Verteidigt die irakischen Massen

Von der Redaktion
10. April 2004

Die amerikanische und internationale Arbeiterklasse muss dem irakischen Volk zu Hilfe kommen. Im Irak findet ein heroischer und gerechtfertigter landesweiter Aufstand gegen koloniale Unterdrückung statt. Im Gegenzug versuchen die Bush-Regierung und das US-Militär, die irakische Bevölkerung in Blut zu ertränken und einzuschüchtern, so dass sie die amerikanische Herrschaft hinnimmt.

Der größte Teil des Iraks befindet sich im Aufstand. Die schiitische Rebellion wurde ausgelöst, als die US-Besatzungsmacht den Geistlichen Moqtada al-Sadr für vogelfrei erklärte, und hat nun den größten Teil von Bagdad und alle größeren Städte im Süden Iraks zwischen Euphrat und Tigris ergriffen. Die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung von Falludscha und Ramadi befindet sich im Belagerungszustand und leistet den Angriffen der US-Marines heftigen Widerstand. Demonstrationen und Kämpfe sind in den sunnitischen Teilen von Bagdad, in Städten Zentraliraks wie Tikrit und in der nördlich gelegenen Stadt Kirkuk ausgebrochen.

Das Weiße Haus bezeichnet diejenigen, die sich an dem Aufstand beteiligen, als "Gewalttäter", "Mörder", "extremistische Minderheit" und "Terroristen". Das ist eine erbärmliche Lüge. Die US-Besatzungskräfte sind mit einer Bewegung konfrontiert, die sich aus ärmsten Stadtvierteln und den unterdrücktesten Schichten der irakischen Bevölkerung rekrutiert. Die seit einem Jahr bestehende Herrschaft des amerikanischen Imperialismus wird von ihnen genauso verabscheut wie zuvor die Herrschaft der Baath-Partei von Saddam Hussein. Die Iraker, manche von ihnen gerade erst 13 Jahre alt, kämpfen mit allen Waffen, die ihnen zur Verfügung stehen. Schiitische Iraker vergleichen die derzeitige Situation mit dem Aufstand gegen die Briten 1920 und dem Aufstand zum Sturz von Hussein 1991.

Der sich herausbildende gemeinsame Kampf von Sunniten und Schiiten bedeutet einen vernichtenden Schlag für die Politik der Bush-Regierung. Seit Beginn der Invasion hatten die USA versucht, die Bevölkerung entlang religiöser und ethnischer Linien zu spalten und Ängste zu schüren, dass ein Ende der Besatzung einen Bürgerkrieg auslösen würde. Zumindest in Bagdad, wo die Konfessionen Seite an Seite leben, kämpfen jetzt sunnitische und schiitische Jugendliche gemeinsam gegen die US-Truppen. Sadr rief zur Einheit aller Iraker auf und dieser Aufruf hat offenbar dazu geführt, dass Kontakte zwischen seinen Milizen der "Mehdi Armee" und den Widerstandsorganisationen in Falludscha und anderswo geknüpft wurden.

Sadr, dessen Familie von den Baathisten abgeschlachtet wurde, ist der wichtigste politische Sprecher der Rebellion. Er richtete auch einen direkten Appell an das amerikanische Volk, den irakischen Aufstand zu unterstützen.

Aus Nadschaf, wo er und Tausende seiner Unterstützer sich auf die gleichen Angriffe vorbereiten, wie sie das US-Militär derzeit gegen Falludscha durchführt, erklärte Sadr am 7. April: "Ich rufe das amerikanische Volk auf: Stellt euch an die Seite eurer Brüder, das irakische Volk, die durch eure Herrscher und die Besatzungsarmee eine Ungerechtigkeit erleiden, und helft ihm bei der Übergabe der Macht an aufrichtige Iraker. Ansonsten wird Irak zu einem weiteren Vietnam für Amerika und die Besatzer."

Sadrs Aufruf zeigt einen Grad an politischem Durchblick, der dem politischen Establishment in Amerika völlig abgeht. Es ist ein direkter Appell an das objektiv gemeinsame Interesse der irakischen Massen und der amerikanischen Arbeiterklasse - die beide Opfer der Politik der Bush-Regierung und der amerikanischen Wirtschaftselite sind. Entgegen der Propaganda in den amerikanischen Medien gibt es unter der Mehrheit der amerikanischen Arbeiterklasse keine breite Unterstützung für die Besatzung des Irak.

Millionen Amerikaner sind starr vor Entsetzen, geschockt und angewidert angesichts des Blutbads, das das US-Militär gegen den Aufstand anrichtet. Die Grausamkeiten, die der irakischen Bevölkerung zugefügt werden, stehen in einer Reihe mit den Gräuel, die von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs und dem US-Imperialismus gegen den antikolonialen Kampf in Vietnam begangen wurden. In den letzten vier Tagen haben die amerikanischen Streitkräfte Moscheen bombardiert, Rettungsfahrzeuge mit Maschinengewehrsalven durchsiebt, Wohngebiete durch Panzer und Artilleriebeschuss in Schutt und Asche gelegt und Tausende von irakischen Männern, Frauen und Kindern getötet oder verstümmelt.

Seit Dienstag hat die Bevölkerung von Falludscha einem massiven Angriff Tausender amerikanischer Marines standgehalten. Ganze Stadtteile wurden zum Schauplatz ausgedehnter Straßenkämpfe zwischen amerikanischen Elitesoldaten und Widerstandskämpfern.

Am Mittwochnachmittag feuerte die US-Luftwaffe Raketen und zwei 500-Pfund-Bomben auf das Gelände der Abdel Aziz al-Samarrai-Moschee, als sich dort laut Berichten gerade Menschen für das Nachmittagsgebet versammelten. Irakische Zeugen sagen, dass mindestens 40 Menschen getötet wurden. US-Marines kletterten auf das Minarett der al-Muadidi-Moschee und nutzten es, um von dort auf irakische Kämpfer zu schießen, was eine offene Verletzung der Genfer Konvention darstellt.

Die genaue Zahl der irakischen Opfer in Falludscha ist unbekannt. Der Sprecher eines Krankenhauses berichtete jedoch am Mittwoch dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira, dass man dort innerhalb von 24 Stunden 200 Verwundete behandelt habe. Dienstagnacht wurden in der Stadt mindestens 53 Menschen durch US-Luftangriffe getötet, 25 von ihnen gehörten zu einer Großfamilie, deren Haus durch Raketen zerstört wurde.

Al Dschasira -Korrespondent Ahmad Mansur berichtet eindringlich über das kriminelle Vorgehen der amerikanischen Streitkräfte und dokumentiert gemeinsam mit dem einzigen Kamerateam innerhalb der Stadt die schreckliche Lage, in der sich die Bevölkerung von Falludscha befindet.

Mittwochnacht berichtete Mansur: "Die Lage wird schlimmer. Ein Rettungswagen mit Verwundeten wurde auf seiner Fahrt zum Krankenhaus angegriffen. Die amerikanischen Streitkräfte sperrten die Straße zum Krankenhaus der Stadt und jeder, der sich auf den Straßen von Falludscha aufhält, wird nun zur Zielscheibe. Sie greifen Wohngebiete an. Die Einwohner von Falludscha fordern die arabische Welt auf, einzugreifen und die Belagerung dieser Stadt von 300.000 Einwohnern zu beenden. Sie fragen: Wo sind die arabischen Führer in dieser Zeit?"

Bei den Zusammenstößen zwischen schiitischen Jugendlichen und amerikanischen Truppen in den Arbeiterbezirken im Osten von Bagdad hat es in den ersten vier Tagen ebenfalls zahlreiche zivile Opfer gegeben. Zwei Krankenhäuser im Vorort "Sadr City" berichteten am Mittwochmorgen von mindestens 68 Toten und 238 Verwundeten, einschließlich Frauen und Kinder. In den Städten im Süden von Irak steigt die Zahl der Toten und Verletzten von Tag zu Tag.

Wachsende Nervosität in den herrschenden Kreisen Amerikas

Der Angriff auf die Moschee in Falludscha muss als Warnung verstanden werden: Nachdem sie vier Tage lang versucht haben, den Aufstand zu unterdrücken, verlieren die Bush-Regierung und das Militär zunehmend den Kopf, so dass sie nunmehr zu allem fähig sind.

Seit mehr als zwei Tagen sind die Besatzungstruppen in schwere Kämpfe verwickelt und Dutzende amerikanischer Soldaten wurden getötet und verwundet. Trotzdem berichteten die Marines, dass sie nach wie vor nur 25 Prozent von Falludscha unter Kontrolle haben. Eine komplette Einheit von 12 Marines wurde am Dienstag bei einem einzigen Angriff von Widerstandskämpfern nahe Ramadi ausgelöscht.

Amerikanische Truppen können nur in gepanzerten Kolonnen in Sadr City eindringen. Dabei richten sie ihre schweren Maschinengewehre auf Ansammelungen aufgebrachter und feindseliger Jugendlicher, die die Straßen säumen. Vergangene Nacht schlossen sich schiitische Milizen mit sunnitischen Kämpfern zusammen, um die amerikanischen Streitkräfte im Norden von Bagdad anzugreifen.

Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat zugegeben, dass die Besatzungskräfte die Kontrolle über Nadschaf verloren haben. Die Aufständischen halten auch die nahe gelegene Stadt Kufa. Polnische und ukrainische Truppen wurden von Sadrs Milizen in den Städten Kerbala und Kut praktisch überrannt. Irakische Polizisten haben den Aufständischen ihre Fahrzeuge ausgehändigt und sich in vielen Fällen dem Aufstand angeschlossen. Italienische Truppen haben kaum noch Kontrolle über Nasirija. Japanische Truppen in Samawa haben sich in ihre befestigten Stützpunkte zurückgezogen und britische Streitkräfte in Amara und Basra geraten täglich unter Beschuss.

Inzwischen ist international die Rede davon, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Gleichzeitig erhielten nicht weniger als 24.000 amerikanische Soldaten, die eigentlich im Rahmen eines Truppenwechsels in den nächsten Wochen Irak verlassen sollten, den Befehl im Land zu bleiben.

Der Widerstand des irakischen Volkes stellt den Mythos der amerikanischen Unbesiegbarkeit in Frage. Hierauf reagieren die US-Medien und das politische Establishment mit einer Mischung aus Panik, Hysterie und der Forderung nach einem Blutbad, das das Militär unter Befehl der Bush-Regierung anrichten soll.

William Safire fordert in einem Leitartikel der New York Times vom 7. April: "Nachdem wir angekündigt haben, dass wir die aufständischen Baathisten in Falludscha befrieden werden, müssen wir Falludscha befrieden. Nachdem wir den Schiiten Sadr für vogelfrei erklärt haben, müssen wir seine blutrünstige Herausforderung mit aller notwendigen militärischen Härte beantworten, wobei es auf lange Sicht weniger Opfer geben sollte."

George Will erklärt in seinem Kommentar in der Washington Post, dass das amerikanische "Empire" ein "Gewaltmonopol" in Irak durchsetzen müsse. "Es ist zu spät für eine Debatte, ob wir überhaupt in Bagdad sein sollten", schrieb er. "Und die relativ nette Phase des Empire - die schnelle Entmachtung einer feindlichen Armee - ist vorbei. Regimewechsel, Besatzung, Nation-Building - in einem Wort: Empire - sind ein blutiges Geschäft. Jetzt müssen die Amerikaner all ihren Mut zusammennehmen, um die Gewalt anzuwenden, die zur Entwaffnung oder Besiegung der städtischen Milizen im Irak notwendig ist."

Das US-Militär hat zu verstehen gegeben, dass ein Frontalangriff auf Sadr vorbereitet wird. General Mark Kimmitt sagte auf einer Pressekonferenz am Mittwoch: "Wir werden angreifen, um die Mehdi-Armee zu zerstören. Diese Angriffe werden entschlossen, präzise und erfolgreich sein."

Der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei John Kerry erklärte sich mit allen Maßnahmen des Militärs im Voraus einverstanden. In einer Rede an der Universität Georgetown erklärte er: "Unabhängig von unseren Differenzen hinsichtlich der Irakpolitik - und da gibt es einige - sind wir alle als Nation vereint bei der Unterstützung unserer Truppen und letztlich in unserem Ziel, der Schaffung eines stabilen Iraks."

Während die Demokraten den Gräueltaten ihren Segen gaben, erklärten auch Regierungschefs wie Tony Blair (Großbritannien), Silvio Berlusconi (Italien) und John Howard (Australien) öffentlich ihre Unterstützung für alles Notwendige, um den "Job" im Irak "zu Ende zu bringen".

Die internationale Arbeiterklasse kann die kriminellen Taten der Bush-Regierung und ihrer internationalen Verbündeten nicht passiv hinnehmen.

Die World Socialist Web Site ruft zu weltweiten Demonstrationen und Kundgebungen auf, um gegen die Gräueltaten der amerikanischen und anderen Besatzungstruppen im Irak zu protestieren. Die arbeitende Bevölkerung auf der ganzen Welt muss ihre Solidarität mit den irakischen Massen zeigen, die das grundlegende Recht haben, ihre politische Zukunft selbst zu bestimmen. Forderungen nach dem Ende der Schlächterei und dem sofortigen Abzug aller amerikanischen und ausländischen Streitkräfte aus dem Irak müssen erhoben werden. Alle, die für die Planung und Durchführung des Kriegs verantwortlich sind, müssen als Kriegsverbrecher entlarvt, angeklagt und bestraft werden.

Vor allem muss in den Vereinigten Staaten und international eine wirkliche Massenbewegung aufgebaut werden, die dem US-Imperialismus und seiner blutigen Politik des Militarismus, der globalen Hegemonie und kolonialen Eroberung unversöhnlich entgegentritt.

Siehe auch:
http://www.wsws.org/de/2004/apr2004/irak-a08.shtml
(8. April 2004)

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