Neue UNICEF-Studie:

Kinderarmut in reichen Ländern nimmt zu

Von Elisabeth Zimmermann
18. März 2005

Anfang März stellte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef eine neue Studie zur Entwicklung der Kinderarmut in reichen Ländern vor. Die vollständige Studie Child Poverty in Rich Countries 2005, die vom Innocenti Research Center in Florenz, Italien, für Unicef erarbeitet worden ist, sowie eine Zusatzstudie des RWI Essen A Portrait of Child Poverty in Germany können unter www.unicef.de und www.unicef.org/irc eingesehen und herunter geladen werden.

Die Studie stellt fest, dass die Kinderarmut in 17 von 24 OECD-Staaten seit 1990 angestiegen ist und dass sich die Situation von Kindern in den meisten der untersuchten Länder verschlechtert hat, unabhängig davon, welche Armutsdefinition man zugrunde legt.

Wie die Autoren der Studie anmerken, bedeutet Armut in den reichen Ländern nicht das gleiche wie Armut in Entwicklungsländern, wo Menschen von einem Dollar oder weniger pro Tag überleben müssen, viele Kinder verhungern oder an leicht zu behandelnden Krankheiten sterben. Das ändert aber nichts daran, dass Kinder, die in Armut oder relativer Armut aufwachsen, stark in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden, mit weitreichenden Folgen für ihre eigene Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft, in der sie aufwachsen.

Die Tatsache, dass durch das Anwachsen der Armut in den Industriestaaten gerade die verwundbarsten Schichten der Bevölkerung, Kinder und Jugendliche, besonders stark betroffen sind, ist ein unwiderlegbarer Ausdruck für die Krise des kapitalistischen Profitsystems.

In den OECD-Staaten insgesamt wachsen mehr als 45 Millionen Kinder in Familien auf, die mit weniger als 50 Prozent des Durchschnitteinkommens des jeweiligen Landes auskommen müssen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Länder, die miteinander verglichen werden, auf sehr unterschiedlichem Niveau befinden. Einbezogen in die Studie sind neue Mitgliedsstaaten der EU wie Ungarn, Tschechien und Polen, deren Lohnniveau aber größtenteils nur ein Fünftel des EU-Durchschnitteinkommens beträgt, und Staaten wie Mexiko und die USA, deren Durchschnittseinkommen ebenfalls weit auseinander liegen.

Den höchsten Anteil von Kinderarmut in reichen Ländern (nach der Definition von Unicef) haben Mexiko mit 27,7 Prozent und die USA mit 21,9 Prozent. Italien hat mit 16,6 Prozent den höchsten Anteil an Kinderarmut innerhalb der EU, gefolgt von Irland (15,7 Prozent), Portugal (15,6 Prozent) und Großbritannien mit 15,4 Prozent. Dahinter folgen Kanada, Australien und Japan mit jeweils über 14 Prozent Kindern, die in Armut aufwachsen.

Die Kinderarmuts-Raten der skandinavischen Länder Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden befinden sich unter fünf Prozent. Die Schweiz, die weithin als relativ reiches Land gilt, hat eine Kinderarmut von 6,8 Prozent.

Deutschland steht mit 10,2 Prozent Kinderarmut an 12. Stelle der internationalen Vergleichsstudie von Unicef. Seit 1990 ist die relative Kinderarmut in Deutschland mit 2,7 Prozent stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrienationen. 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wachsen hier in relativer Armut auf.

In Westdeutschland hat sich die Kinderarmut seit 1989 mehr als verdoppelt: von 4,5 Prozent auf 9,8 Prozent im Jahr 2001. In Ostdeutschland ist der Anteil armer Kinder seit 1991 von 8,3 auf 12,6 Prozent gestiegen. Am häufigsten sind Alleinerziehende und ihre Kinder von Armut betroffen. Die Rate beträgt fast 40 Prozent. Die Studie stellte fest, dass sie nicht nur häufiger, sondern meistens auch länger von Armut betroffen sind.

Der stärkste Anstieg von Kinderarmut ist in Deutschland bei den Kindern von Zuwandererfamilien zu verzeichnen. In den neunziger Jahren verdreifachte sich der Anteil armer Kinder in dieser Bevölkerungsgruppe von fünf auf 15 Prozent und trug somit auch stark zum Gesamtanstieg der Kinderarmut bei. Am häufigsten sind Kinder von Zuwanderern arm, die sich noch nicht sehr lange in Deutschland befinden.

Die Unicef-Studie weist darauf hin, dass es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Sozialleistungen und Kinderarmut gibt. In Ländern wie Italien und den USA, die weniger als fünf Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Sozialleistungen ausgeben, leben über 15 Prozent beziehungsweise über 20 Prozent der Kinder in Armut.

Im Durchschnitt senken Sozialleistungen und Steuererleichterungen Kinderarmut in Industriestaaten um 40 Prozent gegenüber dem Anteil, der zu erwarten wäre, wenn die wirtschaftliche Lage der Familien ausschließlich den Marktkräften überlassen würde. Der radikale Abbau von Sozialleistungen und Steuererleichterungen für die Reichen in den USA und Großbritannien seit nunmehr zwei Jahrzehnten trägt daher eine Hauptverantwortung für die hohe Kinderarmut in diesen Industriestaaten. Inzwischen gibt es einen Wettlauf um die niedrigsten Unternehmenssteuern und Sozialleistungen in praktisch allen Staaten der Welt.

Ein weiterer wesentlicher Grund für die Zunahme von Kinderarmut und Armut in den reichen Ländern ist der pausenlose Angriff auf die Löhne und die soziale Position der Arbeiterklasse.

Unicef weist darauf hin, dass in vielen Ländern, darunter auch Deutschland, Mütter heute vielfach besser ausgebildet und auch häufiger berufstätig sind. "Trotzdem haben die Familieneinkommen häufig nicht zugenommen. Denn vor allem am unteren Ende der Lohnskala sind die Einkommen der Väter in vielen Ländern deutlich gesunken. Besonders dramatisch ist diese Entwicklung in Ungarn und in Deutschland verlaufen. In Ungarn sanken die Einkommen von Vätern in den 90er Jahren in den unteren zehn Prozent der Einkommensskala um 76 Prozent, in Deutschland um 22,7 Prozent."

Auf dieses Phänomen weist auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hin. Die Zahl der Niedriglohnjobs stieg in Deutschland von 1997 bis 2001 um 200.000 auf 3,63 Millionen. Damit liegt jeder sechste Vollzeitjob (17,4 Prozent) im Niedriglohnbereich - und Deutschland damit über dem europäischen Durchschnitt. Immer weniger gelingt der Aufstieg aus dem Niedriglohnbereich. Überdurchschnittlich betroffen sind Frauen, Ostdeutsche, Jüngere (unter 25 Jahren) und Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung.

Ungarn wird im Unicef-Bericht als ein besonders dramatisches Beispiel für die Verschlechterung der Situation von Kindern hervor gehoben. Ausgehend von dem derzeitigen Durchschnittseinkommen, das stark gesunken ist, hat sich die Armutsrate von Kindern seit 1991 nur von knapp sieben auf knapp neun Prozent erhöht. Legt man aber das Durchschnittseinkommen von 1991 als Bezugsgröße zugrunde, so ist die Kinderarmut seit dieser Zeit auf über 20 Prozent angestiegen.

In der Unicef-Studie heißt es dazu: "Die frühen 1990er Jahren waren ganz klar eine Periode des wirtschaftlichen Niedergangs für die meisten mitteleuropäischen Länder und das Durchschnittseinkommen in Ungarn ist steil abgesunken; aber die Statistiken zeigen, dass arme Kinder einen überproportionalen Anteil dieser Last zu tragen haben. Und als ein Ergebnis davon hat sich ihre Situation zweifellos verschlechtert.

Auf ähnliche Art und Weise haben Deutschland, Italien, Mexiko und Polen in den 1990er Jahren unterschiedlich starke wirtschaftliche Turbulenzen erfahren, und alle haben den Backstop-Kinderarmutstest nicht bestanden." (Mit Backstop ist eine 1991 festgelegte fixierte Armutslinie gemeint, hinter die die Kinderarmut in den betroffenen Ländern keinesfalls zurück fallen sollte.)

Was über Ungarn gesagt wird, trifft im Wesentlichen auch auf die Situation in Polen und anderen osteuropäischen Ländern zu. Die Polarisierung zwischen Arm und Reich hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Und Armut bedeutet oft, nicht genug zu essen oder keine angemessene Wohnung zu haben, von Gesundheitsversorgung, Bildungsmöglichkeiten und Teilnahme am kulturellem Leben gar nicht zu reden.

Ungarn, Italien und Mexiko werden als die Länder genannt, in denen die Niedriglöhne am stärksten gesunken sind. In Ungarn sind die Einkommen im untersten Viertel bei Männern im Schnitt um ein Drittel gesunken, bei Frauen fast um vierzig Prozent. Italien ist das einzige andere OECD-Land, in dem die Einkommen von Niedrigverdienern sowohl bei Vätern wie bei Müttern zurückgegangen sind. Im untersten Zehntel betrug der Rückgang der Einkommen bei Müttern ein Drittel, bei Vätern ungefähr ein Fünftel, im untersten Viertel 20 Prozent bei Müttern und 4 Prozent bei Vätern.

Während die Unicef-Studie auf die Ursachen der Entwicklung zunehmender Armut und Kinderarmut hinweist: wirtschaftliche Rezession, Verlagerung von Arbeit in Niedriglohnländer im Rahmen der Globalisierung der Produktion, der Trend zur Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen, eine wachsende Rolle des freien Marktes sowie das Versagen der Regierungen, ihren früher eingegangenen Verpflichtungen gegenüber Kindern nachzukommen, sind die Autoren des Berichts nicht in der Lage, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie richten die Forderungen nach Reduzierung der Kinderarmut, besserer Überprüfung usw. an die gleichen Regierungen, die für die jetzige katastrophale Situation verantwortlich sind.

Um Kinderarmut und Armut generell zu bekämpfen, muss man die Ursachen der Armut, das kapitalistische Profitsystem bekämpfen. Ein internationales sozialistisches Programm ist notwendig, um die Gesellschaft weltweit nach den Bedürfnissen der großen Mehrheit der Menschheit zu verändern.

Siehe auch:
Zweiter Armutsbericht von Rot-Grün: Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer
(15. Dezember 2004)
Der schreckliche Preis der kapitalistischen Restauration: Zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Osteuropa und den GUS-Staaten
( 3. Januar 2001)

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