Tsunami-Desaster entlavt Blairs humanitäres Gehabe

Von Julie Hyland
8. Januar 2005

Der britische Premierminister Tony Blair kehrte am Montag, dem 3. Januar schließlich doch noch aus seinem Familienurlaub in Ägypten zurück - mehr als eine Woche nachdem die Tsunami-Katastrophe Tod und Zerstörung über große Teile Asiens gebracht hatte.

Blairs unbekümmerte Gleichgültigkeit in Hinblick auf die schrecklichen Geschehnisse am Indischen Ozean war sogar noch offensichtlicher als die Indifferenz des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Während Letzterer sich schließlich drei Tage nach dem Tsunami gezwungen sah, der Form halber seine Ranch in Texas zu verlassen und eine Stellungnahme zu dem Desaster abzugeben, widersetzte sich Blair allen Forderungen, seinen Urlaub abzubrechen, um die britischen Hilfsmaßnahmen zu leiten.

Die Geringschätzung, die der Premierminister für das Leid und Elend Dutzender Millionen von Menschen übrig hat, sticht umso mehr ins Auge, wenn man sich seine politische Vorgeschichte anschaut.

Blair hat noch mehr als jeder andere führende Politiker weltweit versucht, jede seiner Handlungen als Resultat seiner humanitären Impulse und seiner Sorge um die von ihm so genannte "globale Interdependenz" darzustellen. Vom Kosovo bis zum Irak hat der Premierminister immer darauf beharrt, dass "Ethik" und "Moralität" im Zentrum der britischen Außenpolitik stünden.

Zudem hat Blair noch nie eine Gelegenheit verpasst, auf sich aufmerksam zu machen. Als er beispielsweise den ersten Bericht über die Terroranschläge auf New York und Washington am 11. September erhielt, sagte er auf der Stelle sämtliche Termine ab, um eine führende Rolle bei der Koordinierung der internationalen Reaktion auf die terroristischen Angriffe zu spielen.

Bei diesem Anlass jedoch, als 15 Länder auf zwei Kontinenten von der schlimmsten Naturkatastrophe seit Menschengedenken aufs Schwerste mitgenommen wurden, zeigte sich der Premierminister über eine Woche lang nicht in der Öffentlichkeit.

Weder die Zahl der getöteten britischen Staatsbürger - 41 identifizierte Tote und weitere 158 Vermisste, der vermutlich tot sind - noch die Tatsache, dass zwei der am schlimmsten betroffenen Länder, Indien und Sri Lanka, ehemalige britische Kolonien sind und Tausende von Menschen aus diesen Ländern, die in Großbritannien leben und arbeiten, Freunde und Angehörige verloren haben, reichte offenbar aus, um den Premierminister vorzeitig aus dem Urlaub zurückzuholen.

Laut Berichten hörte Blair von dem Tsunami, kurz bevor am 26. Dezember sein Flug in den ägyptischen Ferienort Scharm el-Scheik ging, doch er entschloss sich nichtsdestotrotz, seine Ferienpläne weiter zu verfolgen.

Als es sich der Premierminister in seiner Luxusunterkunft gemütlich machte, reagierten Millionen arbeitende Menschen auf der ganzen Welt spontan auf die Tragödie, die sich vor ihren Augen abspielte. Ihre Freigiebigkeit zwang zahlreiche Regierungen dazu, die lächerlichen Summen an Hilfsgeldern aufzustocken, die sie anfangs zugesagt hatten.

Allein in Großbritannien spendete die Bevölkerung eine Rekordsumme, die mit jeder Stunde um eine Million Pfund stieg, und veranlasste so die Regierung, ihren Hilfsfond von 15 Millionen auf 50 Millionen Pfund zu erhöhen. Doch auch diese Summe wurde schnell übertroffen. Eine Woche nach der Tragödie waren in der Bevölkerung Spenden in Höhe von 76 Millionen Pfund gesammelt worden. Hilfsorganisationen berichteten von einer überwältigenden Zahl an Menschen, darunter Krankenpfleger, Ärzte, Installateure und Ingenieure, die ihre uneingeschränkte Hilfe anboten.

Doch selbst als das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar wurde, erklärten Kabinettsmitglieder, dass es keinen Grund gäbe, warum Blair seinen Urlaub abbrechen müsste. Der stellvertretende Premierminister John Prescott und die Entwicklungshilfeministerin Hilary Benn wurden ausgesandt, den Premierminister in Schutz zu nehmen. Zynisch erklärten sie, Blair lege keinen Wert auf eine Politik der "Gesten" und leite die Operationen von Ägypten aus.

Selbst fünf Tage nachdem die gigantische Welle ganze Dörfer und Städte fortgespült hatte, erwähnte der Premierminister das Desaster in seiner Neujahrsansprache nur am Rande. In die Rede waren zehn Zeilen eingefügt worden, in denen er die Ereignisse angesprach, die die ganze Welt beschäftigten. Der Rest der Ansprache wirkte ebenso surreal wie grotesk, als Blair für das neue Jahr "eine steigende Welle [sic!] des Wohlstandes und der ökonomischen Stärke" voraussagte, "einen neuen Nachdruck bei der Herstellung von Disziplin und Ordnung im Klassenzimmer" und ein härteres Vorgehen gegen Asylsuchende versprach.

Erst am 1. Januar reagierte der Premierminister in einem in Ägypten aufgezeichneten Fernsehinterview öffentlich auf die Tragödie. Was als Schadensbegrenzung gedacht war, scheiterte erbärmlich. Obwohl er nur einem Interviewer gegenübersaß, schien sich der Premierminister in wachsendem Maße unwohl zu fühlen, da er sein Verhalten nicht ernsthaft rechtfertigen konnte.

Auch nachdem er nach Großbritannien zurückgekehrt war, blieb Blair still. Stattdessen wurde Außenminister Jack Straw vorgeschickt, um bekannt zu geben, dass sich die Zahl der toten Briten möglicherweise auf mehrere Hundert belaufen könne.

Wie lässt sich diese Verhalten erklären? In Großbritannien ebenso wie anderswo hat das Tsunami-Desaster deutlich zum Vorschein gebracht, welche Kluft die Sorgen und Interessen von Millionen arbeitenden Menschen von denen der herrschenden Elite trennt.

Blairs Reaktion ist symptomatisch für die verdorbene, mit sich selbst beschäftigte Finanzoligarchie, dessen politischer Sprecher er ist. "Humanitäres Handeln" ist für diese Schicht nur insofern von Bedeutung, als es Staffage für die Verfolgung der räuberischen Interessen des britischen Imperialismus ist. Zu diesem Zweck werden Milliarden für den Krieg im Irak aufgewendet, irakische Städte dem Erdboden gleichgemacht, die Bevölkerung des Landes terrorisiert. Aber was die Tsunami-Krise betrifft, so sind die Länder und Menschen, deren Leben und Lebensgrundlagen in der vergangenen Woche vernichtet wurden, einfach zu arm und daher zu unbedeutend, als dass man sich mit ihnen beschäftigen müsste.

In der Gleichgültigkeit des Premierministers zeigt sich am deutlichsten der reaktionäre Charakter einer weltweit vorherrschenden Politik im Interesse der Reichen und Großunternehmen. Erst als diese Hartherzigkeit politisch peinlich und wohlmöglich sogar destabilisierend wurde, sahen sich die Regierungen gezwungen, ihre Hilfsmaßnahmen und Spenden auszubauen. In den vergangenen Tagen hat das Weiße Haus seine ganze Kraft zusammengenommen, um das politische Debakel zu vertuschen, dass Bushs erste abfällige Reaktion auf die Katastrophe verursacht hatte, und die ehemaligen Präsidenten George H.W. Bush und Bill Clinton an die Spitze einer nationalen Spendenkampagne gestellt.

Aber die Schadensbegrenzungsmaßnahmen der US-Regierung scheinen Blairs Schwierigkeiten nur noch vergrößert zu haben.

Die Kritik des UN-Hilfskoordinators Jan Egeland an der "Knauserigkeit" des Westens hatte die Vereinigten Staaten verärgert, die daraufhin ankündigten, dass sie ihre Hilfe für Asien gemeinsam mit drei "Kernländern" - Japan, Australien und Indien - koordinieren würden.

In Großbritannien wurde dieser Schritt vor allem so interpretiert, dass die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen fortsetzten, die Vereinten Nationen ins Abseits zu drängen. Gleichzeitig stand er im Gegensatz zu den Forderungen von Blair und anderen, die UN sollten bei der Organisierung der Hilfsmaßnahmen "die Führung übernehmen".

Die Sunday Times bemerkte am 2. Januar zustimmend, dass einige US-Republikaner die so genannten "Kernländer" als "zweite Koalition der Willigen" bezeichneten. Nile Gardiner vom rechten Heritage Institute in Washington erklärte, diese Formierung sei eine "Demonstration der globalen Macht Amerikas und ein Zeichen dafür, dass das Vertrauen in Institutionen wie die UN schwindet. Es handelt sich um eine Ausweitung des Bush-Prinzips, dass eine Koalition bei globalen Notfällen und größeren Gefahren für die internationale Sicherheit sehr viel schneller und effektiver handeln kann."

Entfremdet von der Masse der britischen Bevölkerung und bei seinem mächtigen amerikanischen Alliierten offensichtlich derzeit nicht gefragt hat Blairs arrogante Geringschätzigkeit schnell einer politischen Lähmung Platz gemacht.

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