Unbeantwortete Fragen über Bombenanschläge in London

Von Chris Marsden
14. Juli 2005

Samstagnacht wurde das Stadtzentrum von Birmingham abgeriegelt und 20.000 Menschen zehn Stunden lang evakuiert. Die Polizei von West Midlands legte einen Sperrkordon um den inneren Cityring A38 und blockierte so den Zugang zum Broad Street Vergnügungszentrum und zur China Town, einem Gebiet mit zahlreichen Kneipen, Theatern, Restaurants, Wohnungen und Hotels. In einem Bus auf der Corporation Street wurden vier kontrollierte Explosionen herbeigeführt, aber Polizeibeamte sagten, das zerstörte Objekt habe keine Bedrohung dargestellt.

Das Zentrum von Birmingham sei "tatsächlich und glaubhaft bedroht" gewesen, sagte der Polizeichef der West Midlands, Paul Scott Lee. Sein Stellvertreter Stuart Hyde betonte, die Polizei glaube nicht, "dass der Vorfall, mit dem wir heute Abend befasst sind, etwas mit den Ereignissen vom 7. Juli in London zu tun hat".

Am Sonntagmorgen gab dann das Bombenräumkommando bekannt, dass ein verdächtiges Paket in der Broad Street beim Hotel Travelodge "keine glaubwürdige Bedrohung" gewesen sei.

Mehr wurde über diesen großen Sicherheitsalarm öffentlich nicht bekannt gemacht. Im Fall der Londoner Bombenanschläge vom Donnerstag vergangener Woche, die über 50 Todesopfer und mehr als zwanzig Vermisste forderten, ist die Situation auch nicht viel besser. Niemand weiß, wer die Gräueltaten wirklich begangen hat. Es gibt eine ganze Reihe unbeantworteter Fragen und widersprüchliche Aussagen. Tatsachenbehauptungen der Behörden über den Hergang der Explosionen stellten sich im Nachhinein als falsch heraus.

Wer ist verantwortlich?

Das erste Bekennerschreiben erschien auf einer islamischen Webseite von einer bisher unbekannten Gruppe namens Secret Organisation Group of Al-Qaida of Jihad Organisation in Europa. Innenminister Charles Clarke bezeichnete das Schreiben als "ernst zu nehmend", und Premierminister Tony Blair erklärte, die Bombenanschläge seien im Namen des Islam verübt worden.

Blairs Eile, die Anschläge islamischen Terroristen zuzuschreiben, wurde von den Erklärungen Londoner Polizeibeamter oder irgendwelchen anderen Untersuchungsbehörden und auch durch faktische Beweise zu dem Zeitpunkt nicht gestützt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels waren keine Beweise bekannt, die die Behauptung des Premierministers gerechtfertigt hätten. Mehrere Beamte hatten dagegen die Glaubwürdigkeit des Bekennerschreibens im Internet in Frage gestellt.

Ein weiteres Bekennerschreiben im Namen von Al-Qaida wurde zwischenzeitlich von einer Gruppe veröffentlicht, die sich Abu Hafs al-Masri Brigade nennt. Aber auch hier rät der Sicherheitskorrespondent der British Broadcasting Corporation, Gordon Corera, zur Vorsicht.

Die Untersuchung soll sich auf den marokkanischen Staatsbürger Mohammed al-Gerbouzi konzentrieren, der vor kurzem aus seiner Londoner Wohnung verschwunden ist. Ihm werden Verbindungen zu den Terroranschlägen von Madrid und Casablanca nachgesagt. Französische und deutsche Sicherheitsorgane werfen al-Gerbouzi Verbindungen zu Abu Musab al-Sarkawi vor, dem gebürtigen Jordanier, der nach Meinung der Amerikaner und Briten die islamischen Aufständischen im Irak anführt.

Marokko hat von der britischen Regierung die Auslieferung al-Gerbouzis gefordert, der seit sechzehn Jahren politisches Asyl in Großbritannien genießt. Wegen der Beteiligung an den Terroranschlägen in Casablanca, die 44 Todesopfer forderten, wurde er in Abwesenheit verurteilt.

Die in London erscheinende arabische Tageszeitung Al-Hayyat hat berichtet, dass die britischen Sicherheitskräfte die Wohnungen zweier muslimischer Studenten an der Londoner Universität durchsucht und die beiden festgenommen hätten. Die Polizei habe Dutzende Muslime in Gewahrsam genommen und verhört, unter ihnen auch britische Staatsbürger, berichtete die Zeitung weiter.

Zeitliche Abfolge geändert

Die offizielle Darstellung der zeitlichen Abfolge der Ereignisse am 7. Juli in London hat sich zwischenzeitlich deutlich verändert. Der stellvertretende Chef von Scotland Yard, Brian Paddick, sagte am Sonntag auf einer Pressekonferenz: "Alle drei Bomben in der Londoner U-Bahn gingen um ca. 8.50 Uhr innerhalb von Sekunden hoch."

Er sagte, die technischen Daten der U-Bahn Gesellschaft widerlegten frühere Berichte, die einen größeren Zeitabstand zwischen den Explosionen angegeben hatten. Die Polizei glaubt inzwischen, dass es eine Gruppe von mindestens vier Bombenlegern gegeben habe, die hochexplosiven kommerziellen Sprengstoff und komplizierte Auslösemechanismen verwendeten.

Am Donnerstag und Freitag war vielfach berichtet worden, dass die Bombe an der Liverpool Street Station um 8.51 Uhr hochgegangen sei, die zweite Explosion um 8.56 Uhr stattgefunden habe und die dritte um 9.17 Uhr. Der Bus am Tavistock Square, südlich der Edgware Road, soll um 9.51 Uhr durch eine Explosion zerrissen worden sein.

Israelische Botschaft gewarnt

Ein drittes umstrittenes Thema dreht sich um den Bericht, dass die israelische Botschaft in London schon vor der ersten Explosion vor einem möglichen Bombenanschlag gewarnt worden sei.

Ein von Associated Press (AP) am 7. Juli um12.16 Uhr verbreiteter Bericht von Amy Teibel in Jerusalem lautete: "Die britische Polizei teilte der israelischen Botschaft Minuten vor der ersten Explosion am Donnerstag mit, dass sie vor möglichen Terroranschlägen in der Stadt gewarnt worden sei, sagte ein hoher israelischer Vertreter."

Der Artikel fuhr fort: "Der israelische Finanzminister Benjamin Netanjahu hatte geplant, an einer Wirtschaftskonferenz in einem Hotel über der U-Bahnstation teilzunehmen, in der eine der Explosionen stattfand. Die Warnung veranlasste ihn, stattdessen in seinem Hotelzimmer zu bleiben, sagten Regierungsvertreter....

Kurz vor den Explosionen rief Scotland Yard den Sicherheitschef der israelischen Botschaft an und teilte ihm mit, dass eine Warnung vor möglichen Angriffen eingegangen sei, sagte der Beamte. Er sagte nicht, ob die britische Polizei einen Zusammenhang mit der Wirtschaftskonferenz hergestellt habe.

Der Beamte verlangte, aufgrund seiner Position anonym bleiben zu können."

Innerhalb von Stunden verschwand der ursprüngliche AP-Bericht wieder, nachdem israelische Beamte in Tel Aviv und London ihn dementiert hatten. Aber der Bericht war schon weltweit von zahlreichen Publikationen aufgegriffen worden. AP ersetzte den ursprünglichen Bericht durch einen mit der Überschrift "Israel vor Londoner Angriffen ‚nicht gewarnt’".

Der israelische Außenminister Silvan Schalom leugnete, dass die Botschaft Warnungen erhalten hatte. Er sagte: "Es gab keine Vorabinformation über die Terrorangriffe." Er sagte dem israelischen Militärrundfunk, Netanjahu habe geplant, an einer israelischen Wirtschaftskonferenz im Great Eastern Hotel in der Nähe der U-Bahnstation Liverpool Street teilzunehmen. "Nach der ersten Explosion wurde unser Finanzminister gebeten, nirgendwo hinzugehen."

Netanjahu sagte der World Net Daily, Berichte seien "völlig falsch", er habe Vorwarnungen über die Terrorangriffe erhalten. "Als die erste Bombe hochging, wollten wir gerade unser Hotel verlassen. Auf dem Weg nach draußen sagten die Sicherheitsleute, in der Nähe des Ortes, wo ich sprechen sollte, habe es eine Explosion gegeben. Sie baten uns, umzukehren und im Hotel zu bleiben."

Als der Polizeichef von Metropolitan London, Sir Ian Blair, von Reportern der Sky News zu dem Bericht befragt wurde, war seine Reaktion nicht so eindeutig. Er sagte, er könne israelische Berichte, ihre Botschaft in London habe Minuten vor der Explosion einen warnenden Telefonanruf von der Polizei erhalten, nicht kommentieren. "Wenn es eine spezifische Warnung gegeben hätte, hätten wir natürlich reagiert.... Aber uns ist im Moment von einer solchen Warnung nichts bekannt."

Stratfor sagt, Israel warnte GB

Der Bericht veranlasste auch Stratfor, eine Web Site für nachrichtendienstliche Analysen mit Verbindungen zum US-Geheimdienst und zu militärischen Kreisen, auf deren Gehaltsliste einige Ex-CIA-Agenten stehen sollen, zu einer Richtigstellung. Stratfor wies die AP-Geschichte zurück, behauptete dann aber stattdessen, Israel habe Großbritannien vor den Anschlägen auf London gewarnt.

Stratfor schrieb am 7. Juli: "Im Gegensatz zu den ersten Behauptungen, Israel sei ‚Minuten vor’ dem ersten Angriff gewarnt worden, besagen unbestätigte Gerüchte in Geheimdienstkreisen, dass die israelische Regierung in Wirklichkeit London ‚einige Tage vorher’ vor den Angriffen gewarnt habe. Israel hat scheinbar schon mehrfach Warnungen vor möglichen Anschlägen ausgesprochen, die dann aber offensichtlich nicht durchgeführt worden waren. Die britische Regierung wollte den G8-Gipfel in Gleneagles in Schottland nicht stören oder die Besuche ausländischer Würdenträger in London nicht absagen, und hoffte, dass es sich auch dieses Mal als ein weiterer falscher Alarm herausstellen werde.

Die britische Regierung hockte tagelang auf dieser Information und reagierte nicht. Obwohl die israelische Regierung gegenwärtig nach außen hin mitspielt, wird sie vielleicht nicht lange schweigen. Blair wird mit Sicherheit bald unter Druck geraten und gezwungen sein sich für sein Versagen zu rechtfertigen, diesen verheerenden Terroranschlag nicht verhindert zu haben."

Warum wurde in England die Alarmstufe gesenkt?

Außerdem gibt es bisher noch keine glaubhafte Erklärung für die ungewöhnliche Entscheidung der britischen Behörden, die offizielle Sicherheitsstufe für das Land, das gerade den G8-Gipfel der industriellen Großmächte ausrichtete, herunterzustufen.

Die Terrorismus-Information wird vom Joint Terrorism Analysis Centre (JTAC) des MI5 betreut. Im Juni stufte die JTAC die Alarmstufe herunter, weil sie der Meinung war, die Gefahr eines Anschlags sei auf den niedrigsten Stand seit dem 11. September 2001 gesunken. Es gibt sieben Gefahrenstufen, und am 7. Juli galt in Großbritannien die Stufe "beträchtlich", was die vierte Stufe unterhalb von "allgemein ernst", "konkret ernst" und "unmittelbar" darstellt.

Der einzige öffentliche Hinweis auf diese Entscheidung erschien in einem Bericht der Financial Times vom 7. Juni, wo erklärt wurde: "In einer vor kurzem herausgegebenen Information für die führenden Unternehmen wurde die terroristische Bedrohung von der zweithöchsten Stufe, ‚allgemein ernst’, in die niedrigere Kategorie ‚beträchtlich’, heruntergestuft. [Die Financial Times ist offensichtlich im Irrtum, wenn sie "allgemein ernst" als die zweithöchste Gefahrenstufe bezeichnet; die Red.]

Nach dem System, dem die Sicherheitsdienste vor zwei Jahren zugestimmt hatten, erhalten die Unternehmen schriftliche Risikoeinschätzungen und regelmäßige Infos über die terroristische Bedrohung. Sie sind nicht öffentlich."

Damals gab es keine Erklärung, aus welchem Grund die terroristische Bedrohung als geringer erachtet wurde. Sie war noch während des britischen Wahlkampfs im Mai höher eingestuft worden.

Die Financial Times und andere Zeitungen wiesen darauf hin, dass Sir Ian Blair während Londons Bewerbung für die Olympischen Spiele mit Vertretern des Olympischen Komitees zusammengekommen war und ihnen versichert hatte, es bestehe keine Terrorgefahr. Unter den Bewerberstädten waren auch New York, Madrid und Moskau - alles Städte, die vor kurzem Ziel größerer Terroranschläge gewesen waren.

Jimmy Burns schrieb in der Financial Times vom 7. Juli: "Weniger als eine Stunde vor der ersten Explosion konnte man Sir Ian Blair, den Polizeichef von Groß-London, in der BBC-Sendung Today sich rühmen hören, einigen Verdienst um die erfolgreiche Bewerbung Londons als Gastgeber der Olympischen Spiele 2012 hingen auch mit seiner Person zusammen.

Trotz der Stellung von London als einer der wichtigsten Metropolen und Finanzzentren der Welt - und ihrer Anziehungskraft als vorrangiges Ziel für einen groß angelegten Terroranschlag - wurde die Bewerbung der Stadt dadurch bekräftigt, dass Sir Ian das Internationale Olympische Komitee überzeugte, dass London sicher und ruhig genug bleiben werde, um Besucher aus der ganzen Welt anzuziehen."

In der britischen Olympia-Bewerbung war hervorgehoben worden, dass es in London seit dem Anschlag an der Canary Wharf im Februar 1996 keinen größeren Terroranschlag mehr gegeben hatte. Sir Ian Blair sagte, die Olympischen Spiele könnten sich auf die "beispiellose Erfahrung bei der Terrorabwehr verlassen, von der es erst kürzlich hieß, sie werde von der ganzen Polizeiwelt beneidet".

Zweitens wies Burns darauf hin, dass "im allgemeinen der Focus der Sicherheits- und Polizeiarbeit auf den G8-Gipfel in Schottland gerichtet war".

Burns fuhr fort: "Etwa die Hälfte der 12.000-Mann-starken Spezialtruppe der Polizei, die für den Gipfel zusammengestellt worden war, kam aus London und Umgebung. Unmittelbar nach dem Terroranschlag gaben führende Polizeichefs bekannt, dass viele der 1.500 Hauptstadt-Polizeibeamten zurück nach London geschickt würden."

Das Beste was man als Erklärung für das Herabstufen der Sicherheitsbedrohung sagen kann, ist Inkompetenz, gepaart mit Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit der britischen Bevölkerung.

Der Gipfel in der Nähe Edinburghs in Schottland war mit der größten Sicherheitsoperation der Geschichte Großbritanniens verbunden. Während seiner Dauer taten rund um die Uhr jeweils etwa 4.000 Polizisten Dienst. In Wirklichkeit war es kaum notwendig, eine Truppe von 12.000 Polizisten aufzustellen und drei Sicherheitskordons um das Gleneagles Hotel zu ziehen, um die Staatsoberhäupter und ihre Entourage vor ein paar hundert anarchistischen Protestlern zu schützen, die höchstens mit Stöcken und Pflastersteinen bewaffnet waren.

Die Annahme hätte näher gelegen, dass Terroristen, die die Absicht hätten, England während des Gipfels anzugreifen, London für ein viel einladenderes und realisierbareres Ziel gehalten hätten als die massiv abgeschirmte Örtlichkeit des Gipfels selbst.

Die Metropolitan-Police verfügt im Ganzen über 31.000 Polizisten, aber unter den 1.500 nach Edinburgh geschickten Polizeibeamten befanden sich ohne Zweifel viele Spezialisten für Terrorabwehr. Als Ergebnis könnte die Sicherheit in London geschwächt worden sein.

Wie Burns ebenfalls hervorhebt, war ein Treffen der G8-Justiz- und Innenminister in Sheffield vor dem Gipfel von Gleneagles "darin übereingekommen, international zusammenzuarbeiten, um potentielle Ziele zu schützen, darunter Untergrund- und Eisenbahnen".

Noch ist es zu früh, um Schlussfolgerungen über die Urheber der terroristischen Gräueltaten in London zu ziehen. Wer immer sie sind, oder was immer ihre politischen Motive sein mögen, sie haben einen reaktionären und kriminellen Akt verübt, der den Regierungen Amerikas und Englands nur in die Hände spielen kann, die diese Tragödie sofort ausnützten, um ihren Krieg im Irak und den so genannten "Krieg gegen den Terror" zu rechtfertigen.

Jedenfalls deuten die Ungereimtheiten und offenen Fragen auf eine wichtige politische Tatsache hin: Für die imperialistischen Regierungen hat die Terrorismusbedrohung weit mehr damit zu tun, einen Vorwand für Militarismus im Ausland und Repression im Inland zu liefern, als tatsächlich das Wohlergehen der breiten Bevölkerungsmehrheit sicherzustellen.

Wie gewöhnlich, sehen besonders die USA und Großbritannien terroristische Anschläge als willkommene Gelegenheit, um den Krieg im Irak zu rechtfertigen, auch wenn jeder weiß, dass der Irak nichts mit Al-Qaida oder dem 11. September zu tun hatte, keine Massenvernichtungswaffen besaß und keine Bedrohung für Amerikaner oder Engländer darstellte.

Siehe auch:
Terroristische Bombenanschläge in London: Ein politisches Verbrechen
(9. Juli 2005)