Der Aufstieg und Fall des Bernie Ebbers

25 Jahre Haft für ehemaligen WorldCom-Chef

Von Joseph Kay
20. Juli 2005

Am 13. Juli wurde der ehemalige Vorstandsvorsitzende von WorldCom, Bernie Ebbers, zu einer Gefängnisstrafe von 25 Jahren verurteilt. Ebbers, 63 Jahre alt und herzkrank, wird voraussichtlich wegen seiner Rolle im größten Unternehmensfinanzschwindel in der US-Geschichte den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen müssen. Ein Bundesdistriktgericht in New York befand ihn des Betrugs, der Verschwörung und der Bilanzfälschung für schuldig.

Die Betrugssumme bei WorldCom belief sich auf atemberaubende 11 Milliarden Dollar, weit mehr noch als bei den Buchhaltungsmanipulationen im Falle Enron. Tausende Arbeiter verloren durch den Bankrott des Unternehmens im Sommer 2002 ihren Arbeitsplatz und ihre Ersparnisse. Zehntausende Investoren wurden betrogen.

Dennoch sind das Urteil und die Gefängnisstrafe kein Grund, erbaut zu sein. Wer die Geschichte der amerikanischen Unternehmen ernsthaft verfolgt, sollte die Entscheidung der herrschenden Elite, jemanden aus ihrer Mitte zu verfolgen, mit Misstrauen betrachten.

Auch früher schon sind vereinzelte Manager oder Börsenhändler verurteilt worden, und das wird auch in Zukunft der Fall sein. Der Zweck ist dabei stets derselbe: Der einzelne Manager dient als Opferlamm, das dem Gott der Selbsterhaltung dargebracht wird. Jemand wie Ebbers wird verfolgt, um das Gesellschaftssystem zu stützen, das ihn hervorgebracht hat.

Der Bankrott von WorldCom vor drei Jahren erfolgte inmitten einer Welle von Unternehmensskandalen. Enron machte zu Beginn des Jahres den Anfang. Es folgten Tyco, Xerox, Global Crossing und viele andere. Es handelte sich um die Nachwirkungen des Einbruchs des Börsenbooms vom Vorjahr. Viele Unternehmen, die wie WorldCom durch Betrug und Kriminalität ausgehöhlt waren, hatten ihre Probleme unter Kontrolle halten können, so lange die Wall Street befriedigt wurde und jedermann Geld verdiente.

Als dann der wahre Charakter der amerikanischen Unternehmenskultur ans Licht kam, begannen die Medien und die Bush-Administration eine verzweifelte Kampagne, um das, was in Wirklichkeit eine tiefe gesellschaftliche und finanzielle Krise war und bleibt, lediglich als Fehlverhalten einer Handvoll gieriger Manager darzustellen. Im Juli 2002 verkündete Bush, dass "kein Bruch des öffentlichen Vertrauens geduldet" und die Regierung die Ereignisse bei WorldCom "gründlich untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen" werde.

Alle beeilten sich, die Vorstandsmitglieder zu verurteilen. Selbst die Kommentarspalte des Wall Street Journals, die nicht gerade für ihre wirtschaftsfeindliche Rhetorik bekannt ist, trat für eine Strafverfolgung ein. Auf diese Weise sollte demonstriert werden, dass das System funktioniert, dass die Probleme angegangen werden und dass mit der Wirtschaft als ganzer nichts schief läuft.

Das ist selbst ein gigantischer Betrug. Das Problem ist systembedingt. Individuelle Eigenschaften spielten sicher eine Rolle. Es gab gierige Leute, die kriminell handelten. Aber dass derartige Leute in der Lage waren, an die Spitze amerikanischer Großunternehmen aufzusteigen und das Lob des wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Establishments und der führenden Medien zu ernten, erfordert selbst eine Erklärung.

Bernie Ebbers ist beispielhaft für den Aufstieg eines sozialen Typus, der in der Lage war, den Interessen der herrschenden Elite als Ganzer zu dienen. Seine Vorgeschichte ist eher unbedeutend. Er wuchs im Süden der USA auf, nachdem er einen Teil seiner Kindheit in Edmonton, Kanada, verbracht hatte. Er flog mehrmals von der Oberschule, bevor er sich schließlich in einem Babtistencollege in Mississippi eingewöhnte. Nach seinem Schulabschluss 1966 betätigte er sich fast zwei Jahrzehnte lang als Basketball-Trainer und Motel-Eigentümer.

Erst in der zweiten Hälfte der 80er und besonders in den 90er Jahren gelang ihm der große Wurf. 1983 gründete Ebbers die Firma Long Distance Discount Service (LDDS) und zog damit Nutzen aus der Zerschlagung der AT&T, die den Ferngesprächsmarkt für kleinere Firmen geöffnet hatte. Das Unternehmen wuchs anfangs nur langsam, begann aber dann nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft eine Firma nach der anderen aufzukaufen.

Ebbers folgte in den 90er Jahren einer einzigen, einfachen Philosophie, die ihm gute Dienste leistete: Wachstum durch Aufkauf. Im Laufe ihrer Existenz kaufte sein Unternehmen 70 Firmen auf, darunter den Telefonriesen MCI für 37 Milliarden Dollar im Jahr 1998.

Jede Erwerbung wurde durch eine Aufstockung des Aktienkapitals, gestützt auf die vorangegangene Erwerbung, finanziert, die mit der Anhäufung riesiger Schuldenberge einherging. Die Unternehmensbilanz wies schließlich über 30 Milliarden Dollar Schulden aus, die allerdings durch das fiktive Wachstum von "Absichten" ausgeglichen wurden, eine Buchhaltungskategorie, mit der WorldCom die Tatsache verdeckte, dass seine Verbindlichkeiten weit höher waren als seine Vermögenswerte.

Ebbers wusste, dass es den Wall-Street-Investoren nicht auf gesunde Grundstrukturen seiner Firma ankam, die in der Zeit ihres erstaunlichen Aufstiegs stets ziemlich brüchig waren, sondern auf den Aktienwert. Solange es gelang, den Aktienkurs hoch zu halten, so Ebbers Kalkulation, würden alle (oder zumindest alle, auf die es ankam) glücklich sein. Die Banken würden an Bord springen, die Analysten positive Einschätzungen geben, die Medien begeisterte Berichte über ihn und sein Unternehmen veröffentlichen und die Politiker ein Auge zudrücken.

Der Boom der Telekom-Aktien, der WorldCom nach oben spülte, war Bestandteil des Spekulationsfiebers der 90er Jahre. Wie die WSWS anlässlich des Bankrotts von WorldCom erklärte, war der Anstieg der Börsenkurse nicht Ausdruck einer gesunden Wirtschaft. Das Gegenteil war der Fall. Die wachsende Profitabilitätskrise - die zunehmende Schwierigkeit, Profite im eigentlichen Produktionsprozess zu erzielen - begünstigte eine Verlagerung des Schwergewichts auf Finanztransaktionen und Spekulation.

Im Verlauf der 90er Jahre führte das rasche Anwachsen des Börsenwerts von Telekom-Unternehmen zu einem massiven Kapitalzufluss, der weit höher lag, als es die gesellschaftliche Nachfrage nach den von den entsprechenden Unternehmen angebotenen Dienstleistungen erfordert hätte. Das Ergebnis war eine enorme Überkapazität von Glasfaserkabeln und anderen Infrastruktureinrichtungen, die irgendwann zwangsläufig zu einem spektakulären Niedergang der Industrie führen musste.

Eine Zeitlang gelang es Ebbers jedoch, WorldCom auf dem Kamm der spekulativen Welle zu halten. Er verfügte über sämtliche Eigenschaften, die von dem von ihm verkörperten neuen Vorstandstypus verlangt wurden: Gier, Skrupellosigkeit und vor allem die Bereitschaft, alles Erforderliche zu tun, um die Erwartungen der Wall Street zu erfüllen. Da er selbst stark in WorldCom-Aktien investiert hatte, war seine besessene Konzentration auf eine Erhöhung des Aktienkurses sowohl Ausdruck seiner eigenen Bereicherungssucht wie der Interessen der Großinvestoren.

Ebbers gewann dabei viele Freunde. Besonders enge Beziehungen unterhielt er zur großen Investitionsbank Salomon Smith Barney und deren Telekom-Aktien-Analysten Jack Grubman. Wie bei Enron spielten die Investitionsbanken auch bei der Förderung von WorldCom und Ebbers eine maßgebliche Rolle.

Während Salomon den Kurs der WorldCom-Aktie durch hohe Einschätzungen in die Höhe trieb, zahlte Ebbers der Bank zwischen Oktober 1997 und Februar 2002 mehr als 100 Millionen Dollar Investmentbankgebühren. Ebbers profitierte auch von Grubmans Praxis, ausgewählten Kunden privilegierten Zugang zu äußerst profitablen, von der Bank durchgeführten öffentlichen Erstemissionen zu gewähren.

Ebbers und sein Finanzchef Scott Sullivan wurden von der Presse gepriesen, die ihnen mehrere Titelgeschichten widmete, und gewannen zahlreiche Ehrungen. Die Buchprüfungsfirma Arthur Andersen, die für WorldCom und Enron zuständig war, kassierte zwar hohe Gebühren, sagte aber nichts über die strukturellen Finanzprobleme der Firma.

Politisch entwickelte WorldCom besonders enge Beziehungen zur Demokratischen Partei. Mitte 1999 hielt Präsident Clinton eine Rede vor WorldCom-Angestellten, in der er die Firma zum "Symbol des Amerikas des 21. Jahrhunderts" erklärte. "Ihr verkörpert meine Zukunftsvision", fügte er hinzu.

In gewisser Hinsicht war dieses Lob wohlverdient. Zwischen 1990 und dem Höhepunkt 1999 bescherte das Unternehmen seinen Aktionären ein Gewinnergebnis auf das eingesetzte Kapital von 225:1. Viele Leute hatten viel Geld erdient, nicht zuletzt Ebbers selbst, dessen Vermögen zu diesem Zeitpunkt auf 1,4 Milliarden Dollar geschätzt wurde.

Ebbers Aufstieg von einem Kleinstadt-Bakettballtrainer zu einem der reichsten Männer der Welt ging mit einem außergewöhnlichen Anwachsen von sozialer Ungleichheit einher. Während die Durchschnittslöhne gewöhnlicher Arbeiter stagnierten oder sanken, ging es einer Bevölkerungsschicht - darunter Managern wie Ebbers und einer größeren Gruppe, die vom Börsenboom profitierte - außerordentlich gut. Unter Ausnutzung der Deregulierung, die von beiden politischen Parteien unterstützt wurde, führte ein kleiner Teil der Gesellschaft einen Raubzug auf Sozialleistungen und die Ersparnisse von Kleininvestoren und Arbeitern durch, die vollständig in die Taschen der Reichen transferiert wurden.

Ab dem Jahr 2000 stand WorldCom vor ernsthaften Problemen. Eine anvisierte 115-Milliarden-Dollar-Fusion mit Sprint scheiterte, was einen scharfen Rückgang des Aktienkurses zur Folge hatte.

Gleichzeitig ging der Telekomboom zu Ende. Ebbers selbst, dessen Vermögen vollkommen in WorldCom-Aktien angelegt war, befand sich in finanziellen Schwierigkeiten. Er hatte viele seiner Aktien mit geliehenem Geld gekauft, und seine Schulden wurden nun mit dem fallenden Aktienkurs fällig. Um seine Kosten zu decken, veranlasste er das Unternehmen, ihm mehr als 400 Millionen Dollar zu leihen. Er nahm an, er könne den Kredit zurückzahlen, wenn der Kurs wieder ansteige.

Doch unter Bedingungen, unter denen der Kurs nicht kontinuierlich anstieg, verfügte WorldCom über keine ökonomische Grundlage, um profitabel zu arbeiten. Ebbers reagierte mit massivem Betrug.

So wandte das Unternehmen einen Buchhaltungstrick an, bei dem Routineausgaben als Kapitalinvestitionen gebucht wurden. Dadurch wurden die Ausgaben durch fiktive Guthaben ausgeglichen und die Bilanz künstlich geschönt. Nachdem dieser Buchhaltungsbetrug aufflog, zog sich Ebbers im April 2002 aus dem Unternehmen zurück. Im Juli 2002 meldete WorldCom Bankrott an. Die Aktie war nur noch wenige Cents wert.

Ebbers, der geglaubt hatte, alle "Großen" stünden auf seiner Seite, wurde zum Ziel zahlreicher Untersuchungen der Finanzaufsichtsbehörden und der Justiz. Sein Finanzchef Scott Sullivan erklärte sich bereit, seine Schuld anzuerkennen und gegen Ebbers auszusagen. Im März dieses Jahres wurde Ebbers des Betrugs schuldig befunden. Am 13. Juli wurde das Strafmaß festgelegt. Um ein anderes Verfahren beizulegen, erklärte sich Ebbers bereit, auf den größten Teil seines Vermögens zu verzichten.

Die Strafverfolgung Webbers soll zeigen, dass das "System funktioniert". Sie ist auch Ausdruck der Wut von Investoren, die durch den Zusammenbruch von WorldCom viel Geld verloren haben. Hinzu kommt, dass es Teile der herrschenden Elite für nötig halten, die schlimmsten Auswüchse im Verhalten von Vorstandsmitgliedern zu zügeln, um derart katastrophale Zusammenbrüche in Zukunft zu vermeiden. Ebbers Schicksal soll dabei als Warnung dienen.

Ebbers hat ohne Zweifel dazu beigetragen, für das Leben von Tausenden einfachen Leuten enormen Schaden anzurichten. Dennoch steckt in seiner Lage auch ein tragisches Element. All seine übelsten Eigenschaften wurden durch Mächte gefördert, die ihm überlegen waren und die er nie verstanden hat. So reich er war, wuchsen ihm die Dinge über den Kopf. Als sich die Lage veränderte, verlor er völlig den Boden unter den Füßen.

Das Gesellschaftssystem, das in Ebbers Aufstieg und Fall sichtbar wurde, besteht unvermindert weiter. Vorstandsmitglieder erhalten weiterhin Zahlungen in mehrfacher Millionenhöhe, wie jüngst bei Merrill Lynch und Boeing. Aktienoptionen nicht eingerechnet, kassierten führende Vorstandsmitglieder in den USA 2004 im Durchschnitt fast 10 Millionen Dollar, 12,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Der massive Angriff auf den Lebensstandard und die Sozialleistungen der Arbeiterklasse, von denen zig Millionen abhängig sind, geht weiter, während die herrschende Klasse versucht, ihre wirtschaftliche Krise auf dem Rücken gewöhnlicher Leute zu lösen. Nur Bernie Ebbers kann nicht mehr an der Beute teilhaben.

Siehe auch:
Drawing the lessons of WorldCom
(2. Juli 2002)
Der drohende Zusammenbruch von WorldCom wirft das politische Establishment in eine Krise
(3. Juli 2002)