Papst Johannes Paul II. - ein politischer Nachruf

Von Marius Heuser und Peter Schwarz
6. April 2005

In der Flut von Berichten und Kommentaren, die den Papst als modernen Heiligen schildern und unkritisch die Mystik und den Pomp der vatikanischen Begräbnisfeierlichkeiten verbreiten, findet man kaum eine ernsthafte Darstellung der Persönlichkeit Johannes Pauls II. und seiner wirklichen Rolle in der Zeitgeschichte. Die politischen Fragen und Überlegungen, die das Leben Karol Wojtylas und sein 27-jähriges Pontifikat bestimmten, werden kaum erwähnt.

Die römisch-katholische Kirche war seit Jahrhunderten eine Bastion der politischen Reaktion, erst als Stütze der Feudalordnung, die sich der protestantischen Reformation widersetzte, später als Bollwerk der bürgerlichen Herrschaft. Der Mann an der Spitze der Kirche spielt, unabhängig von seinen persönlichen Eigenschaften, in erster Linie eine politische Rolle. Mit Johannes Paul II. stand der katholischen Hierarchie ein Mann vor, der zutiefst reaktionäre politische und religiöse Ansichten mit großer Erfahrung im Umgang mit kapitalistischen Staaten und stalinistischen Regimes verband. Er brachte diese Erfahrung in die stürmischen Ereignisse des vergangenen Vierteljahrhunderts ein und spielte darin eine Schlüsselrolle.

Karol Wojtyla wurde am 18. Mai 1920 in der Kleinstadt Wadowice als Sohn eines ehemaligen k.u.k.-Offiziers geboren. Im Alter von neun Jahren verlor er die Mutter, mit 21 Jahren der Vater. Er galt als guter Schüler, nahm 1938 in Krakau ein Studium der Philosophie und Literatur auf und entwickelte ein lebhaftes Interesse für das Theater. Unter der deutschen Besatzung wurde der Student zu Zwangsarbeit verpflichtet. In diese Zeit fällt seine Entscheidung für den Priesterberuf. 1942 trat er dem Untergrundseminar der Erzdiözese Krakau bei.

Am 1. November 1946 wurde er zum Priester geweiht und promovierte in den folgenden zwei Jahren in Rom über die Theologie und Mystik des heiligen Johannes vom Kreuz Nach der Fortsetzung seiner Studien und der Habilitation in Polen übernahm er 1954 einen Lehrauftrag an der katholischen Universität von Lublin. Am 28. September 1958 wurde er Weihbischof, 1964 Erzbischof von Krakau.

1958 war ein kritisches Jahr im Leben des Vatikan. Mit dem Tod von Pius XII. endete ein Pontifikat, das die Kirche stark diskreditiert hatte. Der Vatikan hatte mit den faschistischen Regimes in Spanien, Italien und Deutschland zusammengearbeitet und sich geweigert, gegen die Ausrottung der europäischen Juden aufzutreten. Pius XII. folgten Johannes XXIII. (1958-1963) und Paul VI. (1963-1978), die weitreichende Veränderungen in das Ritual und die religiöse Praxis des Katholizismus einführten, wie das Lesen der Messe in der Umgangssprache und andere liberale Reformen. Johannes XXIII. und Paul VI. bemühten sich auch, die Kirche von dem der katholischen Lehre innewohnenden Antisemitismus zu distanzieren.

Als Erzbischof von Krakau geriet Wojtyla in Konflikt mit dem stalinistischen Regime. Er stellte dessen politische Herrschaft nicht in Frage, beharrte aber auf dem ideologischen Einfluss der katholischen Kirche. So setzte er den Bau einer Kirche in der neu gegründeten Arbeiterstadt Nowa Huta durch. 1967 wurde Wojtyla zum Kardinal ernannt.

Wojtylas Wahl zum Papst am 16. Oktober 1978 kam einer Sensation gleich. Erstmals seit 455 Jahren, als der Holländer Hadrian VI. für ein Jahr den Stuhl Petri besetzte, stand ein Nichtitaliener an der Spitze der katholischen Hierarchie. Nachdem es zuvor mehrmals zu einem Patt zwischen zwei italienischen Bewerbern gekommen war, hatten sich im achten Wahlgang 94 der 111 stimmberechtigten Kardinäle hinter den polnischen Kandidaten gestellt. Mit 58 Jahren war der neue Papst zudem außergewöhnlich jung.

Die politische Bedeutung dieser Entscheidung war nicht zu übersehen. Seit Ende der sechziger Jahre war es sowohl in den entwickelten kapitalistischen Ländern wie in den stalinistisch beherrschten Ländern Osteuropas wiederholt zu heftigen sozialen Kämpfen gekommen. Unter Wojtylas Vorgängern Johannes XXIII. und Paul VI. hatte sich die katholische Kirche bemüht, auf den gesellschaftlichen Aufbruch durch eine zaghafte Reform ihrer Doktrin und ihres inneren Regimes zu reagieren. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte dafür in der ersten Hälfte der sechziger Jahre durch eine Lockerung der kirchlichen Dogmen und mehr Mitsprache für Bischöfe und Gläubige die Weichen gestellt. Johannes XXIII. hatte auch eine entspanntere Politik gegenüber der Sowjetunion eingeleitet, die von Paul VI. fortgesetzt wurde. Beide bemühten sich um eine engere Zusammenarbeit mit den stalinistischen Regimes.

Albino Luciani, der 1978 als Johannes Paul I. die Nachfolge von Paul VI. antrat, wollte diesen Kurs fortsetzen. Doch der neue Papst wurde nach 33 Tagen im Amt tot in seinem Bett aufgefunden. Die genauen Todesumstände wurden nie eindeutig geklärt, da der Vatikan eine Obduktion der Leiche ablehnte.

Die Übernahme des höchsten Kirchenamts durch Karol Wojtyla leitete eine ideologische und politische Kehrtwende ein. Der neue Kirchenfürst galt bald als Papst der Restauration, der die Kirche zu einer Festung wider den modernistischen Zeitgeist ausbaute. Er förderte den Heiligen- und Marienkult, dem er selbst mit Inbrunst anhing, verordnete eine rigide Sozialmoral, stärkte die Autorität Roms gegenüber den Diözesen und maßregelte zahlreiche kritische Theologen. Politisch bedeutete die Ernennung eines polnischen Papsts eine Herausforderung der Moskauer Führung unter Leonid Breschnew.

Der Papst und Solidarnosc

In Polen spitze sich zur Zeit der Papstwahl der Konflikt zwischen der Arbeiterklasse und der herrschenden stalinistischen Regime dramatisch zu. Seit dem blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstand von 1956 war es in Polen wiederholt zu Auseinandersetzungen mit der Regierung gekommen. 1970 erzwang eine Streikwelle gegen Preissteigerungen die Ablösung des Partei- und Regierungschefs Wladislaw Gomulka. Sein Nachfolger Edward Gierek musste die Preissteigerungen zurücknehmen.

Als Gierek 1976 die Preise erneut erhöhen wollte, kam es wieder zu Streiks, Massendemonstrationen und Barrikadenkämpfen. In den darauf folgenden Jahren entstanden das "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" und Gründungskomitees für freie Gewerkschaften, aus denen 1980 - nach einer erneuten Streikwelle gegen Preiserhöhungen - die Gewerkschaft Solidarnosc hervorgehen sollte, der sich Millionen von Arbeitern anschlossen.

Die Entstehung einer mächtigen Arbeiterbewegung in Polen wurde von den Regierungen in Ost und West mit Unruhe verfolgt. Ein Übergreifen der polnischen Bewegung auf die Sowjetunion und andere osteuropäische Länder hätte nicht nur die stalinistische Herrschaft bedroht, sondern auch den militanten Arbeiterkämpfen im Westen neuen Auftrieb verliehen, die Mitte der siebziger Jahre mit Hilfe der sozialdemokratischen und Gewerkschaftsbürokratie mühsam unter Kontrolle gebracht worden waren. Bezeichnenderweise unterstützte der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein Sozialdemokrat, in den Auseinandersetzungen mit den polnischen Arbeitern konsequent die Regierung von Edward Gierek, mit dem Schmidt sogar eine persönliche Freundschaft verband.

Johannes Paul II. war sich der Gefahr einer gewaltsamen Revolution in Polen und Osteuropa bewusst. Um sicher zu stellen, dass das stalinistische Regime von rechts und nicht von links gestürzt wurde, setzte er sich in der polnischen Arbeiterklasse für eine am westlichen Imperialismus orientierte Führung ein. Er wurde dabei von der CIA und dem amerikanischen Gewerkschaftsbund AFL-CIO unterstützt, der eng mit dem US-Geheimdienst und dem US-Außenministerium zusammenarbeitete.

Die feindselige Haltung, die Johannes Paul II. und die Kirche gegenüber dem Stalinismus an den Tag legten, wird oft als Eintreten für Demokratie ausgelegt. Aber das ist eine groteske Verfälschung. Der Papst steht einer Institution vor, die seit mehr als 500 Jahren zu den unerbittlichsten Gegnern der Demokratie gehört. Das reicht bis zur Reformation zurück, als die katholische Kirche die Macht und den Reichtum des Klerus, eines feudalen Standes, verteidigte.

Die Ablehnung des Stalinismus durch die Kirche richtet sich nicht gegen die demokratiefeindliche, kastenartige Herrschaft der stalinistischen Bürokratie - die sich kaum von der inneren Funktionsweise der Kirche als Institution unterscheidet. Die Kirchenhierarchie ist selbst eine Kaste, die aus vorkapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen hervorgegangen ist und heute fest in den kapitalistischen Verhältnissen verankert ist. Schließlich ist die katholische Kirche die größte Privateigentümerin der Welt. Daher hat sie die blutigen Militärdiktaturen in Lateinamerika, die das kapitalistische Eigentum verteidigten, unterstützt, während sie die stalinistischen Regimes in der Sowjetunion und Osteuropa, die sich auf verstaatlichtes Eigentum stützten, ablehnte.

Auf dieser reaktionären Grundlage ergriff die katholische Kirche offen Partei für Solidarnosc. Keine acht Monate nach seiner Ernennung unternahm der neue Papst seine erste "Pilgerreise" nach Polen, der1983 und 1987 zwei weitere folgten. Im Januar 1980 gewährte Johannes Paul II. einer Delegation von Solidarnosc unter Leitung von Lech Walesa eine Audienz. In den folgenden Jahren organisierte der Vatikan über verschiedene Quellen mindestens 50 Millionen Dollar zur Unterstützung der Gewerkschaft.

Ziel des Vatikans war allerdings keineswegs die Förderung der sozialen Anliegen der Arbeiter. Vielmehr wollte er sicherstellen, dass die Bewegung unter dem Einfluss der rückwärtsgewandten katholischen Ideologie und des polnischen Nationalismus blieb und sich nicht zu einer internationalen Herausforderung der bestehenden Ordnung entwickelte. Seit eineinhalb Jahrtausenden in der Verteidigung von Autorität und Ordnung erprobt, verstand die katholische Hierarchie sehr gut, dass man sich einer Volksbewegung, wie sie sich in Polen entwickelte, nicht einfach passiv entgegenstellen konnte, sondern dass man sie aktiv beeinflussen musste, um sie in eine andere Richtung zu lenken.

Allein schon die Ernennung eines polnischen Papstes hatte eine erhebliche Stärkung des Katholizismus in Polen zur Folge. Wojtyla selbst wurde nie müde, auf seine polnische Herkunft hinzuweisen, dem polnischen Nationalismus zu schmeicheln und Polen als die christliche Nation darzustellen. Im Juni 1979 lobte er auf dem Warschauer Siegerplatz vor einer jubelnden Menge "den Beitrag der polnischen Nation zur Entwicklung des Menschen und der Menschheit", die man nur durch Christus verstehen und werten könne. Seine Predigt gipfelte in dem Satz, "dass es ohne ein unabhängiges Polen auf der Karte Europas kein gerechtes Europa geben kann!"

Ohne das Eingreifen des Papstes hätten die Ereignisse in Polen wohl kaum jenen verhängnisvollen Kurs eingeschlagen, der den polnischen Arbeitern Massenarbeitslosigkeit und bittere Armut bescheren sollte. Neben der katholischen gab es in der Solidarnosc-Bewegung anfangs auch starke säkulare und sozialistische Strömungen, von denen allerdings keine eine tragfähige Perspektive für den Kampf gegen das stalinistische Regime besaß.

Die Intervention des Vatikans trug maßgeblich dazu bei, die Bewegung völlig unter die Kontrolle des katholisch-nationalistischen Flügels um Lech Walesa zu bringen, der seinen Ruf als militanter Arbeiterführer auf der Lenin-Werft mit einem bigotten Katholizismus verband. Walesa selbst hat die diesbezüglich Verdienste des Papstes offen eingestanden. "Die Existenz der Gewerkschaft Solidarnosc und von mir wären ohne die Gestalt dieses großartigen Polen und großen Mannes, Johannes Paul II., nicht vorstellbar", erklärte er 1989.

Währen der Papst Solidarnosc politisch und finanziell unterstützte, versuchte er sie von einer offenen Konfrontation mit dem Regime abzuhalten. Immer wieder rief er zur Besonnenheit und zur Zurückhaltung auf. Je heftiger die Konfrontationen mit der Regierung wurden, desto mehr entwickelte sich die Solidarnosc-Führung zur Feuerwehr, die die Arbeiter unter Kontrolle hielt.

Walesa betonte ständig, dass Solidarnosc nicht nach der Macht strebe: "Wir wollen nicht regieren, sondern die Anerkennung durch die Regierung, und wir wollen sie beim Regieren kontrollieren, dass sie es gut macht." Wojciech Jaruzelski, der im Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief und Tausende Arbeiter und Solidarnosc-Führer verhaften ließ, hat später die zurückhaltende Rolle des Papstes offen anerkannt. "Er hat es damals unterlassen, die gesellschaftlichen Emotionen anzuheizen", sagte er in einem Fernsehinterview anlässlich des Todes des Papstes.

Später zeigte sich der Papst zunehmend besorgt über das Tempo, mit der sich Solidarnosc diskreditierte, nachdem das stalinistische Regime gefallen, ihre Führer die Regierungsverantwortung übernommen und die Restauration des Kapitalismus eingeleitet hatten. Er fürchtete nicht zu Unrecht, dass dies auch den Einfluss der katholischen Kirche untergraben und die neue Ordnung insgesamt gefährden könnte.

1991 und 1993 warnte er während zwei Polenreisen davor, den westlichen Kapitalismus einfach zu kopieren. Während seiner letzten Polenreise im Jahr 2003 wurde er noch deutlicher. Wenn der Preis, der für die Freiheit bezahlt wurde, in Vergessenheit gerate, sei man "von der Anarchie nicht mehr weit entfernt", sagte er und mahnte die Solidarnosc-Bewegung, sich aus der Politik herauszuhalten. In Polen schreie einiges zum Himmel: Löhne würden nicht gezahlt, kleine Firmen zerstört, den Arbeitern das Recht auf Erholung und sogar auf Familie versagt.

Johannes Paul II. und Sowjetpolitik der USA

Die Entscheidung der katholischen Kirche für einen polnischen Papst war eng mit einem Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion verbunden. Unter Präsident Jimmy Carter und dann vor allem unter Ronald Reagan ging diese von einem Kurs der Entspannung zur Konfrontation über.

Wojtyla hatte schon als Krakauer Erzbischof einen intensiven Briefwechsel mit dem polnischstämmigen Zbigniew Brzezinski unterhalten, der in der Carter-Administration die Funktion des Sicherheitsberaters übernahm. Brzezinski, der als offizieller amerikanischer Vertreter zur Beerdingung von Wojtylas Vorgänger gereist war, hielt sich dann 1978 während der gesamten Papstwahl, die zur Ernennung Wojtylas führte, in Rom auf.

Unter der Präsidentschaft Ronals Reagans wurde die Zusammenarbeit weiter intensiviert. Der amerikanische Botschafter beim Vatikan, James Nicholson, spricht in diesem Zusammenhang von einer "strategischen Allianz" zwischen Washington und dem Vatikan gegen die Sowjetunion. Laut Angaben der Journalisten Carl Bernstein und Marco Politi, die ein Buch über die Geheimdiplomatie des Vatikan verfasst haben, trafen CIA-Direktor William Casey und der ehemalige stellvertretende CIA-Direktor Vernon Walters ab 1981 regelmäßig zu vertraulichen Gesprächen mit dem Papst zusammen. Hauptthema war die finanzielle und logistische Unterstützung von Solidarnosc durch die CIA.

Die herrschende Bürokratie in Moskau reagierte auf den doppelten Druck von außen und von unten, indem sie Flucht nach vorne antrat und die kapitalistische Restauration einleitete. Der Aufstieg Michail Gorbatschows an die Spitze der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ging - so ironisch dies klingen mag - auf dieselben objektiven Veränderungen zurück, wie der Aufstieg Wojtylas auf den Heiligen Stuhl. Die Ereignisse in Polen hatten die Kreml-Bürokratie zutiefst beunruhigt. Sie versuchte schließlich, einer ähnlichen Entwicklung in der Sowjetunion vorzubeugen, indem sie neue Grundlagen für ihre Herrschaft durch die Einführung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse schuf. Darin bestand die Bedeutung von Gorbatschows Perestroika.

Gorbatschow und der Papst trafen sich bald in beidseitiger Anerkennung. Im Dezember 1989 wurde Gorbatschow als erster und einziger Generalsekretär der KPdSU zu einer Audienz im Vatikan empfangen. Drei Jahre später würdigte Gorbatschow die Rolle des Papstes mit den Worten: "Alles, was in diesen Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne die Gegenwart dieses Papstes nicht möglich gewesen."

Der Papst und Lateinamerika

Kleidete der Papst sein Eingreifen in Polen und Osteuropa in die Begriffe von "Freiheit" und "Unabhängigkeit", so trat der reaktionäre Inhalt seiner politischen Orientierung in Lateinamerika unverhüllt zu Tage. Hier stellte er sich offen auf die Seite der Herrschenden und maßregelte sogenannte "Befreiungstheologen", die im Konflikt mit rechten Militärdiktaturen für die Unterdrückten Partei ergriffen.

Bei seinem ersten Besuch in Nicaragua drohte Johannes Paul II. 1983 dem Priester Ernesto Cardenal mit erhobenem Zeigefinger, weil er zusammen mit zwei anderen Priestern ein Ministeramt in der sandinistischen Regierung innehatte. 1995 verurteilte der Papst bei einem weiteren Besuch in Nicaragua die Iglesia Popular (Volkskirche) und den falschen Ökumenismus "der im revolutionären Prozess engagierten Christen", während er gleichzeitig den rechten Erzbischof Miguel Obando y Bravo, einen erbitterten Gegner der Sandinisten, zum Kardinal ernannte.

Zahlreiche Befreiungstheologen wurden unter Johannes Paul II. aus ihren Ämtern entlassen und durch konservative Bischöfe oder Priester ersetzt. "Kirchliche Basisgemeinden, wie sie in Lateinamerika entstanden und durch Selbstverwaltung und Interessenvertretung der Armen geprägt sind, wurden isoliert und in einigen Fällen sogar zerstört: Man versetzte die Priester, die ihnen zur Seite standen, untersagte ihnen den Zugang zu den Gemeinderäumen und schuf sogar gelegentlich unter gleichem Namen und unter dem Dach der Kirche neue Vereinigungen", schreibt François Houtard in Le Monde diplomatique.

Gleichzeitig stiegen Gefolgsleute rechter Diktaturen in höchste Kirchenämter auf. So der päpstliche Nuntius bei der argentinischen Militärdiktatur, Pio Laghi, und der Nuntius bei der chilenischen Militärdiktatur, Angelo Sodano, die heute beide Kardinäle sind. Sodano hatte Pinochets Gewaltherrschaft in Chile mit den Worten gepriesen: "Auch Meisterwerke können kleine Fehler haben; ich möchte Ihnen raten, sich nicht bei den Fehlern des Gemäldes aufzuhalten, sondern sich auf den wunderbaren Gesamteindruck zu konzentrieren." Als Pinochet später in London verhaftet wurde, setzte sich auch der Papst öffentlich für den faschistischen chilenischen General ein.

Auch die Seligsprechungen von Papst Pius IX., einem erklärten Antisemiten, von Papst Pius XII., der mit den Nazis und dem Mussolini-Regime kollaboriert hatte, und von Kardinal Stepniak, der im Zweiten Weltkrieg dem faschistischen Regime in Kroatien nahe stand, sind Ausdruck der rechten Gesinnung von Johannes Paul II..

Konservative Kirchenpolitik

In seiner Kirchenpolitik war Johannes Paul II. selbst am äußerst konservativen Maßstab der katholischen Kirche gemessen ein Reaktionär. Er machte sich daran, die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils der sechziger Jahre wenn nicht dem Buchstaben, so doch dem Geiste nach zurückzudrehen.

Da ist zunächst der exzessiv betriebene Madonnen- und Heiligenkult. Mit 473 Heiligsprechungen schuf er mehr als doppelt so viele neue Heilige, wie seine Vorgänger in den vorangegangenen 400 Jahren zusammengenommen.

Die in der Enzyklika Evangelium Vitae festgeschriebene Sexualmoral lehnt nicht nur die Abtreibung, sondern auch jede Form künstlicher Empfängnisverhütung ab. Jeder Geschlechtsakt, der nicht unmittelbar der Zeugung dient, gilt als unmoralisch. Selbst Kondome werden verurteilt - was angesichts der verheerenden Aids-Epidemie in Afrika und anderen Teilen der Welt destruktiv und inhuman ist. In Deutschland ordnete der Papst gegen den Widerstand der Bischöfe und des Kirchenvolks den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung an, die das Gesetz vor einer Abtreibung vorschreibt.

Auch die konservative Personalpolitik des Papstes sorgte immer wieder für Konflikte. Mehreren Diözesen zwang er konservative Bischöfe auf, die auf heftigen Widerspruch stießen - so Wolfgang Haas in Chur, Joachim Meisner in Köln, Hans Hermann Groër in Wien und Kurt Krenn in St. Pölten. Kritische Theologen wie Leonardo Boff, Eugen Drewermann, Hans Küng und Tissa Balasuriya wurden mit Publikations- und Lehrverboten zum Schweigen gebracht.

Der Schweizer Theologe Hans Küng, dem wegen eines papstkritischen Artikels bereits 1980 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen worden war, beschreibt die innerkirchliche Atmosphäre und die Rolle von Johannes Paul II. mit den Worten: "Der Betreiber einer inflationären Zahl von Heiligsprechungen, der zugleich mit diktatorischer Macht seine Inquisition gegen missliebige Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe vorgehen lässt: Inquisitorisch verfolgt werden vor allem Gläubige, die sich durch kritisches Denken und energischen Reformwillen auszeichnen. Wie Pius XII. die bedeutendsten Theologen seiner Zeit (Chenu, Congar, de Lubac, Rahner, Teilhard de Chardin) verfolgte, so Johannes Paul II. (und sein Großinquisitor Ratzinger) Schillebeeckx, Balasuriya, Boff, Bulányi, Curran sowie Bischof Gaillot (Evreux) und Erzbischof Huntington (Seattle). Folge: eine Überwachungskirche, in der sich Denunziantentum, Angst und Unfreiheit breit machen. Die Bischöfe empfinden sich als römische Statthalter statt als Diener des Kirchenvolkes, die Theologen schreiben Konformes oder - schweigen."

Während kritische Stimmen mundtot gemacht wurden, machte sich der fundamentalistische und streng hierarchisch organisierte Orden Opus Dei in der Kirchenhierarchie breit. Etliche seiner Mitglieder wurden zu Bischöfen und Kardinälen geweiht. In der Kurie, der Zentralverwaltung der katholischen Kirche, verfügt der Orden inzwischen über erheblichen Einfluss. Bei der Entscheidung über den nächsten Papst könnte er eine maßgebliche Rolle spielen.

Opus Dei wurde erst 1928 vom Jesuiten Josemaria Escrivá in Madrid gegründet. Mit weltweit 80.000 Mitgliedern ist der Orden relativ klein. Er blühte im faschistischen Spanien Francos auf, wo Opus Dei-Vertreter zeitweise bis zu zehn Minister stellten.

Escrivá, der von Johannes Paul II. im Jahr 2002 nur 27 Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen wurde, hatte Hitler einmal als "Lebensretter der spanischen Kirche" bezeichnet. Der Orden ist wie ein Geheimbund organisiert und verfügt über einen Verhaltenskodex, der von der Pflicht des Schweigens über mehrmaliges Beten bis hin zu Selbstkasteiungen mit Geißel und Bußgürtel reicht. Er vertritt einen Männlichkeits- und Führungskult, definiert eine "Minderwertigkeit" von Frauen und fordert Unterordnung sowie strikten Gehorsam.

Im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger gab sich Johannes Paul II. offen gegenüber anderen Religionen. So besuchte er als erster Papst eine protestantische Kirche (1983), eine Synagoge (1986) und eine Moschee (2001). Seit 1986 findet jedes Jahr ein Weltgebetstreffen statt, auf dem die verschiedenen Religionen gemeinsam beten. 2000 besuchte der Papst die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Israel und bat um Vergebung für die Sünden, die Christen im Lauf der Kirchengeschichte begangen haben - ohne allerdings das Schweigen des damaligen Papstes Pius XII. über den Holocaust zu verurteilen.

Doch diese äußerliche Toleranz, die in erster Linie dem Verlangen entspringen dürfte, die Religion als Anker für die krisenerschütterte bürgerliche Ordnung zu stärken, steht die Intoleranz der von Johannes Paul II. vertretenen Lehre entgegen. So erließ der Papst noch vor zwei Jahren ein Verbot, das Abendmahl gemeinsam mit anderen Konfessionen einzunehmen, und die vom Papst unterstützte Erklärung "Dominus Jesus" spricht der reformatorischen Kirche das Kirchsein ab und disqualifiziert die anderen Religionen als schwer defizitär.

Krise der Kirche

Bei all seinen rechten Standpunkten war sich Johannes Paul II. stets zutiefst bewusst, dass die Kirche ihre Funktion als Stütze der herrschenden Ordnung nur erfüllen kann, wenn sie sich gleichzeitig als Sachwalterin der Sorgen und Nöte der Unterdrückten gebärdet. Er hat zahlreiche Schriften zur katholischen Soziallehre verfasst, in denen er kapitalistische Auswüchse und Missstände anprangert. Auf einer Reise nach Kuba wandte er sich in scharfen Worten gegen den Neoliberalismus und seine Auswirkungen.

Diese Kritik richtet sich nicht gegen die kapitalistische Ordnung. Seit der Sozialismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts erheblichen Einfluss in der Arbeiterklasse gewann, versuchte die katholische Kirche seinem Einfluss entgegenzuwirken, indem sie eine Soziallehre formulierte, die eine beschränkte Kritik am Kapitalismus übte und Sympathie für das Schicksal der Arbeiter und Armen zeigte. Johannes Paul II. folgte dieser Tradition. Den Sozialismus lehnte der Papst in der Enzyklika "Centesimus Annus" dagegen grundsätzlich als atheistische Doktrin ab.

Auch die deutliche Stellungsnahme des Papstes gegen den ersten und zweiten Irakkrieg muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die katholische Hierarchie mit ihrer eineinhalbtausendjährigen Tradition denkt in größeren Zeiträumen als bürgerliche Politiker, die auf kurzfristige Erfolge aus sind. Dem Vatikan ist bewusst, dass das rücksichtslose Vorgehen der USA im Nahen Osten langfristig die gesamte kapitalistische Weltordnung aus dem Gleichgewicht wirft, einschließlich der katholischen Kirche.

Der Papst hatte noch kurz vor Ausbruch des zweiten Irakkriegs den irakischen Vizepremierminister Tarek Aziz, einen Christen, empfangen und Gesandte nach Washington und Bagdad geschickt, um den Krieg zu verhindern. Er verurteilte ihn mit den Worten: "Der Krieg der Mächtigen gegen die Schwachen hat heute mehr als früher tief greifende Spaltungen zwischen Reichen und Armen aufgerissen."

Die soziale und Friedensrhetorik des Papstes, die in krassem Gegensatz zum Inhalt seiner Ideologie und Politik steht, sowie die über hundert, mit großem propagandistischem Aufwand durchgeführten Auslandsreisen, haben während der Amtszeit Johannes Pauls II. zu einer erheblichen Ausweitung der Kirchenmitgliedschaft geführt. Die Zahl der Kirchenmitglieder wird mittlerweile mit über einer Milliarde angegeben, von denen die Hälfte in Süd- und Nordamerika leben.

Diese Zahlen können jedoch die tiefe Krise nicht verdecken, in der sich die Kirche befindet. Das Anwachsen der Kirchenmitgliedschaft konnte mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl steigt die Zahl der Kirchenmitglieder nur in Regionen, in denen die Katholiken eine kleine Minderheit darstellen, einschließlich Afrika und Teilen Asiens. In Lateinamerika stagniert sie anteilmäßig und in Europa und Nordamerika geht sie zurück. In Lateinamerika ist allgemein bekannt, dass die katholische Kirche Boden an verschieden evangelische protestantische Gruppen verliert.

Trotz dem Bemühen der Medien, Johannes Paul II. zu kanonisieren, geht der Einfluss der Kirche auf breite Teile der Bevölkerung zurück. Der katholische Klerus ist selbst unter vielen Katholiken diskreditiert. In den USA werden in einigen Großstädten, wie Detroit, katholische Schulen geschlossen.

Diese Krise wurde in jüngster Zeit durch Sexskandale verschärft, in die Priester und Kirchenvertreter verwickelt waren. Mittlerweile ist klar, dass Johannes Paul II. während seiner Amtszeit versucht hat, weitverbreitete sexuelle Übergriffe gegen Kinder zu verheimlichen. Die Rolle, die er bei der Vertuschung dieses Missbrauchs in der amerikanischen, irischen, österreichischen und in anderen Kirchen spielte, unterstreicht die Doppelmoral des Vatikans in sexuellen Fragen. Sie steht in scharfem Gegensatz zum Moralisieren der Kirche gegen die normalen Sexualpraktiken gewöhnlicher Leute. Für Johannes Paul II. und den Vatikan hatten die Verteidigung des Klerus, seiner Macht, Autorität und Immunität gegen jede Überprüfung, Vorrang vor allen anderen Fragen.

Johannes Paul II. war eine charismatische Figur, die den anhaltenden Niedergang der Unterstützung für die katholische Kirche etwas bremsen und die Institution zusammenhalten konnte. Sein Abgang wird den inneren und äußeren Druck auf diese veraltete, erstarrte und reaktionäre Institution verstärken. Das absurde Medienspektakel, mit dem versucht wird, mit dem Tod des Papstes für die Kirche zu werben, ist selbst ein widersprüchlicher Ausdruck der Krise dieser Institution und der bürgerlichen Ordnung, die sie verteidigt.