Terroranschläge erschüttern Istanbul

Von Justus Leicht und Peter Schwarz
21. November 2003

Die türkische Millionenstadt Istanbul wurde gestern Donnerstag früh zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage von schweren Bombenanschlägen erschüttert. Vor dem britischen Konsulat im Stadtteil Beyoglu und der Filiale der britisch-asiatischen Großbank HSBC im Stadtteil Levent gingen Sprengkörper los, die nach ersten Angaben mindestens 26 Tote und über 450 Verletzte forderten. Die Zahl der Opfer kann aber noch erheblich steigen. Getötet wurde auch Roger Short, der britische Generalkonsul in Istanbul.

Augenzeugen sprachen von einem Blutbad. Ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts, das nur 100 Meter vom britischen Konsulat entfernt liegt, berichtete Spiegel-Online von "blutüberströmten Menschen" in den Straßen. Ein Kleinlaster sei in das britische Konsulat hinein gefahren, worauf sich eine "gewaltige Explosion" ereignet habe. Der Anschlag gegen die HSBC-Bank traf auch ein nahegelegenes Einkaufszentrum, in dem sich Tausende unbeteiligte Menschen aufhielten - Einheimische und Touristen.

Zwei ähnlich brutale Anschläge waren am Samstag Vormittag gegen die Synagogen Beth Israel und Neve Schalom verübt worden. Letztere ist die größte Synagoge Istanbuls. Sie liegt in einer belebten Straße und war am Sabbat, dem jüdischen Feiertag, mit Gläubigen gefüllt. Die beiden Anschläge forderten 24 Tote - betende Juden, aber mehrheitlich Moslems, die in nahegelegenen Moscheen als Sicherheitsleute oder in umliegenden Geschäften arbeiteten - und über 300 Verletzte.

Die türkischen Behörden und Vertreter der israelischen, britischen und amerikanischen Regierung machten sofort Al Qaida für beide Anschlagserien verantwortlich. Am Donnerstag bezichtigte der britische Außenminister Jack Straw Al Qaida schon der Tat, bevor sich der Staub über den Explosionen gelegt hatte.

Bei der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu ging dann später ein anonymer Anruf ein, in dem sich Al Qaida und die türkische Islamistengruppe IBDA-C (Front der Krieger des Islamischen Großen Ostens) gemeinsam zu der Tat bekannten. Die Anschläge vom Donnerstag seien eine "gemeinsame Aktion" der beiden Gruppen gewesen.

Auch für die Anschläge auf die beiden Synagogen hatte zunächst die Gruppe IBDA-C die Verantwortung übernommen. Später ging eine E-Mail bei einer arabischen Zeitung ein, in der sich eine der Al Qaida zugehörige Gruppe namens "Brigaden des Märtyrers Abu Hafs el Masri" zu den Anschlägen bekannt haben soll.

Die türkischen Behörden wollen inzwischen die beiden Selbstmordattentäter vom Samstag mittels einer Genanalyse eindeutig identifiziert haben. Es soll sich um zwei türkische Männer aus der osttürkischen Stadt Bingöl mit Verbindungen zu radikalen islamistischen Gruppen handeln. Einer von ihnen, behauptete der Privatsender NTV, sei sechs Mal in den Iran gereist, um dort als Bombenexperte ausgebildet zu werden.

Die bisherigen Angaben sind allerdings voller Widersprüche. So tat der türkische Innenminister Abdulkadir Aksu die Selbstbezichtigung der IBDA-C als nicht glaubwürdig ab. Keine türkische Organisation sei in der Lage, ein Attentat dieser Größenordnung durchzuführen. Dies wirft allerdings die Frage auf, wie es völlig Fremden ohne Hilfe möglich gewesen sein soll, große Mengen Sprengstoff erst in die Türkei zu schmuggeln, sie dann an zwei auseinander liegenden Orten zu platzieren und zeitgleich zu zünden. An den beiden Synagogen waren jeweils 400 kg Sprengstoff explodiert.

Einige Sicherheitsexperten äußerten auch Zweifel an einer Beteiligung Al Qaidas. Die Turkish Daily News zitierte den israelischen Antiterrorexperten Boaz Ganor mit den Worten: "Gegenwärtig gibt es keine Hinweise auf eine Verwicklung der Al Qaida." Und Mustafa Alani vom "London's Royal United Services Institute" sagte Reuters: "Es gibt keine Tradition von Operationen der Al Qaida in der Türkei. Ich denke, die Aktivitäten der Al Qaida konzentrieren sich auf zwei Staaten - Saudi-Arabien und Irak."

Es ist also noch völlig unklar, wer wirklich hinter der Anschlagsserie von Istanbul steckt. Offensichtlich ist dagegen, dass sie der amerikanischen und britischen Regierung sowie Teilen des türkischen Militärs wie gerufen kam.

Angesichts des wachsenden Widerstands gegen die Besetzung des Irak nutzten der britische Premier Tony Blair und US-Präsident George Bush das Blutbad von Istanbul, um ihren eigenen Terror gegen die irakische Bevölkerung zu rechtfertigen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in London, die nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf das britische Konsulat stattfand, gelobte Bush, "den Job zu beenden, den wir begonnen haben". Und Blair erklärte: "Ich kann Ihnen eines versichern: Wenn heute so etwas geschieht, werden wir nicht kneifen, nachgeben oder auch nur einen Zentimeter zurückweichen. Wir bleiben absolut fest, bis dieser Job erledigt ist, bis er im Irak und überall sonst auf der Welt erledigt ist."

Die drohende Destabilisierung der Türkei dient der amerikanischen Regierung gleichzeitig als Mittel, jene Verbündeten in Europa verstärkt unter Druck zu setzen, die - wie Frankreich und Deutschland - erhebliche Vorbehalte gegen das amerikanische Vorgehen im Nahen Osten haben.

Auch die Hinweise auf angebliche Verbindungen der Attentäter zum Iran sind ein Warnsignal. Seit Teheran in der Frage der Kontrolle seiner Atomkraftwerke erhebliche Zugeständnisse gemacht hat, sucht Washington verzweifelt nach neuen Vorwänden für einen Krieg. Eine angebliche Verwicklung des Iran in Terroranschläge in der Türkei wäre dazu bestens geeignet.

Die türkischen Militärs nutzen die Terrorwelle, um ihren schwindenden Einfluss auf die Regierung zurückzuerobern. Unmittelbar nach dem Anschlag tauchten auf den Straßen Istanbuls Soldaten auf, sperrten eine Autobahn und standen neben Polizisten Wache. Ein Dutzend Soldaten mit Helmen, Tarnuniform und Sturmgewehr im Anschlag wurden beim HSBC-Gebäude gesichtet.

Die Militärs betrachten die Regierung der gemäßigt islamistischen AKP mit Misstrauen, seit sie vor einem Jahr mit einem Erdrutschsieg bei den Parlamentswahlen an die Macht kam. Wiederholt gab es seither Putschgerüchte. Vor allem über den Irakkrieg ist es zu erheblichen Spannungen zwischen den Militärs und der Regierung gekommen. Während die Militärs auf eine türkische Beteiligung am Krieg drängten, verweigerte die AKP-Mehrheit im Parlament den USA das Recht, von türkischem Boden aus eine zweite Front aufzubauen. Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Wolfowitz ermutigte die türkischen Militärs später anlässlich eines Besuchs in Ankara, gegenüber der gewählte Regierung eine "stärkere Führungsrolle" zu übernehmen.

Die IBDA-C, die sich angeblich zu dem Anschlag bekannte, spielt in diesem Zusammenhang eine äußerst dubiose Rolle. Die Ursprünge der Gruppe gehen bis auf die 70er Jahre zurück. Neben Islamisten nahm sie auch ehemalige Maoisten auf und zeichnete sich durch einen extremen Antisemitismus und Feindschaft gegen Christen aus. Bezeichnenderweise zeigte sie aber in ihren Publikationen keinerlei Sympathien für den Irak.

Vor allem in den 90er Jahren machte sie dann durch Bombenanschläge von sich reden. Allein im Jahr 1994 soll sie 90 Anschläge verübt haben. Diese richteten sich gegen kritische Intellektuelle und religiöse Minderheiten, jedoch selten gegen Vertreter von Polizei und Armee oder westliche Ziele. Unter anderem bekannte sich die IBDA-C 1993 zum Mord an Ugur Mumcu, einem bekannten Reporter, der über die PKK, den Aufstieg des islamischen Radikalismus und Drogenringe geschrieben hatte, und 1994 zum Mord am bekannten Filmkritiker und Schriftsteller Onat Kutlar. Auch prominente Mitglieder der jüdischen Gemeinde gehörten zu ihren Zielen.

Vieles deutet darauf hin, dass die IBDA-C von Provokateuren aus dem Sicherheitsapparat gesteuert wird. Nach dem Militärputsch von 1980 hatten die Generäle die sogenannte "Türkisch-Islamische Synthese" gefördert, ein ideologisches Amalgam aus Islam und rechtem Nationalismus, der Fundamentalisten und Nationalisten einbinden und sozialrevolutionären Tendenzen und kurdischem Nationalismus entgegenwirken sollte. In diesem politischen Klima konnten die islamischen Organisationen wachsen und gedeihen.

Parlamentarische Untersuchungen ergaben Hinweise auf enge Zusammenarbeit der islamistischen Hizbullah mit Sondereinsatzkräften der Polizei. Die IBDA-C hatte in den 90er Jahren einige Anschläge auf Bars und Nachtclubs durchgeführt. Als sich 1994 abzuzeichnen begann, dass sich der politische Islam zu einer potenziell den Staat bedrohenden Kraft auszuwachsen drohte, gingen die Sicherheitskräfte zunehmend härter gegen die islamischen Organisationen vor. Nach der faktischen Kapitulation der PKK 1999 wurden sie weitgehend zerschlagen, ihre Führer verhaftet oder getötet. Seitdem ist es zu keinen Anschlägen mehr gekommen, zu denen sie sich bekannt hätten.

Angesichts dieser Tatsachen scheint es äußerst unwahrscheinlich, dass die IBDA-C in der Lage war, die aufwändigen logistischen Vorbereitungen für die beiden Anschlagsserien in Istanbul aus eigenen Kräften zu leisten. Selbst wenn tatsächlich Mitglieder dieser Organisation für die Anschläge verantwortlich sein sollten, bleiben die Drahtzieher nach wie vor im Hintergrund.

Eindeutig sind dagegen die Nutznießer der Anschläge. Nahezu alle Kommentare in den türkischen Medien waren sich einig, dass das Ergebnis der Anschläge eine noch engere Zusammenarbeit der Türkei mit den USA und Israel sein wird, zu dem es als einziges Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung enge diplomatische und militärische Beziehungen unterhält.

Typisch ist ein Kommentar in der Zeitung Turkiye, in dem es heißt: "Folgende Botschaft sollte an die Türkei und die Welt übermittelt werden: ‚Wenn ihr weiterhin mit den USA zusammenarbeite, werden Euch solche Unglück zustoßen. Ihr solltet Euch klar gegen Israel stellen und kein Interesse am Irak haben’. Sollte dies wirklich die Botschaft sein, wird sie in der Türkei gerade die entgegengesetzte Wirkung haben. Da wir dem Terrorismus keine Zugeständnisse machen können, werden wir unsere Politik umso enger mit Washington kurzschließen. Außerdem wird dieser antisemitische Angriff - der für die Türkei ungewohnt und fremd ist - zu einer noch engeren Beziehung zu Israel führen."

Ähnlich kommentiert die Zeitung Hurriyet : "Dieser terroristische Akt mag als Warnung an die Türkei gemeint sein, nicht gemeinsame Sache mit den USA zu machen. Diese Anschläge könnten aber auch die gegenteilige Wirkung haben, da sie die Türkei verstärkt auf eine Linie mit den USA und Israel bringen werden. Die Türkei wird sich im selben Boot wie die USA sehen, die den Terrorismus als wichtigste Bedrohung betrachten."

Die Anschlagsserie in Istanbul ist eine reaktionäre Provokation. Über die Drahtzieher lassen sich zur Zeit nur Vermutungen anstellen. Doch selbst wenn der türkische Sicherheitsapparat oder westliche Geheimdienste nicht darin verwickelt sein sollten, tragen letztlich die Politik der USA, Israels, Großbritanniens und der anderen europäischen Regierungen die Verantwortung für diese Katastrophe.

Die militärische Eroberung und Unterjochung des Irak schürt, ebenso wie die israelische Unterdrückung der Palästinenser, überall ethnische Spannungen und gibt reaktionären Kräften auftrieb. Was die Bush- und Sharon-Regierung zynisch als "Kampf gegen den Terror" bezeichnen, hat zur Ausweitung von Terroranschlägen auf die gesamte Region geführt.

Das trifft nicht zuletzt Menschen jüdischen Glaubens. Die Türkei galt bisher, trotz der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, nie als antisemitisches Land. Seit Sultan Beyazit II. 1492 mehr als 100.000 Juden aufnahm, die vor der Verfolgung durch die spanische Inquisition flohen, konnten sie dort unbehelligt leben. Auch Juden, die vor den Pogromen in Osteuropa und vor der Verfolgung durch die Nazis flohen, fanden in der Türkei Aufnahme. Nun hat sie der Irakkrieg in Angst und Unsicherheit gestürzt.

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