Die World Socialist Web Site unterhielt während des zweiten Europäischen Sozialforums einen politischen Stand im Parc de la Villette in Paris. Hier wurden Bücher Leo Trotzkis und anderer marxistischer Autoren, Dokumente des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, sowie zahlreiche WSWS -Artikel in mehreren Sprachen präsentiert.
Das Publikum am Stand war außerordentlich heterogen: Viele kannten die WSWS und äußerten sich anerkennend über die Qualität ihrer Artikel. Während einige, vor allem ältere Gewerkschafter und ergraute Aktivisten der Protestbewegung, das "Sektierertum" des Internationalen Komitees kritisierten, und ein unverbesserlicher Fanatiker sogar Stalin verteidigte, zeigten sich viele jungen Teilnehmer wissbegierig und enthusiastisch, wenn auch politisch unerfahren.
So kamen Jugendliche aus allen Teilen Europas - aus Schweden, Dänemark, Irland, England, Kasachstan, Polen, Deutschland, Holland, Belgien, Österreich, der Schweiz, Italien, Spanien und Portugal - zum Stand und informierten sich über die WSWS. Die meisten von ihnen hatten sich im Frühjahr an den Demonstrationen gegen den Irakkrieg beteiligt und möchten dazu beitragen, die soziale Unterdrückung und Kriegsgefahr zu beenden. Sie haben jedoch keine klare Vorstellung, wie das zu bewerkstelligen ist.
Kaum einer von ihnen wusste, dass das Sozialforum vom sozialistischen Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, und sogar vom gaullistischen Staatspräsidenten Jacques Chirac gesponsert wurde. Über die etablierten linken Parteien - Sozialdemokraten, Kommunisten und Grüne - äußerten sie sich meist ablehnend.
Eibhlin, Kate-Marie und Christine aus Irland, drei Studentinnen, zeigten sich zuversichtlich, dass die kapitalistische Gesellschaft überwunden werden könne.
Kate-Marie, die Spanisch und Irisch studiert, sagte: "Die Bewegung hat sich sehr verändert und wächst jetzt stärker als je zuvor. Jetzt ist es an der Zeit, dass man den Kapitalismus tatsächlich besiegen kann. Das ist jetzt eine reale Möglichkeit.... Man braucht jetzt keine Angst mehr zu haben. Man kann jetzt wirklich aufstehen und gegen das System kämpfen, das so ungerecht ist und auf der ganzen Welt so viele Opfer fordert."
Christine, die Soziologie und Sozialpolitik studiert, berichtete über die soziale Lage in Irland: "Für viele Arme und Asylsuchende sind die Bedingungen sehr schlecht. Viele Menschen sind gezwungen, von Sozialhilfe zu leben, und auch für die Rentner ist es schlimm. Es ist lächerlich, man erwartet, dass sie von 156 Euro in der Woche leben, obwohl sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Das ist unmöglich, davon kann kein Mensch leben."

Eibhlin, die Archäologie, Spanisch und Irisch studiert und später in Lateinamerika für ein Umweltprojekt arbeiten möchte, ergänzte: "Irland verändert sich - es ist wichtig, dass wir zurückgehen und zu so vielen Menschen wie möglich sprechen. Die Regierung in Irland ist die rechteste Regierung, die wir je hatten. Und das Problem ist, dass es keine Alternative zu dieser Regierung gibt. Die anderen Oppositionsparteien sind genau so schlecht und genau so rechts. Sie wollen alles privatisieren. Es kommt schon zu riesigen Protesten dagegen."
Drei Jugendliche aus der Schweiz - Remo und Hans-Ueli vom Bodensee und Leo aus der Region Zürich - erklärten, sie hätten schon oft an Demonstrationen teilgenommen, nicht nur gegen den Irak-Krieg, und seien hergekommen, um von den Erfahrungen anderer zu lernen. Zwei von ihnen haben ihre Lehre abgeschlossen und bereiten sich auf ein Studium vor, der dritte steht kurz vor dem Schulabschluss.
Remo berichtete: "Als wir vom ersten Europäischen Sozialforum in Florenz erfahren haben, dachten wir, es lohne sich sicher, hinzugehen."
Leo sagte: "Ich komme aus dem globalisierungskritischen Umfeld, und hier gibt es viele Leute, die so denken wie ich. Ich denke, dass das kapitalistische System gebrochen werden muss, aber auch die unmittelbaren Auswirkungen der Globalisierung muss man bekämpfen."
"In der Schweiz", erklärte Remo, "haben wir selbst nicht so viele krasse Erfahrungen gemacht wie andere. Denn - das muss man ganz klar sehen - wir sind in der Schweiz, was den durchschnittlichen Wohlstand und die Produkte, die man kaufen kann, angeht, die Profiteure der Globalisierung. Das ist total ungerecht. Aber auch bei uns wird der öffentliche Dienst stark abgebaut und es wird an der Bildung gespart, und das spürt jeder."

Die drei wollen eine Jugendorganisation in der Region aufbauen, um gemeinsame Aktionen zu organisieren und Lesungen zu veranstalten. Aber: "... das muss auf einer anti-kapitalistischen Basis sein, das ist klar."
Joe Flynn, ein arbeitsloser Bauarbeiter, stammt aus Dublin und lebt jetzt in Marseille, wo er sich der Arbeitslosensektion der Gewerkschaft CGT angeschlossen hat. Er kennt die WSWS seit längerer Zeit kennt und liest sie täglich.
Joe erklärte: "In Marseille ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, es sind faktisch vielleicht zwanzig Prozent, die ohne Arbeit sind. Am schlimmsten betrifft es die Einwanderer, unter ihnen ist die Arbeitslosenrate noch viel höher, und besonders die jungen Männer aus der zweiten Einwanderergeneration der Araber und Afrikaner sind betroffen.
Ich lese die WSWS täglich und lade mir Artikel herunter. Meiner Meinung nach ist das wahrscheinlich die beste marxistische Site und unabhängige Analyse auf dem Netz. Besonders mag ich die Film- und Musikbesprechungen. Diesen Aspekt eurer Website schätze ich besonders, denn der kulturelle Teil ist sehr wichtig. Der Kulturredaktor David Walsh ist einer meiner Lieblingsautoren. Auch als politischer Autor ist er hervorragend. Gerade habe ich ein Exemplar seiner Analyse der französischen Streikbewegung von 1995 gekauft; ich kannte sie bisher noch nicht.
Zur Zeit der Präsidentschaftswahlen war ich sehr enttäuscht über die sogenannte trotzkistische Linke. Sie waren völlig unentschlossen. Sie sagten: Wir müssen Chirac unterstützen, wir müssen Le Pen bekämpfen'. Es gab so viel Verwirrung, besonders die LCR rief zur Wahl von Chirac auf und versuchte gleichzeitig, sich alle Optionen offen zu halten. Lutte Ouvrière steckte einfach den Kopf in den Sand, und dasselbe tat auch die Parti des Travailleurs.
Ihr wart die einzigen, die klar zum Boykott aufriefen. Es gab sonst nur noch eine einzige Organisation in Rouen, die das tat. Ich habe viel Respekt davor, denn die Leute hören so was nicht gerne. Die Stimmung in der Gesellschaft ging dahin, dass man Le Pen um jeden Preis verhindern musste. Aber jetzt wachen die Menschen auf und realisieren, in welchen Problemen sie stecken. Sie merken, dass das damals richtig war, und jeder, der gegen den Strom schwamm und zum Boykott aufrief, kann jetzt die Früchte ernten, was Respekt und Glaubwürdigkeit angeht. Chiracs und Raffarins Sieg dauerte ja auch nicht lange, nur für ein paar Flitterwochen. Schnell hat sich das Blatt gegen sie gewendet."
Auf die Frage, was er über die auf dem Forum anwesenden Sprecher der sozialdemokratischen, stalinistischen und Gewerkschaftsbürokratie denke, sagte Joe, diese sprächen zwar sehr radikal, aber sobald sie tatsächlich am Drücker wären, würden sie jeden Kampf ausverkaufen. Er erzählte:
"Ich war an jeder Demonstration in Marseille, besonders an jener großen im Vélodrome-Stadion, als 200.000 Menschen den Generalstreik forderten. Der CGT-Vorsitzende Thibault sagte: Hört nicht auf die Linksextremisten, sie führen euch in die Irre. Der Generalstreik ist keine Lösung.' Der FO-Vorsitzende Blondel sagte: Nun, ich bin auch für einen Generalstreik, aber alle andern Gewerkschaften sind dagegen, also sind meine Hände gebunden.' Hätte die Menge sie in die Finger bekommen, dann hätten sie sie gelyncht. Es war ein schrecklicher Verrat. Die Leute waren so wütend. Heute zahlen wir den Preis dafür. Ich glaube, wir hätten die Regierung damals besiegen können.
Es ist überall dasselbe. Die Gewerkschaftsbürokraten, die Sozialdemokraten und die Stalinisten arbeiten Hand in Hand, um den Deckel drauf zu halten. Aber die Bewegungen wird ihnen ins Gesicht explodieren. Vielleicht müssen die Leute durch diese Erfahrung gehen, um zu sehen, wie schlecht wir vorbereitet sind. Es ist wie bei einem Handwerker, der mit stumpfem Werkzeug zur Arbeit geht. Er merkt es nicht, bis er versucht, seine Arbeit zu machen; wie ein Zimmermann, der feststellt, dass sein Werkzeug stumpf und zerbrochen ist. Dann schmeißt er es weg und besorgt sich ein neues.
Die Menschen werden sagen: Diese Leute sind inkompetent, sie verkaufen uns aus, schließen Deals hinter unserm Rücken ab. Wir können ihnen nicht mehr trauen. Wir müssen die Bewegung selbst neu aufbauen. Das ist die Schlussfolgerung, die viele Leute, die ich kenne, jetzt ziehen."
