Der Fall eines kriminellen Regimes

"Der Untergang" - Regie: Oliver Hirschbiegel - Buch und Produktion Bernd Eichinger

Von Bernd Reinhardt und Florian Linden
11. November 2004

Der Untergang ist ein sehenswerter Film. Bereits in den ersten vier Wochen wurde er von über drei Millionen Zuschauern gesehen und heftig in den Medien diskutiert. Er rekonstruiert, was sich vom 20. April bis zum 2. Mai 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, in und um den Führerbunker in Berlin abspielte.

Bernd Eichinger, unter anderem Produzent von Der Name der Rose, Das Geisterhaus und der Komödien Der bewegte Mann und Rossini, ist eigentlich eher weniger wählerisch in seinem Stoff und gilt als der erfolgreichste Filmproduzent Deutschlands. Als Filmvorlage für Der Untergang diente ihm die Autobiografie von Hitlers Sekretärin Traudl Junge Bis zur letzten Stunde und das Buch Der Untergang des Journalisten und Historikers Joachim Fest.

Fest ist vor allem bekannt als langjähriger Herausgeber der konservativen FAZ und einer umfangreichen Hitlerbiografie, die umstritten ist, weil sie den Nationalsozialismus hauptsächlich aus den persönlichen Charaktereigenschaften Hitlers erklärt und die gesellschaftlichen Zusammenhänge unterschlägt. Eichingers Drehbuch enthält sich weitgehend der Interpretationen von Fest und konzentriert sich auf das umfangreiche Faktenmaterial. Der kürzlich in Kiel abgehaltene 45. Historikertag lobte die Detailliertheit des Films.

Die ersten sowjetischen Granaten schlagen an Hitlers Geburtstag im Zentrum Berlins ein. Nur wenig später ist der Krieg mitten in der Reichshauptstadt, das Grauen, das Chaos. Überall lauert der Tod, Granaten explodieren, Verwundete schreien, Panik. Mittendrin kämpfen Kinder mit Granatwerfern gegen russische Panzer für den "Endsieg".

Weitgehend davon abgeschirmt erfolgt im Bunker der völlige moralische Zusammenbruch der Nazi-Führung. Nichts ist übrig geblieben als ein kläglicher, demoralisierter Überrest der engsten Vertrauten Hitlers, die sich im behaglich eingerichteten Bunker zunehmend dem Alkohol hingeben.

Offiziere, die sich eben noch als Elite über das Volk erhoben, verlieren jede Fasson, grölen hemmungslos betrunken herum oder unterhalten sich darüber, wie man sich am besten erschießt. Alles ist krank und grotesk, ein Albtraum. Eva Braun, die zukünftige Braut Hitlers, veranstaltet Partys, während die Granaten in unmittelbarer Nähe einschlagen.

Hitler schreit seine Generäle an, schiebt auf der Karte Armeen zur Verteidigung Berlins hin und her, die längst nicht mehr existieren, fühlt sich von denen im Stich gelassen, die ihn in besseren Zeiten als genialen Führer priesen. Besonders erbittert ist er über seinen alten "Getreuen", den Reichsführer SS Heinrich Himmler, der mit den Alliierten verhandeln will.

Himmler äußert die Hoffnung, Roosevelt davon überzeugen zu können, dass die SS nach dem Krieg ein wichtiges Instrument sei, die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten und für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Hitler und Goebbels hoffen immer noch auf ein militärisches Bündnis mit den USA gegen den gemeinsamen bolschewistischen Feind. Doch dann ist die Rote Armee unmittelbar vor dem Bunker.

Noch als der Führer erklärt hat "Es ist aus", werden draußen Kinder als Soldaten in den Tod geschickt, und Goebbels Greiftrupps machen Jagt auf angeblich wehrtüchtige Zivilisten, die, in ihren Wohnungen aufgegriffen, kurzerhand als Verräter erschossen werden.

Schließlich nimmt sich der harte Kern um Hitler das Leben, während die anderen versuchen, wie die Ratten das sinkende Schiff zu verlassen und irgendwie ihre Haut zu retten. Mit Blick auf den persönlich drohenden Untergang und die Aussicht auf ein Leben nach dem Dritten Reich erklärt Hitlers Architekt Albert Speer plötzlich mutig dem Führer, bevor er ihn verlässt, dass er schon seit längerem die Befehle zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur nicht befolgt habe. Hohe Wehrmachtsgeneräle machen sich unvermittelt Sorgen um die Zivilbevölkerung, um aber dann doch Hitlers rücksichtslose, sinnlose Befehle auszuführen.

Eine junge Frau, die zirka 25-jährige Sekretärin Hitlers Traudl Junge, sieht mit zunehmender Fassungslosigkeit und Entsetzen, wie da eine Fassade in sich zusammenbricht und nichts hinterlässt als Schmutz.

Das Volk habe es so gewollt, so Propagandaminister Goebbels, es habe ja die Nazis gewählt. Jetzt werde ihm eben "das Hälschen durchgeschnitten". Und Reichskanzler Hitler erklärt zynisch, das deutsche Volk habe sich im Naturkampf als schwach erwiesen, es sei nur recht, dass es untergehe. Eine Kapitulation sei unmöglich. Die Zerstörung Berlin habe ein Gutes, räsoniert er, vor dem Modell seiner Phantasiehauptstadt Germania stehend. Nun brauche er für den Neuaufbau nur noch den Schutt wegzuräumen und Berlin nicht selbst zu zerstören. Zum Schluss macht er sich nur noch Gedanken um seinen eigenen effektvollen Abgang. In der Ermordung der sechs unschuldigen Goebbelskinder durch ihre eigene Mutter, bevor sie sich selbst mit ihrem Ehemann umbringt, findet die egozentrische Erbärmlichkeit im Bunker ihren Höhepunkt

Hitler wird lebendig und glaubwürdig durch den Schweizer Schauspieler Bruno Ganz dargestellt. Zum ersten Mal im deutschen Film wird der Versuch unternommen, ihn nicht als Karikatur oder Bestie, sondern als realistischen Charakter zu zeigen. Das ist eindrucksvoll gelungen und bedeutet einen qualitativen Fortschritt, an dem sich künftige Spielfilme über den Nationalsozialismus messen werden.

Aber nicht einfach der Charakter Hitlers steht im Zentrum des Films. Der Film zeigt die beispiellose Gleichgültigkeit und Verachtung der Nazis gegenüber der Masse der einfachen, arbeitenden deutschen Bevölkerung, worin der wesentliche soziale Charakter des Nazi- Regimes bestand. Eine kleine Elite nahm sich mit brutaler Gewalt das Recht, im Namen der "Einheit der Nation" über die elementarsten Rechte der Mehrheit der Bevölkerung hinwegzutrampeln, bis hin zu deren Massenvernichtung durch Krieg.

Die Offizierskaste der Wehrmacht, traditionell aus dem Adel stammend und mit Demokratie wenig im Sinn, teilte im Wesentlichen dieses allgemeine Weltbild. Sie waren selbst tief in die Verbrechen des Regimes verwickelt. Bis heute leugnen Kreise in der Bundeswehr allerdings hartnäckig die Mitschuld der Wehrmacht an den Verbrechen des Naziregimes, oft, indem sie entschuldigend auf den Treueid weisen, der die Wehrmachtsoffiziere gegenüber Hitler als gewähltem Repräsentanten des deutschen Volkes verpflichtet habe.

Die groteske Nibelungentreue der Wehrmachtsspitze gegenüber Hitler, einem einzelnen Individuum, das längst jeden Sinn für Realität verloren hat, ist das Ergebnis ihres menschenverachtenden und elitären Weltbildes. Die Entscheidung der Militärs, letztlich dem wahnsinnig-sinnlosen Befehl eines einzelnen Mannes, den Kampf fortzusetzen, mehr Bedeutung beizumessen als der katastrophalen Lage, die sich daraus für die Zivilbevölkerung ergibt, widerspiegelt ihre Sicht der Gesellschaft. Erst nach Hitlers und Goebbels Tod sind einige Militärs bereit zu kapitulieren.

Andere erschießen sich eher, als die "Schmach von 1918" noch einmal zu erleben, die auch Hitler im Film beschwört, die deutsche Kapitulation im ersten Weltkrieg, die die Unterordnung unter den Versailler Vertrag zur Folge hatte, aber auch den Jubel der deutschen Bevölkerung über das Kriegsende und den Ausbruch der sozialistischen Revolution in Deutschland.

Die Filmemacher bemühten sich, für die dramatische Gestaltung des Films Identifikationsfiguren und Gegenpole zu finden. Da dies offensichtlich sehr schwierig war, erscheinen einige Figuren in einem sehr milden Licht.

Da ist der Adjutant Himmlers und Schwager Eva Brauns, Hermann Fegelein, der wegen Fahnenflucht erschossen wird. Der Film verleiht ihm den leichten Ruch eines Menschen, der den Untertanengeist in der Armee wirklich in Frage stellt.

Fegelein trat 1928 der bayerischen Landespolizei in München bei. Nach Auflösung der Landespolizei wurde er Mitglied der SS und baute nach Kriegsbeginn die SS-Totenkopf-Reiterstandarte auf. Aus dieser Standarte ging wenig später die SS-Kavalleriebrigade mit 2 Reiterregimentern und den entsprechenden Unterstützungswaffen hervor. Hermann Fegelein befahl als Führer der Brigade in Polen und in der Sowjetunion "Säuberungsaktionen". Seine Einheit durchkämmte die Pripjet-Sümpfe nach "Partisanen". Opfer waren vor allem Tausende Juden. Selbst unter SS-Kollegen unbeliebt galt er als skrupelloser Karrierist, der sich zielbewusst in Hitlers Umgebung vorarbeitete, indem er Eva Brauns Schwester heiratete.

Der Mediziner Prof. Schenk, durch dessen Augen der Zuschauer das Elend der Verwundeten sieht, strahlt die humanitäre Uneigennützigkeit eines Rot-Kreuz-Sanitäters aus. Schenk, seit 1933 Mitglied der SA und später Ernährungsinspekteur für SS und Wehrmacht, war federführend bei der Heilkräuterplantage im KZ Dachau, auf der Hunderte Häftlinge an Zwangsarbeit starben. Zum Testen seiner Produkte benutzte er die KZ-Insassen als Versuchskaninchen, was etlichen von Ihnen das Leben kostete. Das Bild des Menschenfreundes entspricht eher dem seiner eigenen Memoiren als der Realität.

Und ist Traudl Junge wirklich so wenig gezeichnet von der Diktatur, in der sie aufwuchs, noch dazu als Tochter eines frühen NSDAP-Mitglieds?

Trotz dieser leichten Mängel ist Der Untergang ein vielschichtiger und beeindruckender Film. Der Film zeigt die letzten Tage einer Clique, die die Welt in einen mörderischen Krieg geworfen hat und nun alle Verantwortung für das Scheitern von sich schiebt. Je mehr sich ihr Scheitern offenbart, desto mehr setzen Hitler und Goebbels ihre Politik mit stärkster Brutalität und Härte nach dem Motto "nach uns die Sintflut" durch. In ihren Testamenten, die sie vor dem Selbstmord diktieren, berufen sie sich auf die "Liebe" zu ihren Volk, dem sie dienten. In der Realität sind sie von Verachtung für das Volk und der eigenen Wichtigkeit durchtränkt.

Die Katastrophe, in der dieses Regime endet, wirkt nicht zuletzt so bedrohlich, weil man heute in der Politik wieder ähnliche Tendenzen finden kann.

Ein Beispiel ist die Bush-Regierung. Je mehr der Irak ihrer Kontrolle entgleitet, umso stärker wird bereits der Krieg gegen den Iran als nächstes potentielles Opfer vorbereitet. Zugleich wird immer brutaler gegen die Zivilbevölkerung des Irak vorgegangen, um jeden Widerstand zu ersticken, durch Folter in den Gefängnissen und wochenlange Bombardierungen von Städten, die sich nicht fügen wollen. Je mehr sie auf Widerstand stoßen, umso brutaler gehen sie vor, und je mehr sich ihre Politik als Debakel erweist, umso rücksichtsloser preschen sie in die gleiche Richtung weiter.

Das ist ein Vorgeschmack dessen, was auch der Bevölkerung im eigenen Land drohen könnte, wenn die herrschende Elite keine Möglichkeit mehr sieht, die unter der Oberfläche brodelnden sozialen Konflikte in den USA anders unter Kontrolle zu halten. Zunehmend werden Figuren an der Spitze der politischen Führung des Landes nötig, welche die gleiche Brutalität und Gewissenlosigkeit gegenüber dem, was sie anrichten, an den Tag legen, wie die einstige Führung des Naziregimes.