Ein Leserbrief zu den US-Wahlen

6. November 2004

Sehr geehrte wsws-Redaktion

ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Ohne die umfangreiche und enorme Arbeit die Sie geleistet haben, wäre es mir schwer gefallen, zu verstehen, was in den USA vor sich ging und geht.

Bush hat offenbar diesmal legal gewonnen. Ich hätte mich gefreut, wenn Kerry gewonnen hätte, weil danach durch seine Politik klar geworden wäre, dass auch das kleinere Übel vor allem ein Übel ist. Nun wird es monatelang unterschwellig aus bestimmten Kreisen tönen, dass das Volk ja zu dumm gewesen sei, den guten Kerry zu wählen.

Mir ist vollständig klar - und ohne Sie wäre es mir nicht klar - dass es Kerry und die Demokraten sind, die die Verantwortung dafür tragen, dass Bush nun weiterhin Präsident ist.

Ich möchte dazu noch etwas anfügen. Im deutschen TV hörte ich heute einen Kommentar eines Politikwissenschaftlers, der sagte, dass Bush ja in der Welt und zuhause nahezu verhasst sei. Wie ist es dann möglich, dass so ein Mann wiedergewählt wird? Diese Frage drängt sich auf und oberflächliche Menschen werden sagen, "die Amerikaner" seien zu "dumm". Damit ist die Frage aber kaum beantwortet.

Ich denke, die entscheidende Ursache dafür, dass die Republikaner sich durchsetzten, ist die Tatsache, dass es keine wirkliche Opposition von Seiten der Demokraten gab. Das begann damit, dass sie die Themen und die Art wie die Themen in Szene gesetzt wurden, von den Republikanern übernahmen. Es hätte doch nur noch gefehlt, dass Kerry sich für seine Jugendsünde, sein Auftreten vor dem Kongress gegen den Vietnamkrieg, entschuldigt. Ich sah Fahrenheit 9/11 zwei Tage vor der Wahl auf Pro 7. Wie viel Munition für den Wahlkampf enthielt allein dieser Film! Hätten die Demokraten konsequent nur in der Art dieses Films ihren Wahlkampf betrieben, wären sie mit ihren Stimmen haushoch über Bush angekommen. Soll man den Demokraten mildernd zugute halten, dass sie "zu dumm" sind - also nicht "die Amerikaner"? Das mag kaum angehen.

Ich denke, was jeder verstehen muss, ist, dass die bürgerlichen Parteien eine bestimmte soziale Klasse oder ein bestimmtes soziales Milieu vertreten. Das bedeutet - und es wurde gut sichtbar - dass die Parteien dieses bürgerlichen Milieus, wenn sie sich auch noch so sehr als Gegner in Pose stellen, zusammenarbeiten, wie es die Räder eines Getriebes tun. Es ist ein politisches System, bestehend aus mehreren bürgerlichen Parteien. Dieser Gedanke ist es wert durchdacht zu werden. Man hat die Menschen mit einem sogenannten Wahlkampf genasführt, der nie ein Kampf war. In einem wirklichen Kampf in dem mit Bush abgerechnet worden wäre, wären er und seine Partei im politischen Nichts verschwunden.

Beste Grüße

Euer C.M.