Protest gegen Hartz IV: Die Meinung von Betroffenen

Von Marius Heuser
11. August 2004

Ein Reporterteam der World Socialist Web Site sprach am 9. August in Magdeburg mit Teilnehmern der Demonstration gegen Hartz IV.

Jürgen B., arbeitsloser Installateur

Die Hartz-Reform ist unausgewogen und unvollständig, so dass ich damit nicht einverstanden sein kann. Ich bin jetzt 62 Jahre alt und werde praktisch in die Rente getrieben, obwohl ich bis 65 warten muss, um Rentenzahlungen zu erhalten. Ich werde jetzt mit Sozialhilfeempfängern, die noch nie gearbeitet haben, in einen Topf geschmissen. Ich habe 46 Arbeitsjahre hinter mir. Davon 20 in drei Schichten. Ich bin immer an der Basis gewesen. Das ist schon haarig, was die hier machen.

Wie sehen Sie heute die Ereignisse von 1989?

Ich bin damals zur Montagsdemo gegangen und heute gehe ich wieder, obwohl man die politischen Ereignisse nicht ganz vergleichen kann. Aber das Volk macht sich da Luft. Seither hat sich vieles verbessert, aber mit der Arbeit hat es sich verschlechtert. Dass hier so viel kaputt gegangen ist und wahrscheinlich auch viel kaputt gemacht wurde, konnte man nicht vorhersehen.

Würde eine andere Parteien oder die PDS etwas verändern?

Wenn Lafontaine eine Partei gründen würde, würde ich sie sogar unterstützen. Von der PDS halte ich nicht viel. Eine neue Linkspartei, ob jetzt von Lafontaine, Attac oder jemand anderem, würde ich schon unterstützen, aber mit der PDS und der SED haben wir doch genug schlechte Erfahrungen gemacht.

Was würden Sie von einer Lafontaine-Partei erwarten? Die wirtschaftlichen Bedingungen würden sich ja nicht verändern.

Ich würde das nicht nur von einer Lafontaine-Partei, sondern von jeder Partei, die sozial gerechter vorgeht erwarten. Ich kann nicht nachvollziehen, dass westdeutsche Beamte hierher kommen und 500€ Verpflegungsgeld erhalten, während die Hartz IV Empfänger mit 331€ hinkommen sollen und sich davon noch kleiden müssen. Das geht nicht. Das ist derart sozial ungerecht.

Dann würde ich die Vermögenssteuer einführen. Außerdem würde ich die Vermögenden verpflichten, hier Steuern zu zahlen, auch wenn sie im Ausland leben. Dann möchte ich auch, dass Steuerhinterzieher und Politiker, die ein ebenso korruptes Volk sind, genauso behandelt werden, wie jetzt die ALG 2 Empfänger. Dass die nackig gemacht werden, ihre Konten offen legen müssen, wie wir auch. Dann fände ich das alles gerechter. Das hat vielleicht nicht mit linken Denkweisen, sondern mit meinem Gerechtigkeitssinn zu tun.

Was denken Sie, warum Oskar Lafontaine zurückgetreten ist?

Wegen politischer Auseinandersetzungen. Der Schröder ist doch mindestens so rechts, wie die CDU. Der hat ja mit der SPD nichts mehr zu tun. Und die paar Linken, die da noch drin sind und für soziale Gerechtigkeit kämpfen, die werden niedergemacht. Die werden doch gar nicht gehört. Wenn die Nahles was sagt, regen sich doch gleich alle auf.

Monika Troitsch, arbeitslose Verwaltungsangestellte

Hier wird grundlegend gegen Menschenrechte verstoßen. Es gibt fähige Leute, die sich auch weiter qualifiziert haben, die jetzt vor dem Aus stehen. Ich habe einen Single-Haushalt mit zwei studierenden Kindern. Ich weiß nicht, wie ich es als Single-Frau es schaffen soll, meine Kinder nächstes Jahr zu ernähren.

Sie sind also persönlich betroffen?

Ja, ich bin seit 89 durch Ehescheidung arbeitslos. Du kommst hier nicht mehr rein, weil die ganzen Seilschaften von früher das Zepter in der Hand halten. Leute, die damit nichts zu tun hatten, kommen gar nicht mehr rein in den Arbeitsmarkt. Das machen wir jetzt schon seit 89 mit. Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen. Wir sind machtlos. Damals haben wir demonstriert, damit es besser wird. Aber heute sind wieder dieselben Leute an der Spitze.

Wie sehen sie 1989 rückblickend?

Es ist für uns Demokraten nichts erreicht worden. Es sind heute die Leute drin, die die Diktatur damals verherrlicht haben, und die Leute, die aktiv waren und für eine bessere Zukunft gekämpft haben, sind platt gemacht worden, weil überall in den Ämtern die Seilschaften sitzen. Wir haben uns schon an alle möglichen Stellen gewandt, sogar an die Frau Merkel. Da haben wir eine ganz beschissene Antwort bekommen. Sie wisse um die Dinge, könne aber nichts machen. Im Raum Schwerin ist das das Gleiche.

Also würden Sie auch von der PDS nichts erwarten?

Nein, ich erhoffe mir von keiner Partei mehr etwas. Der ganze Karren ist verfahren, durch Herrn Kohl, der uns ja sonst was versprochen hat. Alles ist platt gemacht. Auch Betriebe, die sehr gut waren, sogar Konkurrenz für den Westen darstellten. Die Leute sind jetzt alle arbeitslos, weil nichts mehr da ist. Unsere Kinder studieren im Westen, die wollen gar nichts mehr mit diesem Land zu tun haben. Die haben förmlich abgebrochen.

Was haben Sie gearbeitet?

Ich war im Verwaltungsbereich tätig. Ich habe richtiggehend Berufsverbot bekommen. Nun habe ich versucht, mich rehabilitieren zu lassen, finde diesbezüglich aber keine offenen Ohren. Ich komme nicht mehr rein, weil die Leute von damals an der Spitze sitzen. Mein ehemaliger Chef sitzt fest im Sattel und lässt mich nicht mehr rein. Das ist verheerend, was hier passiert. Das weiß kein Westdeutscher. Damit befasst sich niemand. Die ganze Geschichte wird nicht aufgearbeitet.

Wie glauben Sie wird sich das weiterentwickeln?

Ich hoffe, dass das Volk endlich mal gehört wird. Hartz IV darf nicht durchkommen, weil es wirklich viele Single-Haushalte hier betrifft. Wir wissen gar nicht mehr, wie wir die Zukunft noch absichern sollen. Wir können es einfach nicht mehr. Du musst für zwei Euro alles machen. Ich war schon überall tätig, z.B. im Altersheim. Bloß um raus zu kommen, um aufatmen zu können. Ich gehe kaputt zu Hause, bekomme langsam Depressionen. Aber wir kriegen einfach keinen Job, weil wir ein Kreuz in der Akte haben. Wir haben uns schon in den Westen gewannt, aber keiner hilft. Wir fühlen uns vollkommen allein gelassen. Ich würde auch keine Partei mehr wählen. Es müssen jetzt richtige Intelligenzler an die Macht, die Wirtschaft- und Sozialpolitik beherrschen und nicht nur unsere Rechtsanwälte, die wir jetzt haben, die von nichts Ahnung haben.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, dass Leute heute in jedem Land vor der gleichen Situation stehen?

Das wissen wir. Das kann man jetzt wirklich nur mit der Macht der ganzen Leute machen. Das Volk muss wieder aufstehen, sonst wird's nichts. Darum sind wir ja heute auf der Straße. Es sehen wieder so viele nur zu, als ob es sie nicht betrifft, aber es betrifft ja tatsächlich alle nächstes Jahr. Die Tarife werden platt gemacht, Kündigungsschutz fällt weg. Es sind ja verschiedene Aspekte, die da greifen werden.

Im Western ist das doch aber auch nicht prinzipiell anders

Die Ämter arbeiten aber effizienter. Die machen da wirklich noch was für Dich. Vor allem für Qualifizierte.

Sebastian Jannack, Realschüler

Ich glaube nicht, dass die Demonstration etwas bringt. Von der Schröder-Regierung halte ich nichts. Es gibt auch keine Partei, die etwas ändern würde. Eine Lösung für die Probleme sehe ich aber auch nicht. Hartz IV muss auf jeden Fall weg.

Dietmar Fröhlich, 49 Jahre, Restaurateur

Herr Fröhlich arbeitete bis 1987 als Restauratuer in einer staatlichen Firma und ist seitdem freiberuflich in diesem Bereich tätig. In den letzten Jahren erhielt er keinen Job und kaum noch Aufträge, deshalb musste er vor zweieinhalb Jahren Sozialhilfe beantragen. Seine Wohnung, in der er sich einen Arbeitsraum eingerichtet hatte, musste er daraufhin aufgeben. Er bekam eine kleine Sozialwohnung zugewiesen, in der es ihm verboten wurde, gewerblich tätig zu sein. "Für einen Restauratuer kommt das einem Berufsverbot gleich." Er sieht deshalb keine Möglichkeit mehr, aus der Sozialhilfe heraus zu kommen. "Die ganze Gesellschaft muss umstrukturiert werden, so dass wieder genug Arbeit da ist. Von den existierenden Parteien ist dazu keine bereit."

Siehe auch:
Zehntausende protestieren gegen Hartz IV
(11. August 2004)

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