Berlinale 2005

"Weiße Raben - Alptraum Tschetschenien"

Ein schockierendes Portrait russischer Kriegsheimkehrer

Von Patrick Richter
18. Februar 2005

Auf der diesjährigen Berlinale beeindruckte im Rahmen von "Panorama Dokumente" der Dokumentarfilm "Weiße Raben - Alptraum Tschetschenien" von Tamara Trampe und Johann Feindt.

Die Stärke des Films besteht darin, dass er ein ergreifendes und sehr persönliches Bild derjenigen zeichnet, auf deren Rücken der Krieg in Tschetschenien ausgetragen wird - jugendlicher Soldaten, die aus einfachsten Verhältnissen stammen und die sich, entweder um der materiellen Not zu entkommen oder weil sie ideologischer Verblendung erlegen sind, zum Kriegsdienst gemeldet haben.

Den Regisseuren gelingt es, eine einfühlsame Nähe zu den Betroffenen aufzubauen, durch die die unmenschliche Realität des modernen Russland in einer schreienden Anklage am Einzelfall veranschaulicht wird.

"Weiße Raben" zeigt das Schicksal einer Krankenschwester und junger Soldaten, die physisch und psychisch verkrüppelt aus dem Krieg in den russischen Alltag zurückkehren. Ihre Geschichten werden verflochten mit Filmmaterial aus dem Tschetschenienkrieg, das Säuberungen und Folterungen durch die russische Armee zeigt, und der Geschichte eines früheren Sowjetsoldaten, der vor 25 Jahren im sowjetischen Afghanistan-Krieg gekämpft hat.

Besonders erschreckend sind die Schicksale von Petja und Kiril.

Petja stammt aus einem sibirischen Dorf und meldet sich freiwillig für den Tschetschenienkrieg. Nach nur wenigen Tagen, er hat noch nicht einmal an einem Kampfeinsatz teilgenommen, tritt er auf eine Mine und verliert den linken Arm und das linke Bein. Er ist 18 Jahre alt.

Seine Familie und Freunde hatten noch seine Verabschiedung gefeiert und auf Video aufgezeichnet. Alle sind von Stolz und Freude erfüllt. Im Nachhinein befragt, sagt sein Vater, dass er Petja nicht von seiner Entscheidung abgehalten habe, weil "er doch als Junge in die Armee musste, um ein Mann zu werden". Petja selbst hatte vorher keine Ahnung, worauf er sich einließ. Er hatte nicht einmal daran gedacht, dass er auf andere Menschen würde schießen müssen.

Zwei Jahre später sieht man Petja arbeitslos, wesentlich beleibter und seine Zeit mit Kriegsspielen vor dem Computer verbringend. Vater und Mutter sind verzweifelt. Über den Krieg spricht Petja nicht. Überhaupt ist er verschlossen und unzugänglich geworden.

Kiril hatte das Glück, im Krieg nicht verkrüppelt zu werden. Doch nachdem ihn seine Mutter aus Tschetschenien zurück nach Hause geholt hat, ist er ein anderer Mensch geworden. Er spricht fast überhaupt nicht, antwortet einsilbig auf Fragen und hat einen starren Blick. Er wird zunächst neurologisch behandelt.

Ein Jahr später wird er wieder vom Filmteam besucht. Er sitzt im Gefängnis und ist zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt.

Nach seinem Krankenhausaufenthalt hatte er eine Arbeit bei einer Tankstelle gefunden, die ausgerechnet an seinem ersten Arbeitstag überfallen wird. Er fängt an zu trinken. Alkoholisiert verfolgt er ein neunjähriges Mädchen bis in ihre Wohnung, wo er sie und ihren Bruder sexuell belästigt und anschließend Geld mitnimmt. Die alleinstehende Mutter, die den Zuschauer durch den Film begleitet, stirbt 14 Tage nach der Urteilsverkündung.

Die Krankenschwester Katja aus St. Petersburg, die einen dreizehnjährigen Sohn hat und alleinstehend ist, war in ein Armeelazarett nach Tschetschenien gegangen. Von ihrem Lohn hatte sie kein anständiges Leben mehr führen können. Sie hatte keinerlei Vorstellung, was sie dort erwarten würde.

Sie zeigt Fotos, auf denen sie mit ihren Kameradinnen vor der Silhouette zerschossener tschetschenischer Dörfer und Städte zu sehen ist. Sie berichtet, dass sie nach Kampfeinsätzen oder Anschlägen mitunter tagelang ohne Unterbrechung gearbeitet hatten. Sie hatten dabei nicht einmal Zeit zu essen oder auf die Toilette zu gehen. So musste man ihnen direkt bei der Arbeit die Hosen zum Wasserlassen herunterziehen. "Kaum war ein Verletzter versorgt, lag der nächste auf dem OP-Tisch", sagt sie. "Alles 17-,18- oder 19-jährige junge Kerle. Ich habe ständig an meinen Sohn gedacht."

Gefragt, ob sie auch erlebt habe, was die russische Armee mit Tschetschenen machte, sagt sie, dass sie mit ansehen musste, wie eine Tschetschenin von etlichen Soldaten, einem nach dem anderen, vergewaltigt wurde.

Die physischen und psychischen Belastungen wurden für sie so groß, dass sie nach wenigen Monaten den Dienst quittierte. Zurück in St. Petersburg fand sie nicht in das normale Leben zurück. Schon nach drei Tagen wäre sie am liebsten wieder zurück in den Krieg gegangen. Auf die an sie gerichteten Fragen antwortet sie kalt. Sie macht einen abgestumpften Eindruck.

Zwischen den Berichten über Tschetschenien werden die Gespräche mit dem Afghanistan-Veteranen eingefügt. Es wird ein etwa 40-jähriger Mann gezeigt, der in einer Art Wohnwagen auf dem Land lebt, offenbar weder Arbeit noch Familie hat und vereinsamt ist. Er zeigt Fotos von seinen Freunden und Kameraden, die im Krieg geblieben sind. Am Anfang sehr wortkarg und nachdenklich beginnt er, immer mehr Einblicke in seine Soldatenzeit zu geben.

Er sagt, dass er zehn Jahre brauchte, bis er nicht mehr ständig daran denken musste. Das erste Mal spricht er jetzt von einem Traum, der keiner ist, sondern Wirklichkeit: Er hat einem 14-jährigen Mädchen den Kopf an einer Wand zerschlagen, nachdem es seinen Kameraden mit einer Maschinenpistole erschossen hatte.

Das Filmmaterial über das Vorgehen der russischen Truppen in Tschetschenien ist ebenso schockierend. Gezeigt wird die Verhaftung von 86 Tschetschenen, unter denen sich zwei Frauen befinden. Sie werden als Scharfschützen eingestuft, obwohl sie genauso gut Köchinnen gewesen sein könnten. In zynischem Ton analysiert der russische Kriegsreporter, der die Bilder im Jahre 2000 machte, die Gesichter der beiden Frauen: "Das sind sehr interessante Bilder. Der Blick der Tschetschenin ist leer. Sie hat abgeschlossen. Sie weiß, dass sie nichts mehr zu erwarten hat. Der Blick der anderen ist noch voller Hoffnung. Im Verhör sagte sie, sie sei Russin und gezwungen worden mitzukämpfen. In Gefangenschaft denken sich die Menschen alles mögliche aus, um ihre Haut zu retten."

Der Afghanistan-Veteran, dem die Bilder der Verhaftung ebenfalls gezeigt werden, sagt: "Das sind keine Sowjetsoldaten. So brutal haben wir niemals Gefangene gemacht." Nach Abschluss der Dreharbeiten wird bekannt, dass von den 86 verhafteten Tschetschenen nur drei männliche Gefangene überlebt haben. Die beiden Frauen waren noch nicht einmal 25 Jahre alt.

Der Film ist ein erschütterndes Dokument über den Umgang der russischen Gesellschaft mit dem Krieg und den Kriegsheimkehrern. Er zeigt, wie die "Helden Tschetscheniens" nach ihrer Rückkehr aus der russischen Gesellschaft ausgestoßen und mit ihrer enormen psychischen Last allein gelassen werden.

Anliegen der Regisseure war es, wie Tamara Tampe im Anschluss an den Film berichtet, zu zeigen, wie ehemalige Soldaten noch Jahrzehnte von ihren Kriegserfahrungen geprägt sind und verfolgt werden. Erst kürzlich hat sie gelesen, dass ein 86-jähriger Deutscher in ein englisches Dorf gefahren ist, um sich dafür zu entschuldigen, dass er als Jagdfliegerpilot im Zweiten Weltkrieg die Kirche zerstört hat.

Doch über die bloße Dokumentation dieser Einzelschicksale geht der Film nicht hinaus. Das ist seine große Schwäche. Obwohl die Bilder und Schicksale eine deutliche Sprache sprechen und die enorme gesellschaftliche Verrohung und die Katastrophe zeigen, in die die sowjetische Bevölkerung geworfen wurde, wird nicht der geringste Versuch unternommen, eine verallgemeinernde Erklärung zu geben - weder für den Krieg, um den es unmittelbar in dem Film geht, noch für die größeren historischen Umstände, die die postsowjetische Gesellschaft in diese Situation geführt haben.

Es ist leicht, eine künstlerische Arbeit für das zu kritisieren, was sie sich nicht vorgenommen hat. Aber allein Interviews mit politisch Verantwortlichen oder höheren Armeechargen, die den Einzelschicksalen hätten gegenüber gestellt werden können, hätten dem Film eine klarere Aussage gegeben und Regisseure und Zuschauer vor neue Fragen gestellt und somit vorangebracht.

Es wird nichts von der Regierungspropaganda berichtet, mit der die Jugendlichen verführt werden, und auch nichts darüber, in wessen Interesse oder warum der Krieg geführt wird. Es wird nicht gezeigt, was für ein Typus Mensch dieses so tief in Arm und Reich gespaltene Land regiert. Ebenso wenig wird klar, was das alles mit der ehemaligen Sowjetunion zu tun hat.

Es kommt nicht einmal zur Sprache, dass mindestens 40.000 Russen in den beiden Tschetschenienkriegen seit 1994 ihr Leben verloren haben und wahrscheinlich mehrere Hunderttausende das Schicksal von Petja und Kiril teilen, die in der modernen russischen Gesellschaft keinen Platz finden.

In der anschließenden Diskussionsrunde erklärte Tamara Trampe explizit: "Politik war nicht unser Thema. Das müssen andere machen." Damit bringt sie das Problem der heutigen Kunstschaffenden auf den Punkt.

Eine konsequente Aufarbeitung der Geschichte des zweiten Tschetschenienkrieges, der 1999 von dem damals neuen Herrn im Kreml, Wladimir Putin, vom Zaun gebrochen wurde, müsste die sich rapide verschärfenden Auseinandersetzungen zwischen den imperialistischen Mächten untersuchen. Der zweite Tschetschenienkrieg war der erste "Krieg gegen den Terrorismus" und die Antwort Moskaus auf den von USA und Nato geführten Kosovo-Krieg, mit dem der Angriff auf traditionell russische Einflusszonen begann.

Es ist zu begrüßen, dass die Regisseure eine derart eindringliches Bild von der Lage der einfachen Bevölkerung gezeichnet haben. Aber so, wie er ist, hinterlässt der Film eine zwar vollauf berechtigte, aber unbestimmte Wut und Betroffenheit. Sie kann leicht missbraucht werden, wie in Georgien oder der Ukraine geschehen, wo letztendlich nur eine Fraktion der Bourgeoisie durch eine andere ersetzt wurde. An den Bedingungen, die die geschilderten Schicksale hervorbringen, hat sich nichts geändert. Diese Bedingungen haben tiefe historische Ursachen, deren Veränderung ein ebenso tiefes Verständnis erforderlich macht. Keiner geringeren Aufgabe müssen sich auch die Filmschaffenden stellen.