Leserbrief zu "Bildungsstandards und deutsches Schulsystem"

6. Februar 2004

Als Grundschullehrerin in Großbritannien möchte ich Dietmar Henning zu seinem ausgezeichneten Artikel über die Entwicklung im deutschen Schulwesen und besonders zu seinen treffenden Bemerkungen über die jüngsten Veränderungen im englischen Schulwesen gratulieren.

Die Auswirkungen der Veröffentlichung nationaler Bildungsstandards und Leistungstests sind verheerend - wie der Artikel sehr richtig erklärt. Neben der Polarisierung von armen Kindern und Kindern aus der Mittelschicht, einer schlechteren Ausstattung von Schulen mit unterdurchschnittlichem Testergebnis, massivem Stress und Druck auf Kinder und Lehrer im Zusammenhang mit den Anforderungen des Nationalen Lehrplans und der Lesen-und-Rechnen-Strategie - führt diese Entwicklung zu einer Wiedereinführung von unterschiedlichen Leistungsklassen in Schulen.

Von den Lehrern wird erwartet, dass sie die Kinder während der Lese- und Rechen-Stunde je nach ihrer Begabung an unterschiedliche Tische setzen. Während meiner Referendarszeit wurde ich kritisiert, weil ich Kinder in gemischten Leistungsgruppen unterrichtete. Die Kinder hatten bei der Arbeit unterschiedliches Material zur Verfügung, das diejenigen unterstützte, die es nötig hatten. In einer anderen Schule, in die ich geschickt wurde, waren die Kinder schon im Alter von sechs Jahren je nach ihrer "Begabung" in verschiedene Mathematik-Klassen aufgeteilt (wodurch Kinder, die in den Sommermonaten geboren sind, ernstlich benachteiligt werden, weil sie fast ein Jahr jünger als die Ältesten ihres Jahrgangs sind). In einer anderen Schule waren die Kinder nach ihren Fähigkeiten in Zweijahres-Gruppen aufgeteilt.

Viele Untersuchungen und Forschungsergebnisse - von meinen persönlichen Erfahrungen ganz zu schweigen - beweisen, dass Kinder in heterogenen Leistungsgruppen voneinander lernen und profitieren, während sich der Leistungsabstand zwischen ihnen vergrößert, wenn sie getrennt werden. Eines der Argumente gegen gemischte Gruppen lautet, dass die "höher begabten" Kinder zurückgehalten werden. Wann immer ich jedoch Kinder ermutigte, beispielsweise Mathematikkonzepte denjenigen Mitschülern zu erklären, die Verständnisschwierigkeiten hatten, so führte dies zu einem besseren und umfassenderen Verständnis auf beiden Seiten. Das eine Kind erhielt Informationen, die seiner Altersstufe gerecht waren, während das andere durch das Erklären der Begriffe genötigt wurde, sein eigenes Verständnis zu überprüfen und zu entwickeln.

Die Leistungstests haben noch eine weitere Auswirkung. Sie bergen Gefahren für Schulen, die unterdurchschnittliche Resultate erreichen, was offensichtlich besonders in armen Gegenden häufig vorkommt. Die Kinder kommen dort, nicht selten aufgrund ihrer sozialen Stellung, oder weil viele Flüchtlinge Englisch als Zweitsprache sprechen, mit niedrigerem Bildungsniveau in die Schule und weisen ernste seelische Störungen auf. Die Schulen weisen solche Kinder ab, die voraussichtlich vorwiegend schlechte Resultate erbringen werden, damit sie ihren Durchschnitt bei den nationalen Tests nicht drücken. Die Erziehung dieser Kinder ist dann nur noch zweitrangig, weil die Lehrer darum kämpfen, die übrigen Kinder auf den Test vorzubereiten.

An einer Schule traf ich eine 18-jährige Hilfslehrerin, die sechs Kinder der 6. Klasse (10-jährige) unterrichtete, die nicht zum Test zugelassen worden waren, weil sie verschiedene Lernschwierigkeiten hatten. Ich fragte sie, ob sie zusammen mit einem ausgebildeten Lehrer plane, wie diese Kinder am besten zu unterrichten seien, die ja starken Lernbedarf und Verhaltensschwierigkeiten hatten. Sie sagte mir, sie habe eine Aufgabe bekommen, die sie selbst lösen müsse. Sie arbeite das ganze Jahr mit diesen Kindern, was allerdings darauf hinauslaufe sie ruhig zu stellen.

Der wahre Grund dafür, Kinder in "Leistungs"-Gruppen aufzuteilen ist, wie du sehr klar geschrieben hast, eine schmale Elite von Kindern herauszufiltern und zu ermutigen, damit sie den Eindruck bekommen, sie wären etwas Besonderes und verdienten deshalb später Manager-Positionen und die damit verbundenen Prämien. Sie sollen auf einem möglichst hohen Niveau ausgebildet werden, so dass sie für einen Konzern oder eine Regierung einen Gewinn darstellen. Gleichzeitig soll so sichergestellt werden, dass die Mehrheit sich als Versager fühlt. Sie soll glauben, niedrige Löhne und schlechte Bedingungen zu verdienen und keine Möglichkeiten zu haben, ihre Talente zu entwickeln.

Es wird behauptet, es gebe in England Kinder mit "besonderen Bedürfnissen", und sie würden spezielle Hilfe in unterschiedlicher Form erhalten, je nach der Organisation und den Mitteln der Schule, die sie gerade besuchen. Aber diese Unterstützung zielt keineswegs darauf ab, die Lücke zwischen ihnen und den anderen Kindern in ihrem Jahrgang zu schließen. Die schlechteren Gruppen werden gezielt zurückgehalten und bekommen eine niedrigere Ausbildung. Man fühlt sich an Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt" erinnert, wo einer Auswahl von Föten der Sauerstoff vorenthalten wird, damit sie zu willenlosen Epsilons heranwachsen, die das Putzen und die Dreckarbeit für die Elite ausführen.

Beste Grüße

DT

Siehe auch:
Bildungsstandards und deutsches Schulsystem: Die Perfektionierung der Auslese
(17. Januar 2004)