Die Traditionspflege der Bundeswehr

Über Gebirgsjäger, ihre Opfer und die Bundesregierung

Von Marius Heuser
26. Juni 2003

Wie in jedem Jahr trafen sich auch am vergangenen Pfingstwochenende Anfang Juni Veteranen der Gebirgsjägerdivisionen im bayrischen Mittenwald. Gemeinsam mit jungen Soldaten und Offizieren der Bundeswehr gedachten die Veteranen der Wehrmacht ihrer gefallenen Kameraden.

Organisiert wurde diese Veranstaltung nunmehr zum fünfzigsten Mal von dem "Kameradenkreis der Gebirgstruppe", dem rund 8000 ehemalige und aktive Soldaten angehören. Beim letztjährigen Treffen kam es zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, weil einige ehemalige Wehrmachtsoldaten stolz ihre Hakenkreuzorden trugen. Die Verfahren wurden allerdings "wegen geringer Schuld" schnell wieder eingestellt.

Sowohl das Verteidigungsministerium, als auch die Bundeswehr unterstützen dieses Treffen. So werden die Teilnehmer nach wie vor von bundeswehreigenen Militärbussen zu der Veranstaltung gefahren. In den letzten Jahren sorgte die Armee zudem noch für Musik und zahlreiche prominente Redner, wie Bundeswehrgeneral Dr. Klaus Reinhardt, den Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte Europa-Mitte, der im Jahr 2000 die Festrede auf dem Kameradentreffen am Ehrenmahl in Mittenwald hielt.

General Reinhardt, der während des Irakkriegs in vielen Talkshows und Interviews zu sehen war und als gebildeter, zurückhaltender Militärstratege auftritt, ist dem Kameradenkreis der "Truppe unterm Edelweiß" seit langem eng verbunden. Denn bei den Gebirgsjägern in Mittenwald begann er 1960 seine Offizierslaufbahn. Sein Vater Fritz Reinhardt war schon fünf Jahre vor der Machtübernahme der Nazis - von 1928 bis 1930 - NSDAP-Gauleiter von Oberbayern und leitete anschließend eine Nazi-Rednerschule, bevor er Staatssekretär im Reichsfinanzministerium wurde. (Siehe: Die Blutspur der Gebirgsjäger reicht bis zu den Auslandseinsätzen, von Urich Sander)

Im vergangenen Jahr machte ein Arbeitskreis "Angreifbare Traditionspflege" gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) auf die grauenhaften Verbrechen aufmerksam, die gerade von den Gebirgsjägern, einer Eliteeinheit der Wehrmacht, begangen worden waren. In diesem Jahr organisierte der Arbeitskreis eine Gegenveranstaltung, die viel Beachtung fand. Militärhistoriker listeten die mittlerweile nachgewiesenen Gräueltaten auf:

"Zu nennen sind u. a. Kephallonia (6.000 ermordete Kriegsgefangene), Kommeno (317 Frauen, Männer und Kinder), Lyngiades (80 Menschen), Skines (146 Männer und 2 Frauen), Camerino (98 Zivilistinnen) und viele mehr". Insgesamt gehen mindestens 50 solcher Massaker auf das Konto der Gebirgsjäger. Nicht ein einziger Gebirgsjäger wurde von der deutschen Justiz bisher zur Rechenschaft gezogen.

Zum ersten Mal kamen in Mittenwald auch einige der Überlebenden und Opfer zu Wort. So hatten die Veranstalter Christina Dimou eingeladen, die vor sechzig Jahren eines der schlimmsten Verbrechen der Gebirgsjäger schwer verletzt überlebte.

Am 16. August 1943 marschierte das Gebirgsjäger-Regiment 98 im Rahmen der so genannten "Bandenbekämpfung" in das griechische Dorf Kommeno ein, erschoss ohne Vorwarnung den Priester, metzelte eine komplette Hochzeitsgesellschaft nieder, warf Handgranaten in die Häuser, die Soldaten massakrierten alles was sich bewegte und brannten das Dorf nieder.

Mit zitternder Stimme schilderte Kristina Dimou was damals geschah: "Ich bin zu meiner Mutter gegangen, da kam ein Soldat mit einem Maschinengewehr. Er hat auf uns gezielt. Meine Mutter hat er erschossen, er hat sie ins Ohr geschossen und die Kugel durchbohrte den Kopf. Ich bekam eine Salve in den Rücken und wurde schwer verletzt. Dann bin ich in Ohnmacht gefallen. Meine Brüder haben sich in einem Maisfeld versteckt, doch die deutschen Soldaten haben nach ihnen gesucht, haben sie gefunden und dann erschossen. Zwei von meinen Brüdern und fünf Cousins haben sie umgebracht."

Ein anderer Überlebender, der auf der Veranstaltung sprach war der 93-jährige ehemalige Offizier der italienischen Armee, Amos Pampaloni.

Nachdem Mussolini in Italien im Juli 1943 gestürzt worden war, hatten sich die italienischen Soldaten, die zuvor zusammen mit den Deutschen in Griechenland gekämpft hatten, den griechischen Partisanen angeschlossen. Die Wehrmacht nahm grausam Rache. Am 13. September 1943 erschoss die 1.Gebirgsjägerdivision auf der griechischen Insel Kephalonia 4000 italienische Kriegsgefangene, die sich schon lange ergeben hatten.

Armos Pampalonie hatte den Genickschuss eines deutschen Gebirgsjägers wie durch ein Wunder überlebt. Am diesjährigen Pfingstwochenende stand er seinen Peinigern erneut gegenüber und musste mit ansehen, wie diese von der deutschen Armee gesponsert, mit jungen Soldaten zusammengeführt werden, um ihrer Taten zu gedenken. Er berichtet:

"Der deutsche Hauptmann ist einen Schritt zurückgetreten und hat mich ins Genick geschossen, ich habe einen Halsschuss bekommen. Aber weder die Halsschlagader noch mein Rückgrad wurden so verletzt, dass ich starb, sondern ich wurde von dem Schuss zu Boden geworfen. Ich wusste nicht mehr ob ich lebendig oder tot war. Die Deutschen hatten Maschinengewehre und haben meine beiden Offiziere und meine 80 Soldaten allesamt hingerichtet. Die deutschen Soldaten sind dann singend abgezogen."

Viele der Mörder von Kephallonia und anderer Massaker machten nach Kriegsende in der Bundesrepublik Karriere - in Bundeswehr, Polizei oder Politik. General Hubert Lanz, der das Oberkommando in Kephallonia innehatte, wurde wehrpolitischer Berater der FDP. Der Kommandant des Gebirgsjäger-Regiments, das Kommeno auslöschte, Reinhold Klebe, wurde nach dem Krieg Stabsoffizier der Bundeswehr.

Vor einem halben Jahr ging das Magazin Monitor in einem Beitrag auf die Verbrechen der Gebirgsjäger während der Nazizeit ein und interviewte den damals 90-jährigen Gebirgsjäger-Kommandeur Alois Eisl. Selbstbewusst erklärte Eisl damals vor laufender Kamera: "Ich muss feststellen, dass die Gebirgsdivision niemals einen Zivilisten erschossen hat."

Monitor recherchierte und bewies das Gegenteil. Alois Eisl war im Herbst 1943 Bataillonskommandeur und leitete eine Gebirgsjäger-Kampfgruppe in der im Nord-Westen Griechenlands gelegenen Region Epirus. Die wehrlose und am Krieg unbeteiligte Zivilbevölkerung wurde von Eisls Gebirgsjägern auf brutale Art bekämpft

Persönlich berichtet Eisl damals seiner Division: "Flüchtende Zivilpersonen, welche versuchten, in das Archostal zu kommen, wurden mit beiden Geschützen in direktem Beschuss bekämpft. Verluste konnten beobachtet werden."

Praktisch völlig ausradiert von deutschen Gebirgsjägern wurde das griechische Dorf Akmotopos. Nachdem Alois Eisl mit seinen Männern hier war, berichtete die 1. Gebirgsjäger-Division dem Generalkommando am 4. Oktober 1943: "Gruppe Eisl zerstörte Akmotopos als Sühnemaßnahme völlig. Sämtliche Zivilisten wurden erschossen."

Ein Ermittlungsverfahren gegen Alois Eisl wurde aus "Mangel an Beweisen" von der Münchner Staatsanwaltschaft wieder eingestellt. Dagegen hat die Dortmunder Staatsanwaltschaft in den Fällen Kommeno und Kephalonia die Ermittlungen wieder aufgenommen, nachdem sie vor über 30 Jahren eingestellt worden waren. Ein Prozess könnte einige Gäste der Gebirgsjägerfeier ins Gefängnis bringen, scheint aber gerade deshalb eher unwahrscheinlich zu sein.

Auf einen weiteren Zusammenhang verwies in Mittenwald Argyris Sfountouris. Er überlebte den Überfall der 2. Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments 7 auf das griechische Bergdorf Distomo im Juni 1944. Die Soldaten schlachteten dort zunächst 228 Männer, Kinder und Frauen kaltblütig ab und brannten anschließend das gesamte Dorf nieder. Diese Gräueltaten wurden zwar nicht von den Gebirgsjägern begangen, zeigen aber in einer anderen Hinsicht, wie Bundeswehr und Bundesregierung heute mit der deutschen Geschichte umgehen.

Die Hinterbliebenen von Distomo fordern schon seit Jahren Entschädigungszahlungen von der BRD. Im Jahr 2000 fällte ein Gericht der mittelgriechischen Stadt Liwadeia diesbezüglich ein Urteil, das Deutschland zu Zahlungen in Höhe von damals 56 Millionen DM verpflichtete. Am 12. Juni diesen Jahres begann nach langen Verzögerungen schließlich ein entsprechender Prozess am Bundesgerichtshof. Die Regierung lehnt jedwede Zahlung an die Hinterbliebenen mit formalen Argumenten ab. Man habe ohnehin schon Pauschalzahlungen an Griechenland geleistet. Weiter verwies sie auf die Staatenimmunität, die besagt, dass nur Staaten gegen Staaten, nicht aber Privatpersonen gegen Staaten klagen können.

Das ist die Art und Weise, wie die Bundesregierung mit den Opfern der Wehrmacht und des Naziterrors umgeht. Anstatt die Opfer zu entschädigen, unterstützt sie die Traditionspflege der Täter.

Sie unterscheidet sich dabei nicht vom bayerischen Ministerpräsident Edmund Stoiber, der nicht nur langjähriges Mitglied im Kameradenkreis, sondern auch Schirmherr und Verfasser von Reden für das Kriegsveteranentreffen ist. Bei einem der letzten Treffen stellte er grundsätzlich klar: "Als bayerischer Ministerpräsident, der seinen Grundwehrdienst bei den Gebirgsjägern abgeleistet hat, bin ich natürlich besonders stolz auf diese spezifisch bayerische Truppe und ihre Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart."

Auch heute stehen die Gebirgsjäger wieder an vorderster Front, wenn es darum geht, deutsche Interessen im Ausland zu verteidigen. Sie kämpften in Somalia, in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien. Zurzeit sind 250 von ihnen in Kabul stationiert.