Das Rolltreppenwerk Kone wird geschlossen

Einige Lehren aus Hattingen

Von Sibylle Fuchs
15. Juli 2005

Am Mittwoch gab der Aufsichtsrat des finnischen Rolltreppenkonzerns die Stilllegung des Werks in Hattingen bekannt. Mehr als 300 Arbeitsplätze gehen damit verloren, nur etwa 80 bis 90 Arbeitsplätze sollen im Bereich Forschung, Entwicklung und Service bestehen bleiben. Auch in der Zulieferindustrie dürften durch die Stilllegung noch einmal so viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Ursprünglich waren für denselben Tag Verhandlungen mit dem Betriebsrat über ein "Alternativkonzept" vereinbart. Aber dann erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Heiko Körnich gegenüber der Presse lapidar: "Der Aufsichtsrat hat das Konzept der Geschäftsleitung gebilligt und das Gegenkonzept verworfen."

Die Stadt Hattingen im südlichen Ruhrgebiet verliert damit den letzten größeren Industriebetrieb. Schon jetzt liegt die Arbeitslosigkeit in der Region weit über dem Durchschnitt und die Möglichkeiten für die Betroffenen, andere Arbeit zu finden sind gleich Null. Die Beschäftigten und viele aus der Hattinger Bevölkerung, die in den vergangenen Wochen die Protestaktionen der Kone-Arbeiter unterstützten, reagierten auf die Entscheidung der Geschäftsleitung mit Empörung und Wut.

Otto König, Bevollmächtigter der IG Metall Hattingen-Gevelsberg kündigte weitere Verhandlungen an. So leicht würden Betriebsrat und Gewerkschaft nicht aufgeben, sagte er gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. "Uns wurden Unterlagen vorenthalten, die wir nun einsehen möchten", beschwerte sich König und kündigte eine Überarbeitung des Stilllegungskonzepts an.

Doch das ist reine Augenwischerei und ein untauglicher Versuch von Seiten der Gewerkschaft und des Betriebsrats die eigenen Spuren zu verwischen. Tatsache ist, dass der so genannte Alternativplan vor allem dazu diente, einen ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze zu verhindern und völlig unbegründete Hoffnungen auf einen Kompromiss weckte.

Es ist nicht zum ersten Mal, dass in Hattingen Arbeiter, die mit einer Betriebsschließung konfrontiert sind, mit derartigen Versprechungen über Alternativkonzepte in die Irre geführt wurden. Bei den Auseinandersetzungen über die Schließung der Henrichshütte (1987) und Mönninghoff (1983/84) war es sehr ähnlich. Und immer endete es damit, dass Otto König erklärte, die Unternehmer hätten die Gewerkschaften hinters Licht geführt, oder sich selbstherrlich über die Alternativ-Vorschläge hinweggesetzt. In Wirklichkeit handelt es sich um ein übles Doppelspiel von Seiten der Gewerkschaften, die sowohl im Aufsichtsrat sitzen, als auch im Wirtschaftsausschuss vertreten sind.

Daher ist es wichtig, die Rolle der Gewerkschaften und des Betriebsrats in den Auseinandersetzung der vergangenen Monate sehr kritisch zu untersuchen und einige Lehren daraus zu ziehen.

Nach der Verkündung der Schließungspläne Mitte März traten die Kone-Bschäftigten in eine Art Bummelstreik, aber der Betriebsrat wandte sich strikt gegen einen Arbeitskampf zur prinzipiellen Verteidigung aller Arbeitsplätze. Stattdessen wurde seit März das gesamte wirkungslose Arsenal von gewerkschaftlichen Protestaktionen abgespult. Es war abzusehen, dass die von der IG Metall und dem Betriebsrat angestoßenen vielfältigen Aktionen alle ins Leere laufen würden.

Die Runden Tische mit Politikern, Sargtragen, Galgen am Werkstor, Byken, Joggen, Menschenketten und Gottesdienste wie auch die übliche begleitende Kampf-Rhetorik, wirkten gespenstisch und erzeugten den Eindruck, als solle die Tragödie von Rheinhausen und der Schließung fast der gesamten Stahlindustrie des Ruhrgebiets noch einmal auf eine Provinzbühne geholt werden.

Von Anfang an hatten diese Aktionen nicht den geringsten Einfluss auf die Pläne des Konzerns, vermehrten aber die Verwirrung und Orientierungslosigkeit der betroffenen Arbeiter, die all das in unmittelbarer Umgebung schon mehrfach erlebt hatten. Die Gewerkschaft schürte die Illusion, es sei möglich die geplante Verlagerung der Produktion durch Proteste im Stil der siebziger Jahre zu verhindern, als habe die Globalisierung der Produktion die Situation nicht tiefgreifend verändert.

Der finnische Konzern machte im Frühjahr keinen Hehl daraus, was er vorhatte. Von Anfang an strebte er an, die Rolltreppenfertigung in Hattingen zum Sommer einzustellen und nach China sowie England zu verlagern. Von diesen "Restrukturierungsmaßnahmen" erwartet das Unternehmen eine "operative Ergebnisverbesserung" von zirka 30 Millionen Euro, hieß es in der Begründung der Konzernleitung.

Das Rolltreppenwerk von Kone in Hattingen gehörte bis vor einigen Jahren zu Orenstein & Koppel (O&K) und wurde in zwei Betriebe aufgespalten. Die Antriebstechnik ging zunächst an Case New Holland und später an den italienischen Konzern Carraro. 1987, im gleichen Jahr, als das große Stahlwerk, die Henrichshütte in Hattingen stillgelegt wurde, wurde die O&K Rolltreppen GmbH in Hattingen gebildet. Der finnische Konzern Kone OY erwarb damals 26 Prozent der Anteile und kaufte 1996 vom Krupp-Hoesch-Konzern die restlichen Anteile dazu, und das Werk firmierte ab 2000 dann nur noch unter dem Namen Kone.

1999 erhielt der Konzern öffentliche Zuschüsse aus Landesmitteln für den Bau einer neuen Fertigungshalle für die Eco-Rolltreppen an der Nierenhoferstrasse. Dort werden standardisierte Rolltreppen für Kaufhäuser gebaut. 2000 hatte das Werk noch rund 680 Beschäftigte. 2002 wurden bereits 160 Arbeitsplätze abgebaut, wofür ein Sozialplan ausgehandelt wurde. Im Oktober 2003 erhielt Kone einen Großauftrag über 50 Rolltreppen für den Lerther Bahnhof in Berlin. Damals wurde erklärt, dass die Arbeitsplätze bis 2005 gesichert seien.

Heute jedoch hält der Kone-Konzern das Hattinger Werk nicht mehr für konkurrenzfähig. Obwohl der Betriebsrat in der vergangenen Zeit zahlreiche Sparmaßnahmen auf Kosten der Belegschaft durchgesetzt hatte und Gespräche mit der IG Metall und Arbeitsgruppen im Betrieb über Flexibilisierung, Entlohnung sowie Durchlaufzeiten geführt wurden, könne der Betrieb mit dem 20prozentigen Preisverfall auf dem Weltmarkt und der um die Hälfte billigeren Produktion in China nicht konkurrieren. Kone-Mitarbeiter gingen nach Kunshan in China, um dort das Werk aufbauen zu helfen. Jetzt wird die Produktion in Hattingen eingestellt und vollständig in das neu erbaute Werk in Kunshan in China und in das englische Keighley verlagert.

Von chinesischen Arbeitern, die Kone in Hattingen besuchten, erfuhren die Konearbeiter, dass ein vergleichbarer Metall-Facharbeiter in China umgerechnet etwa 1.000,- € pro Jahr verdient und die Lebenshaltungskosten für eine 3köpfige Familie etwa 1.200 € betragen. Die chinesischen Gewerkschafter klagten über die hohe Arbeitslosigkeit in ihrem Land und die Tatsache, dass viele chinesische Firmen ihre Arbeitsplätze an noch billigere Standorte auf der Welt verlagerten, weil sie dem Preisdruck der multinationalen Konzerne, die ihr Heil in China suchen, nicht standhalten könnten. Das heißt, dass die chinesischen Arbeiter vor den gleichen Problemen stehen wie die deutschen.

Die Konzerne spielen die Arbeiter weltweit gegeneinander aus, die IG Metall weigert sich aber den Kampf zur Erhaltung der Arbeitsplätze international zu führen und schützt damit die Profitinteressen der Kapitalisten. Indem sie die Existenzgrundlagen der Arbeiter dem Profitstreben der Konzerne untergeordnet, hilft die Gewerkschaft den Kapitalisten, ihre Pläne gegen die Belegschaften durchzusetzen.

Das zeigt überdeutlich, dass die Arbeiter heute zur Verteidigung von Arbeitsplätzen und Lebensdingungen unter den Bedingungen der Globalisierung der Produktion mit bloßer gewerkschaftlicher Militanz, nichts mehr erreichen können. Sie benötigen dazu eine internationale Strategie und ein sozialistisches Programm.

"Alternativkonzept"

Gewerkschaft und der Betriebsrat präsentierten sich als Co-Manager der Konzernleitung und ließen von einer Expertengruppe unter Leitung von Prof. Bierbaum von Info Institut in Saarbrücken von Alternativkonzept für die profitable Weiterführung des Betriebs erarbeiten. Dieses Konzept hat erhebliche "Optimierungspotenziale in der Organisation und im Ablauf der Prozesse" festgestellt. Dem Konzept zufolge sei es zwar möglich billiger als im Augenblick zu produzieren, mit den chinesischen Produktionsbedingungen zu konkurrieren sei jedoch unmöglich. Daher solle die Produktion von Standardrolltreppen in Hattingen aufgegeben werden. Stattdessen sollten dort Schwerlastrolltreppen gefertigt werden.

Die IG Metall pries es als großen Erfolg, als die Konzernzentrale mitteilte, sie sei bereit Gespräche über das Alternativkonzept der IG Metall ("europäisches Kompetenzzentrum für die Fertigung von Rolltreppen") zu führten. Das am 5. Juli der Belegschaft vorgestellte Alternativkonzept der IG Metall geht davon aus, dem Abbau eines großen Teils der Arbeitsplätze zuzustimmen und höchstens eine gewisse Anzahl von Hochtechnologie-Arbeitsplätzen in Hattingen zu erhalten.

Das Alternativkonzept diente der IG Metall vor allem sich aus der Affäre zu ziehen und letzten Endes der Schließung des Werkes zuzustimmen. Allenfalls werden noch gewisse Abfindungen im Rahmen von Sozialplänen vereinbart, aber auch das ist unter den heutigen Bedingungen nicht mehr sicher. Die Arbeiter befürchten zu recht, dass sie und ihre Familien in Kürze als Empfänger des Arbeitslosengelds II in die Armut gestürzt werden.

Bittere Erfahrungen

Auch beim schon erwähnten Kampf um die Henrichshütte vor knapp zwanzig Jahren und davor bei Mönninghoff - beide großen Industriebetriebe sind mittlerweile stillgelegt - wurden die Arbeiter ebenfalls mit Aktionismus und dem Versprechen von Ersatzarbeitsplätzen und Sozialplänen davon abgehalten, ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Die IG Metall-Führung hatte hinter dem Rücken der Arbeiter längst mit den Stahlunternehmern und der Regierung den "sozialverträglichen" Abbau von Zigtausenden von Stahlarbeitsplätzen vereinbart.

Die 1854 gegründete Henrichshütte in Hattingen war eines der traditionsreichsten Eisenhüttenwerke des Ruhrgebiets. Mehr als 10.000 Arbeiter produzierten hier Eisen und Stahl. Gegen den erbitterten Widerstand der gesamten Region wurde 1987 Hochofen 3, der älteste im Revier, abgeblasen und die Hütte endgültig stillgelegt. Eine Schlüsselrolle spielte auch damals die Strategie der IG Metall unter ihrem Bevollmächtigten Otto König. Schon damals weigerte sich die Gewerkschaft einen gemeinsamen Kampf aller Stahlarbeiter zu organisieren und orientierte die Arbeiter auf die Forderung nach Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen und Beschäftigungsgesellschaften, sowie öffentliche Subventionen und das Aushandeln eines Sozialplans.

Der vergebliche Kampf um die 1000 Arbeitsplätze der Flanschenfabrik Mönninghoff hatte große Ähnlichkeit mit dem um Kone. Die Arbeiter hatten das Werk besetzt, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Auch damals wurde ein "Alternativkonzept" vorgelegt. Die Besetzung wurde unterbrochen, weil Otto König, das Aktionskomitee und der Betriebsrat eine "Fortführungsgesellschaft" in Form einer gemeinnützigen Stiftung gründen wollten. Der "alternative Unternehmensberater" Wolfgang Dietz, erklärte damals auf der Betriebsversammlung am 1. März:1984 "Wir müssen beweisen, dass wir es besser können als bisherige Unternehmer und Manager". König schämte sich in den vergangenen Wochen nicht, den Arbeitern von Kone heute das gleiche erfolglose Konzept wieder anzubieten.

Ersatzarbeitsplätze hat es nach der Stilllegung der Stahlwerke in der gesamten Ruhrregion so gut wie keine gegeben. Auch das "Kompetenzzentrum Umwelttechnologie" in Hattingen, das einen Teil dieser Ersatzarbeitsplätze schaffen sollte, ist ebenso gescheitert wie andere Unternehmen. Nun reiht sich Hattingen in die Vielzahl der Städte im Ruhrgebiet mit hoher Arbeitslosigkeit ein.

Nahezu im gesamten Ruhrgebiet hat es in den achtziger und neunziger Jahren erbitterte Kämpfe gegen Stilllegungen gegeben. Überall haben die Gewerkschaften - in dieser Region besonders die IG Metall - versucht hinter radikalen Worten und "medienwirksamen" Aktionen wie der Besetzung von Brücken und Autobahnen, manchmal sogar Betriebsbesetzungen ihre wahre Rolle zu verbergen. In Wirklichkeit haben sich die Gewerkschaften zum wichtigsten Bündnispartner der Unternehmer bei der Durchsetzung von Massenentlassungen und Betriebschließungen entwickelt.

Unter den heutigen Bedingungen von Massenarbeitslosigkeit und der Möglichkeit, die Produktion kurzfristig in Billiglohnländer zu verlagern, brauchen die Unternehmer nicht einmal mehr Ersatzarbeitsplätze oder Sozialpläne zu versprechen. Auch noch so große Zugeständnisse der Belegschaften, wie jüngst bei Siemens in Kamp-Lintfort, hindern sie nicht daran, Werke zu schließen oder zu verkaufen und die Schließung dem neuen Eigentümer zu überlassen.

Überall sehen die Gewerkschaftsfunktionäre ihre Hauptaufgabe darin, den Widerstand der Arbeiter im Rahmen der bürgerlichen Ordnung zu halten. Otto König bildet dabei keine Ausnahme. Gleichzeitig ist er sehr bemüht um sein Image als "Linker" und hat keine Berührungsängste gegenüber abgehalfterten Maoisten und Stalinisten, denen er gern die Mobilisierungsarbeit überlässt.

Die Arbeiter von Kone wie auch in allen anderen Werken, sind mit politischen Aufgaben konfrontiert. Ein gemeinsamer Kampf der Arbeiter aller von Stilllegung bedrohten Betriebe und ihre Vernetzung, ist keineswegs unmöglich, aber er erfordert eine internationale sozialistische Perspektive.

Die globale Entwicklung der Produktion, verbunden mit neuen Produktionsmethoden ermöglicht große Fortschritte, aber unter kapitalistischen Verhältnissen nutzt die herrschende Elite ihre Macht, um die Arbeiter weltweit gegeneinander auszuspielen. Nur durch ein politisches Programm, das sich der kapitalistischen Logik widersetzt und die Bedürfnisse der Beschäftigten und der großen Mehrheit der Bevölkerung den Profitinteressen der Konzerne und Wirtschaftverbänden überordnet, ist es möglich die Arbeiter weltweit - auch zwischen Deutschland und China - in einem gemeinsamen Kampf miteinander zu verbinden.