Michael Moores Fahrenheit 9/11 erhält den US-Publikumspreis

Von David Walsh
28. Januar 2005

Zur Überraschung der Medienwelt ging der US-Publikumspreis (People’s Choice Award) für den beliebtesten Film am 9. Januar an Michael Moores’s Fahrenheit 9/11, eine vernichtende Kritik an der Reaktion der Bush-Regierung auf die Terroranschläge vom 11.September 2001. Die Preisverleihung fand in der Stadthalle von Pasadena (Kalifornien) statt und wurde live von CBS übertragen. Es war die erste wichtige Preisverleihung in diesem Jahr und die einzige, die das Publikum direkt einbezieht.

Dieses Jahr wurden die Preisträger zum ersten Mal durch eine direkte Abstimmung im Internet ermittelt, an der sich 21 Millionen Menschen beteiligten. Die Kandidaten in den 36 Preiskategorien waren vorab durch eine Umfrage bei 6.000 Lesern des Magazins Entertainment Weekly nominiert worden.

Der Sieg von Moores Film, der die Bush-Regierung als ein Pack von Dieben und Lügnern vorführt, widerlegte ausgerechnet am Vorabend von Bushs zweitem Amtsantritt dessen angebliche Popularität und von den Medien behaupteten "Auftrag". Gleichzeitig ist Moores Erfolg ein unfreiwilliger Hinweis auf den Grund für den republikanischen Wahlsieg: die Unfähigkeit und glatte Weigerung der Demokraten, in der Frage des illegalen Irakkriegs oder anderen umstrittenen Frage offen gegen Bushs Regierungspolitik aufzutreten.

Fahrenheit 9/11 ist bei den diesjährigen Preisverleihungen heiß umstritten. Für den "Golden Globe" wurde der Dokumentarfilm nicht aufgestellt. Für die Oskar-Preisverleihung reichte Moore den Film nicht in der Kategorie bester Dokumentarfilm ein, sondern bewarb sich zusammen mit seinem Vertrieb Lion’s Gate um eine Nominierung für den besten Spielfilm. [ Fahrenheit 9/11 befindet sich nicht unter den für den Oscar nominierten Filmen, die am 25. Januar bekannt gegeben wurden; der Übers.].

Im Dezember stellte Michael Moore einen Brief auf seine Website, in dem er schrieb, er habe zunächst nicht vorgehabt, die Nominierung zum Publikumspreis zu erwähnen. "Aber dann", heißt es weiter, "veröffentlichten die Republikaner in USA today eine ganzseitige Anzeige (und setzten eine ähnliche ins Hollywood-Magazin Variety), in der sie verkündeten: ‚Die Wahl ist vorbei, aber der Ideenkampf geht weiter’. Die Kernaussage der Anzeige lautete, dass sie sichals rechte Konservative freuen, den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Kerry los zu sein, dass aber immer noch ein Ärgernis frei herumläuft, mit dem sie fertig werden müssen, nämlich mit mir, Michael Moore! Nicht sonderlich subtil war ihre Drohung gegen die Oskar-Jury, die darauf hinauslief: DENKT nicht einmal daran, Fahrenheit 9/11 als besten Spielfilm zu nominieren."

Zu diesen Scharfmachern gehörte Bill O’Reilly, rechter Moderator bei Fox News, der behauptete: "Wenn Hollywood diesen Propagandastreifen [ Fahrenheit 9/11 ] als besten Film nominiert, dann wird man eine Reaktion gegen die Filmindustrie erleben, wie es sie noch nie gegeben hat."

Moore forderte die Leser seiner Website auf, bei der Wahl zum Publikumspreis online für Fahrenheit 9/11 zu stimmen, was die ultrarechte New York Post veranlasste, in ihrer säuerlichen Berichterstattung über seinen Sieg "Hinweise auf angebliche Wahlmanipulation via Internet" zu erwähnen. Diese Hinweise sind ganz und gar auf ihrem eigenen Mist gewachsen. Die Post bemerkte, Moore habe die Taktlosigkeit besessen, "seine beliebte Website zu benutzen, um den Filmfans zu sagen, dass eine Entscheidung für seinen Film eine Entscheidung gegen Präsident Bush sei". In seiner Erregung vergaß das Murdoch-Blatt zu erwähnen, dass rechte Websites sich mit mindestens ebenso großem Eifer für eine Niederlage von Moores Film eingesetzt hatten.

Fahrenheit 9/11 ist der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Der Film spielte rund 210 Millionen Dollar ein, und der DVD-Verkauf erbrachte bereits in der ersten Woche weitere 4,7 Millionen Dollar.

Wie Moore auf seiner Website betonte, bringt der People’s Choice Award von allen verschiedenen Filmpreisen am klarsten zum Ausdruck, was beim amerikanischen Publikum "in" ist. Dabei werden Filme, Schauspieler, Musiker und TV-Serien prämiert, außerdem das "beliebteste Lächeln", die schönste Frisur und das beste Aussehen. Von allen Filmschauspielern bekamen Julia Roberts und Johnny Depp die meisten Stimmen, während Renée Zellwegger und Brad Pitt für die besten weiblichen und männlichen Hauptrollen ausgezeichnet wurden.

Michael Moore wurde in der Stadthalle von Pasadena mit Beifall und halbherzigen Buhrufen bedacht. Auf seiner Website hatte er den Lesern eine "nette und höfliche Ansprache" versprochen, falls er den Preis gewinnen sollte, und dabei blieb er. Er sagte dem Publikum: "Wir leben in einem großartigen Land, und wir alle lieben dieses Land sehr, und ich bin überrascht, dass ihr, das Volk von Amerika, für diesen Film gestimmt habt. Ich kann Euch nicht genug danken. Es ist für mich Auszeichnung und Ehre. Ich weiß, dass heute Abend im ganzen Land viele Väter und Mütter zusehen, deren Söhne oder Töchter im Irak sind. Unsere Gedanken sind bei Ihnen. Ihnen widme ich heute Abend diesen Preis. Ich möchte vor allem den Zuschauern im Land danken, die diesem Film ihre Stimme gaben. Ich hoffe, dass ihr nicht aufgebt. Dieses Land gehört immer noch uns allen. Es gehört nicht der Rechten oder Linken, den Demokraten oder Republikanern, es gehört uns allen. Ich mache sehr gerne Filme und betrachte diesen Preis als Aufforderung, mehr Filme wie Fahrenheit 9/11 zu machen."

Es ist gut möglich, dass nach der Preisverleihung in Pasadena auch die bevorstehende diesjährige Oskarverleihung die Zerrissenheit der öffentlichen Meinung Amerikas zum Ausdruck bringen wird, die widersprüchlich und konfus ist. Einerseits wurde Fahrenheit 9/11 in Pasadena als bester Film ausgezeichnet, andererseits erhielt der abstoßende Film Die Passion Christi von Mel Gibson den Preis als bestes Filmdrama.

Ein weiteres Anzeichen für die ideologische Verwirrung im Land war eine eher nebensächliche Begebenheit. So machten sich Moore und Gibson nach der Preisverleihung gegenseitig Komplimente. Gibson sagte, er habe Fahrenheit 9/11 gesehen und ihn"gemocht". Moore bemerkte, er habe Die Passion Christi zweimal gesehen. "Ich denke", sagte Moore, "dies ist eine zupackende Art des Filmemachens.... Ich bin praktizierender Katholik, und wissen Sie, ich denke, Mel und ich vertreten einfach verschiedene Flügel der Kirche. Mein Film hätte den Titel Das Mitgefühl Christi tragen können."

Bemerkenswert ist auch, dass so kurz nach der Präsidentenwahl, in der die Republikaner das kleinste Fünkchen kultureller Rückständigkeit anzufachen versuchten und auch vor der Hetze gegen Homosexuelle nicht zurückschreckten, zwei Preise an Ellen de Generes gingen, die vermutlich bekanntesteLesbe in den USA. Sie wurde komischster "weiblicher Star" und beliebteste Talkmasterin. Die Comedy Serie Will & Grace, in der zwei Protagonisten homosexuell sind, gewann den Preis als bekannteste Comedy Serie.

Siehe auch:
Michael Moores Fahrenheit 9/11 erzielt Rekordbesucherzahlen
(17. Juli 2004)
Michael Moores Beitrag
( 17. Juli 2004)
Disney verhindert Aufführung von Michael Moores Fahrenheit 9/11
( 15. Mai 2004)
Michael Moore unterstützt General Clark: die erbärmliche - und vorhersehbare - Logik der Protestpolitik
( 30. Januar 2004)
Die Passion Christi - Weshalb findet der Film in Amerika so große Resonanz?
( 25. März 2004)

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