Sanofi versucht feindliche Übernahme von Aventis

Von Helmut Arens
4. Februar 2004

Am Montag, den 26 Januar hat der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo ein Übernahmegebot für den doppelt so großen französisch-deutschen Konkurrenten Aventis abgegeben. Sanofi gab mit seinem 48 Mrd. Euro Angebot den Startschuss für eine der größten Übernahmeschlachten der europäischen Industriegeschichte.

Der Vorstand von Aventis wies dieses Angebot umgehend zurück und beauftragte mehrere Investmentbanken, eine Strategie gegen diesen feindlichen Übernahmeversuch zu entwickeln. Auch der Aufsichtsrat von Aventis lehnte die Übernahme ab und bezeichnete das Angebot als völlig unzureichend.

Aventis ist gegenwärtig mit einem Umsatz von 20 Mrd. Euro weltweit das sechstgrößte Pharmaunternehmen mit insgesamt 71.000 Beschäftigten; Sanofi steht mit 8 Mrd. Euro Umsatz und 32.400 Beschäftigten an 14. Stelle der Rangliste. Weil Aventis aber relativ ertragsschwach ist, lag sein Börsenwert vor der Übernahmeofferte mit ca. 44 Mrd. Euro etwa auf gleicher Höhe wie der Wert der weniger als halb so großen Sanofi.

Durch einen Zusammenschluss würde der nach dem amerikanischen Pfizer und dem britischen GlaxoSmithKline drittgrößte Pharmakonzern mit einem Umsatz von 28 Mrd. Euro entstehen.

Aventis selbst ist erst vor vier Jahren aus der Fusion der Pharmasparten des deutschen Chemiemultis Hoechst AG und des französischen Chemiekonzerns Rhone-Poulenc entstanden und war von seinen Gründern, Jürgen Dormann und Jean-René Fourtou, ausdrücklich als internationaler Konzern konzipiert, dessen Firmensitz deswegen in die französisch-deutsche Grenzstadt Straßburg verlegt wurde. Ziel der Fusion war es, durch die Konzentration auf das Kerngeschäft, d.h. auf die Pharmaaktivitäten der beiden Konzerne eine bessere Position im internationalen Konkurrenzkampf und eine höhere Profitabilität zu erreichen - was offensichtlich bisher nicht gelungen ist.

Die zentralen Produktions- und Forschungsstandorte des Konzerns liegen in Frankfurt/M, Paris und Bridgewater, USA. Der Weltpharmamarkt ist einer der globalisiertesten Märkte überhaupt, auf dem es in den vergangenen knapp zehn Jahren jedes Jahr mindestens eine Mega-Fusion gegeben hat.

Die treibenden Kräfte hinter dieser Schaffung von immer größeren Konzerngebilden sind zum einen die enorm hohen Forschungs-, Entwicklungs- und Einführungskosten für neue Medikamente, die sich auf jeweils weit über eine Milliarde Euro pro Medikament belaufen. Um diese Investitionen leisten zu können, bedarf es einer bestimmten "kritischen Masse" hinsichtlich der Größe und Finanzkraft solcher Konzerne.

Hinzu kommt ein beträchtlicher Kostendruck von politischer Seite, weil Regierungen allenthalben versuchen, die Gesundheitskosten und damit auch die Arzneimittelpreise zu senken.

Eine wichtige Rolle spielen auch die kurzfristigen Renditeforderungen der Finanzmärkte, die möglichst hohe Profitraten und Börsennotierungen verlangen. Einer der üblichen Hebel, Profitraten und Börsenwert kurzfristig zu steigern, ist die Streichung von Arbeitsplätzen.

Wegen seiner geringen Profitabilität und seines deswegen relativ geringen Börsenwerts gilt Aventis schon seit geraumer Zeit als Übernahmekandidat. Überrascht hat daher nicht, dass es nun zu einem Übernahmeversuch gekommen ist, sondern lediglich, dass diesmal der kleine Hai den großen zu verschlingen sucht.

Als eines der Motive des Sanofi-Chefs Jean-François Dehecq, die günstige Gelegenheit des niedrigen Börsenkurses von Aventis zu nutzen, seinen eigentlich nur mäßig großen Konzern mit einem Schlag zu einem Global Player zu machen, wird seine Befürchtung gesehen, andernfalls schon in kurzer Zeit selbst ein Übernahmekandidat für einen der ganz großen der Branche zu werden. Sanofi hat unter anderem Interesse an der relativ guten internationalen Präsenz von Aventis, insbesondere auf dem weltweit bedeutendsten Arzneimittelmarkt, den USA.

Aventis erwägt mehrere Szenarien für die Abwehr der feindlichen Attacke von Sanofi. So wird eine Lösung mit einem sogenannten Weißen Ritter geprüft, d.h. die freundliche Übernahme durch oder das Zusammengehen mit einem anderen Konkurrenten. Es gibt verstärkte Hinweise, dass die Schweizer Novartis eine Investmentbank beauftragt hat, die Möglichkeit einer freundlichen Übernahme von Aventis zu prüfen. Gleichzeitig gibt es Vermutungen, Novartis könnte sogar versuchen, als Schwarzer Ritter Sanofi zu übernehmen, denn eigentlich passt Sanofi aufgrund seiner Produktpalette besser zu Novartis als Aventis.

Auch ein Gegenangebot für den Aufkauf von Sanofi durch Aventis schließt der Vorstandsvorsitzende von Aventis, Igor Landau, nicht aus, obwohl diese Möglichkeit nach seinen Aussagen keine Priorität genießt. Landau erklärte in einem Radio-Interview mit Europe-1 : "Sanofi mag uns brauchen, aber wir brauchen sie nicht."

Weil die französische Regierung Sanofi offen bei dem Übernahmekampf mit Aventis unterstützt, droht sogar eine Belastung des deutsch-französischen Verhältnisses. Obwohl alle Beteiligten bis hin zu den Gewerkschaftsführern, die Schaffung großer europäischer Konzerne befürworten, die gegen die Konkurrenz aus USA und Fernost bestehen können, brechen die nationalen Einzelinteressen wieder auf, wenn es konkret wird.

Während die französische Regierung Gefallen an einem mächtigen Pharmakonzern unter französischer Führung findet, der es mit den Giganten wie Pfizer, GlaxoSmithKline und Astra Zeneca aufnehmen kann, fürchten deutsche Politiker um Arbeitsplätze und den Verlust von Forschungskompetenz in Frankfurt. Der Hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch, sonst ein entschiedener Vertreter der ganz freien Marktwirtschaft, ruft, unterstützt von allen Fraktionen des hessischen Landtags, plötzlich nach dem Eingreifen der Bundesregierung, um den Forschungsstandort Frankfurt zu verteidigen und zu verhindern, dass die Biotechnologieforschung nach Frankreich verlagert wird. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement hat in gleichem Sinn bei der französischen Regierung interveniert, und selbst Bundeskanzler Schröder, der sich im Moment noch zurückhält, will die Causa nötigenfalls bei seinem nächsten Treffen mit Staatspräsident Chirac am 9. Februar zur Sprache bringen.

Zweifellos ist die Befürchtung berechtigt, dass ein Zusammenschluss von Sanofi und Aventis Arbeitsplätze in der Forschung, der Produktion und vor allem in der Verwaltung von Aventis Deutschland im nahe bei Frankfurt gelegenen Bad Soden kosten könnte. Frankfurt ist mit 4.600 Beschäftigten einer der größten Produktionsstandorte von Aventis. In der Forschung arbeiten 1.600 und in der Verwaltung ebenfalls 1.600 Angestellte.

Sanofi-Chef Dehecq versucht die Befürchtungen der Aventis-Beschäftigten zu besänftigen. Er erklärte auf einer Präsentation vor Analysten in Frankfurt, er habe noch nie ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm durchgeführt. Es gebe keine Pläne, den Standort Frankfurt zu schließen. Im selben Atemzug sagte Dehecq, die angestrebten Synergien sollten nicht nur durch Arbeitsplatzabbau erreicht werden.

Aber niemand macht sich Illusionen, dass die Einsparungen von 1,6 Mrd. Euro, die Dehecq sich von einer Verschmelzung der beiden Firmen erhofft, ohne erhebliche Arbeitsplatzverluste zu erreichen wären. Aber wäre eine Weiße-Ritter-Verbindung mit Novartis wirklich vorteilhafter, und wenn ja, für wen? Für die Aktionäre oder für die Beschäftigten?

Der Kurs der Chemiegewerkschaft IGBCE und des Betriebsrats, "Schulter an Schulter" mit dem Vorstand, dem Aufsichtsrat und dem rechten CDU-Politiker Koch gegen die Übernahme durch Sanofi zu kämpfen, in der Hoffnung dadurch die Arbeitsplätze verteidigen zu können, ist eine Sackgasse. Dieser Standpunkt führt nur dazu die Beschäftigten beider Unternehmen gegeneinander auszuspielen. Vorstand und Aufsichtsrat von Aventis sind keinesfalls grundsätzlich gegen ein Zusammengehen mit Sanofi und schon gar nicht aus Gründen der Sicherung von Arbeitsplätzen. Vorstandschef Landau hat keinen Zweifel daran gelassen, dass bei einem um 40 Prozent höheren Angebot der Konzern ohne weiteres über die Theke gehen kann.

Trotz aller Beteuerungen des Aventis-Vorstands, es habe vor dem feindlichen Übernahmeangebot keine Verhandlungen über einen einvernehmlichen Zusammenschluss mit Sanofi gegeben, ist inzwischen bekannt geworden, dass es vor gut einem Jahr schon intensive Verhandlungen über ein Zusammengehen gegeben hat und sogar schon weitgehende Übereinstimmung über die Bedingungen erzielt worden war.

Aber genauso ist auch die Vorstellung ohne Grundlage, alles sei gut, solange Aventis bestehen bleibt. Ende letzten Jahres kündigte der Vorstand an, die ganze Organisation auf den Prüfstand zu stellen und durch Umstrukturierungen 500 Millionen Euro zu sparen. Dass das, wie die Firma angibt, ohne Abbau von Personal oder sogar die Schließung von Betrieben oder Abteilungen möglich sein soll, ist wenig glaubhaft.

Solange der technische Fortschritt und die internationale Kooperation und Globalisierung nur im Interesse der Erhöhung des Profits weiterentwickelt werden, wird es keine Sicherheit für Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen geben.

Siehe auch:
Vodafone schluckt Mannesmann
(10. Februar 2000)
Ein Weltkonzern verschwindet: Hoechst AG geht mit Rhone-Poulenc zusammen
( 5. März 1999)
Glaxo Wellcome-SmithKline Beecham merger creates world's largest drug company
( 22 January 2000)