Die Enthauptung von Paul Johnson und Kim Sun-il

Von Barry Grey
26. Juni 2004

Die Enthauptung zweier Geiseln innerhalb von fünf Tagen ist ein abscheuliches Verbrechen, das den zutiefst reaktionären Charakter aller islamistischen Terroristen unterstreicht, die al-Qaida nahe stehen. Die brutalen und unmenschlichen Methoden dieser Organisationen stehen nicht für einen Befreiungskampf, sondern für Provokationen.

Der Mord an dem amerikanischen Auftragnehmer Paul M. Johnson, der am 18. Juni in Saudi-Arabien verübt wurde, und jener an dem südkoreanischen Übersetzer Kim Sun-il im Irak am 22. Juni haben eines gemeinsam: Beide erfolgten nicht nur ohne jede Rücksicht auf die Familienangehörigen der Opfer, die vergeblich um Erbarmen flehten, sondern auch unter Missachtung der Millionen Menschen sowohl in den USA als auch in Südkorea, welche die militaristische Politik ihrer jeweiligen Regierung ablehnen und ein Ende der Unterdrückung und Gewalt herbeiwünschen, mit denen die Kriegsbande in Washington die Bevölkerung des Mittleren Ostens überzieht.

Die Tatsache, dass Johnson für das US-amerikanische Rüstungsunternehmen Lockheed Martin tätig war und Kampfhubschraubersysteme für die Saudi-Monarchie bearbeitete, und dass Kim Sun-il bei einer südkoreanischen Zulieferfirma für die US-Armee beschäftigt war, rechtfertigt in keiner Weise die Morde, ganz zu schweigen von ihrer Grausamkeit. In beiden Fällen behaupteten die Täter, es handele sich um Vergeltungsmaßnahmen gegen das amerikanische und das südkoreanische Volk als Ganzes, und unterschieden nicht zwischen der gewöhnlichen arbeitenden Bevölkerung und den sie unterdrückenden Regierungen.

Am selben Tag, an dem die Gruppe Jama'at al-Tawhid und Jihad, die von Abu Mussab al-Sarkawi geführt werden soll, den 33-jährigen Südkoreaner in Falludscha hinrichtete, demonstrierten die Landsleute des Opfers in ganz Südkorea gegen die Politik ihrer Regierung und forderten den Rückzug der südkoreanischen Truppen aus dem Irak.

Die Täter müssen gewusst haben, dass der grausame und willkürliche Mord an einem jungen Mann bei der Masse der einfachen Bevölkerung, die gegen den Irakkrieg und andere Verbrechen des US-Imperialismus eingestellt ist, nur Abscheu und Verwirrung hervorrufen konnte. Der Kampf gegen den Imperialismus ist eine internationale Aufgabe, und solche Taten, die die arbeitenden Menschen rund um die Welt abstoßen, stärken die Imperialisten.

Ebenso müssen sich die Täter darüber klar gewesen sein, dass die Bush-Regierung in einer tiefen Krise steckt - nach den Enthüllungen über die Folter seitens US-Soldaten, nach der Entlarvung aller Lügen, mit denen sie Unterstützung für den Krieg erzeugt hatte, und angesichts der wachsenden Zahl amerikanischer und irakischer Gefallener. Der Mord an Kim Sun-il erfolgte am selben Tag, an dem eine neue Umfrage der Washington Post veröffentlicht wurde, aus der hervorging, dass eine deutliche Mehrheit der Amerikaner den Krieg ablehnt und die Unterstützung für Bush weiter zurückgeht. Die Enthauptung des jungen Koreaners, der am Vortag im Fernsehen gezeigt wurde, wie er um sein Leben flehte, bot der Bush-Regierung eine äußerst willkommene Gelegenheit, sich als Verteidiger der "menschlichen Zivilisation" darzustellen.

Ort und Zeit der Tat unterstreichen, dass die Mörder Kim Sun-ils der Regierung Bush einen unmittelbaren politischen Dienst erwiesen. Sie fand in Falludscha statt, einem Zentrum des irakischen Widerstands gegen die amerikanische Besatzung. In den jüngsten Tagen hatten US-Bomben auf zivile Ziele dort 25 Iraker getötet. Washington rechtfertigte diese Angriffe als "Präzisionsschläge" gegen "Unterschlupfe" von Anhängern Sarkawis.

Die Gräueltat vom Dienstag, die im Namen von Sarkawis Organisation begangen wurde, bringt der Bush-Regierung einen doppelten Nutzen: Sie diskreditiert den irakischen Widerstand in den Augen der Weltöffentlichkeit und lenkt von dem brutalen Vorgehen des US-Militärs gegen die Bevölkerung von Falludscha ab.

Die Sarkawi-Gruppe verübt ihre Verbrechen vor dem Hintergrund einer echten Massenbewegung gegen die US-Besatzungstruppen im Irak. Sie sind kein Ausdruck dieser Widerstandsbewegung, sondern Provokationen, die deren Festigung und Ausdehnung hintertreiben.

Letzten Februar beispielsweise, als vieles darauf hindeutete, dass die schiitische Bevölkerungsmehrheit sich dem hauptsächlich von sunnitischen Muslimen getragenen bewaffneten Widerstand anschließen würde, kam ein angeblich von Sarkawi verfasster Brief an die Öffentlichkeit, in dem die Sunniten aufgerufen wurden, einen Bürgerkrieg gegen die Schiiten vom Zaun zu brechen. Der Bush-Regierung kam dieser Brief wie gerufen, um zu behaupten, dass nur die US-Besatzung den Ausbruch eines furchtbaren Bruderkriegs verhindern könne.

Einige Wochen später, am 2. März, wurden auf schiitische Moscheen in Karbala und Bagdad Selbstmordattentate verübt, bei denen Dutzende Gläubige ums Leben kamen. Washington gab unverzüglich dem "Sarkawi-Netzwerk" die Schuld.

Dann, Mitte Mai, gerade als der Skandal wegen Folter im Abu-Ghraib-Gefängnis über die Häupter von Bush, Rumsfeld, Cheney und Co. hereinbrach, lieferten maskierte Terroristen, die sich zu Sarkawi bekannten, der US-Regierung mit der Enthauptung von Nick Berg einen dringend benötigten Anlass für eine propagandistische Gegenoffensive. Dieser Mord fand unter höchst undurchsichtigen und nach wie vor ungeklärten Umständen statt, die auf eine Zusammenarbeit zwischen irgend einer Ebene der US-Behörden und den vorgeblichen oder echten Anhängern Sarkawis hindeuten. Berg war von Angehörigen der US-Besatzungsbehörden im Nordirak festgenommen und am 6. April wieder freigelassen worden. Anschließend begab er sich auf den Weg nach Bagdad und fiel nur 72 Stunden später seinen Entführern und Mördern in die Hände.

Auch die Methoden der Mörder Paul Johnsons, die sich al-Qaida der arabischen Halbinsel nennen, geben Aufschluss über die Weltsicht und Ziele dieser Organisation. Die Enthauptung des Lockheed-Mitarbeiters und die Veröffentlichung von Aufnahmen seines blutverschmierten Kopfes auf einer Website der Bewegung sollten alle Amerikaner einschüchtern, die für das Saudi-Regime und die dortigen Ölunternehmen arbeiten, und sie aus dem Land vertreiben. Die herrschenden Kräfte dieses Regimes sollen geschwächt werden. Doch mit welcher Perspektive?

Eine Analyse von Stratfor, ein Forschungsinstitut mit engen Verbindungen zu amerikanischen Militär- und Geheimdienstkreisen, beschrieb vor kurzem die rein bürgerliche Perspektive der saudi-arabischen Gruppen, die mit al-Qaida zusammenarbeiten. Unter dem Titel "Die strategischen Ziele der al-Qaida" hieß es, das Ziel dieser Gruppen bestehe darin, "Führer unter den Stammes-Scheichs, der Wirtschaftselite und hohen Militäroffizieren - und auch einigen Mitgliedern des saudischen Herrscherhauses - zu gewinnen, die mit al-Qaidas Weltsicht sympathisieren und bereit sind, ihr langfristiges Ziel zu unterstützen."

Weiter heißt es in dem Artikel: "Al-Qaida möchte keinen Einmarsch der USA oder anderen schwere politische Rückschläge provozieren, wie beispielsweise eine ausgewachsene Revolution oder eine Zersplitterung des Landes, die Riads politische Einflusssphäre beschränken würde. Wenn al-Qaida einen kooperativen Flügel oder eine Unterstützerbasis innerhalb der königlichen Familie finden kann, dann könnte das ‚Regime' - zumindest dem Namen nach - weiterbestehen, auch wenn sich Riads politische Orientierung verschiebt."

Es geht nicht nur um religiöse und politische, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Motive. Stratfor schreibt: "Die Vertreibung der Westler schafft außerdem Tausende von Stellen in der Energie- und Verteidigungsbranche, die nach den Hoffnungen der al-Qaida mit Saudis und anderen Muslimen besetzt würden, die ihrer Weltsicht zugeneigt sind."

Im Weiteren zitiert der Artikel eine vor kurzem aufgenommene Rede, die von Osama bin Laden stammen soll. Der Sprecher fordert die Einsetzung einer neuen politischen Führung anstelle der heutigen arabischen Regierungen - eine Führung, die aus "ehrlichen... Würdenträgern, bekannten Persönlichkeiten und Händlern" bestehen solle.

Es ist weder einem Zufall noch den besonderen Eigenarten der verantwortlichen Gruppen zuzuschreiben, dass die Enthauptung von Paul Johnson und Kim Sun-il dem Imperialismus in die Hände spielt und der Entwicklung einer politisch bewussten, internationalen Bewegung gegen den Krieg ebenso schadet wie der Befreiung des saudischen und irakischen Volkes. Lange historische Erfahrungen zeigen, dass die Methoden terroristischer Anschläge und exemplarischer Morde zum Erhalt eben der politischen Umstände beitragen, unter denen der amerikanische Imperialismus seine Gewalttaten gegen die Völker Zentralasiens und des Mittleren Ostens fortsetzen kann.

Außerdem können solche Organisationen aufgrund ihrer ureigensten Beschaffenheit von in- und ausländischen Geheimdiensten stark unterwandert werden. Es ist unmöglich festzustellen, wo bei solchen Gruppen die reaktionäre Politik aufhört und die direkte Provokation beginnt.

Al-Qaida und ähnliche Gruppen vertreten nicht die Interessen der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen, sondern die Bestrebungen und Ziele konkurrierender Fraktionen innerhalb der bürgerlichen herrschenden Eliten in der arabischen und muslimischen Welt. Deshalb begegnen sie der Entstehung einer revolutionären Massenbewegung gegen Imperialismus und Kapitalismus mit organischer Feindschaft.

Nachdem dies klargestellt wurde, muss noch einiges zur Reaktion der Bush-Regierung gesagt werden. Der US-Präsident nahm beide Morde zum Anlass, die Täter als "Barbaren" zu verurteilen und ihr Handeln als Rechtfertigung für seinen so genannten "Krieg gegen den Terrorismus" anzuführen, unter den auch die Besetzung des Irak fällt.

Während Bush diese scheinheiligen Äußerungen in die Welt setzt, kommen immer mehr Einzelheiten über die Foltermethoden der USA in Irak, Afghanistan und Guantanamo zum Vorschein, und nach und nach entsteht aus verschiedenen Medienberichten das Bild eines "amerikanischen Gulag" - um mit Al Gore zu sprechen - der aus geheimen Konzentrationslagern rund um die Welt besteht. Der selbst ernannte Hüter der "zivilisierten Welt" schweigt zu den Zehntausenden Irakern, die bei der Eroberung des Irak durch die USA ums Leben kamen.

Wie kommt es, dass der angebliche Verteidiger humaner Werte bei den unterdrückten Völkern des Mittleren und Nahen Ostens ein derartiges Maß an Empörung und Hass hervorruft, dass unzählige besitzlose und entrechtete Jugendliche für die Predigten von Osama bin Laden und seinesgleichen empfänglich werden? Dazu kann Bush nichts sagen.

Es gibt noch eine weitere wichtige Frage, zu der sich Bush und die US-Medien nicht äußern. Die barbarischen Methoden der Mörder von Paul Johnson, Kim Sun-il, Nick Berg, Daniel Pearl und anderen sind keine Erfindung der al-Qaida. Die Enthauptung von Kriminellen und politischen Gegnern wird von Washingtons langjährigem Verbündeten, der Saudi-Monarchie, bereits seit Jahrzehnten praktiziert. Wo blieben die empörten Aufschreie amerikanischer Politiker und Ölmagnaten, als die königliche Familie den US-Ölunternehmen lukrative Profite sicherte, indem sie ihren Gegnern Finger, Hände und Köpfe abschlagen ließ?

Darüber hinaus hat Bush während seiner Amtszeit als Gouverneur von Texas persönlich die Hinrichtung von mehr als einhundert Gefangenen verantwortet.

Man kann sich nur schwer ein verlogeneres und reaktionäreres Schauspiel vorstellen, als diesen Sadisten, der von den raubgierigsten Teilen der amerikanischen herrschenden Elite ins Amt gebracht wurde, in der Pose des Moralisten.

Siehe auch:
Die Umstände des Todes von Nick Berg - ebenso grauenhaft wie undurchsichtig
(15. Mai 2004)

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