Pflegenotstand in Altenheimen

Weitere Kürzungen in der Pflegeversicherung

Von Werner Albrecht und Dietmar Henning
24. April 2004

Während die Bundesregierung ein Kürzungsprogramm nach dem anderen verabschiedet und das Märchen propagiert, die Alten lebten auf Kosten der jungen Generation und müssten deshalb durch eigene Opfer zur Stabilisierung der Sozialsysteme beitragen, wird deutlich, dass ein großer Teil der alten Menschen hierzulande unter immer katastrophaleren Zuständen zu leiden hat.

Auch die für kommendes Jahr geplanten Änderungen bei der Pflegeversicherung werden dazu führen, alten Menschen die Pflege vorzuenthalten, derer sie bedürfen.

Nach dem Vorschlag von Regierungsberater Bert Rürup, Vorsitzender der gleichnamigen Komission, soll ab 2005 eine finanzielle Gleichstellung der ambulanten und stationären Pflege erfolgen. Die Leistungen in der ambulanten Pflege sollen geringfügig von monatlich 384 Euro auf 400 Euro in der Pflegestufe I und von 921 Euro auf 1000 Euro in Stufe 2 erhöht werden. Die Leistungen in der stationären Pflege sollen hingegen stark reduziert werden, in Stufe I von derzeit monatlich 1023 Euro auf nur noch 400 Euro und in Stufe II von derzeit 1279 Euro auf 1000 Euro.

Die beiden Soziologen Peter Runde und Reinhard Giese von der Arbeitsstelle für Rehabilitations- und Präventionsforschung an der Universität in Hamburg urteilen in einem letzte Woche veröffentlichten Kommentar über diese Pläne: "Ein solches Vorgehen benachteiligt insbesondere die älteren Menschen und ihre Angehörigen mit geringerem Einkommen. Sie können sich dann auch eine stationäre Pflege nicht mehr leisten, sondern die Angehörigen müssen ambulant Pflege übernehmen. Das heißt, Frauen aus unteren und mittleren Schichten, die nach wie vor hauptsächlich die Pflege leisten, werden verstärkt wieder zur Pflege herangezogen, müssen ihren Beruf aufgeben oder deutlich reduzieren. Ein solcher Ansatz ist deshalb sozial unausgewogen."

Schon jetzt setzt sich die soziale Ungleichheit in besonderem Maße in den Altenheimen fort. Ein Heimplatz in einem einfach ausgestatteten kommunalen Alten- und Pflegeheim kostet je nach Pflegestufe zwischen 1400 und 3500 Euro pro Monat. Die Pflegeversicherung zahlt aber höchstens nur 1432 Euro monatlich, in außergewöhnlichen Härtefällen 1688 Euro. Die meisten Bewohner müssen daher ihre Rente und zusätzliche Sozialhilfe für ihre Heimunterbringung aufwenden. Den meisten alten Menschen in Heimen bleibt infolgedessen nur ein monatliches Taschengeld von 150 Euro übrig, das sie meist auch noch eingeteilt bekommen. Von dem geringen Taschengeld müssen sie seit Januar dieses Jahres - die letzte Runde der Gesundheitsreform - auch noch die Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlungen begleichen. Viele Heime sind dazu übergegangen, hohe Kosten für diese medizinische Versorgung vorzustrecken und in Raten vom ohnehin niedrigen Taschengeld abzuziehen.

Einige Studien, die in jüngster Zeit erschienen sind, machen deutlich, wie gravierend inzwischen die Probleme in den Alten- und Pflegeeinrichtungen für Beschäftigte und vor allem Bewohner sind. Dort leidet vor allem die Generation unter dem derzeitigen Pflegenotstand, die den zweiten Weltkrieg erlebt hat und psychisch wie materiell 1945 nach dem Ende des Krieges Überlebensstrategien entwickeln musste, die oftmals ihre Kräfte überstiegen. Bei vielen haben die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse schwere traumatische Störungen hinterlassen, unter denen sie ihr Leben lang gelitten haben. Zu ihnen gehören auch die "Trümmerfrauen", die sich in harter Knochenarbeit an die Arbeit machten, um im Chaos der zerstörten Städte ihren Kindern ein Leben und eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen. Vergessen werden darf auch nicht, dass damals verhältnismäßig wenige Männer arbeitsfähig waren. Viele befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft, waren gefallen, wurden vermisst oder kamen mit schweren Verletzungen als Invaliden zurück und fielen somit für schwere körperliche Arbeit aus.

Insgesamt sind in Deutschland rund 13,7 Millionen Menschen über 65 Jahre alt. Mehr als jeder fünfte von ihnen ist krank. Fast 3,5 Millionen Menschen über 65 besaßen 1999 einen gültigen Schwerbehindertenausweis. Bei den über 75-jährigen gilt bereits fast jeder Dritte als behindert.

Knapp 1,9 Millionen alte Menschen erhalten Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung. Im Juni 2003 wurden davon rund 1,28 Millionen ambulant versorgt, rund 608.000 lebten in Heimen. 1999 waren noch etwa 573.000 (28,4%) ältere Menschen in Heimen untergebracht und 1,44 Mio. wurden zu Hause versorgt. Diese Versorgung geschah durch Angehörige bei mehr als 1 Million Menschen. Über 400.000 wurden durch ambulante Dienste zu Hause gepflegt.

Etwa jeder zehnte Mann und jede vierte Frau verleben den letzten Lebensabschnitt im Pflegeheim. Das Heimeintrittsalter steigt und liegt derzeit bei über 80 Jahren. In den Altenpflegeheimen leben daher immer mehr multimorbide Menschen (das sind Menschen, die unter mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden), Schwerstkranke, Demenzkranke, depressive und suchtkranke Menschen.

Ein nur kurzer Blick auf Krankenstatistiken lässt ein Bild von der Situation entstehen, mit der beinahe fast jeder Mensch im Alter zu tun hat. 1999 erkrankten eine Viertel Million Menschen oberhalb des 60. Lebensjahres an Krebs. Etwa 40 Prozent der Frauen und 13 Prozent der Männer über 50 Jahren erleiden einen Knochenbruch, hervorgerufen durch eine Osteoporoseerkrankung (krankhafter Knochenschwund). Viele alte Menschen haben durch ihre Bettlägerigkeit Druckgeschwüre (Dekubitus), d. h. große offene Wunden am Körper. Jährlich sterben etwa 10.000 Menschen an den Folgen dieser Druckgeschwüre. Rund eine halbe Million Menschen leiden an Harninkontinenz. Aus Scham spricht allerdings nur die Hälfte der Patienten mit ihrem Arzt darüber. Inkontinenz ist in jedem zweiten Fall der Grund für einen Umzug ins Heim. Der Schlaganfall zählt zu den häufigsten schwerwiegendsten Erkrankungen im höheren Lebensalter. Er ist für ca. 15 Prozent aller Todesfälle oberhalb des 75. Lebensjahres und 20 Prozent aller Fälle von Pflegebedürftigkeit verantwortlich.

Zu den physischen Krankheiten kommen mit zunehmendem Alter auch psychische Erkrankungen hinzu. Etwa 25 Prozent der älteren Bevölkerung leiden an einer psychischen Krankheit. Ältere leiden vor allem unter Neurosen (v. a. Depressionen) und Persönlichkeitsstörungen. Die Gesamtzahl der an Demenz erkrankten Menschen liegt bei geschätzten 0,8 bis 1,2 Millionen. Jährlich kommen ca. 200.000 Neuerkrankungen dazu. Davon entfallen 125.000 auf die Alzheimer-Krankheit.

Dennoch: Das "Alter" ist ebenso wie die "Kindheit" keine Krankheit. Was die Situation für die älteren Menschen so beschwerlich macht, ist die völlig unzureichende Betreuung und Pflege. Um ältere Menschen auch nur einigermaßen angemessen behandeln und pflegen zu können, bedarf es qualifizierter Pflegepersonen. Diese sind jedoch Mangelware. Schätzungen zufolge fehlen in der Altenpflege 20.000 qualifizierte Ausbildungskräfte. Die Pflegebranche hat immer größere Schwierigkeiten, qualifizierten Nachwuchs zu bekommen. Dabei scheitert es nicht am Interesse von jungen Menschen oder an passenden Bewerbern, sondern daran, dass kein Geld für die Ausbildung zusätzlicher Fachkräfte vorhanden ist.

Leiterinnen und Leiter von Altenpflegeheimen stellen aus Kostengründen zunehmend ungelernte und daher billigere Arbeitskräfte ein, anstatt ihren eigenen Nachwuchs auszubilden. 50 Prozent der Pflegekräfte in einem Heim sollten Fachkräfte sein - der Bundesverband für Altenpflege aber schätzt ihren tatsächlichen Anteil nur noch auf 38 bis 40 Prozent. "Um das Sechsfache angestiegen ist dafür zwischen 1996 und 1999 die Zahl der nicht qualifizierten Mitarbeiter in den Heimen", viele von ihnen aus Osteuropa, sagt Verbandsvorsitzende Christina Kaleve. Um Diagnosen, Bewegungstherapien, Medikamenten-Pläne und auch Sterbebegleitung leisten zu können, sei es aber unumgänglich, qualifiziert ausgebildet zu sein. Der deutsche Berufsverband für Altenpflege spricht in Bezug auf die fehlenden Pflegekräfte in den stationären Einrichtungen gar von einem Desaster. Der Leiter eines Altenheims in Witten beteuerte, dass viele seiner Kollegen aus finanziellen Gründen auf Auszubildende verzichten müssten, obwohl sie massenhaft Platz anzubieten hätten.

Der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zufolge sind bei Altenpflegern und Altenpflegerinnen sehr häufig psychosomatische Beschwerden zu verzeichnen, die ebenso wie die überdurchschnittlich hohen krankheitsbedingten Fehlzeiten auf die extrem hohe Arbeitsbelastung zurückzuführen sind.

Die Folgen der hohen Arbeitsbelastung und des Personalmangels aufgrund der ständigen Kürzungen bekommen neben den Beschäftigten vor allem die Altenheimbewohner zu spüren. Eine Studie des "Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen" belegte, dass die oft verwirrten Patienten in Altenheimen zu wenig zu essen und zu trinken bekämen, sie seien wund gelegen und würden aus Zeitmangel künstlich ernährt oder medikamentös ruhig gestellt. Mehr Personal würde Abhilfe schaffen - aber das koste Geld.

Der Leiter der Projektgruppe der außergewöhnlich brisanten Studie, Jürgen Brüggemann, berichtet u. a., dass vor allem pflegebedürftige Menschen in Heimen zu wenig Nahrung und zu wenig Flüssigkeit erhielten. Viele würden zu häufig künstlich mit einer Magensonde ernährt - nicht zuletzt aus Zeitersparnis. Die verabreichte Kalorienmenge sei zu gering, so dass 40 Prozent der so ernährten Menschen unterernährt gewesen seien. Die Folgen davon, so Brüggemann, seien eine dramatische Steigerung der Sterblichkeit, erhöhtes Sturz- und Frakturrisiko sowie schlechtere kognitive Leistungen.

Ein Fazit der Studie besteht darin, dass inzwischen selbst die sogenannte "Satt- und Sauberpflege", die rein körperliche Versorgung, vorenthalten wird. Von der emotionalen Zuwendung ganz zu schweigen. Ein weiteres Defizit in der Pflege bestünde darin, dass die Bedürftigen nicht zur Toilette geführt werden; sie erhalten einen Katheter oder eine Einlage, von denen manche mittlerweile fast vier Liter fassen, damit sie nicht so häufig gewechselt werden müssen. Druckgeschwüre bleiben unentdeckt, nicht selten werden die Pflegebedürftigen ihrer Freiheit beraubt, und sei es durch ein Gitterbett, aus dem sie nicht aufstehen können.

Wie skrupellos einige Heimleitungen ihren finanziellen Druck an die Pflegebedürftigen weiterleiten, zeigt ein Beispiel der letzten Woche aus Düsseldorf. Dort hatte die Leitung der gemeinnützigen Gesellschaft Pro Seniore veranlasst, dass eine 76-jährige bettlägerige Frau in der Kreisverwaltung Wittlich abgestellt worden ist, weil ausstehende Pflegekosten nicht beglichen wurden. Der örtliche Sozialhilfeträger sollte so zur Übernahme der Kosten gezwungen werden.

Das Geschacher um Geld wird auf dem Rücken einer alten Frau ausgetragen, die sich selbst nicht wehren kann. Der fürsorgliche Umgang mit pflegebedürftigen Menschen wird rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten untergeordnet.

So verwundert es nicht, dass eine weitere Studie herausfand, dass die meisten Altenpfleger im hohen Alter selbst nicht von "ihresgleichen" betreut werden möchten. Die Autorin der Studie, Christina Dymarczyk von der Universität Bonn, befragte 100 Pflegerinnen und Pfleger. Davon gaben 60 an, dass sie sich keinen Heimaufenthalt wünschen. Die Altenpflegerinnen und -pfleger kritisierten vor allem die zu kurz kommende psychosoziale Betreuung und die viel zu kurz kommende Zeit für Gespräche mit Heimbewohnern. Körperpflege, Essen und Trinken, also messbare Dinge "funktionieren" gerade eben, die Zuwendung dagegen, die auf den ersten Blick nicht erfasst werden könne, bleibe auf der Strecke.

Die Hauptursache dabei sei der Personalmangel. Die Autorin selbst fasste ihre Studie folgendermaßen zusammen: Der Umgang mit alten Menschen und die Verteilung des Geldes zeigt ein erschreckend geringes Maß an Wertschätzung - ganz nach dem Motto: "Wer nichts mehr leistet, ist nichts mehr wert."

Siehe auch:
Hitzetote in Frankreich: Pflegepersonal hat seit Jahren gewarnt
(6. September 2003)
Gesundheitsreform: Große Koalition gegen die Bevölkerung
( 8. August 2003)

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