Vorortreportage aus Sri Lanka

Über die Arbeit eines Ärzteteams in Hambantota

Von Ajitha Gunaratna
8. Januar 2005

Gleich, nachdem das Ausmaß der Tsunami-Katastrophe offenbar wurde, meldeten sich Hunderte Mediziner und Krankenhausbeschäftigte für freiwillige Hilfsarbeiten - darunter auch Ärzte und Krankenschwestern aus Srilankischen Nationalkrankenhaus in Colombo (NHSL). Die Büros des Direktors und der Oberschwester der Notaufnahme im NHSL koordinierten den Einsatz, während die Staatliche Mediziner Vereinigung (GMOA) und eine Gruppe von Krankenschwestern Ärzteteams in die betroffenen Gebiete entsandte. Aber sie arbeiteten auf ihre eigene Initiative hin, größtenteils ohne Unterstützung oder Koordinierung durch die Regierungsbehörden.

Verantwortliche der GMOA kontaktierten am 26. Dezember die staatliche Katastrophenschutzzentrale und mussten entdecken, dass dort keinerlei umsetzbare Pläne für den Einsatz von medizinischem Personal existierten, und das obwohl sie dem medizinischen Personal im öffentlichen Dienst alle Vollmachten entzogen hatte. Das hatte zur Folge, dass die Freiwilligen die ganze Nacht über tatenlos im Hilfszentrum verbrachten. Einige Schwestern wurden zum örtlichen Flughafen von Rathmalana, einem Vorort der Hauptstadt Colombo, gebracht, ohne dass sie eine Flug zu den betroffenen Gebieten bekamen.

Weil klar geworden war, dass die Regierung keinerlei Pläne hatte, führte das medizinische Personal am darauf folgenden Tag in der Herz-Brust-Abteilung des Krankhauses eine Diskussion, was zu tun sei. Ein Vertreter von ihnen traf sich dann mit dem Direktor um vorzuschlagen, dass die Routineoperationen abgesagt werden und Personal für den Noteinsatz abgestellt wird. Letztendlich wurden drei Krankenschwestern, einschließlich der Autorin dieser Zeilen, gemeinsam mit 16 anderen NHSL-Mitarbeitern nach Hambantota in den Süden des Landes beordert, wo das örtliche Krankenhaus dringend Hilfe benötigte.

Unsere Gruppe, zu der ein Arzt, ein Anästhesist und Krankschwestern gehörten, erreichte den Flughafen von Rathmalana gegen 11 Uhr vormittags. Jeder von uns wollte so schnell wie möglich nach Hambantota gelangen. Doch wir mussten bis 16.30 Uhr auf einen Flug warten. Die Luftwaffe hatte den Befehl, uns so lange warten zu lassen, bis der Flug von Alavi Maulana, einer Schlüsselfigur der regierenden Vereinigten Volks- und Freiheitsallianz (UPFA), abgefertigt war. Auch Rettungskräfte der Armee hatten auf ihren Abflug zu warten.

Während unseres Fluges zum Militärflughafen von Weerawila, 20 Kilometer von Hambantota entfernt, begannen wir erstmals das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen. Weite Küstengebiete waren zerstört. Tausende von Häusern und Hütten, Eisenbahntrassen, Zügen, Teile der Autobahn Colombo-Galle und die Stadt Galle selbst waren von den Wellen weggespült worden. Uns bot sich ein völlig anderes und beängstigenderes Bild als das, worauf wir vorbereitet worden waren.

Auf der Fahrt mit einem Auto zum Krankenhaus von Hambantota sahen wir den Schrecken der zerstörten Stadt. Die meisten der Häuser, Moscheen und Verwaltungsgebäude waren weggespült. Autos lagen auf dem Dach. Bäume, Häuserwände und -dächer waren zerstört. Und selbst als es dunkel wurde, suchten erschöpfte Soldaten nach Menschen. Leichen waren überall verstreut. Zu den herzzereißendsten Eindrücken gehörten Verzweifelte, die ihre Familien und Angehörigen suchten. Jeder von uns dachte das gleiche: es hätte eine Warnung gegeben haben müssen.

Das Krankenhaus lag auf dem höchsten Punkt von Hambantota und war unversehrt. Anliegende Häuser und Büros waren intakt. Nur etwas weiter waren die Häuser komplett zerstört. Beim Betreten des Krankenhauses wurden wir von dem Gestank zurückgeworfen. Überall sahen wir Blut und Schmutz. Der Gestank kam von Hunderten Leichen, die an einer Seite des Krankenhauses lagen. Das Personal war ganz offensichtlich von dem Ausmaß des Desasters überwältigt.

Ein Krankenhausmitarbeiter beschrieb die Situation folgendermaßen: "Wir haben viele unserer Mitarbeiter, Ärzte, Krankenschwestern und Hilfskräfte verloren. Andere haben Angehörige verloren. Einige sind nicht mehr in der Lage zur Arbeit zu kommen, weil all ihre Habe zerstört ist. Schon vorher war das Krankenhaus unterbesetzt und verfügte über zu wenig Ausstattung. Wir wussten nicht, was wir tun sollten, weil ohne Unterbrechung Opfer zu uns gebracht werden. Erst etliche Zeit später trafen Hilfslieferungen ein."

Unsere Gruppe begann um 19.30 Uhr mit ihrer Arbeit. Auf unseren Runden durch die Stationen sahen wir Patienten, die vor Schmerz schrieen. Alle trauerten über den Verlust ihrer Angehörigen. Viele verloren ihren gesamten Besitz. Patienten waren mit Schmutz und Sand bedeckt, mit offenen Wunden und waren mit zerschlissenen und verschmutzten Sachen bekleidet. Einige lagen in Blutlachen oder auf Matratzen ohne Laken.

Viele Wunden waren bereits entzündet, und es war schwer, sie zu behandeln. Selbst einfachste Antibiotika wie Gentamycin oder Cefuroxim waren nicht vorhanden. Die meisten der Patienten waren nicht gegen Wundstarrkrampf geimpft. Auf einigen Stationen gab es nicht einmal Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac. Patienten schrieen im Sterben. Auf anderen Stationen gab es nicht einmal grundlegende Materialien wie Gaze, Verbandszeug oder Jodlösung.

Unser Gruppenleiter war damit konfrontiert, unmögliche Entscheidungen zu treffen. Ein Patient mit einer Vergiftung musste aus der Intensivstation genommen werden, um einem lebensgefährlich Verletzten Platz zu machen. Es gab dort keine freien Betten mehr. Eine Schwester sagte mir: "Wir haben nicht genug Absaugkatheter, Handschuhe, Glutaraldehyd und andere grundlegende Dinge. Wir haben nicht genug Personal, um die Behandlung aufrechtzuerhalten."

Wir sahen erschöpfte Schwestern und Pfleger, die schon seit langem arbeiteten, um das Leiden der Patienten zu lindern. Ständig gingen Menschen durch die Stationen, um nach vermissten Angehörigen zu suchen. Sie trugen dabei Mundschutz, um den Geruch zu unterdrücken, und schauten sich die Gesichter der Kranken an.

Gruppen von Soldaten arbeiteten rund um die Uhr, um die Leichen zu bergen. Einer erklärte, dass es schwer sei, die Toten anzuheben, weil sie aufgedunsen sind. Sie mussten mit Hebeeinrichtungen vom Krankenhaus auf Lastwagen geschafft werden und wurden anschließend in Massengräbern verbrannt.

Freiwillige kamen ins Krankenhaus und brachten grundlegende Dinge wie Lebensmittel, Bekleidung oder Trinkwasser. Ein älterer Patient beschwerte sich, dass ihm Kinderkleidung gegeben wurde. Andere waren für alles dankbar. Wir waren davon abhängig, weil die Regierung keine Verpflegung für die Notfallhelfer bereitgestellt hatte.

Unser Operationsteam hatte mit großen Problemen zu kämpfen. Der Generator des Krankenhauses fiel oft aus, weil zu wenig Treibstoff vorhanden war, so dass Operationen verschoben werden mussten. Während einer solchen Unterbrechung machten Ärzte, die mit der Situation unzufrieden waren, die Regierung für das Fehlen von Planung und Unterstützung verantwortlich: "Die Regierung erbittet medizinische Notfallhelfer aus anderen Ländern, aber sie haben es noch nicht geschafft, die Ärzte aus Colombo, die sich freiwillig gemeldet haben, dorthin zu schicken, wo sie gebraucht werden."

Am 28. Dezember erreichte ein weiteres Ärzteteam unseren Ort. Sie hatten ähnliche Verzögerungen erlebt - eine späte Abreise, obwohl eine wesentlich frühere vorgesehen war. Wir arbeiteten die ganze Nacht über und waren am nächsten Morgen, als wir gingen, völlig erschöpft. Uns wurden keine Transportmöglichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass wir uns entschieden, auf eigene Faust mit dem Bus zu fahren. Die Rückfahrt war schockierend. Leichen schwammen noch immer in einem See in der Nähe von Hambantota. Menschen suchten außerhalb der Flüchtlingslager nach Lebensmitteln und Wasser.

Im Bus sprach ein Fährtensucher vom Naturschutzministerium zu uns: "Heute haben Spürtrupps in der Nähe des Yala Naturschutzgebietes einen sieben Jahre alten Jungen gefunden, der schwer verletzt war. Und ein Mann wurde gefunden, der in dem Wrack eines Bootes umhertrieb. Warum schickt die Regierung nicht mehr Rettungskräfte, um nach weiteren Überlebenden zu suchen?"

Zurück in Colombo tauschten wir mit einem Arzt unsere Erfahrungen aus, der in Matara, einer anderen Stadt im Süden, war. Er warnte, dass noch viel mehr Menschen sterben könnten, wenn sie nicht behandelt würden. "Sehr viele haben noch offene Wunden. Es gibt Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen und Atemwegsinfektionen. Zusätzlich zu der Gefahr von Epidemien werden sich diese Zustände verschlechtern, wenn sie nicht angegangen werden."

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