Wie Arbeiter bei DaimlerChrysler in Sindelfingen den Abschluss sehen

Von Ludwig Niethammer
5. August 2004

Ein Reporterteam der wsws sprach am vergangenen Freitag mit Arbeitern des DaimlerChrysler-Werks in Sindelfingen über die eine Woche zuvor vereinbarten Sparmaßnahmen.

Der Betriebsrat und die IG-Metall hatten am 23. Juli vor den maßlosen Forderungen des Vorstands kapituliert und sich bereit erklärt, Personalkosten in Höhe von 500 Millionen Euro jährlich einzusparen. Das ist exakt die Summe, die der Vorstand von Anfang an gefordert hatte. Als Gegenleistung, behaupteten IG Metall und Betriebsrat, habe sich der Konzern auf eine Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2012 verpflichtet. Der Wert dieser Arbeitsplatzgarantie steht allerdings in den Sternen.

Dem Abschluss war ein mehrwöchiger Konflikt vorausgegangen, in dessen Verlauf Zehntausende Beschäftigte die Arbeit niedergelegt und protestiert hatten. Doch die Trillerpfeifen-Proteste dienten aus Sicht der Gewerkschaft lediglich als Begleitmusik zur absehbaren Kapitulation und nicht als ernsthafte Kampfmaßnahmen. Nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte ist es einem großen Konzern gelungen, in so kurzer Zeit derart umfangreiche Angriffe gegen die Belegschaft durchzusetzen.

Und DaimlerChrysler ist nicht irgendwer, sondern einer der mächtigsten international operierender Konzerne. Er zählt 362.000 Beschäftigte und hat einen Jahresumsatz von 136 Mrd. Euro. Allein die Mercedes-Tochter erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 3,1 Milliarden Euro. Für die IG Metall diente er lange Zeit als Tariflokomotive. Wegen des hohen Organisationsgrads und der Motivation der Belegschaft wurde Baden-Württemberg, wo die meisten Mercedes-Werke liegen, regelmäßig als Pilotbezirk ausgewählt, dessen Tarifergebnis dann auf die anderen Bezirke übertragen wurde. Nun haben auch die Lohnsenkungen bei DaimlerChrysler Pilotfunktion. Zahlreiche andere Großkonzerne - darunter VW und MAN - haben bereits ähnliche Zugeständnisse gefordert.

Der Abschluss bei DaimlerChrysler wurde nicht nur vom Arbeitgeberlager und den Medien, sondern auch von allen politischen Parteien und der Bundesregierung begrüßt. Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte das Ergebnis einen "Sieg der Vernunft", der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber ein "Zukunftssignal für Deutschland".

Die überwiegende Mehrzahl der Arbeiter, mit denen die wsws sprach, schätzten das Ergebnis auffallend nüchtern ein. Inhaltlich lehnten sie den Abschluss zwar ab, und viele brachten ihren Ärger über den Betriebsrat und die IG Metall zum Ausdruck. Aber gleichzeitig war den meisten klar, dass mit Protest und betrieblichem Druck die Erpressung des Vorstands nicht zurückgewiesen werden kann.

Zusammenfassend kann man die Stimmung unter den Arbeitern etwa so beschreiben: ‚Wir wissen, dass wir erpresst wurden und dass uns Betriebsrat und Gewerkschaft übel mitgespielt haben. Aber was hätten wir entgegen setzen können, wenn DaimlerChrysler ernst gemacht, die Produktion verlagert und 6000 Arbeitsplätze abgebaut hätte?'

Gerd W. (61), der seit 28 Jahre bei Daimler arbeitet, sagte:

"Ich bin der Meinung, dass Betriebsrat und Vorstand alles vorab ausgehandelt und uns ein Theaterstück aufgeführt haben. Nach dem Abschluss herrschte eine sehr ruhige und bedrückte Stimmung im Betrieb.

Auf die zugesicherte Arbeitsplatzgarantie bis 2012 kann man sich doch nicht verlassen. Der Tarifvertrag vom letzten Herbst, der für die nächsten zwei Jahre alles festschrieb, ist doch jetzt schon Makulatur. Warum sollen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten jetzt auf einmal Arbeitsplätze acht Jahre lang gesichert sein? Das glaubt doch keiner!

Wo soll das hinführen, wenn die Löhne immer weiter gesenkt werden? Was soll das für eine Gesellschaft werden, wenn alles Geld auf den Banken rum liegt und wenige den ganzen Reichtum besitzen, Arbeiter aber immer weniger in der Tasche haben?"

Markus, Auszubildender, verwies im Gespräch mit der wsws auf die hohen Gewinne, die Mercedes im letzten Jahr gemacht hatte. Er lehne Einsparungen auf Kosten der Beschäftigten daher ab:

"Bisher haben sie uns nicht einmal offen gelegt, wo überall eingespart werden soll, um die 500 Millionen Euro zu erreichen. Das ist bestimmt erst der Anfang. Jetzt werden sie jedes Jahr noch mehr Einsparungen verlangen, der Vorstand und die Aktionäre werden immer mehr wollen."

Stefan K., 23 Jahre alt, meinte:

"Die hätten die Arbeiter wenigsten befragen können, ob sie mit diesem Ergebnis einverstanden sind. Wir hätten vielleicht nicht alles verhindern, aber zumindest für ein besseres Ergebnis streiken können. Die meisten, die ich kenne, sind mit dem Abschluss nicht einverstanden. Von der Arbeitspatzgarantie halte ich gar nichts. Wenn die die Leute rausschmeißen wollen, dann werden sie es auch tun."

Marcel, 20 Jahre, Auszubildender im 3. Lehrjahr meinte zur Vereinbarung:

"Das stand doch alles vorher schon fest. Die meisten wollten dagegen streiken, aber das war nicht vorgesehen. Wir Lehrlinge sollen jetzt nach unserer Ausbildung in einen Pool kommen. Wir werden dann in den verschiedenen Werken hin und her verschoben."

Ali B. (46 Jahre) ist seit 25 Jahre bei Daimler. Er sagte gegenüber der wsws:

"Die möchten am liebsten Roboter, keine Menschen, die soziale Rechte haben. Ich glaube nicht an sichere Arbeitsplätze die nächsten Jahre, der Weltwirtschaft geht es doch immer schlechter und in allen Ländern bauen sie die Arbeitsplätze ab und greifen die Arbeiter an."

Siehe auch:
Vorstand erpresst DaimlerChrysler-Arbeiter
(16. Juli 2004)
Einige Lehren aus Detroit
( 23. Juli 2004)
DaimlerChrysler: Uneingeschränkte Kapitulation von IG Metall und Betriebsrat
( 27. Juli 2004)

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