Der Machtkampf in der Ukraine und Amerikas Strategie der Vorherrschaft

Von Peter Schwarz
22. Dezember 2004

Der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski veröffentlichte 1997 unter dem Titel "Das große Schachbrett" ein aufsehenerregendes Buch über Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Mit Schachbrett meinte er Eurasien, jene gewaltige, aus zwei Kontinenten bestehende Landmaße, die den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung beherbergt.

"Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können", lautet die Kernthese des Buches, hänge davon ab, ob Amerika "dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann". Daraus folgerte Brzezinski: "Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird." (1)

An diese Zeilen sollte man sich erinnern, wenn man die Ereignisse der letzten Wochen in der Ukraine studiert. Gelangt dort mit Wiktor Juschtschenko ein westorientierter, den USA durch zahlreiche politische und wirtschaftliche Anhängigkeiten verbundener Präsident an die Macht, besetzen die Vereinigten Staaten ein strategisch wichtiges, möglicherweise spielentscheidendes Feld auf Brzezinskis globalem Schachbrett.

Betrachtet man die amerikanische Außenpolitik gegenüber Russland während der letzten fünfzehn Jahre in ihrer Gesamtheit, so findet man eine auffällige Konstante. Unabhängig vom Auf und Ab der bilateralen Beziehungen, die zeitweise eng, zeitweise gespannt waren, haben die USA systematisch daran gearbeitet, den Nachfolgestaat der Sowjetunion einzudämmen. Nachdem die Sowjetunion über vier Jahrzehnte lang das wichtigste Hindernis für die uneingeschränkte Weltherrschaft des amerikanischen Imperialismus gebildet hatte, soll unter allen Umständen verhindert werden, dass Russland jemals wieder eine auch nur annähernd vergleichbare Rolle spielen kann.

Schon 1991 untergrub der erste Irakkrieg weitgehend den Einfluss Moskaus im Nahen Osten. Dasselbe leistete der Jugoslawienkrieg 1999 auf dem Balkan. 2001 errichteten die USA im Rahmen des Afghanistankriegs erstmals Militärbasen in ehemaligen Sowjetrepubliken und nisteten sich in Zentralasien ein. Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisien und zum Teil auch Aserbaidschan sind seither Verbündete der USA. Vor einem Jahr verhalfen sie dann in Georgien einem rabiat prowestlichen Regime an die Macht. Und in Europa sind mittlerweile die meisten Mitglieder des früheren Warschauer Pakts, einschließlich der ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken, der Nato und der EU beigetreten. Wechselt nun auch noch die Ukraine ins westliche Lager, wäre Russland weitgehend isoliert.

Brzezinski hatte bereits vor sieben Jahren in seinem eingangs zitierten Buch auf die diesbezügliche Bedeutung der Ukraine hingewiesen. Ihr Abfall, schrieb er, würde Russlands geopolitische Optionen drastisch beschneiden. "Selbst ohne die baltischen Staaten und Polen könnte ein Russland, dass die Kontrolle über die Ukraine behielte, noch immer die Führung eines selbstbewussten eurasischen Reiches anstreben.... Aber ohne die Ukraine mit ihren 52 Millionen slawischen Brüdern und Schwestern droht jeder Versuch Moskaus, das eurasische Reich wieder aufzubauen, Russland in langwierige Konflikte mit den national und religiös motivierten Nichtslawen zu verwickeln." (2)

Der amerikanischen Geheimdienstkreisen nahe stehende Informationsdienst Stratfor hat diese Einschätzung nach dem Machtkampf in der Ukraine wieder aufgegriffen. In einer Analyse der jüngsten Ereignisse gelangt Stratfor zum Schluss, der Abfall der Ukraine schwäche Moskau nicht nur außenpolitisch, sondern stelle "Russlands politische, ökonomische und militärische Überlebensfähigkeit in Frage". "Die Behauptung, Russland stehe an einem Wendepunkt, ist eine grobe Untertreibung," heißt es in dem Stratfor -Bericht. "Ohne die Ukraine ist Russland zu einem schmerzlichen Abgleiten in die geopolitische Bedeutungslosigkeit und schließlich vielleicht sogar zum Verschwinden verurteilt." (3)

Mit knapp 50 Millionen Einwohnern ist die Ukraine nach Russland, das etwa drei Mal so viel Einwohner zählt, der mit Abstand größte Nachfolgestaat der Sowjetunion. Mit Russland verbindet die Ukraine nicht nur eine lange gemeinsame Geschichte, die bis auf die Kiewer Rus im 9. Jahrhundert zurückreicht, sondern auch enge wirtschaftliche Beziehungen. Russland ist der mit Abstand größte Handelspartner. Der größte Teil der heutigen Ukraine war in den vergangenen dreihundert Jahren russisches, bzw. sowjetisches Staatsgebiet. In dieser Zeit hat ein beträchtlicher Bevölkerungsaustausch stattgefunden. 17 Prozent der ukrainischen Bevölkerung sind russischstämmig, fast die Hälfte spricht russisch. Die Schwerindustrie der Ostukraine, aufgebaut zu Sowjetzeiten, ist eng mit der russischen verflochten. Das Zerreißen dieser Bande hätte nachteilige Folgen für beide Länder.

Hinzu kommt die strategische Bedeutung der Ukraine. 80 Prozent der russischen Gas- und Ölexporte nach Europa, des wichtigsten Devisenbringers, fließen durch ukrainische Pipelines. Und der Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, Sewastopol, legt auf ukrainischem Staatsgebiet.

"Es bedarf keines Kriegs, um die Interessen Russlands schwer zu schädigen, eine Änderung der geopolitischen Orientierung der Ukraine genügt. Eine westorientierte Ukraine wäre nicht so sehr ein auf Russlands Herz gerichteter Dolch, als ein Presslufthammer im Dauereinsatz", heißt es bei Stratfor. Als mögliche Folge sieht der Informationsdienst eine aggressivere Außenpolitik Russlands sowie gewaltsame Erschütterungen in seinem Innern voraus, in deren Verlauf "Millionen Menschen sterben" könnten.

Die Parallelen zum Balkan sind hier offensichtlich. Dort hat das Auseinanderbrechen Jugoslawiens einen Trümmerhaufen hinterlassen: Anhaltende ethnische Spannungen und Hassgefühle, die sich immer wieder gewaltsam Luft verschaffen, korrupte, mit der Unterwelt verbundene Regimes, sowie bittere Armut und Arbeitslosigkeit. Deutschland und die USA hatten den Zerfall Jugoslawiens nach Kräften gefördert, indem sie die Selbständigkeit Sloweniens, Kroatiens und Bosniens unterstützten. Die Kleinststaaten, die dann die Nachfolge Jugoslawiens antraten, sind weder ökonomisch noch politisch lebensfähig, lassen sich aber von den Großmächten nach belieben manipulieren und beherrschen.

Der Krieg gegen Restjugoslawien diente schließlich dazu, auch noch das letzte politische Gebilde zu zerschlagen, das ungeachtet des reaktionären Charakters des Milosevic-Regimes eine gewisse politische Selbständigkeit an den Tag legte. Es ist bezeichnend, dass die Bewegung, die schließlich auch in Belgrad ein EU- und US-höriges Regime an die Macht brachte, den Anhängern der Opposition in Kiew als Vorbild dient.

Einflussnahme auf die Ukraine

Die amerikanische Außenpolitik verfolgt seit langem das Ziel, einen Keil zwischen Russland und die Ukraine zu treiben und letztere in die Nato einzubinden. (Auf die Rolle der europäischen Mächte gehen wir hier nicht ein; sie erfordert einen eigenen Artikel). Schon Brzezinski sprach in seinem 1997 erschienenen Buch über die "seit spätestens 1994 zunehmende Tendenz der USA, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen höchste Priorität beizumessen und der Ukraine ihre neue nationale Freiheit bewahren zu helfen". (4)

Im Januar 2003 hielt der damalige US-Botschafter in Kiew, Carlos Pascual, vor dem Center for Strategic and International Studies in Washington einen Vortrag über die amerikanisch-ukrainischen Beziehungen. Er stellte darin die Frage: "Soll die Ukraine zur euro-atlantischen Gemeinschaft gehören?" und beantwortete sie uneingeschränkt mit Ja. (5)

Dasselbe betonte John Herbst, der Pascual im September dieses Jahres als Botschafter ablöste, während seiner Anhörung vor dem zuständigen Komitee des US Senats. Er bezeichnete die "Sicherstellung der Integration der Ukraine in die euro-atlantische Gemeinschaft" als zentrales außenpolitisches Ziel.

"Falls ich bestätigt werde," versicherte Herbst, "werde ich alles mir Mögliche tun, um sicher zu stellen, dass die ukrainischen Behörden den Präsidentschaftskandidaten gleiche Chancen gewähren und dass die Wahlvorbereitungen sowie die Wahl selbst frei und gerecht durchgeführt werden. Ein Wahlprozess, der den Standards der OSZE entspricht, und ein Ergebnis, das den Willen des Volkes widerspiegelt, sind ausschlaggebend für den Erfolg der ukrainischen Bestrebungen, Nato-Mitglied zu werden und sich der Europäischen Union anzunähern." (6)

Die Ironie dieser Bemerkungen dürfte den versammelten Senatoren kaum entgangen sein. Herbst vertrat die USA nämlich zur Zeit der Anhörung noch als Botschafter in Usbekistan, zu dessen autokratisch herrschendem Präsidenten Islam Karimow, einem früheren Sekretär der Kommunistischen Partei, Washington freundschaftliche Beziehungen unterhält. Obwohl usbekische Wahlen absolut nicht den Standards der OSZE entsprechen und oppositionelle Parteien seit zehn Jahren verboten sind, erhält Karimow jährlich mehrere Hundert Millionen Dollar amerikanische Unterstützung. Als Gegenleistung hat er den USA eine Militärbasis für den Krieg gegen das benachbarte Afghanistan zur Verfügung gestellt. Als Herbst kurz nach der Senatsanhörung seinen Posten in Taschkent verließ, verlieh ihm Karimow den "Freundschaftsorden", während ihn der scheidende Botschafter als "starken und weisen Mann" pries.

Während es sich bei Herbsts Hinweis auf "freie und gerechte" Wahlen um eine rhetorische Floskel handelt, war sein Versprechen, er werde sich nach Kräften in die ukrainischen Wahlen einmischen, bitter ernst gemeint. Allein in den vergangenen beiden Jahren hat die amerikanische Regierung über 65 Millionen Dollar ausgegeben, um der ukrainischen Opposition an die Macht zu verhelfen. Das haben Vertreter der Regierung in den vergangenen Tagen bestätigt. Weitere Millionen kamen von privaten Stiftungen, wie der Soros-Foundation, und von europäischen Regierungen.

Natürlich fließen diese Gelder nicht direkt an politische Parteien, sondern indirekt. Sie dienen ganz allgemein der "Förderung der Demokratie", wie die US-Regierung betont. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass sie fast ausschließlich der Opposition zugute kommen. Sie gehen an Stiftungen und NGOs, die die Opposition beraten, sie mit modernsten technischen Hilfsmitteln und Werbetechniken ausrüsten und Wahlhelfer ausbilden. Auch Reisen von Oppositionsführer Juschtschenko zu amerikanischen Politikern wurden mit diesen Geldern finanziert. Ebenso die Wählerumfragen, die als Beleg für die Wahlfälschungen durch das Regierungslager herhalten mussten.

Neben der allgemeinen Beeinflussung der Wahlen dienen diese Gelder auch der Korruption. Selbst wenn man unmittelbare Bestechung ausschließt, haben diese Summen in einem Land, in dem der durchschnittliche Monatslohn zwischen 30 und 100 Dollar liegt, einen korrumpierenden Effekt. Wer Zugang zu den finanziellen Mitteln der Opposition hat, steigt sozial auf. Auch Juschtschenko selbst profitiert davon. Er sitzt im Aufsichtsrat des International Center of Policy Studies, einer Denkfabrik, die von US-Regierungsgeldern finanziert wird.

Wie der Machtwechsel in der Ukraine vorbereitet wurde

Während sich die USA seit langem Bemühen, die Ukraine vom russischen Einfluss zu lösen, ist ihre Unterstützung der Opposition um Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko jüngeren Datums. Präziser gesagt, entstand diese Opposition erst, als sich ernsthafte Spannungen zwischen der US-Regierung und dem langjährigen Präsidenten Leonid Kutschma entwickelten.

Kutschma, der 1994 Leonid Krawtschuk im Präsidentenamt ablöste, war durchaus zu einer engen Zusammenarbeit mit den USA und der EU bereit. Er arbeitete eng mit dem internationalen Währungsfonds zusammen, sprach sich für eine EU-Mitgliedschaft aus und stellte im Mai 2002 sogar einen formellen Antrag auf Nato-Mitgliedschaft. Die Ukraine hat auch eigene Truppen in den Irak entsandt, um die amerikanische Besatzung des Landes zu unterstützen.

Kutschma sah sich jedoch stets zu einem schwierigen Balanceakt zwischen Ost und West gezwungen. Zum einen wollte er damit der Gefahr der Spaltung in einen nach Russland orientierten Ostteil und einen nach Westen blickenden Westteil entgegenwirken, die nach der Unabhängigkeit über der Ukraine schwebte. Zum andern musste er die starke wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland berücksichtigen. Vor allem die ukrainische Energieversorgung hängt fast vollständig von russischem Öl und Gas ab.

Kutschma ließ aber nie die geringsten Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen, an der Unabhängigkeit der Ukraine festzuhalten. Sie ist der Garant für den Reichtum der ukrainischen Elite. Die Auflösung der Sowjetunion, die Kutschmas Vorgänger Krawtschuk Ende 1991 gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin und dem weißrussischen Stanislaw Schuschkewitsch besiegelt hatte, schuf die Voraussetzung für die Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in den Händen einiger weniger Oligarchenclans. Diese "wilde Privatisierung" vollzog sich während der neunziger Jahre in der Ukraine ebenso wie in Russland und wurde vom Westen vorbehaltlos unterstützt.

Kutschma ist eng mit dem Oligarchenclan seiner Heimatstadt Dnepropetrowsk verbunden, an dessen Spitze sein Schwiegersohn Wiktor Pintschuk steht. Pintschuk gilt als zweitreichster Mann des Landes, hinter Rinat Achmetow, dem Chef des Oligarchenclans von Donezk.

Der heutige Oppositionskandidat, Wiktor Juschtschenko, stand Kutschma in der Zeit der wilden Privatisierungen loyal zur Seite. Er hatte bereits 1993 den Vorsitz der ukrainischen Zentralbank übernommen und diente als Verbindungsmann zur internationalen Finanzwelt. 1999 wurde er von Kutschma zum Premierminister berufen. Die zweite Oppositionsführerin, Julia Timoschenko, stieg im Tross von Kutschmas Dnepropetrowsker Clan in höchste Regierungsämter auf. Sie war Mitglied der Regierung Juschtschenko und erwarb durch den Handel mit Erdgas ein mehrstelliges Millionenvermögen.

Im April 2001 entließ Kutschma Juschtschenko. Dessen Kurs, das Land durch eine Reform des Energiesektors verstärkt für internationales Kapital zu öffnen, war auf den Widerstand der Oligarchen im Osten des Landes gestoßen. Nach einer Übergangslösung ernannte Kutschma schließlich Wiktor Janukowitsch, den Mann des Donezker Clans, zum Ministerpräsidenten.

Auch danach schlossen die USA eine Zusammenarbeit mit Kutschma und Janukowitsch keineswegs aus. Noch im Herbst 2003 besuchten beide die USA. Kutschma traf sich mit Präsident Bush, während Janukowitsch von Vizepräsident Cheney und fünf Ministern empfangen wurde. Ein Jahr zuvor hatte ein Ministertreffen in Prag einen Fahrplan für die Aufnahme der Ukraine in die Nato beschlossen.

Bereits in den Jahren zuvor hatten sich aber Spannungen aufgebaut, die Kutschma schließlich enger an Moskaus Seite drängten und den Ausschlag für die massive Unterstützung der USA für den Kandidaten der Opposition gaben.

Da war zuerst die sogenannte Koltschuga-Affäre. Vor zwei Jahren beschuldigte Washington Kutschma, er habe persönlich den Verkauf des Frühwarnsystems Koltschuga an den Irak bewilligt.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Radarsystemen, die Strahlen aussenden, arbeitet das ukrainische Frühwarnsystem passiv und kann daher von erfassten Flugzeugen nicht geortet werden. Mit einer Reichweite von 800 Kilometern gilt es als das weltweit Leistungsfähigste seiner Art. Irakische Abwehrbatterien hätten damit angreifende Flugzeuge aufspüren können, ohne selbst entdeckt zu werden.

Gestützt auf die amerikanischen Anschuldigungen leitete ein Kiewer Richter ein Untersuchungsverfahren gegen Kutschma wegen Verdachts auf Korruption, Machtmissbrauch und Waffenhandel mit dem Irak ein. Er wurde dabei von der ukrainischen Opposition unterstützt. Das Oberste Gericht stoppte aber das Verfahren.

Kutschma selbst wies die Beschuldigungen der US-Regierung stets zurück, und im Irak wurden nie Beweise für die Lieferung von Koltschuga gefunden. Trotzdem erreichten die Beziehungen zwischen der Ukraine und den USA aufgrund der Affäre 2002 einen Tiefpunkt. Mit der - in der Bevölkerung höchst unpopulären - Entsendung ukrainischer Truppen in den Irak versuchte Kutschma, diese Beziehungen im folgenden Jahr wieder aufzubessern.

Öl und Gas

Ein zweiter Streitpunkt bildet die Kontrolle über die ukrainischen Öl- und Gaspipelines und deren Nutzung. Für Russland ist die Ukraine das wichtigste Transitland für seine Öl- und Gasexporte. Die großen Pipelines, die seit den siebziger Jahren zwischen den sowjetischen Öl- und Gasfeldern und Westeuropa gebaut wurden, führen über ukrainisches Territorium. Die USA und die Europäisch Union ihrerseits bemühen sich seit langem, eine Transportroute für das Öl aus dem Kaspischen Raum zu errichten, die an Russland vorbeiführt, und wollen dazu auch die Ukraine nutzen.

Zu diesem Zweck wurde die Pipeleine von Odessa nach Brody gebaut, die das Schwarze Meer mit der polnischen Grenze verbindet. Das kaspische Öl kann damit durch Georgien hindurch ans Schwarze Meer und nach einem kurzen Seetransport direkt in polnische Raffinerien und von dort weiter nach Europa gepumpt werden. Nicht nur Russland, sondern auch der Flaschenhals Bosporus werden damit umgangen.

Die 674 km lange, mit Unterstützung der Halliburton-Tochter Kellog Brown gebaute Pipeline wurde bereits im Mai 2002 fertig gestellt und steht seither leer. Zum einen fehlt das Öl aus dem Kaspischen Raum, zum andern der Anschluss in Polen, mit dessen Bau noch gar nicht begonnen wurde.

Die ukrainische Regierung verhandelte schließlich mit russischen Ölkonzernen über eine Nutzung der Pipeline in umgekehrter Richtung. Russisches Öl könnte so in Odessa verladen, über das Schwarze Meer verschifft und auf den Weltmarkt exportiert werden. Fünf Monate lang wurde ein Teilstück der Pipeline auch tatsächlich für diesen Zwecke benutzt. Das ließ in Washington die Alarmglocken schrillen. Vizepräsident Cheney persönlich bedrängte Ministerpräsident Janukowitsch anlässlich seines Washington-Besuchs, der Nutzung der Pipeline in Gegenrichtung nicht zuzustimmen. Im Februar diese Jahres fasst das Kiewer Kabinett schließlich einen entsprechenden Beschluss. Seither steht die Pipeline wieder still.

Auch der Einfluss russischer Energiekonzerne in der Ukraine wird in Washington mit Sorge betrachtet. Botschafter Carlos Pascual griff vor zwei Jahren in einer Rede vor dem Center for Strategic and International Studies vor allem den staatsnahen Konzern Gasprom scharf an. Man habe den Eindruck, russische Gesellschaften erhielten Investitionsmöglichkeiten, "ohne den vollen Wert der Vermögenswerte zu bezahlen, in die sie investieren", sagte er. "Das ist schlecht für die Ukraine."

Es gebe eine Reihe von Beispielen, besonders im Gas- und Ölsektor, wie in jüngster Zeit Verträge zum strategischen Nachteil der Ukraine abgeschlossen worden seien. So lege ein Abkommen zwischen Gasprom und der ukrainischen Naftogas fest, dass alle Entscheidungen über das internationale Gas-Transitsystem durch die Ukraine von beiden Gesellschaften gemeinsam getroffen werden müssen. "Mit anderen Worten: Gasprom hat ein Vetorecht über ukrainische Entscheidungen hinsichtlich seines Gas-Transitsystems. Gasprom könnte nicht glücklicher sein: Das wollten sie seit 1992 erreichen." (7)

Es steht außer Zweifel, das Washington von Juschtschenko in diesen Streitfragen eine wesentlich freundlichere Haltung erwartet als von Janukowitsch, der von Moskau unterstützt wird. Hinzu kommt das Eintreten des Juschtschenkos für "Rechtsstaatlichkeit" und Marktwirtschaft, worunter in erster Linie Sicherheit und Garantien für ausländische Kapitalinvestitionen zu verstehen sind.

Konflikte zwischen den Großmächten

Das Streben der USA nach globaler Vorherrschaft zieht immer größere Teile des Globus in Mitleidenschaft. Beim Ringen um das ukrainische Präsidentenamt sind amerikanische und russische Interessen in einer Schärfe aufeinandergeprallt, die an die Zeiten des Kalten Kriegs erinnert. Nach den blutigen Auseinandersetzungen auf dem Balkan und der gewaltsamen Unterwerfung des Irak drohen damit auch die Ukraine sowie Russland selbst zum Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zu werden.

Auch europäische - und hier wiederum vor allem deutsche - Interessen sind durch den Machtwechsel in der Ukraine unmittelbar berührt, längerfristig auch die der beiden aufstrebenden asiatischen Großmächte China und Indien. Im Mittelpunkt steht dabei neben rein geostrategischen Gesichtspunkten eine Frage, die für die Weltwirtschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts ebenso bedeutend ist, wie es der Zugang zu Erz und Kohle für die europäische Wirtschaft des beginnenden zwanzigsten war: die Kontrolle über das Rückgrat der weltweiten Energieversorgung, über Erdöl und Gas.

Bedenkt man, dass die Europäische Union zur Zeit fast 20 Prozent ihrer Öl- und 44 Prozent ihrer Gasimporte aus Russland bezieht und dass davon wiederum 80 Prozent durch ukrainische Pipelines fließen, lässt sich leicht ermessen, welche Bedeutung die Machtverhältnisse in diesem Land und seine internationale Orientierung für die wirtschaftliche Zukunft Europas haben.

Der Streit um das Erz Lothringens und die Kohle des Ruhrgebiets hat bekanntlich maßgeblich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen. Ebenso explosiv ist heute der Streit um internationale Energiereserven und Transportrouten. Noch finden die Auseinandersetzungen auf politischer Ebene statt, noch wird manövriert und taktiert. Doch alle Voraussetzungen für eine weitere Eskalation sind vorhanden. Amerikas Strategie der Vorherrschaft droht die Menschheit in Konflikte zu stürzen, neben denen sich der Irakkrieg wie ein harmloses Vorspiel ausnehmen wird.

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Anmerkungen

1) Zbigniew Brzezinski, "The Grand Chessboard. American Primary and Its Geostrategic Imperatives", deutsch: "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft", Fischer Taschenbuch Verlag, S.15/16

2) Brzezinski, "Die einzige Weltmacht", S. 137

3) Stratfor.com, "Russia: After Ukraine", December 10, 2004

4) Brzezinski, op.cit, S. 152

5) http://www.state.gov/p/eur/rls/rm/2003/16844.htm

6) http://web.usembassy.kiev.ua/files/herbst_061803_eng.html

7) http://www.state.gov/p/eur/rls/rm/2003/16844.htm

Siehe auch:
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