"Ein vernichtender Schlag gegen den Mythos amerikanischer Unbesiegbarkeit"

Von David North
15. April 2004

Die folgenden Grußworte von David North, dem internationalen Redaktionsleiter der World Socialist Web Site und nationalen Sekretär der amerikanischen Socialist Equality Party, galten einer Mitgliederversammlung der Socialist Equality Party in Australien, die am 10. und 11. April stattfand.

Liebe Genossen,

anlässlich eures Treffens am Wochenende in Sydney sende ich euch die herzlichsten Grüße eurer Genossen und Gleichgesinnten in den Vereinigten Staaten.

Die Ereignisse der vergangenen Woche bestätigen nachdrücklich den marxistischen Grundsatz, dass der Kampf der unterdrückten Massen den mächtigsten Faktor im historischen Prozess darstellt. Genau ein Jahr nach ihrem Einmarsch in Bagdad sind die amerikanischen Truppen mit einem Aufstand der irakischen Bevölkerung konfrontiert und stehen unter Belagerung. Unabhängig vom unmittelbaren Ausgang dieser Kämpfe wurde der Mythos amerikanischer Unbesiegbarkeit zerstört. Genauer gesagt: Der Aufstand bedeutet einen vernichtenden Schlag gegen die Strategie der Bush-Regierung, den Irak auf den Status eines kolonialen Protektorats der Vereinigten Staaten niederzudrücken.

Eine der Grundannahmen Washingtons lautete, dass die Vereinigten Staaten in der Lage wären, die Differenzen zwischen den Sunniten und den Schiiten auszunutzen und zu manipulieren, so dass beide Gemeinschaften schließlich der amerikanischen Herrschaft keinen Widerstand entgegensetzen könnten. Die Vereinigten Staaten glaubten auch, die mögliche Opposition innerhalb der schiitischen Gemeinschaft allein durch Vereinbarungen mit einer kleinen Schicht elitärer Elementen rund um Ajatollah Ali al-Sistani neutralisieren zu können. Als Paul Bremer vor zwei Wochen die schicksalhafte Entscheidung traf, eine Konfrontation mit Muktada al-Sadr zu provozieren, war er sich sicher, dass es relativ leicht sei, die Bewegung zu zerschlagen, die sich um diesen jungen Geistlichen sammelte.

Der spontane Aufstand zur Verteidigung von al-Sadr traf Bremer vollkommen unerwartet und führte nicht nur den politischen Bankrott der amerikanischen Besatzungsstrategie vor Augen, sondern enthüllte auch die Schwäche ihrer militärischen Stellung. So warnte Stratfor gestern in einem Kommentar zur derzeitigen Situation:

"Wenn sich die aktuellen Entwicklungen verschärfen, sind die Vereinigten Staaten mit einer militärischen Herausforderung konfrontiert, die katastrophal enden kann. Die Vereinigten Staaten haben nicht die notwendigen Truppen, um einen breit verankerten schiitischen Aufstand niederzuhalten und gleichzeitig die sunnitische Rebellion zu zerschlagen. Selbst die jetzige Beschaffenheit des Aufstandes übersteigt die Fähigkeiten der im Einsatz befindlichen Truppen oder auch aller weiteren möglicherweise zusätzlich verfügbaren Truppen. Die Vereinigten Staaten ziehen sich bereits aus einigen Städten zurück. Das logische Ergebnis all dessen wäre eine Strategie der Enklaven, in denen die Vereinigten Staaten ihre Truppen konzentrieren - im Sinne befestigter Positionen, aus denen Iraker vielleicht ausgeschlossen sind - wobei der Rest des Landes den Guerillas überlassen würde. Das würde natürlich die Frage aufwerfen, ob die Vereinigten Staaten überhaupt im Irak bleiben sollten, denn jene Truppen wären weder im Land selbst noch außerhalb seiner Grenzen in der Lage, Stärke zu zeigen."

Der amerikanische Imperialismus wird, nachdem er so viel Prestige in die Eroberung und Besatzung des Iraks investiert hat, nicht vor den barbarischsten Methoden zurückschrecken, um den Aufstand zu unterdrücken. Tatsächlich kann das gesamte politische Establishment der herrschenden Elite Amerikas nicht einmal mit dem Gedanken spielen, die US-Truppen aus dem Irak abzuziehen. Die Hauptkritik der Demokratischen Partei an der Bush-Regierung lautet, dass sie nicht genug Ressourcen für die Besatzung zur Verfügung gestellt habe. Auch wenn die herrschende Elite der Überzeugung ist, dass "Gewalt wirkt" - um die Worte des Wall Street Journal zu benutzen - hat die Wendung der Ereignisse auf ziemlich dramatische Weise gezeigt, wie beschränkt diese Perspektive ist.

Der heroische Widerstand der irakischen Massen gegen die imperialistischen Invasoren verdient die Unterstützung und den aufrichtigen Respekt der internationalen Arbeiterklasse. Doch Bewunderung für den Mut der irakischen Bevölkerung angesichts des ungleichen Kampfes verstellt uns nicht den Blick auf die Tatsache, dass das Grundproblem der politischen Führung in der Arbeiterklasse - von dem der Sieg über den Imperialismus abhängt - noch nicht gelöst ist. Hierin liegt die enorme historische Bedeutung, die der Arbeit des Internationalen Komitees und der World Socialist Web Site zukommt.

Wir messen dem Appell von al-Sadr an die Bevölkerung der Vereinigten Staaten eine ernsthafte Bedeutung zu. Dieser Appell muss ein neues Bewusstsein unter den irakischen Massen widerspiegeln, dass der amerikanische Imperialismus keine monolithische Kraft ist und dass die Vereinigten Staaten von inneren sozialen Differenzen zerrissen sind. Er bringt auch die Erkenntnis zum Ausdruck, dass die irakische Bevölkerung außerhalb der Grenzen ihres eigenen Landes nach Unterstützung suchen muss. Diese Entwicklung im Bewusstsein wurde bereits durch die internationalen Massendemonstrationen gegen den Krieg im Februar 2003 angekündigt und bestätigt einmal mehr, dass neue und vorteilhaftere Bedingungen heranreifen, um die Weltpartei der Sozialistischen Revolution aufzubauen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - dem Ergebnis eines jahrzehntelangen Verrats der stalinistischen Bürokratie - war der amerikanische Imperialismus davon überzeugt, dass er irgendwie die gesamte Geschichte und das sozio-politische Vermächtnis des 20. Jahrhunderts ausradieren könnte. Er schwelgte in der Vorstellung, dass das 21. Jahrhundert den Triumph eines neuen und unschlagbaren amerikanischen Imperialismus erleben würde.

Stattdessen erlebt der Imperialismus nun die erste Phase in der Entstehung einer neuen revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse. Das Schicksal dieser Bewegung, die objektiv von den unlösbaren ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Widersprüchen des globalen kapitalistischen Systems angetrieben wird, hängt unmittelbar davon ab, inwiefern sie sich die Lehren aus den historischen Kämpfen des letzten Jahrhunderts aneignen wird. Wir sind die einzige Partei, die der Arbeiterklasse Zugang zu diesen Lehren verschaffen kann. Auf der Grundlage dieses Bewusstseins verstehen wir die außerordentliche Bedeutung der Arbeit unserer internationalen Bewegung.

Mit den herzlichsten Grüßen,

David North

Für das Politische Komitee der SEP in den Vereinigten Staaten

Siehe auch:
Verteidigt die irakischen Massen
(10. April 2004)
Stoppt den Krieg gegen die irakische Bevölkerung!
( 8. April 2004)

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