Der Fall Scott Peterson: Eine amerikanische Tragödie

Von David Walsh
4. Februar 2005

Am 10. Dezember gab im kalifornischen Redwood City die Jury im Mordprozess gegen Scott Peterson die Empfehlung ab, Peterson mit der Todesstrafe zu belegen. Der 32-jährige Düngemittelverkäufer war vier Wochen zuvor für schuldig befunden worden, seine Frau und seinen ungeborenen Sohn ermordet zu haben. Bei der Straffindung in diesem vielbeachteten Prozess hatte die Jury zwischen einer lebenslänglichen Haftstrafe und einem Todesurteil zu wählen. Die Zeitung San Francisco Examiner bejubelte die Entscheidung für die Todesstrafe, indem sie eine Photographie Petersons mit seiner Frau Laci auf die Titelseite setzte, darüber das einzige Wort: "Tod". David Walsh verfasste den folgenden Artikel kurz vor Bekannt werden der Entscheidung der Jury.

Von Zeit zu Zeit muss man es sich gestatten, beim Anblick der gegenwärtigen amerikanischen Realität zu erschaudern. Das bedeutet nicht, in Resignation zu versinken oder untätig die Hände in den Schoß zu legen. In vergangenen Zeiten betonten die russischen Sozialisten regelmäßig die Barbarei, Armut und "extreme Rückständigkeit" ihres Landes, ohne darum in ihren Bemühungen nachzulassen, diese schreckliche Wirklichkeit durch eine soziale Revolution zu überwinden. Das Amerika von heute hat seine eigene Barbarei, seine eigene Armut - im materiellen wie im geistigen Sinne - und seine eigene extreme, man könnte auch sagen: bösartige soziale Rückständigkeit.

Der Mordprozess gegen Scott Peterson im kalifornischen Redwood City hat dies überdeutlich bewiesen. Vor vier Wochen wurde Peterson für schuldig befunden, seine 27-jährige, schwangere Frau Laci in ihrem gemeinsamen Haus ermordet und ihre Leiche in die Bucht von San Francisco geworfen zu haben. Die letzte Phase des Verfahrens, in der die Jury entscheiden soll, ob Peterson zum Tode oder zu einem Leben hinter Gittern verurteilt werden soll (unter Vorbehalt der endgültigen Entscheidung durch den Richter), hat sich als besonders grausam und makaber erwiesen. Hunderte von Journalisten stehen bereit, um die Entscheidung aufzunehmen. Sollte die Jury für Petersons Exekution plädieren, werden die Medien mit den modernsten Mitteln der Massenkommunikation eine Entscheidung verbreiten, die dem finsteren Mittelalter würdig wäre - und sie werden dies weithin mit Begeisterung tun.

In seinem Schlussplädoyer bezeichnete Staatsanwalt David Harris den Angeklagten als "schlimmste Art Monster" und als "Schlechtesten der Schlechten". Mr. Harris sollte vorsichtig sein. Jemand könnte diese Aussage genauer durchdenken. "Der Schlechteste der Schlechten"? Diese Aussage geht erstaunlich weit in Bezug auf einen 32 Jahre alten Düngemittelverkäufer, besonders in einem Land, dessen Militär während der letzten 18 Monate den Tod von 100.000 Irakern verursacht hat, deren einziges Verbrechen es war, in einem rohstoffreichen Gebiet zu leben. Peterson steht wegen eines schrecklichen Verbrechens vor Gericht, doch er ist niemals vergleichbar mit einem Rumsfeld, einem Bush oder einem Cheney, die für einen Massenmord verantwortlich sind.

Harris weiter: "Es ist eine harte Entscheidung [die Todesstrafe], aber es ist die richtige Entscheidung. Jemand, der keine Gnade gezeigt hat, der so herzlos und grausam gegen seine eigene Familie gehandelt hat, der verdient den Tod."

Der Kläger verrät sich. Man spürt instinktiv, dass ihm der Gedanke, einen anderen Menschen zum Tode zu verdammen, ganz natürlich vorkommt - ebenso wie zahllosen anderen Gesetzesvertretern, Staatsanwälten und Politikern in den Vereinigten Staaten, eingeschlossen des einstigen Gouverneurs von Texas, der heute im Weißen Haus lebt.

Scott Peterson mag kaltblütig seine Frau ermordet haben, doch seine Tat verblasst angesichts der unaufhörlichen staatlichen Unterstützung, die Tod und Zerstörung in diesem Lande zuteil wird. "Keine Gnade, so herzlos, so grausam..." Harris ist zu primitiv und zu ignorant um zu verstehen, dass diese Worte sein eigenes Verhalten und das des Staates beschreiben.

Verteidiger Mark Geragos schlug in seinem Plädoyer für Petersons Leben eine andere, menschliche Note an: "All der Tod, all das Morden," so sagte er der Jury, "Der Staat bittet Sie im Grunde, selbst als Killer aufzutreten oder weiteres Töten zu sanktionieren. Es gibt keinen Grund für noch mehr Töten."

Hielten sich Geragos und die anderen Verteidiger während der Straffindung an diese Argumentation? Der Autor beansprucht nicht, ein Experte in Rechtsfragen zu sein. Doch angenommen, Peterson sei dieses hinterhältigen Verbrechens schuldig, wirft sein Fall - wie auch ähnliche Fälle - dennoch einige Fragen auf.

Während des Verfahrens wurde argumentiert, Peterson habe seine schwangere Frau Laci als einen Klotz am Bein empfunden, er habe sich nach "Freiheit" gesehnt und nach der Möglichkeit, andere Frauen zu haben (als seine Frau verschwand, hatte er gerade eine Affäre). Er sei in Geldnöten gewesen und versessen auf die 250.000 Dollar aus der Lebensversicherung, die er für seine Frau abgeschlossen hatte. Die Kläger maßen der Tatsache großen Wert bei, dass Peterson den Landrover seiner Frau verkaufte, nachdem diese angeblich verschwunden war, und das Geld zum Kauf eines neuen Trucks benutze. Er hatte mit einem Agenten wegen des Verkaufs ihres gemeinsamen Hauses verhandelt. Man folgerte, Peterson sei ein meisterhafter Schauspieler, der ein Doppelleben geführt habe.

All das mag stimmen, doch es birgt die Frage: Woher kommt eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben, wie kann sie das Handeln eines menschlichen Individuums bestimmen? Der religiöse Fanatiker gibt sich zufrieden mit dem Verweis auf die Schlechtigkeit des sündigen Menschen. Doch er trägt hiermit nichts zur Wahrheitsfindung bei.

Warum sollte ein junger Mann aus relativ gesicherten Verhältnissen, der als Kind keiner erkennbaren körperlichen oder seelischen Gewalt ausgesetzt war, und der niemals in seinem Leben irgendwelche gewalttätigen oder sadistischen Tendenzen an den Tag gelegt hat - der in seiner Freizeit Golf spielt und Angeln geht, ja, der eine Art Klischee der amerikanischen Mittelklasse verkörpert - warum sollte dieser Mensch plötzlich darauf kommen, seine Frau und seinen ungeborenen Sohn zu ermorden?

Der Fall hat viele verstörende Aspekte, nicht nur was den Mord selbst angeht. Die Mitschriften der Telephonate zwischen Peterson und seiner Geliebten Amber Frey (die zu jener Zeit bereits mit der Polizei zusammenarbeitete), aufgezeichnet im Januar 2003, nur Tage nach dem Verschwinden seiner Frau, lesen sich besonders verwirrend. Etwas an diesen Gesprächen ist beängstigend. Wüsste man nicht, unter welchen außerordentlichen Bedingungen sie stattgefunden haben, so würden sie nur durch ihre Belanglosigkeit und Banalität auffallen. Wenn Peterson tatsächlich zwei Wochen zuvor seine Frau ermordet hatte, so liegt ein psychotisches Element in seiner Fähigkeit, über Nichtigkeiten zu plaudern.

Interessanterweise erklärt ein Kommentar, Peterson habe sein eigenes Leben anders gesehen als andere Menschen. Seine Freunde und Verwandten beschreiben einen Mann, der unter relativ privilegierten Umständen aufgewachsen war, einen lockeren Lebensstil genoss und mit seiner Frau - in den Worten des Staatsanwaltes - "das perfekte Paar [bildete], sie lebten den amerikanischen Traum, waren verrückt vor Liebe". Peterson dagegen erzählt seiner Geliebten Frey, er finde ein Buch von Jack Kerouac "geistig anregend, einfach weil ich noch nie eine längere Zeit hatte, in der ich so frei von Verantwortung war". Vielleicht zeigt das nur Petersons Selbstsucht und Unreife, doch man meint zu spüren, dass er selbst unter enormem, vielleicht unerträglichem Druck zu stehen glaubte.

In jedem Fall ist es unglaublich schwierig und sogar unmöglich, eine Erklärung für solch ein Verbrechen zu finden, ohne nach den grundlegenden Kräften zu fragen, die Psyche und Handlungen des Menschen prägen.

Niemand in offiziellen Kreisen oder in den Medien hat ein Interesse an dieser Fragestellung. Sie brächte unweigerlich zu viel an den Tag, das kalt und elend ist am Leben in Amerika. Auch in der Bevölkerung scheinen furchtbar wenige in der Lage, unter die Oberfläche zu blicken. Viele Amerikaner scheinen zufrieden mit kurzen Erklärungen: "Er drückte ab", "Sie nahm Drogen", "Sie überfielen den Schnapsladen". Doch auf diese Weise kommt man denÄußerungen des ehemaligen republikanischen Senators Bob Dole bedenklich nahe, der sich bei der neofaschistischen Basis seiner eigenen Partei mit den Worten einzuschmeicheln versuchte: "Die Wurzeln von Verbrechen sind die Verbrecher."

Nach jeder Gewalttat in den USA (und deren Zahl wächst ständig, man denke nur an die schrecklichen Todesschüsse während eines Rockkonzerts in Columbus, Ohio, am 8. Dezember) sperren die Autoritäten irgendeinen Wicht ins Gefängnis- sofern er oder sie am Leben bleibt - und predigen von "individueller Verantwortung". Jeder Zwischenfall ist eine Verirrung, aus der sich keine Verallgemeinerungen ableiten lassen. Diese oberflächliche und brutale Sicht der Dinge beruft sich auf die schlechtesten Seiten des amerikanischen Individualismus.

Zu viele wollen den Tod des Verurteilten, darunter Laci Petersons Familie. Ihre Wut ist verständlich, doch sie nimmt diesem Blutdurst nicht seine Schändlichkeit. Es ist unwahrscheinlich, dass ihnen die Vergeltung Erlösung bringen wird. Jeder, der mit diesem Fall zu tun hat, ist ein Opfer der Verdorbenheit und Barbarei des amerikanischen Lebens.

Ein Verteidiger, der für das Leben seines Klienten plädiert, könnte mehrere Strategien einschlagen. Dabei müsste er den hohen Druck berücksichtigen, der auf der Jury in einem Fall von solchem öffentlichen Interesse lastet, und die vergiftete Atmosphäre, die generell das ideologische Klima bestimmt. Wie kann man der Jury nahe bringen, dass diese Mordtat weitreichende Fragen stellt? Dass Petersons Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben, seine augenscheinliche Besessenheit von sozialem Ansehen und sexueller Eroberung, seine Bereitschaft, zum Mörder zu werden, um unmittelbare Hindernisse zu umgehen - dass all das mehr widerspiegelt als bloßes individuelles Versagen.

Um Licht in diese schmerzlichen und komplexen Fragen zu bringen, könnte ein Verteidiger auf zwei berühmte Fälle zurückgreifen, von denen einer fiktiv ist (wenngleich er auf einer tatsächlichen Begebenheit beruht). Es ist nicht möglich, diesen Fällen an dieser Stelle gerecht zu werden, doch wir wollen an sie erinnern - als Teil der Bemühungen, sie dem amerikanischen und weltweiten öffentlichen Bewusstsein wieder nahe zu bringen.

Leopold und Loeb

Im ersten Fall geht es um den 19-jährigen Nathan Leopold und den 18-jährigen Richard Loeb. 1924 ermordeten sie in Chicago einen jüngeren Jungen - wegen des "Kitzels", einfach nur um das perfekte Verbrechen zu begehen. In diesem Fall bestand kein Zweifel an der Schuld der beiden Angeklagten. Bei der Vernehmung durch die Polizei gaben die Jungen den Mord zu. Die Presse forderte die zügige Hinrichtung der beiden und stieß damit bei rückständigen Bevölkerungsschichten auf Resonanz.

Der renommierte Anwalt Clarence Darrow übernahm die Verteidigung von Leopold und Loeb. Angesichts der intellektuellen Fähigkeiten und privilegierten Herkunft seiner Klienten, die die Verantwortung übernommen hatten, stellte sich ein Plädoyer für Unschuld aufgrund von Wahnsinn als aussichtslos dar, obwohl sie offensichtlich geistig unausgeglichen waren. Darrow akzeptierte also ihre Schuld. Er setzte all sein Können ein, um den Richter dazu zu bewegen, sie zu lebenslänglicher Haft zu verurteilen und sie vor dem Schafott zu retten. Selbst ein leidenschaftlicher Gegner der Todesstrafe, gab Darrow ein zwölfstündiges Schlussplädoyer, das sich über drei Tage hinzog.

Er argumentierte, dass "nichts in dieser Welt ohne Ursache geschieht", und bestand auf der sozialen Unangepasstheit und Geisteskrankheit der Jungen. Das Verbrechen, so erklärte er, "war die sinnlose Tat unreifer und kranker Kinder". Weiter: "Irgendwo in dem endlosen Prozess, an dessen Ende die Entwicklung eines Jungen oder Mannes steht, ging etwas schief, und diese unglücklichen Kerle sitzen nun hier, gehasst und verachtet, Ausgestoßene, nach deren Blut die Gesellschaft schreit."

Er beschuldigte die Anklage wegen ihrer Grausamkeit: "Alles ist erlaubt, damit das Publikum krakeelt, damit ein Spektakel stattfindet und damit großmäulige junge Staatsanwälte von der Heiligkeit des Gesetzes sprechen können, was bedeutet, Menschen zu töten; alles ist erlaubt, um die Forderung nach Hinrichtung zu rechtfertigen."

Gegen die Todesstrafe gerichtet erklärte Darrow: "Euer Ehren, ich schäme mich beinahe darüber zu sprechen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir im zwanzigsten Jahrhundert leben. Und doch gibt es noch immer Menschen, die ernsthaft sagen, man müsse diese Jungs aufhängen - für das, was die Natur, das Leben und die Außenwelt aus ihnen gemacht hat."

Wie brillant, menschlich und heute fast undenkbar war Darrows Antwort auf die blutrünstigen Argumente des stellvertretenden Staatsanwaltes Joseph Savage! Er prophezeite dem Richter: "Wenn mein Freund Savage in meinem Alter ist, oder vielleicht schon in Ihrem, wird er sein Plädoyer vor diesem Gericht mit Schrecken lesen". Oder an einem anderen Punkt seines Schlussplädoyers: "Ich war erstaunt, als ich Mr. Savage sprechen hörte. Ich kritisiere ihn nicht. Er ist jung und enthusiastisch. Aber hat er jemals irgendetwas gelesen? Hat er je nachgedacht? Gab es jemals einen Menschen, der die Wissenschaften studiert hatte, der irgendetwas über Kriminologie oder Philosophie gelesen hatte - gab es jemals einen Menschen, der sich selbst kannte, und der mit solcher Sicherheit gesprochen hätte wie er?"

Würde die Hinrichtung von Leopold und Loeb, so fragte Darrow das Gericht, schlussendlich "die Menschen besser machen oder schlechter? Ich möchte diese Frage an die Intelligenz der Menschen richten, zumindest die Intelligenz, die sie besitzen. Ich möchte mich an die Gefühle der Menschen wenden, sofern sie Gefühle haben - würde es die Herzen der Menschen weicher machen oder härter? Wie viele Menschen würden dadurch kälter und grausamer werden? Wie viele würden die Einzelheiten der Hinrichtung genießen, und man kann kein menschliches Leid erleben, ohne sich zum Besseren oder zum Schlechteren zu verändern; diejenigen, die es genießen, würden sich zum Schlechteren verändern... Muss ich Euer Ehren daran erinnern, dass Grausamkeit nur Grausamkeit hervorbringt? Dass Hass nur Hass gebiert? Dass, wenn es einen Weg gibt, das menschliche Herz zu erweichen - und selbst die besten sind hart - wenn es einen Weg gibt, um das Böse und den Hass und alles, was damit zusammenhängt, auszumerzen, dann nicht mittels des Bösen, des Hasses und der Grausamkeit; sondern durch Güte, Liebe und Verständnis."

Leopold und Loeb blieb am Ende die Todesstrafe erspart, doch was noch wichtiger war: Den fortgeschrittensten Elemente einer ganzen Generation wurde eine Großherzigkeit vermittelt, die weitreichende Bedeutung besaß.

Eine amerikanische Tragödie

Ein Jahr darauf erschien ein Roman, der diese Fragen noch umfassender und tiefergehend behandelte, wie es eben nur die Kunst tun kann: Theodore Dreisers Eine amerikanische Tragödie. Im Falle von Dreisers Meisterwerk können wir der Komplexität der untersuchten Probleme noch weniger gerecht werden. Es geht hier nur darum, den Leser anzuregen, sich mit diesem außergewöhnlichen Werk zu beschäftigen. Der Lohn sind tiefe Einsichten in die Sozialpsychologie des amerikanischen Lebens.

Dreiser baute sein Buch auf den Fakten eines realen Mordes auf, der 1906 im Staat New York verübt worden war. Chester Gilette tötete seine schwangere Freundin Grace Brown, da er glaubte, sie stünde seinem gesellschaftlichen Erfolg im Wege. Der Autor war schockiert über die Einzelheiten des Falles, derart bestärkten sie ihn in seinem Glauben, dass ein neuer Menschentyp in Amerika aufgetreten war: Das Individuum, dem Wohlstand und Erfolgüber alles gingen.

Er entwarf die Figuren Clyde Griffiths und Roberta Alden. Clyde ist der arme Verwandte eines Manschettenfabrikanten. In dessen Fabrik bekommt er eine Stelle als Unteraufseher, Roberta arbeitet unter ihm. Die beiden werden ein Paar und Roberta wird schwanger.

Doch inzwischen hat Clyde einen Fuß in die Tür zu einer neuen Welt bekommen, einer goldenen Welt des Wohlstandes und der Leichtigkeit. In ihrer Mitte steht die liebenswerte und hochstehende Sondra Finchley. Eine Beziehung zu Sondra - mit allem, was sich daraus ergibt - scheint möglich. Nur Roberta und ihr ungeborenes Kind sind Clyde im Weg. Clyde plant, Roberta zu einem verlassenen See zu locken und sie zu ertränken. Tatsächlich fällt sie versehentlich über Bord, doch er unternimmt nichts zu ihrer Rettung.

Der letzte Teil des Romans behandelt seine unvermeidliche moralische und physische Zerstörung in den Händen des gnadenlosen Rechtssystems.

Dreisers Buch enthält tiefe Einsichten. Warum nannte er das Werk Eine amerikanische Tragödie ? Der Autor erklärte damals: "Ich habe es so genannt, weil es sich so in keinem anderen Land der Welt ereignen könnte... Ich habe viele Briefe bekommen, in denen Menschen mir schrieben: Clyde Griffiths hätte ich sein können."

Wer schreibt die "Tragödie" von Scott und Laci Peterson? So weit ich weiß, niemand. Amerika besitzt heute keinen Dreiser, auch niemanden, der ihm ähnelt - nicht einmal einen Truman Capote, der nach einem kaltblütigen Mord in Kansas im Jahre 1959 versuchte, bestimmte krankhafte Tendenzen der amerikanischen Gesellschaft zu umreißen.

Nirgendwo sonst auf der Welt besteht eine derartige Besessenheit von Wohlstand, Erfolg und Ruhm wie in der amerikanischen Republik, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dem Land des Individualismus. Griffiths ist wie so viele andere (vielleicht auch Scott Peterson) ein Sklave des Kultes um den amerikanischen Traum. Er ermordet seine Geliebte, da er andernfalls gezwungen wäre, in den Augen der Gesellschaft ein Nichts zu bleiben - abgeschnitten vom strahlenden Licht des Reichtums und der Gesellschaft der "richtigen" Leute.

Wie der Verfasser dieser Zeilen vor einigen Jahren schrieb: "Griffiths’ Verhalten steht absolut in Einklang mit den gesellschaftlichen Standards. Was kann er anderes tun, als Roberta zu eliminieren, sie, die den Weg zu seiner Traumwelt versperrt, die ihm wie ein Klotz am Bein hängt, die ihn in die trübe und elende Existenz zurückzuziehen droht, die er als Kind erfahren hat?"

Wo stehen wir heute, achtzig Jahre nach Dreisers Meisterwerk? Sind diese Tendenzen und Menschentypen von der Bildfläche Amerikas verschwunden? Die Frage zu stellen, heißt sie zu beantworten.

Derartige Tendenzen sind heute bei weitem ausgeprägter, der soziale Typus verbreiteter, und das in vielleicht gefährlichem Ausmaß. Man könnte fragen, wie es möglich ist, dass Amerika heute weniger menschlich, weniger zivilisiert und weniger in der Lage ist, sich selbst zu verstehen, als vor acht Jahrzehnten. Wenn diese Frage ein Nachdenken im Lande anstoßen sollte, dann war die Peterson-Tragödie vielleicht nicht ganz umsonst.

Siehe auch:
USA: Zahl der Gefangenen auf Rekordniveau
(7. August 2004)
Das Massaker an der Columbine High School: Amerikanische Pastorale amerikanische Berserker
( 28. April 1999)

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