Livio Maitan, 1923-2004 - eine kritische Würdigung

Teil 1: Als "Trotzkist" in der Kommunistischen Partei

Von Peter Schwarz
21. Oktober 2004

Am 16. September starb in Rom im Alter von 81 Jahren Livio Maitan. Er war - neben Michel Pablo (1911-1996), Ernest Mandel (1923-1995) und Pierre Frank (1906-1984) - der bekannteste Vertreter des Vereinigten Sekretariats, dessen Führung er 53 Jahre lang angehörte und dessen politische Linie er maßgeblich mit ausarbeitete.

Der Autor dieser Zeilen gehört dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale an, das 1953 gegründet wurde, um den orthodoxen Trotzkismus gegen die Revisionen zu verteidigen, die Pablo ins Programm der Vierte Internationale einführte. Seither war das Internationale Komitee in allen wichtigen politischen Fragen ein entschiedener Gegner der Tendenz von Pablo, Mandel und Maitan, aus der das Vereinigte Sekretariat hervorging. Der Tod des letzten namhaften Führers des Vereinigten Sekretariats, der die Spaltung von 1953 noch persönlich miterlebte, gibt Anlass, eine politische Bilanz zu ziehen. Dabei geht es nicht darum, die persönliche Integrität Maitans oder seine sozialistischen Überzeugungen in Frage zu stellen. Es geht darum, Lehren aus historischen Erfahrungen zu ziehen, die für die Orientierung in der heutigen Situation unverzichtbar sind.

Maitans Leben zeigt exemplarisch, wo die politischen Konzeptionen hinführen, die das Vereinigte Sekretariat über ein halbes Jahrhundert verteidigt hat. Im Mittelpunkt dieser Konzeptionen stand die Auffassung, dass die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft nicht das Ergebnis einer unabhängigen politischen Bewegung der internationalen Arbeiterklasse sei, die sich ihrer historischen Aufgaben bewusst wird, sondern dass sie mittels anderer gesellschaftlicher und politischer Kräfte erfolgen könne, die sich unter dem Druck objektiver Kräfte nach links bewegen. Die Pablisten vertraten die Ansicht, dass "stumpfe Instrumente", die sich nicht auf die Arbeiterklasse stützen - stalinistische Parteien, maoistische Bauernarmeen, kleinbürgerliche Guerillas - unter dem Druck objektiver Ereignisse in revolutionäre Richtung gehen und den Weg zum Sozialismus bahnen können. Diese Konzeption führte geradewegs zur Liquidation der Vierten Internationale oder - soweit das Vereinigte Sekretariat formal an einer Organisation dieses Namens festhielt - zu einer völligen Neubestimmung ihrer politischen Aufgaben.

Die Vierte Internationale war 1938 auf Initiative Leo Trotzkis gegründet worden, weil nur so die Kontinuität des Marxismus gewahrt und die Arbeiterklasse auf zukünftige Klassenkämpfe vorbereitet werden konnte. Die stalinistische Bürokratie und die von ihr dominierte Dritte Internationale waren in den dreißiger Jahren endgültig ins Lager der Konterrevolution übergegangen. In der Sowjetunion war die Verteidigung der Privilegien der Bürokratie und die Unterdrückung der Arbeiterdemokratie zum wichtigsten Hindernis für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung geworden; auf internationaler Ebene behandelte der Kreml die kommunistischen Bruderparteien als Manövriermaße für seine diplomatischen Winkelzüge mit den imperialistischen Mächten, was 1933 in Deutschland und 1938 in Spanien verheerende Niederlagen zur Folge hatte.

Trotzki verlor auch während der schlimmsten Niederlagen niemals die Überzeugung, dass die objektiven Widersprüche der kapitalistischen Ordnung wieder in gewaltige Klassenkämpfe münden würden. Die Gründung der Vierten Internationale war nötig, um diese Kämpfe vorzubereiten. Sie mochte zahlenmäßig klein sein, verkörperte aber die Lehren und Erfahrungen aus Jahrzehnten intensiver Klassenkämpfe. Eine Rückkehr der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien zu einem revolutionären Kurs schloss Trotzki dagegen definitiv aus. Auch wenn sich noch viele Arbeiter unter ihrem Einfluss befanden, waren sie zum Werkzeug anderer sozialer Interessen und Kräfte geworden.

Die meisten Prognosen und Standpunkte, die das Vereinigte Sekretariat seit 1953 vertreten hat, können heute einer abschließenden Beurteilung unterzogen werden. Nicht eine der politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die es als neue revolutionäre Vorhut und als Ersatz für eine unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse anpries, haben die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt.

Pablos Voraussage, der Stalinismus werde unter dem Druck der Massen eine revolutionäre Rolle spielen und der Weg zum Sozialismus werde durch ein langes Stadium deformierter Arbeiterstaaten verlaufen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa entstanden waren, ist durch den Zusammenbruch dieser Staaten und der Sowjetunion wiederlegt worden. Die stalinistische Bürokratie hat sich, wie es Trotzki voraussagte, als Totengräberin der Errungenschaften der Oktoberrevolution erwiesen und selbst die Initiative zu deren Beseitigung ergriffen.

Maos Bauernarmeen, von den Pablisten als Vorbild für die Dritte Welt und als unbewusste Vollstrecker von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution verherrlicht, haben nicht einer sozialistischen Zukunft den Weg bereitet, sondern einer brutalen Form des Kapitalismus. Maos Erben überwachen heute die Ausbeutung der chinesischen Abeiterklasse durch transnationale Konzerne zu Löhnen und Bedingungen, die schlimmer sind als irgendwo sonst auf der Welt.

Und nicht eine der vom Vereinigten Sekretariat idealisierten nationalen Befreiungsbewegungen, die sich dem "bewaffneten Kampf" verschrieben hatten, hat eine wirkliche Unabhängigkeit vom Imperialismus erreicht. Sie alle haben in negativer Weise Trotzkis Voraussage bestätigt, dass in den Ländern mit einer verspäteten bürgerlichen Entwicklung "die volle und wirkliche Lösung ihrer demokratischen Aufgaben und des Problems ihrer nationalen Befreiung nur denkbar ist mittels der Diktatur des Proletariats als des Führers der unterdrückten Nation und vor allem ihrer Bauernmassen". (1)

Die politischen Konzeptionen des Vereinigten Sekretariats waren aber nicht nur irrig, sie trugen maßgeblich zur Fehlorientierung von Jugendlichen und Arbeitern bei, die in den großen sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre nach einer Alternative zum Kapitalismus suchten.

Als sich die Hoffungen, die das Vereinigte Sekretariat auf den Stalinismus und den kleinbürgerlichen Nationalismus setzte, schließlich als illusorisch erwiesen, rückte es weiter nach rechts in den Dunstkreis des bürgerlichen Staates. Es ist bezeichnend, dass Maitan die letzten 13 Jahre seines politischen Lebens in den Reihen einer Partei verbrachte, die den Mitte-Links-Regierungen unter Romano Prodi und Massimo D’Alema als parlamentarische Stütze diente. Von 1991 bis 2001 saß er im Vorstand von Rifondazione Comunista, einer Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei. Und bei seinem letzten internationalen Auftritt auf dem 15. Weltkongress des Vereinigten Sekretariats im Februar 2003 beglückwünschte er ein brasilianisches Mitglied des Vereinigten Sekretariats, das der bürgerlichen Regierung von Präsident Inácio "Lula" da Silva als Minister angehört.

Maitans Beitritt zur Vierten Internationale

Livio Maitan wurde 1923, ein halbes Jahr nach der Machtübernahme Mussolinis, in Venedig geboren. Er wuchs im faschistischen Italien auf und legte an der Universität Padua ein Diplom in klassischer Literatur ab. In den letzten Kriegsjahren schloss er sich dem sozialistischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung an und musste schließlich in die Schweiz fliehen, wo er das Kriegsende in einem Internierungslager erlebte. Danach war er als Organisator der sozialistischen Jugendorganisation tätig. 1947 traf er anlässlich eines sozialistischen Kongresses in Paris Ernest Mandel und schloss sich der Vierten Internationale an.

Es war die Zeit, in der Teile ihrer Führung Trotzkis Auffassungen in Frage stellten. Als Maitan 1951 ins Leitungsgremium der Vierten Internationale einzog, hatte Pablo, ihr damaliger Sekretär, die revisionistischen Standpunkte weitgehend ausformuliert, die zwei Jahre später zur Spaltung der trotzkistischen Weltpartei führen sollten. In diesem Jahr erschien Pablos Schrift "Wohin gehen wir?". Darin heißt es, die gesellschaftliche Wirklichkeit "besteht im wesentlichen aus der kapitalistischen Herrschaft und der stalinistischen Welt" und "die überwältigende Mehrheit der antikapitalistischen Kräfte befindet sich zur Zeit unter der Führung oder dem Einfluss der sowjetischen Bürokratie." (2)

Diese Auffassung, die unter dem Eindruck des beginnenden Kalten Kriegs formuliert wurde, ignorierte die Arbeiterklasse und ersetzte den in beiden Lagern tobenden Klassenkampf durch den Konflikt zwischen Sowjetunion und US-Imperialismus. Pablo war der Ansicht, die sozialistische Revolution werde in Form eines Kriegs zwischen den USA und der Sowjetunion beginnen, in dem die sowjetische Bürokratie an der Spitze der "antikapitalistischen Kräfte" eine fortschrittliche Rolle spielen würde. Der Vierten Internationale blieb unter diesen Bedingungen nichts weiter übrig, als der Eintritt in die stalinistischen Parteien - "die Integration in die wirkliche Massenbewegung", wie Pablo es nannte.

1953 veröffentlichte die amerikanische Socialist Workers Party einen Offenen Brief, der die Standpunkte Pablos entschieden zurückwies und zur Gründung des Internationalen Komitees aufrief, dem sich neben anderen auch die britische und die Mehrheit der französischen Sektion anschlossen.

Maitan stellte sich in diesem Konflikt auf die Seite Pablos, Mandels und Franks, des Führers der französischen Minderheit, und blieb bis zu seinem Lebensende aktives Führungsmitglied des Vereinigten Sekretariats. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher - über Antonio Gramsci, Leo Trotzki, die italienische Kommunistische Partei, die chinesische Revolution, die chinesische Kulturrevolution und das Ende der Sowjetunion - von denen allerdings nur wenige in andere Sprachen übersetzt wurden. Er schrieb auch regelmäßig für die Publikationen des Vereinigten Sekretariats und machte sich als Übersetzer von Trotzkis Werken ins Italienische einen Namen.

In Italien prägte Maitan ein halbes Jahrhundert lang das Gesicht der nationalen Sektion des Vereinigten Sekretariats.

Maitan und die Kommunistische Partei Italiens

Die Anpassung der Pablisten an den Stalinismus hatte in Italien besonders weitreichende Auswirkungen. In keinem anderen hochindustrialisierten Land mit Ausnahme Frankreichs verfügte die stalinistische Kommunistische Partei nach dem Zweiten Weltkrieg über einen derart großen Einfluss wie in Italien.

Das hing mit ihrer besonderen Tradition zusammen. Den größten Teil ihres Bestehens hatte die KPI in der Illegalität und im Kampf gegen die Herrschaft Mussolinis verbracht. Bekannte Führer wie Antonio Gramsci waren dem Faschismus zum Opfer gefallen. In der Resistenza, dem Widerstand, der sich nach dem Einmarsch der Alliierten gegen die deutschen Besatzer und Mussolinis Reststaat entwickelte, war sie die führende Kraft. Das verhalf ihr zu einer starken Verankerung in der Bevölkerung. Vor allem in einigen Regionen Norditaliens und der Toskana, wo es in zahlreichen Familien gefallene Mitglieder der Resistenza gibt, war sie die dominierende Kraft. Die Parteiführung unter Palmiro Togliatti bestand aber aus erprobten Gewährsleuten Moskaus. Viele hatten den Faschismus im sowjetischen Exil überlebt und waren tief in die schlimmsten stalinistischen Verbrechen verwickelt.

In Übereinstimmung mit der Linie Stalins verteidigte die KPI nach Mussolinis Fall uneingeschränkt die bürgerliche Herrschaft. Nur wenige Monate nach dem Sturz des Diktators und der offiziellen Kapitulation Italiens trat sie im Frühjahr 1944 in die Regierung von Marschall Pietro Badoglio ein und verhinderte damit einen radikalen Bruch mit der faschistischen Vergangenheit und eine revolutionäre Neugestaltung des politischen Lebens. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die sich zwanzig Jahre lang auf die Herrschaft Mussolinis gestützt hatten, konnten dessen Fall dank der KPI unbeschadet überleben.

Die KPI gehörte bis zum Mai 1947 sämtlichen, sich schnell abwechselnden italienischen Koalitionsregierungen an. Dann stand der beginnende Kalte Krieg einer weiteren Regierungsbeteiligung im Wege. Die USA waren nicht bereit, in einem Stützpfeiler der Nato kommunistische Minister zu akzeptieren, die über einen direkten Draht zu Moskau verfügten. Es sollten fast 50 Jahre vergehen, bis die KPI - inzwischen umgewandelt in Linksdemokraten (DS) - erneut einen Ministerposten in Rom übernehmen sollte.

Die KPI blieb aber auch in diesen fünfzig Jahren eine entscheidende Stütze der bürgerlichen Ordnung in Italien, ja man kann ohne Übertreibung sagen, deren eigentliches Rückgrat. Sie verfügte als einzige politische Partei des Landes über eine Massenbasis und eine breit verwurzelte, zentralisierte Organisationsstruktur. Die Christdemokraten, die ewige Regierungspartei, bestanden aus zahlreichen sich heftig bekämpfenden Cliquen, ihre Wahlergebnisse verdankten sie vorwiegend dem Einfluss der katholischen Kirche. Die kleineren Parteien - Sozialisten, Sozialdemokraten, Radikale und Liberale - waren nicht viel mehr als die Vertreter von bestimmten Lobbyistencliquen.

Die KPI spielte in Italien eine ähnliche politische Rolle wie die SPD in Deutschland oder die Labour Party in Großbritannien. In der Periode des Nachkriegsbooms vermittelte sie den Interessenausgleich zwischen den Klassen. Das - mit Ausnahme eines Industriegürtels im Norden - vorwiegend ländliche und bitterarme Italien machte in dieser Zeit einen raschen Industrialisierungsprozess durch, der mit einem deutlichen Anstieg des Lebensstandards verbunden war. Erstmals konnten sich viele Familien einen Fernseher, ein eigenes Auto, Urlaub und vieles mehr leisten, das bisher außerhalb ihrer Möglichkeiten gelegen hatte. Der Wähleranteil der KPI stieg in dieser Periode kontinuierlich an, von knapp 20 Prozent bei der ersten Nachkriegswahl auf 34 Prozent Mitte der siebziger Jahre, dem Höhepunkt des Nachkriegsaufschwungs. Danach, mit der wachsenden sozialen Krise, ging er von Wahl zu Wahl zurück.

Eine revolutionäre, sozialistische Strategie hätte sich in der Nachkriegsperiode darauf konzentrieren müssen, die Arbeiterklasse auf den unausweichlichen Bruch mit der KPI vorzubereiten. Propaganda und taktische Initiativen hätten dazu dienen müssen, die KPI zu entlarven - d. h. der Abeiterklasse den unversöhnlichen Gegensatz zwischen ihren langfristigen Interessen und der Politik der KPI zum Bewusstsein zu bringen und auf dieser Grundlage einen politisch bewussten Kader heranzubilden. Der Ausgangspunkt einer derartigen Strategie hätte das Verständnis der konterrevolutionären Rolle des Stalinismus sein müssen.

Maitan vertrat einen völlig anderen Standpunkt. Seiner Auffassung nach war die KPI keine Stütze der bürgerlichen Ordnung, sondern ein Instrument, durch das sich die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse vollzieht. In einem 200seitigen Buch über Theorie und Politik der KPI, das er 1959 veröffentlichte und 1969 neu auflegte, schrieb er: "Die KPI ist die politisch-organisatorische Form, in der sich im Nachkriegsitalien die Bewegung der Arbeiter- und Bauernmassen äußert. Anders gesagt, über sie und durch ihre Vermittlung üben die entscheidenden sozialen Kräfte, die für eine radikale Umformung der Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft kämpfen, ihren Druck aus. Soweit sie den Masseneinfluss, über den sie verfügt, aufrechterhält und -erhalten will, muss die Führung - wenn auch in deformierter Weise - die Realität der Klassenbewegung übersetzen, in die sie sich eingereiht hat." Dies, so Maitan weiter, sei "der wesentliche gesellschaftliche Faktor, der die Wirklichkeit der Kommunistischen Partei erklärt; der erklärt, weshalb ihr Zehntausende proletarische Kader treu bleiben, auch wenn sie mehr als eine Illusion über die ‚Weitsicht’ und die ‚Unfehlbarkeit’ der Spitzen verloren haben". (3)

Hier steht die Realität buchstäblich Kopf. Während die KPI nach Kriegsende das entscheidende Hindernis für eine Offensive der Arbeiterklasse darstellte und ihren Einfluss über die Arbeiterbewegung nur dank der sozialen Zugeständnisse der Nachkriegsperiode behaupten konnte, behauptete Maitan, die Arbeiter hielten der KPI die Treue, weil sie ihre revolutionären Bestrebungen verkörpere, weil sie "die Realität der Klassenbewegung" übersetze.

Natürlich konnte auch Maitan die staatstragende Rolle der KPI und den bürokratischen Charakter ihrer Führung nicht völlig ignorieren. Deshalb behauptete er, die Partei habe einen Doppelcharakter: "Der Widerspruch der KPI beruht auf der Tatsache, dass sie keine revolutionäre Partei mehr ist und die Perspektive einer revolutionären Machteroberung ausdrücklich zurückweist, aber andererseits aufgrund ihres Ursprungs und ihres Charakters keine wirklich reformistische Partei sein kann und auch nicht sein können wird." (4)

Die angebliche Unmöglichkeit der Verwandlung der KPI in eine "wirklich reformistische Partei" begründete Maitan unter anderem damit, dass ihr "neobürokratischer Revisionismus gesellschaftlich nicht den Einfluss der Bourgeoisie oder des Imperialismus auf die Arbeiterbewegung zum Ausdruck bringt, sondern den Einfluss der bürokratischen Kaste der UdSSR, dieser konservativen aber dennoch antikapitalistischen Kraft." (5) Damit stellte er sich in direkten Gegensatz zu Trotzkis Einschätzung. Dieser hatte darauf beharrt, dass die stalinistische Bürokratie das "Werkzeug der Weltbourgeoisie im Arbeiterstaat" (6) sei und sowohl in der Sowjetunion als auch im Weltmaßstab keine antikapitalistische, sondern eine konterrevolutionäre Rolle spiele.

Die politischen Schlussfolgerungen aus Maitans Einschätzung der KPI ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit der italienischen Pablisten.

Bereits 1951 traten die Mitglieder von Maitans Organisation, der Gruppi Comunisti Rivoluzionari (GCR), Pablos Empfehlungen folgend verdeckt in die KPI ein. Ein kleiner Organisationskern und die Zeitung Bandiera Rossa wurden zwar aufrechterhalten, aber die überwiegende Mehrheit der Mitglieder arbeitete bis 1969 in den Reihen der Stalinisten. Sie konnten dort nicht offen auftreten. "Wir lebten in der KPI wie Einsiedler, weil wir unsere Meinungsverschiedenheiten nicht ausgesprochen haben. Wir haben abgewartet, dass die Dinge reifen", berichtete ein damaliges Mitglied der GCR einem Historiker. (7)

Da sich ein großer Teil der italienischen Arbeiterklasse unter dem Einfluss der KPI befand, war eine Arbeit innerhalb dieser Partei nicht von vornherein abzulehnen. So leisteten die britischen Trotzkisten unter Gerry Healy zwischen 1947 und 1959 eine erfolgreiche Arbeit innerhalb der Labour Party. Aber der Entrismus der britischen Trotzkisten wurde von einer völlig anderen Perspektive angeleitet, als jener der italienischen GCR unter Livio Maitan. Sie machten sich keinerlei Illusionen über den konterrevolutionären Charakter der Labour Party. Ihre Arbeit war darauf ausgerichtet, die Arbeiterklasse auf den unvermeidlichen Bruch mit dieser Partei vorzubereiten. Sie führten einen erbitterten Kampf gegen die Parteibürokratie und erzogen auf dieser Grundlage einen marxistischen Kader - mit Erfolg. 1963 schloss sich die Jugendorganisation der Partei, die Young Socialists, den mittlerweile wieder unabhängigen Trotzkisten der Socialist Labour League an.

Aus Maitans pablistischer Perspektive ergaben sich ganz andere Schlussfolgerungen. Wenn die KPI "die politisch-organisatorische Form" war, in der sich "die Bewegung der Arbeiter- und Bauernmassen äußert", und wenn sie gezwungen war, "die Realität der Klassenbewegung (zu) übersetzen", um ihren Einfluss nicht zu verlieren, dann bestand die Aufgabe der Trotzkisten nicht darin, die Arbeiterklasse auf den Bruch mit der KPI vorzubereiten, sondern loyal in ihren Reihen zu arbeiten. Eine solche Perspektive machte die GCR unweigerlich zu einem linken Feigenblatt für den Stalinismus. Sie mochten zwar in der einen oder anderen Frage Kritik an der Parteiführung äußern, grundsätzlich unterstützten sie aber die Partei und schürten die Illusion, diese werde sich in eine revolutionäre Richtung entwickeln.

Gleichzeitig schnitt diese Orientierung die italienische Arbeiterklasse von den Perspektiven der Vierten Internationale ab. In Italien, wo es nie eine Sektion des Internationalen Komitees gab, musste die Tatsache, dass Livio Maitan als bekanntester Trotzkist die KPI unterstützte, Arbeiter und Jugendlichen abstoßen, die in den sechziger und siebziger Jahren in scharfen Konflikt mit der KPI gerieten. Die Radikalisierung dieser Jahre kam nicht der Vierten Internationale zugute, sondern floss in die Kanäle des Maoismus und Anarchismus oder endete in der Sackgasse des "bewaffneten Kampfs" und des Terrorismus. Letzterer nahm gegen Ende der siebziger Jahre breite Ausmaße an und stürzte die italienische Linke in eine schwere Krise.

Maitan trug in doppelter Hinsicht zu dieser Entwicklung bei. Zum einen beharrte er darauf, der KPI die Treue zu halten - auch noch 1968, als die Mehrheit seiner Organisation einen anderen Standpunkt vertrat und die GCR deshalb auseinanderbrach. Gleichzeitig schürte er als führender Vertreter des Vereinigten Sekretariats die Illusionen in den Maoismus und den "bewaffneten Kampf", die maßgeblich zur Desorientierung der militanten Bewegung jener Jahre beitrugen.

Wird fortgesetzt

————————————

Anmerkungen

1) Leo Trotzki, "Die permanente Revolution", Essen 1993, S. 183.

2) Zitiert nach: David North, "Das Erbe, das wir verteidigen", Essen 1988, S. 187. Dieses Buch enthält eine umfassende Darstellung der Spaltung von 1953 und der Auseinandersetzung zwischen Vereinigtem Sekretariat und Internationalem Komitee.

3) Livio Maitan, "PCI 1945-1969: stalinismo e opportunismo", Roma 1969, S.195.

4) Ebd. S. 201.

5) Ebd. S. 199; unsere Hervorhebung.

6) Leo Trotzki, "Das Übergangsprogramm", Essen 1997, S. 121.

7) Interview mit F.Villani in: Yurii Colombo, "Il movimento trotskista in Italia durante la stagione dei movimenti sociali", http://www.giovanetalpa.net/movtrot.htm

Siehe auch:
50 Jahre Internationales Komitee der Vierten Internationale
(4. Dezember 2003)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen