagdad:

US-Regierung verwickelt in geplanten Raub der irakischen Kulturschätze

Von Ann Talbot
29. Mai 2003

Nachdem das volle Ausmaß der Plünderungen des Nationalmuseums in Bagdad deutlich geworden ist, wird immer klarer, dass diesen Vorgängen absolut nichts Zufälliges anhaftet. Vielmehr waren sie das Ergebnis eines lange geplanten Vorhabens, die historischen und künstlerischen Reichtümer, die in den irakischen Museen aufbewahrt wurden, zu plündern.

Selbst wenn nur arme Slumbewohner das Nationalmuseum geplündert hätten, wäre schon dies ein Verbrechen gewesen und die Verantwortung dafür hätte die amerikanische Regierung gehabt, die sich trotz wiederholter Warnungen geweigert hat, für die Sicherheit der kulturellen Gebäude in Bagdad zu sorgen. Nachdem die Mitarbeiter des Museums in der Lage waren, Kontakt nach außen aufzunehmen, wurde jedoch rasch klar, das die Plünderungen keineswegs planlos erfolgt waren. Sie waren das Werk von Leuten, die wussten, wonach sie suchten und bestens für ihren Job ausgerüstet waren.

Dr. Doney George, der Direktor des Museums von Bagdad sagte: "Ich glaube, es waren Leute, die wussten was sie wollten. Sie haben die Gipskopie des Schwarzen Obelisken links liegen gelassen. Das heißt, dass es sich um Spezialisten gehandelt haben muss. Die Kopien haben sie nicht angerührt."

In einer Nachrichtensendung des britischen Fernsehsenders Channel 4 erklärte er Dr. John Curtis vom British Museum, dass sich unter den gestohlenen Kunstwerken die heilige Vase von Warka befand, sowie ein 5000 Jahre altes Gefäß, das in Ur gefunden worden war, der Sockel einer akkadischen Statue und eine assyrische Statue. Das sei so, kommentierte Dr. Curtis, als habe man "die Mona Lisa gestohlen".

Dr. George war erst etwa eine Woche nach der Plünderung des Museums in der Lage, Archäologen auf der ganzen Welt darüber in Kenntnis zu setzen, was gestohlen worden war. Die amerikanischen Militärbehörden machten keine Anstalten zu verhindern, dass die Objekte aus Bagdad herausgeschafft werden konnten, oder eine internationale Suche nach den gestohlenen Kunstwerken in Gang zu setzen.

Das Zögern der USA lässt sich nicht dadurch erklären, dass sie nicht gewarnt worden wären. Archäologen und Kunsthistoriker hatten das Pentagon vorher von der drohenden Gefahr der Plünderungen unterrichtet. Dr. Irving Finkel vom British Museum erklärte Channel 4, "dass die Plünderungen vollkommen vorhersehbar waren und leicht hätten verhindert werden können."

Das Museum war das Opfer eines sorgfältig geplanten Angriffs. Die Diebe, die die wertvollsten Gegenstände stahlen, hatten Geräte dabei, mit denen sie in der Lage waren, selbst die schwersten Objekte abzutransportieren, die die Mitarbeiter nicht in Sicherheit hatten bringen können, weil sie nicht aus den Ausstellungsräumen herausschaffen konnten. Sie hatten sogar Schlüssel zu den Kellergewölben, wohin die wertvollsten Sachen gebracht worden waren. Seit die Nazis systematisch die europäischen Museen plünderten, ist kein derartiges Verbrechen verübt worden.

Das Online Magazin von Business week befasste sich am 17. April unter der Überschrift "Waren die Diebe von Bagdads Antiquitäten vorbereitet?" mit dem Thema, ob die Plünderung der Museen von Bagdad vorsätzlich geschah und Bestandteil einer Verschwörung war. Der Artikel trägt den Untertitel: "Sie könnten gewusst haben, wonach sie suchten, weil Händler für die wichtigsten Stücke lange vorher Aufträge erteilt hatten."

Business week schreibt: "Es war, als ob die Eindringlinge nur darauf gewartet hatten, dass Bagdad fiel, damit sie loslegen konnten. Gil J. Stein, ein Archäologe von der Universität von Chicago, die seit 80 Jahren Ausgrabungen im Irak durchführt, glaubt, dass Händler die wichtigsten Stücke schon lange vorher in Auftrag gegeben hatten. ‚Sie suchten nach ganz speziellen Kunstwerken’, sagte er. ‚Sie wussten, wo sie suchen mussten.’"

Nach dem Golfkrieg von 1991 wurden die Märkte mit irakischen Antiquitäten überflutet, die aus den Museen, die damals geplündert wurden, und von den archäologischen Grabungsstätten stammten, die mit Baggern bearbeitet worden waren. Antike Statuen wurden auseinandergesägt, damit man sie exportieren konnte.

Diese Plünderung des kulturellen Erbes des Irak regte den Appetit der Sammler an, die bereits für die Plünderung ostasiatischer, lateinamerikanischer und italienischer archäologischer Ausgrabungen verantwortlich waren. Nachdem die Börsen weltweit eingebrochen sind, gelten Kunstschätze und Antiquitäten als sichere Geldanlage, was einen großen Schwarzmarkt hervorgebracht hat.

Der illegale Handel mit Antiquitäten wird als ebenso lukrativ angesehen wie der Drogenhandel, mit dem er auch oft verbunden ist. Nach einem Bericht des McDonald Institute for Archaeological Research, mit dem Titel "Der Handel mit unerlaubten Antiquitäten: Die Zerstörung des archäologischen Erbes der Welt", der 2001 erstellt wurde, sind London und New York die wichtigsten Märkte für diesen Handel. Die Schweiz, in der es erlaubt ist, ein Kunstwerk, das sich fünf Jahre lang im Lande befindet, für legal erklären zu lassen, hat sich zu einem Hauptumschlagplatz entwickelt.

Professor Lord Renfrew of Kaimsthorn, der Direktor des McDonald Institutes in Cambridge, erklärte auf einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung des Berichts, dass der Handel weitergehe, weil "die Regierung sich in der Hand des Kunstmarktes befindet, der am Zufluss von Antiquitäten auf den Markt interessiert ist," und fügte hinzu: "Das ist ein Skandal."

Als die Nachrichten über die letzten Plünderungen bekannt wurden, organisierte die britische Labour Regierung von Tony Blair hastig eine Pressekonferenz im Britischen Museum, auf der die Kulturministerin Tessa Jowell offizielle Unterstützung versprach, um die irakischen Antiquitäten zu schützen. Aber noch während sie dies sagte, wurde die irakische Nationalbibliothek geplündert. Dort wurden seltene, Jahrhunderte alte illustrierte Ausgaben des Koran und andere Beispiele islamischer Kalligraphie sowie unersetzliche Dokumente des osmanischen Reiches aufbewahrt. Das Gebäude wurde angezündet und eine bisher unbekannte Anzahl von Texten wurde zerstört.

Der Reporter Robert Fisk, der die Flammen gesehen hatte, war losgerannt, um die US Marines zu Hilfe zu holen, um wenigstens einen Teil der Sammlung zu retten, aber sie weigerten sich. Fisk schrieb im Independent : "Ich habe ihnen auf der Karte den Ort gezeigt und präzise den Namen auf arabisch und englisch angegeben. Ich sagte, der Rauch sei aus einer Entfernung von drei Meilen zu sehen und es dauere nur fünf Minuten dorthin zu fahren. Eine halbe Stunde später war immer noch kein Amerikaner dort zu sehen und die Flammen schossen mehr als 60 Meter hoch in den Himmel."

Nach dem Schicksal des Museums von Bagdad, kann man nur schlussfolgern, dass die allgemeine Plünderung und Brandstiftung der Bibliothek dazu diente, ein noch grundlegenderes Verbrechen zu verschleiern, bei dem bestimmte ausgewählte Manuskripte für reiche Sammler gestohlen wurden. Dabei nahmen sie die Verbrennung von Büchern in Kauf - ein weitere Praxis der Nazis.

Die Rolle der ACCP

Nach diesen beiden verheerenden Angriffen auf die Kultur gerieten die Aktivitäten des American Council for Cultural Policy (ACCP, Amerikanischer Rat für Kulturpolitik) ins Rampenlicht. Sogar die britische Presse, die die schärfsten Gesetze gegen üble Nachrede und Verleumdung zu beachten hat, deutete an, dass der ACCP die Politik der US-Regierung bezüglich der irakischen Kulturgüter beeinflusst haben könnte.

Der ACCP wurde 2001 von einer Gruppe reicher Kunstsammler ins Leben gerufen, um Lobbyarbeit gegen das Gesetz zum Schutz des Kultureigentums zu verrichten. Das Gesetz stellt einen Versuch dar, den Kunstmarkt zu regulieren und zu verhindern, dass gestohlene Güter in die USA eingeführt werden. Der ACCP verteidigt den New Yorker Kunsthändler Frederick Schultz, der nach dem Gesetz über gestohlenes Nationaleigentum verurteilt wurde. Er wendet sich auch dagegen, dass das Urteil im Prozess der Vereinigten Staaten gegen McCain von 1977 als Präzedenzfall gegen den Handel mit gestohlenen Kunstobjekten angesehen wird.

Im Fall McCain hatte ein US-Richter geurteilt, dass alle Kunst- oder Schmuckgegenstände aus der Zeit vor Kolumbus, die ohne die ausdrückliche Genehmigung der mexikanischen Regierung in die USA gebracht werden, als gestohlenes Eigentum gelten. Mexikanische Gesetze betrachten archäologische Funde als staatliches Eigentum und verbieten ihren Export. Mexiko ist eines einer ganzen Reihe von Ländern, die solche Gesetze haben.

Ashton Hawkins, ein bekannter Rechtsanwalt und Gründer des ACCP, bezeichnet derartige Gesetze als "Zurückhaltepolitik". Er verurteilt die archäologisch reichen "Quellenländer", weil sie ihre archäologischen Stätten und Museen durch derartige Gesetze schützen, und behauptet, unter der Regierung Clinton habe eine derartige "Zurückhaltepolitik" auch in den USA die Oberhand gewonnen.

Hawkins richtet seinen Blick auf die großen Museen des Nahen Ostens. Er hat dazu aufgerufen, dass die ägyptischen Antiquitäten, die im Kairoer Museum aufbewahrt werden, verteilt werden sollten. "Ich würde vorschlagen," sagte er, "dass das Museum von Kairo den Museen der Welt die Gelegenheit gibt, bis zu fünfzig Objekte für ihre Sammlungen zu akquirieren. Als Gegenleistung würden die Museen einen beträchtlichen Beitrag zu dem neuen Museum unterhalb des Plateaus von Gize leisten - zum Beispiel, jedes eine Million Dollar."

Die Gründungsveranstaltung des ACCP fand in der Wohnung von Guido Goldman in der Fifth Avenue statt. Goldman sammelt Textilien aus Usbekistan. Unter den Anwesenden war auch Arthur Houghton, der frühere Kurator des Getty Museums in Malibu in Kalifornien, das dafür berüchtigt ist, Werke von verdächtiger Herkunft auszustellen. Hawkins selbst trat 2000 als Vizepräsident des Kuratoriums des Metropolitan Museums of Art in New York zurück, eine Institution, die nach Auskunft seines früheren Direktors Thomas Hoving viele aus etruskischen Gräbern gestohlene Kunstgegenstände besitzt.

Bevor der Krieg begann, traf sich der ACCP mit Vertretern des Pentagon und teilte diesen mit, wie sehr er über die irakischen Antiquitäten besorgt sei. Was "besorgt" bedeutet, lässt sich aus der Bemerkung von William Perlstein schließen, dem Schatzmeister der Gruppe, der die irakische Gesetzgebung über Antiquitäten ebenfalls als "Zurückhaltepolitik" bezeichnet hatte. Der ACCP bestreitet, dass er eine Änderung der irakischen Gesetze wünsche, aber mit der Plünderung des Museums und der Bibliothek wird dieses Problem effektiv umgangen, vorausgesetzt die US-Gesetze über gestohlene Kunstobjekte und archäologisches Material werden geändert.

Professor John Merryman von der Hochschule für Recht in Stanford, ebenfalls ein Mitglied des ACCP, tritt dafür ein, dass US-Gerichte Exportkontrollen im internationalen Rahmen "selektiv" beurteilen. Mit anderen Worten, es soll vollkommen legal sein, in Bagdad gestohlene Objekte zu importieren, wenn ein US-Gericht entscheidet, die irakischen Gesetze nicht anzuerkennen.

Merryman entwarf 1998 die Grundsätze der Organisation. Dabei argumentierte er, die Tatsache, dass ein Kunstgegenstand gestohlen wurde, sei an sich kein ausreichender Grund, seine legale Einfuhr in die USA zu verbieten. Weiter erklärt er, "Die Existenz eines Marktes bewahrt Kulturobjekte, die sonst zerstört oder vernachlässigt werden könnten, indem er ihnen einen Marktwert verleiht. Im offenen legalen Handel können kulturelle Objekte die Menschen und die Institutionen erreichen, die sie am meisten schätzen und sie von daher sorgsam behandeln." (International Law and Politics, Bd. 31, 1)

Dieses Argument ist mehr als scheinheilig. Reiche Sammler können damit auf das Chaos auf Bagdads Straßen, auf die Plünderung der Museen und die Brandschatzung der Bibliothek hinweisen und die Irakis als unfähig oder unwillig darstellen - weil sie zu arm oder zu unwissend sind - ihre eigenen Kunstschätze zu behüten, die in amerikanischen Museen oder Privatsammlungen besser aufgehoben wären.

Die Ideen des ACCP repräsentieren die Interessen besonders habgieriger Teile der herrschenden Klasse Amerikas, die nach dem Prinzip arbeitet, dass alles - sogar ein unbezahlbarer Gegenstand von künstlerischem oder wissenschaftlichem Wert - durch seinen "Marktwert" bestimmt wird. Damit meinen sie den Preis, denn der wirkliche Wert der gestohlenen Gegenstände aus dem Museum von Bagdad und aus der irakischen Nationalbibliothek ist nicht zu berechnen. Diese Menschen verstehen im wahrsten Sinne des Wortes nur den Preis der Dinge, haben aber keine Ahnung von ihrem Wert.

Die Verschreibung des Marktes als Ort, der über Besitz und Zugang zu Kunstwerken und archäologischen Funden entscheidet, würde diese Dinge in die Hände einer reichen Minderheit legen und den öffentlichen Zugang zu ihnen vom guten Willen ihrer wohlhabenden Besitzer abhängig machen. Trotz der Tatsache, dass viele ACCP-Mitglieder mit größeren öffentlichen Einrichtungen in Verbindung standen oder noch stehen, steht ihr Vorhaben vollkommen im Gegensatz zur öffentlichen Verbreitung von Kunst und Archäologie. Sie versuchen nicht nur die Gesetze anderer Staaten zu ändern, sondern stellen sich auch gegen die progressivsten Traditionen der amerikanischen Gesellschaft, die ihre öffentlichen Museen immer geschätzt hat.

Eine wissenschaftliche Tradition

Die Entstehung öffentlicher Museen ging einher mit der Entwicklung des wissenschaftlichen Verständnisses der archäologischen Funde und der Gesellschaften, die sie hervorgebracht hatten. Durch öffentliche Gelder finanzierte Museen bedeuteten einen Bruch mit der Tradition privater Schatzsucherei. Ihre Ausstellungen dienten dazu, die Kunstschätze der Vergangenheit auf rationale wissenschaftliche Weise zu präsentieren.

Die Sammlung archäologischer Fundstücke in privaten Händen führt dazu, dass die wissenschaftliche Untersuchung unterbrochen wird, weil das Material zerstreut wird und schwierig zu katalogisieren ist. Vieles bleibt daher den auf diesem Gebiet arbeitenden Gelehrten unbekannt. Öffentliche Museen sind nicht nur ihrer Finanzierung wegen öffentlich und weil sie ihre Ausstellungsräume Besuchern öffnen, sondern auch weil sie Wissen allen zugänglich machen - was seit der revolutionären Entwicklung der Wissenschaften im siebzehnten Jahrhundert als wesentliche Voraussetzung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gilt.

Eine der Auswirkungen der Plünderung des Museums von Bagdad war die Zerstörung des Kartenkatalogs und der Computeraufzeichnungen vom Inventar des Museums. Dies hat es nicht nur erschwert, den Schätzen nachzuspüren, sondern auch die geduldige archäologische Arbeit von Generationen zerstört. Solch einen Katalog zu zerstören bedeutet, symbolisch und praktisch, eine Sammlung zu privatisieren, weil ihr Inhalt vor der Außenwelt verborgen wird.

Während die wichtigsten Objekte international gut bekannt sind, geht die Bedeutung der Sammlung eines Museums weit über diese spektakulären Kunstwerke hinaus. Sie schließt nämlich all die kleinen archäologischen Fundstücke der Ausgrabungen ein, die für sich genommen nicht viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn sie aber im Zusammenhang untersucht werden, entsteht ein Bild einer Gesellschaft, das allein aus ihrer Kunst nicht abzuleiten wäre.

Archäologen verbringen ihre Zeit, indem sie, oftmals im wahrsten Sinne des Wortes, den Schutt der vergangenen Zivilisationen sichten. Sie können Tonnen von Erdreich durchsieben, um Käferflügeldecken oder Samen zu finden. Senkgruben und Abfallhaufen können einen Schatz von Wissen bergen. Was weggeworfen oder abgelegt wird, stellt den Zusammenhang her zu den Überresten der Tempel und Paläste oder Königsgräber.

Petr Charváts jüngstes Buch "Mesopotamia before History" (Vorgeschichtliches Mesopotamien) (1) enthält sorgfältig fotografierte Bilder von Schlammstücken mit Eindrücken von Binsematten. Dies ist nicht die Art von Objekten, die in das Kabinett eines Sammlers Eingang finden, aber sie liefern uns wichtige Informationen über die Handwerkskunst und das Leben im antiken Mesopotamien.

Ein Schlag gegen die internationale Wissenschaft

Das Museum von Bagdad war mehr als ein Ort, an dem Kunstgegenstände ausgestellt werden. Alle Ausgrabungen, die im Irak von internationalen Teams von Archäologen durchgeführt wurden, wurden dort dokumentiert. Das Museum besaß von daher eine Datenbank, deren Wissen Forschern international zugänglich und Schwerpunkt einer breiten kollektiven Anstrengung war. Seine Plünderung und die Zerstörung seiner Dokumentation sind ein Schlag gegen die Wissenschaft weltweit. Dadurch droht ein Rückschlag um mehr als 150 Jahre bis in die Zeit vor der wissenschaftlichen Archäologie in Mesopotamien.

Die ersten Ausgrabungen waren vom modernen Standpunkt aus unwissenschaftlich, denn die Grabenden mussten ihr Handwerk erst durch einen Prozess von Versuch und Irrtum erlernen. Eine der grundlegendsten Lektionen in diesem Lernprozess war, dass der Zusammenhang in der Archäologie alles bedeutet. Ein Fundstück kann seine gesamte Geschichte nur erzählen, wenn sein Zusammenhang bekannt ist.

Unter Zusammenhang ist in der Archäologie die physische Lage des Gegenstands im Erdreich, seine Beziehung zu anderen Gegenständen und zu den Erdschichten um ihn herum zu verstehen. Aus diesen Informationen ist es möglich, auf das relative Alter des Fundes zu schließen und beträchtliche Informationen über seinen praktischen Gebrauch und seine gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen. Aus diesem Zusammenhang herausgerissen, verliert er viel von seinem Sinn. Sogar das wunderbarste Kunstwerk kann besser gewürdigt werden, wenn sein Zusammenhang und die gesellschaftlichen Umstände, unter denen sein Schöpfer arbeitete, verstanden werden.

Im weitesten Sinne bedeutet das Verständnis des Zusammenhangs eines Gegenstandes das Verständnis seiner Beziehung zur gesamten archäologischen Fundstätte, in der er entdeckt wurde, sowie zu anderen Fundstätten um sie herum und zur historischen Landschaft, zu der sie gehört. Oft spielen nationale Stimmungen eine Rolle, um zu rechtfertigen, dass archäologische Funde in dem Land bleiben sollen, aus dem sie stammen. Aber der wichtigere wissenschaftliche Grund dafür ist, dass der Kontext, in dem sie stehen, gewahrt bleibt, wenn sie dem Ort, an dem sie gefunden wurden, nahe bleiben.

Es ist im modernen Irak immer noch möglich, Häuser zu sehen, die mit ähnlichen Methoden gebaut sind, wie sie von den antiken Baumeistern angewandt wurden, und Boote zu entdecken, die wie damals hergestellt wurden. Die volle Bedeutung der mesopotamischen Funde lässt sich nur würdigen, wenn man sie in der Landschaft des modernen Irak sieht - in einem Land, in dem jeder Hügel, der sich aus der Ebene erhebt, aus Schichten von Lehmziegeln errichtet wurde, die alle Generationen seiner Besiedlung repräsentieren.

Der amerikanische Kolonialregent, der pensionierte General Jay Garner, versuchte den emotionalen Eindruck dieser Landschaft für seine eigenen politischen Zwecke zu nutzen, indem er ein großes Treffen in einem Zelt in Sichtweite des 4000 Jahre alten Zikkurats von Ur abhalten ließ, der künstlichen Terrasse des Tempels des Mondgottes Nanna. Aber indem sie die Plünderung des Museums von Bagdad zuließen, haben die US-Besatzer demonstriert, dass sie nichts von der wirklichen Bedeutung des Irak für die Geschichte der Menschheit verstehen.

Als mittelalterliche Kartographen im dreizehnten Jahrhundert die Weltkarte von Hereford zeichneten, die den Planeten darstellen sollte, auf dem sie lebten, zeichneten sie Asien ganz oben ein, weil es für sie der wichtigste Kontinent war. Jerusalem befand sich im Mittelpunkt ihrer Welt, und darum herum lagen Babylon, der Ort der jüdischen Gefangenschaft, der Turm von Babel und Abrahams Heimatstadt Ur.

So tief beeindruckt war das europäische Bewusstsein vom biblischen Weltbild, dass die ersten Ausgräber antiker Stätten in dieser Region nach Beweisen für Erzählungen der Bibel suchten. Sogar im zwanzigsten Jahrhundert benutzte Leonard Woolley anlässlich seiner Ausgrabungen in Warka den biblischen, von den Chaldäern benutzten Namen Ur.

Das Material jedoch, das durch die Ausgrabungen von Woolley und anderen, wie Layard, Botta und Hormuzd Rassam zutage gefördert wurde, erschütterte die biblische Weltsicht. Zu den bedeutenden Entdeckungen gehörte, dass vertraute biblische Geschichten - wie die von Noah und der Flut - ihren Ursprung in Mesopotamien hatten, lange bevor die Bibel geschrieben wurde. Als Tausende von Tontafeln mit Keilschrift entziffert werden konnten, entdeckte man, dass zahlreiche hoch entwickelte Zivilisationen in Mesopotamien existiert hatten, die älter waren, als man es bisher für möglich gehalten hatte.

Wie weit diese Geschichte zurückreicht, wurde erst deutlich, als die Technik der Datierung durch Karbon 14 und andere wissenschaftliche Methoden verfeinert werden konnte. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde entdeckt, dass Sesshaftigkeit und Ackerbau im Nahen Osten bis in die Mitte des 11. Jahrtausends vor der christlichen Zeitrechnung zurückdatiert werden konnten.

Die Wiege der Zivilisation

Die ersten Ackerbaugemeinden tauchten zwar nicht in dem Gebiet des heutigen Irak auf, sondern in den besser bewässerten Hochebenen im Zagrosgebirge, in Anatolien, der Levante und der Deh Luran Ebene. Dennoch war der Irak das Zentrum der zweiten, sich lange hinziehenden revolutionären Phase der Jungsteinzeit, in der mit der Domestizierung von Tieren und dem Getreideanbau begonnen wurde.

Im Irak ging diese Umwälzung mit der Entwicklung der Bewässerung einen bedeutenden Schritt weiter, eine Technik, die die landwirtschaftliche Produktivität enorm voranbrachte. Der Überschuss, der durch die Bewässerung erzielt werden konnte, ermöglichte die Entstehung der ersten Stadtkultur auf der Erde in eben dem Gebiet, das von Truppen der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs in Ödland zurückgebombt wurde.

Um 5800 v. Chr. tauchten kleine Ackerbaugemeinden entlang des Euphrat auf. Innerhalb weniger Jahrhunderte waren sie zu dichten städtischen Siedlungen zusammengewachsen. Jede von ihnen beherbergte einige tausend Einwohner. Das Zentrum bildete ein Tempel, der weitgehend für die Bewässerung, die Lebensmittelzuteilung und den Import von Steinen, Mineralien und Holz aus den benachbarten Gebirgszügen zuständig war.

In etwa zweitausend Jahren entwickelten die mesopotamischen Städte die Kunst der Kupferschmelze, die Legierung von Bronze und, was das Wichtigste ist, die Schrift. Die Schrift war notwendig für die Verwaltung der Städte, die weitgehend von einem künstlichen Ökosystem abhängig waren, das durch die Bewässerung entstanden war und auch die wichtigsten Rohstoffe importieren musste. (2)

Die Schrift ermöglichte eine stürmische intellektuelle Entwicklung. Was als eine Methode zur Buchführung über die Vorräte und die Lieferungen begann, wurde zu einem Medium für Lyrik, Erzählkunst und Geschichtsschreibung. Naturwissenschaften und Mathematik erlebten eine Blütezeit.

Moderne Forschungen haben Beweise entdeckt, dass es Tabellen gab für Multiplikation, die Berechnung des Kehrwerts, für Quadrate und Quadratwurzeln, Kuben und Logarithmen der Basis 2 und 16. Andere Texte zeigen Volumen, Flächen, Linien und quadratische Gleichungen. Die babylonischen Mathematiker berechneten den Wert von ð auf 3,125, was dem tatsächlichen sehr nahe kommt. Die Astronomie war hoch entwickelt, und auch wenn sie sich in Form von Omen und Prophezeiungen ausdrückte, waren ihre Voraussagen von Finsternissen und der Bewegung von Planeten dennoch präzise. (3)

Die soziale und politische Struktur der mesopotamischen Gesellschaft lässt sich nicht direkt aus ihren materiellen Überresten ableiten, und Archäologen sind unterschiedlicher Meinung über ihren Charakter und den Verlauf ihrer Entwicklung; aber Petr Charvát fand heraus, dass in Mesopotamien bis 3000 vor Christus "in allen Bereichen der Gesellschaft das Prinzip der Universalität und der Gleichheit vorherrschend war... der materielle Standard des Lebens wird durch die Verteilung ausgeglichen... die Menschen treffen sich in Versammlungen, um die Angelegenheiten zu diskutieren und zu entscheiden, die von gemeinsamem Interesse sind.... Alle werden im Leben und im Tod gleich behandelt." (4)

In den "Königsgräbern" von Ur gibt es einige Anzeichen, dass es von 3000 v. Chr. an zu einer sozialen Schichtung und zum Entstehen einer politischen Elite oder herrschenden Klasse kam, aber manche Archäologen bestreiten eine solche Charakterisierung dieser Grabstätten.

In dieser Periode entstanden zwei große Zivilisationen: im Süden des heutigen Irak befand sich die sumerische Kultur und im Norden die der Akkadier, die beide ihre Basis in einer Ansammlung von Stadtstaaten hatten, die viele der kulturellen Traditionen der früheren Periode bewahrten. Erst 2334 v. Chr. entstand das erste Königreich unter der Herrschaft des Sargon von Agade, der die beiden Föderationen vereinigte.

Sargons kurze Herrschaft wurde 2112 v. Chr. durch die von Ur Nammu abgelöst. Die Tausenden von Tontafeln, die aus dieser Periode erhalten geblieben sind, bezeugen die sorgfältige Bewirtschaftung der Ressourcen. So konnte sich dieses Reich bis 1990 v. Chr. halten, als es durch das babylonische Reich abgelöst wurde, das seine Blütezeit 1792 v. Chr. unter Hammurabi erlebte.

In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts v. Chr. entstand das assyrische Reich. Die Assyrer beherrschten im neunten Jahrhundert v. Chr. wieder Mesopotamien und die gesamte Region vom Golf bis zum Mittelmeer. 612 v. Chr. wurde das babylonische Reich errichtet. Sein bedeutendster Herrscher Nebukadnezar baute die Hängenden Gärten von Babylon, die doppelten Stadtmauern, den großen Zikkurat und den Prozessionsweg. Er war verantwortlich für die Plünderung von Jerusalem und die Gefangennahme vieler Juden.

Diese Folge von Reichen und das persische Reich, das ihnen nachfolgte, überdauerten durch die ungeheure Produktivität des Bewässerungssystems und durch die komplexe Verwaltungsstruktur. Die ausgefeilten Begriffe, die in diesem Prozess entwickelt worden waren, flossen in das intellektuelle Gebäude späterer Gesellschaften ein. Sogar die Griechen, von denen wir den Namen für das Land zwischen den beiden Strömen übernommen haben, verdankten vieles den mesopotamischen Errungenschaften.

Eines der Ministerien, das in den Tagen der Plünderung systematisch zerstört wurde, ist das Ministerium für Bewässerung. Man kann sagen, dass dies ein Versuch war, den Irak ins finstere Mittelalter zurückzuversetzen, wobei der Irak niemals ein so finsteres Zeitalter erlebte wie Europa. Die Reiche mochten entstehen und untergehen, aber solange das Bewässerungssystem funktionierte, konnte das Zweistromland mehr Lebensmittel produzieren, als es benötigte. Durch den Angriff auf das Bewässerungssystem hat die US-Regierung in wenigen Wochen mehr Schaden angerichtet, als alle früheren Eroberer dies jemals taten.

Die kulturelle Bedeutung des Irak endete nicht mit dem persischen Reich. Während des finsteren europäischen Mittelalters blieb er ein Hort des Wissens, in dem die Kalifen von Bagdad die klassischen Texte bewahrten, die im Westen verloren gingen. Die islamische Gelehrsamkeit erwies sich als lebenswichtig für die Wiederbelebung der aristotelischen Philosophie im Europa des dreizehnten Jahrhunderts und in der Renaissance.

Das volle Ausmaß der Verluste in dieser Hinsicht wird erst sichtbar, wenn genau festgestellt werden kann, was alles durch die Zerstörung der Nationalbibliothek vernichtet wurde. Diese Bilanz ist noch zu ziehen. Aber jetzt ist schon klar, dass ein großes Verbrechen nicht nur gegen das irakische Volk begangen wurde, sondern gegen die gesamte Menschheit, denn die Geschichte der Menschheit wurde angegriffen. Aus diesem Grund kennzeichnet die Plünderung von Bagdad einen markanten Punkt auf dem Weg der Bush-Regierung, die ganze Welt in eine neue Barbarei zu stürzen, die über alles hinausgeht, was die Geschichte früher in dieser Hinsicht hervorgebracht hat.

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Anmerkungen:

1. Petr Charvát: Mesopotamia before History, Routledge, 2002

2. Brian M Fagan: People of the Earth, Prentice Hall, 2001

3. Michel Roaf; Cultural Atlas of Mesopotamia, Eqinox books, 1990

4. Mesopotamia before History, S. 158f

Siehe auch:
Die Vergewaltigung des Irak
(15. Mai 2003)
Die Plünderung der irakischen Museen: Die USA führen Krieg gegen Kultur und Geschichte
( 22. April 2003)
Wie und warum die Vereinigten Staaten Plünderungen im Irak förderten
( 18. April 2003)