Der Marxismus und die politische Ökonomie von Paul Sweezy

Teil 1: Frühe Einflüsse

Von Nick Beams
2. Juni 2004

Teil 1: Frühe Einflüsse
Teil 2: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung
Teil 3: Die Zusammenbruchstheorie
Teil 4: "Monopolkapital"

Dies ist der erste Teil einer Artikelserie von Nick Beams, einem Mitglied der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site , die sich mit dem Leben und dem Werk des radikalen politischen Ökonomen Paul Sweezy befasst. Der Gründer und Herausgeber der Monthly Review ist am 27 Februar 2004 in Larchmont, New York, gestorben. 

Mit dem 93-jährigen Paul Sweezy verstarb am 27. Februar eine der einflussreichsten Vertreter des amerikanischen Radikalismus. Sweezy führte zwar keine organisierte politische Tendenz, spielte aber dennoch eine bedeutende politische Rolle in den USA und international - sowohl mittels des Magazins Monthly Review, das er 1949 gründete, wie auch durch seine Schriften über marxistische politische Ökonomie und den amerikanischen Kapitalismus.

Wenn man Sweezys Leben und Werk untersucht, dann muss man das komplexe Wechselspiel zwischen seinen theoretischen Positionen und der Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Umfelds beachten, in dem er arbeitete. Sweezys Biographie kann meiner Ansicht nach nicht einfach unter dem Gesichtspunkt der Entfaltung seiner Ansichten über die marxistische politische Ökonomie und seiner, wie ich meine, nicht unbedeutenden Differenzen mit Marxens Analyse des Kapitalismus geschrieben werden. Sweezys theoretische Positionen waren selbst das Ergebnis einer bestimmten politischen Orientierung.

Es gibt keine "marxistische Ökonomie", die sich lediglich auf eine Analyse der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie beschränkt. Eine solche Analyse selbst kann nur durch eine Kritik der herrschenden bürgerlichen Theorien entwickelt werden - eine Kritik, die darauf ausgerichtet ist, die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse herzustellen. Getrennt davon wird die "marxistische" politische Ökonomie einfach zu einer "linken" Variante der herrschenden Ideologie.

Sweezys Hinwendung zum Marxismus, und insbesondere sein Studium der politischen Ökonomie, begann unter dem Eindruck der Großen Depression, die nicht nur die Weltwirtschaft ins Chaos stürzte, sondern auch alle Wirtschaftstheorien, die ein solches Ereignis für unmöglich erklärt hatten.

Politisch war das Jahrzehnt von der Konsolidierung der stalinistischen Herrschaft in der UdSSR und, nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933, dem Aufkommen der von den Stalinisten forcierten Volksfrontpolitik bestimmt, die eine Unterordnung der Arbeiterklasse unter sogenannte "demokratische" oder antifaschistische Teile der herrschenden Klasse bedeutete.

Sweezy nahm gegenüber diversen stalinistischen "Theoretikern" zu Recht eine kritische Haltung ein, die versuchten, den Marxismus in ein verknöchertes Dogma zu verwandeln. Später erinnerte er sich bitter an das Zögern von Freunden, sein 1942 veröffentlichtes Buch Theorie der kapitalistischen Entwicklung zu kommentieren, weil Moskau noch keine Position dazu bezogen hatte. Aber Sweezy vertiefte seine Kritik nie und seine politischen Ansichten waren stark von der Volksfrontpolitik des stalinistisch beeinflussten radikalen Milieus geprägt. Diese Orientierung spiegelte sich sowohl in seinen Schriften zur politischen Ökonomie wie auch in der Monthly Review wider.

Betrachtet man seinen Hintergrund, so war Sweezy nicht gerade der natürlichste Kandidat für die Stellung des "’Dekans’ der radikalen Ökonomen", wie das Wall Street Journal es ausdrückte, oder des "bekanntesten marxistischen Gelehrten" der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wie J.K. Galbraith ihn nannte.

Harvard, LSE und zweiter Weltkrieg

Paul Sweezy wurde am 10. April 1910 als Sohn von Everett B. Sweezy geboren, des Vizepräsidenten der First National Bank of New York (dem Vorgängerinstitut der Citibank). Er wurde an der Philips Exeter Acadamy, einem Neu-England Eliteinternat, und an der Harvard Universität ausgebildet, wo er Ökonomie studierte. Nach der Graduierung setzte Sweezy seine Ausbildung an der London School of Economics (LSE) fort, wo er von dem LSE Professor für politische Wissenschaften und führenden britischen Intellektuellen Harold Laski beeinflusst wurde. Er entwickelte sich zu einem, in seinen eigenen Worten, "überzeugten, aber sehr unwissenden, Marxisten".

Radikalisiert durch die Erfahrung der Großen Depression und die Machtergreifung Hitlers in Deutschland, erinnerte sich Sweezy später an einen weiteren Einfluss auf seine frühe Entwicklung. 1979 benannte er auf die Frage, welche Autoren seinen Schreibstil am meisten beeinflusst hätten, Mark Twain, Ernest Hemingway und Edgar Snow, und fügte dann hinzu: "Noch einer ist zu nennen: Trotzki, dessen Geschichte der Russischen Revolution [die gerade übersetzt worden war]... eine wichtige Rolle bei der Verwandlung eines sehr bürgerlichen Studenten im ersten Semester in einen Marxisten spielte (meine Bewunderung für Trotzki als Schriftsteller ließ mich aber nie politisch zu einem Trotzkisten werden)." [1]

Nach der Rückkehr nach Harvard im Jahre 1933 begann Sweezy mit seiner Doktorarbeit zum Thema des Kohlekartells zur Zeit der industriellen Revolution. Er war einer der brillantesten jungen Intellektuellen im Institut und entwickelte eine enge persönliche Beziehung zu dem österreichischen Ökonomen Josef Schumpeter, der ein Lehramt an der angesehenen Universität übernommen hatte. Schumpeter war, wie Sweezy später anmerkte, eine einzigartige Persönlichkeit unter den Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Gerade weil er die intellektuelle Bedeutung von Marx verstand, war sein "eigener Versuch einer umfassenden Theorie des Kapitalismus bewusst als Alternative zum Marxismus angelegt". [2]

1938 trat Sweezy in den Lehrkörper des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts von Harvard ein und wurde Mitbegründer der dortigen Lehrergewerkschaft. In den 1930er Jahren war er Mitglied des Bundes gegen Faschismus und Krieg und verschiedener Volksfrontorganisationen. Er war zwar nie Mitglied der Kommunistischen Partei, erinnerte sich aber später, dass er es ohne weiteres hätte gewesen sein können, woraus zu schließen ist, dass er keine großen Differenzen mit ihrer politischen Orientierung hatte.

Aber welche Haltung nahm Sweezy gegenüber der trotzkistischen Bewegung ein, angesichts der Wirkung der Geschichte der Russischen Revolution auf seine eigene Entwicklung? Sweezys Gleichgültigkeit, wenn nicht offene Feindschaft gegenüber Trotzkis politischer Analyse - der Entlarvung des Stalinismus und der stalinistischen Volksfrontpolitik - drückte die verbreitete Haltung einer Schicht radikaler Intellektueller in den USA aus. Sie unterstützten die russische Revolution, waren sogar von ihr inspiriert und bewegt. Aber insoweit sie die Revolution als ein rein nationales russisches Ereignis verstanden - und nicht als den Auftakt der sozialistischen Weltrevolution - lehnten sie den Kern von Trotzkis Politik ab: seine internationalistische Haltung und seinen unnachgiebigen Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse. Diese standen ihrer Orientierung auf die liberale Bourgeoisie und die Roosevelt-Regierung entgegen.

1942 verließ Sweezy Harvard, nachdem die USA im Dezember 1941 in den zweiten Weltkrieg eingetreten waren, und trat in die Armee ein. Wie andere Intellektuelle auch landete er im Büro für strategische Dienste (OSS) und wurde 1943 nach London entsandt, wo er die Wirtschaftspolitik Großbritanniens verfolgen sollte. Noch während der Krieg im vollen Gange war, entwickelte die Roosevelt-Regierung Pläne für die ökonomische Entwicklung in der Zeit nach dem Krieg; dazu gehörte die Auflösung des britischen Empires und seines internen Systems von Protektionismus und Präferenzen.

Als Sweezy Harvard verließ, standen noch zwei Jahre seines Fünfjahresvertrags als Assistenzprofessor aus. Während des Kriegs wurde eine feste Stelle frei und Sweezy war einer der beiden Kandidaten in der Endausscheidung. Trotz starker Unterstützung durch Schumpeter erhielt er die Stelle nicht. Als er 1945 zurückkam, erfuhr er von seinen Freunden, dass "er keine Chance habe, im Institut eine feste Stelle zu bekommen" und dass "es keine Chance gab, dass sie je einen Marxisten nehmen würden". [3]

Da er keine eine feste Stelle erhalten konnte, entschloss sich Sweezy, die restlichen zwei Jahre seines Lehrvertrages nicht mehr wahrzunehmen. Er konnte mit dem Geld über die Runden kommen, dass ihm sein Vater hinterlassen hatte.

Der Wallace-Wahlkampf

1948 engagierte sich Sweezy stark im Präsidentschaftswahlkampf von Henry Wallace. Wallace, der Vizepräsident unter Roosevelt gewesen war, wurde 1946 aus der Truman-Regierung als Handelsminister entlassen, weil er der Sowjetunion zu sehr entgegengekommen war. Wallace nahm an der Wahl von 1948 als Führer der Progressiven Partei teil und versprach, die Politik Roosevelts fortzusetzen, weiter mit der Sowjetunion zu verhandeln, Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen und einen sogenannten "progressiven Kapitalismus" zu entwickeln.

In der schärfer werdenden Atmosphäre des Kalten Kriegs geriet Wallace’s Wahlkampf zu einem Flop. Sweezy und der radikale Journalist Leo Huberman waren der Auffassung, dass die Bewegung von Wallace eine sozialistische Alternative hätte propagieren sollen. Sie kamen zum Schluss, dass eine Zeitschrift gebraucht werde, die die Situation von einem solchen Standpunkt aus analysiert. Sweezys Kritik, die Kampagne von Wallace sei nicht sozialistisch, zielte nicht auf die Entwicklung eines auf die Arbeiterklasse gestützten politischen Kampfs. Vielmehr strebte er danach, das intellektuelle und politische Milieu der Volksfrontperiode und des zweiten Weltkriegs zu retten - New Deal Reformen im Inland und eine prosowjetische Orientierung in der Außenpolitik.

Die Chance für eine entsprechende Publikation ergab sich 1949, als ein Freund von Sweezy aus Harvard, der Literaturwissenschaftler F.O. Mathiessen, eine Erbschaft machte. Mathiessen bot Huberman und Sweezy an, ihnen für die nächsten drei Jahre je 5.000 Dollar für die Herausgabe des geplanten Magazins zur Verfügung zu stellen. Im Mai 1949 kam die erste Ausgabe der Monthly Review mit einem Artikel von Albert Einstein heraus. Titel des Artikels: "Warum Sozialismus?"

Aber in der Nachkriegszeit änderte sich das politische Klima dramatisch, als breite Teile des liberalen Milieus ebenso wie die Gewerkschaftsbürokratie den kalten Krieg und die damit einhergehenden antikommunistische hetze zu unterstützen begannen. Huberman und Sweezy wurden beide angegriffen. Huberman wurde 1953 vor das Senatskomitee von Senator McCarthy geladen.

Sweezy wurde 1954 im Rahmen der Untersuchung "subversiver Aktivitäten" zwei Mal vom Justizminister von New Hampshire unter Strafandrohung vorgeladen. Die Verfahren gegen Sweezy drehten sich um den Wahlkampf von Wallace, den Sweezy in New Hampshire geleitet hatte, um den Inhalt einer Vorlesung, die er gehalten hatte, und darum, ob er an den Kommunismus glaubte, oder nicht. Sweezy verweigerte unter Berufung auf den ersten Verfassungszusatz der amerikanischen Verfassung, der die Redefreiheit garantiert, die Aussage und wurde wegen Missachtung des Gerichts eingesperrt. Nachdem er auf Kaution freigelassen worden war, kam sein Fall vor den Obersten Gerichtshof, wo seine Verurteilung 1957 aufgehoben wurde - ein Zeichen dafür, dass die McCarthy Ära zu Ende ging.

Anmerkungen:

1) zitiert nach John Bellamy Foster Memorial Service für Paul Marlor Sweezy, Manthly Review, März 2004.

2) Interview mit Paul Sweezy von Sungar Savran und E. Ahmet Tonak, veröffentlicht in Monthly Review, April 1987

3) ibid.

 

Siehe auch:

The Political Economy of 'New Labor'
[27. Juni 1998]

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