Ralph Edmond (1926 - 2005): Arbeiter und Sozialist

Von Eula Steele und Samuel Davidson
16. Juli 2005

Ralph A. Edmond jun. starb am 25. Juni an den Folgen einer Arterienerweiterung mit Herzversagen, nachdem er am frühen Morgen ins Koma gefallen war. Er hatte die letzten zwei Lebensjahre bei seiner Tochter Paula Landon, seinem Schwiegersohn und zwei Enkelkindern in New Brighton, im Bundesstaat Pennsylvania, verbracht. Ralph wurde 79 Jahre alt.

Seit 1988 war Ralph Mitglied der Workers League, Wegbereiter der Socialist Equality Party und Unterstützer des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Seine politische Tätigkeit war stark eingeschränkt, ja zuweilen fast unmöglich. Er litt seit 1994 an mehreren Krankheiten, die zu seiner Erblindung, zu Divertikulitis und Prostatakrebs führten.

Ralph kam am 22. Juni 1926 in der Arbeiterstadt Rochester in Pennsylvania, sechzig Kilometer nördlich von Pittsburgh, zur Welt. Seine Mutter war Cyrilla C. (Callahan) Edmond. Sein Vater, Ralph A. Edmond sen. war von Beruf Installateur und hatte sehr zu kämpfen, um Ralph und seinen jüngeren Bruder Robert nach dem Tode seiner Frau in der großen Depression durchzubringen. Ralph war erst zwölf Jahre alt, als seine Mutter an einer Lungenentzündung starb.

Ralph wird vielen Mitgliedern der Workers League, der SEP und des Internationalen Komitees auf der ganzen Welt im Gedächtnis bleiben. Er stand für die besten, prinzipiellsten und aufopferungsvollsten Menschen einer Arbeitergeneration, die während des 2. Weltkriegs erwachsen wurde. Sein Anschluss an die Workers League war eine Absage an Chauvinismus und Antikommunismus, die von Schuldirektoren, Politikern, Medienschreibern und Gewerkschaftsbürokraten den Arbeitern von Kindsbeinen an eingehämmert wurden.

Ralph wuchs in der Zeit der Depression auf. In seiner Heimatgemeinde Rochester herrschten miserable Verhältnisse. Sein Vater fand immer nur befristete Arbeit. Schon während seiner Grundschulzeit musste Ralph arbeiten, um zur Unterstützung der Familie beizutragen. Er verließ die Schule nach der siebten Klasse und suchte Arbeit, um seine notleidende Familie zu unterstützen.

Nach der Bombardierung Pearl Harbors geriet Ralph, wie viele seines Alters, in den Sog von Nationalismus und Kriegsbegeisterung. Mit 16 meldete er sich bei der Rekrutierungsstelle der Marine, gab ein falsches Alter an und fälschte die Unterschrift seines Vaters, damit er angemustert wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs diente er vom 1. November 1943 bis zum 4. März 1946 in der Zweiten Marinedivision auf dem Pazifischen Kriegsschauplatz. Er nahm an den Schlachten von Saipan und Tinian und an der Besetzung Japans teil.

Ralph erzählte oft von den Gräueltaten, die von den Soldaten beider Seiten begangen wurden. Auf Saipan verbrachte er dreißig Tage in einem der brutalen Nahkämpfe, für die der Pazifikkrieg berüchtigt war. Viele seiner Kameraden, mit denen er an Land gegangen war, wurden getötet.

Eine Erfahrung lehrte ihn besonders, welche Verachtung das Offizierscorps den einfachen Rekruten entgegenbrachte. Nachdem er dreißig Tage in Saipan gekämpft hatte, wurde er auf einem Marineschiff nach Tinian gebracht. Auf dem Schiff erkrankte er an Brechdurchfall. "Als wir an unserem Zielort ankamen", erzählte er, "kam ein General und sagte, alle ohne Ausnahme müssten an Land gehen. Ich wurde auf einer Bahre an Land getragen und am Strand abgestellt. Was für ein Glück hatte ich, dass ich an diesem Tag nicht getötet wurde."

Zur Vorbereitung der Invasion Tinians bombardierte die Navy die Insel. Dabei wurde zum ersten Mal Napalm eingesetzt. Wie auf Saipan begingen auch hier viele Japaner Selbstmord durch einen Sprung von den Klippen, um der Gefangennahme durch die Amerikaner zu entgehen, von denen es hieß, dass sie keine Gefangenen machten.

Tinian war auch der Standort der Flugzeuge, die im August 1945 die Atombomben über Japan abwarfen.

Beim Militär hatte man Ralph den Hass gegen die Japaner eingetrichtert. Er erklärte oft, dass es dem Militär nur durch rassistische Hetze gegen die Japaner möglich war, Soldaten so zu brutalisieren, wie es für den Nahkampf nötig war. Das Leben eines Japaners zählte weniger als ein Hundeleben.

Nach der japanischen Kapitulation wurde Ralph, der in Nagasaki stationiert war, Zeuge der Verwüstungen, die Krieg und Atombombe anrichteten. Als er begriff, wie entsetzlich es für die japanische Bevölkerung war, geriet er mit seiner militärischen Ausbildung in Konflikt, und seine Persönlichkeit entwickelte ihre zutiefst menschliche Seite. Wie viele amerikanische Soldaten besuchte er japanische Familien und hielt Freundschaft zu ihnen.

Ralph lernte eine japanische Frau kennen, doch er konnte sie nicht heiraten, da seine Einheit ohne Vorankündigung verlegt und aus Japan abgezogen wurde.

Aber erst später, als Ralph die Workers League kennen lernte, war er in der Lage, seine Kriegserlebnisse vollständig zu verstehen und Chauvinismus und Rassismus, wie sie das Militär verbreiteten, bewusst zu bekämpfen. Das war ein Wendepunkt in Ralphs politischer Entwicklung. Zum ersten Mal bekam er einen Begriff vom imperialistischen Charakter des Kriegs.

Nach dem Krieg kehrte Ralph in die Vereinigten Staaten zurück und fing im Baugewerbe zu arbeiten an. Er heiratete am 7. Februar 1948 Mary Frances Mike, die 1998 an Brustkrebs verstarb. Sie hatten zwei Kinder, Paula und Michael Edmond, an denen er sehr hing. Besonders liebte er seine zwei Enkel, die Kinder seiner Tochter Paula, den elfjährigen Jeremy Joseph und den dreijährigen Joshua Tyler.

Vierzig Jahre lang, von 1947 bis zum 1. Mai 1988, arbeitete Ralph als Bauarbeiter. Er gehörte der Gewerkschaft Sheet Metal Workers Local 12 an und war überall als erfahrener und vorbildlicher Arbeiter bekannt. Oft wurde er an Baustellen geschickt, wo schwierige Aufgaben harrten, die außergewöhnliche Geschicklichkeit erforderten.

Ralph war dafür bekannt, dass er sich für andere einsetzte und für die Rechte aller Arbeiter kämpfte. Er war sich immer bewusst, dass seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und sein Wissen es ihm möglich machten, sich für andere Arbeiter einzusetzen, die sich vielleicht weniger behaupten konnten, da sie den Verlust des Arbeitsplatzes befürchteten. Ralph fungierte 1957 ein Jahr lang als lokaler Gewerkschaftsvorsitzender, aber es kam zu scharfen Konflikten mit den Gewerkschaftsbürokraten, als er ihre Deals mit den Unternehmern, ihre Vetternwirtschaft und ihre Verrätereien durchschaute.

Aber damals machte sich Ralph über Politik noch keine großen Gedanken. Wie die meisten Arbeiter war er der Meinung, große und starke Gewerkschaften könnten die Interessen der Arbeiter am besten verteidigen und von den Unternehmern Zugeständnisse erreichen. Er teilte die allgemeine Auffassung, der amerikanische Kapitalismus sei das beste aller Systeme, und Sozialismus bedeute Diktatur. Diese weitverbreitete Auffassung speiste sich aus dem üppig wuchernden Antikommunismus und den Hexenjagden der McCarthy-Ära.

Das änderte sich in den frühen achtziger Jahren, als die Rezession zu Massenentlassungen in der Stahl- und Autoindustrie, im Bergbau und im Baugewerbe führte. Präsident Reagan entließ die PATCO-Fluglotsen, als die Führung des AFL-CIO ihren Kampf isolierte und die Zerschlagung der Gewerkschaft kampflos akzeptierte.

Die Zerschlagung der PATCO-Gewerkschaft war der Auftakt zum offenen Angriff auf die Gewerkschaftsbewegung. Die gewerkschaftliche Organisation, für die sich Ralph sein ganzes Arbeitsleben lang eingesetzt hatte, erwies sich unfähig, die Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder zu verteidigen. Jedesmal wenn die Arbeiter einen Kampf aufnahmen, wurde er von ihrer Gewerkschaftsführung abgewürgt und verraten. Für Ralph wurde es immer deutlicher, dass diese Organisationen sich grundlegend verändert hatten. Anstatt die Arbeiter auch nur im Mindesten zu verteidigen, versuchten die Gewerkschaftsfunktionäre, durch ihren Verrat die eigene Position abzusichern.

Diese Krise berührte Ralph persönlich, als sein Sohn 1984 seinen Arbeitsplatz bei dem Stahlbetrieb Babcock & Wilcox in Beaver Falls, Pennsylvania, verlor, und seine Tochter, eine diplomierte Krankenschwester, sich an einem Streik in ihrem Krankenhaus zur Verteidigung der Gewerkschaft beteiligte. Im Winter 1988 wurde Paula im Lauf des vierwöchigen Streiks am Aliquippa-Krankenhaus von der lokalen Polizei schikaniert und vorübergehend festgenommen.

Während dieses Streiks kam Ralph zum erstenmal mit der Workers League in Kontakt. Er begegnete einem Team der Workers League, das mit den Streikenden diskutierte und über ihren Kampf berichtete. Von diesem Zeitpunkt an begann er das Bulletin, die Zeitung der Workers League, zu lesen.

Ein paar Wochen später nahm er Kontakt zur Workers League auf und schloss sich ihr nach einer langen Diskussion an, die bis tief in die Nacht hinein dauerte und viele Fragen berührte: Sozialismus, die Rolle des Stalinismus, das Schicksal der Sowjetunion, die Verrätereien der Gewerkschaftsführung und die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung. Es war dies die erste einer ganzen Reihe von Diskussionen, die schließlich zu seiner Mitgliedschaft in der Workers League führten.

Ralph wurde Mitglied, und wie man so sagt: "Er blickte nicht zurück." Es tat ihm nur leid, dass er die Partei nicht zwanzig Jahre eher kennen gelernt hatte, da er als junger Mann in der Lage gewesen wäre, leichter zu lernen und mehr beizutragen.

1988 half er bei der Aufstellung der Kandidaten der Workers League für die Präsidentschaft und den Kongress in Pennsylvania, Ohio und Michigan. Er erklärte sich stets bereit, auch weite Wege zurückzulegen, wenn es darum ging, Arbeiter und Studenten aufzusuchen, die sich für die Politik und das Programm der Workers League interessierten.

Kurze Zeit, ehe er der Organisation beitrat, fand ein Streik in vier Werken einer multinationalen Papierfabrik statt, und die Firma setzte Streikbrecher ein. Die Gewerkschaft isolierte die Arbeiter und trieb sie in die Niederlage. Ralph fuhr öfters nach Lock Haven, Pennsylvania, klärte die Arbeiter über die Gründe des Verrats der Gewerkschaften auf und erklärte ihnen, was notwendigerweise zu tun sei.

1990-91 nahm Ralph an der Kampagne der Workers League gegen den ersten Golfkrieg teil. Geduldig teilte er den Arbeitern seine eigenen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg mit - wie die Soldaten belogen und von den jeweiligen Regierungen benutzt worden waren - und erklärte die Notwendigkeit der internationalen Vereinigung der Arbeiter gegen den Kapitalismus.

1993 forderte ein verheerender Hausbrand in Detroit das Leben von sieben Kindern, worauf die Stadt versuchte, die Eltern dafür verantwortlich zu machen. Ralph war bereit, sich an einer unabhängigen Arbeiteruntersuchungskommission zu beteiligen, die von der Workers League zur Aufklärung der Brandursachen eingesetzt wurde. Das Ergebnis der Untersuchung brachte die schreckliche Armut, die miserablen Wohnverhältnisse und die fehlende Sozialhilfe als Ursachen der Tragödie zu Tage. Die Kommission zeigte auch auf, wie die Behörden durch die Strafverfolgung der Eltern versucht hatten, vom Versagen des kapitalistischen Systems abzulenken.

In dieser Zeit war Ralph ständig dabei, zu lernen. Er las und studierte so viel er nur konnte. Jede Woche wartete er ungeduldig auf den Postboten, der ihm das Bulletin brachte. Ganz gleich, was er gerade machte, er ließ alles stehen und liegen und las die Zeitung, Seite für Seite. Viel Zeit widmete er auch den klassischen Schriften von Marx, Lenin und Trotzki. Als er Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution las, konnte er das Buch nicht mehr aus der Hand legen und las es in drei Tagen zu Ende.

Im Jahr 1994 verschlechterte sich Ralphs Gesundheit sehr. Vierzig Jahre Schwerarbeit forderten ihren Tribut. Schon mehrmals an den Handgelenken operiert, litt er an einer Erkrankung des Herzens sowie an Darm- und Rückenproblemen. Nun kamen noch Blutungen in einem Auge dazu, die dazu führten, dass das Auge erblindete. Nach wenigen Monaten verlor er auch das zweite Auge.

Schon bisher hatten ihn seine Krankheiten sehr belastet. Nun bewirkte die Erblindung, dass Ralph nicht mehr lesen und sich daher kaum mehr am politischen Leben beteiligen konnte. Anfangs las man für ihn Artikel und Dokumente auf Kassette. Eine Zeitlang sprach er immer noch Arbeiter an, um mit ihnen zu diskutieren, z. B. im Supermarkt, oder er half dabei, die Zeitung auszutragen, oder rief in einer lokalen Talkshow am Hörertelefon an. Aber ohne sehen zu können, war es sehr schwierig, auf dem Laufenden zu bleiben, die politische Arbeit der Partei zu verfolgen und zu studieren.

Ralph war ein außergewöhnlicher Mensch. Er wusste das geringste Zeichen von Sympathie zu schätzen und erwiderte es jedes Mal mit vollen Händen. Er war ein großherziger, prinzipienfester und großzügiger Mensch. Wenn viele bloß ihren eigenen Vorteil sehen, sah Ralph sein Glück im Streben nach Menschlichkeit. Er verkörperte das revolutionäre Potential der amerikanischen Arbeiterklasse. Es gibt viele, die ihn vermissen und in guter Erinnerung bewahren werden.