Bombenanschläge von London:

Warum geschah es hier?

Von Chris Marsden
21. Juli 2005

Die Reaktion der Labour-Regierung auf die Bombenanschläge vom 7. Juli in London bestand aus Wehklagen, gepaart mit Heuchelei.

Man will uns weismachen, dass sich mindestens vier junge britische Männer aus Immigrantenfamilien nur deshalb freiwillig in die Luft sprengten, weil ihnen der islamische Fundamentalismus einen irrationalen Hass gegen die westliche Zivilisation eingeimpft habe. Es wird keine Begründung geliefert, warum diese und Hunderte weitere asiatische Jugendliche den religiösen Extremismus anziehend finden und bereit sind, zu töten und selbst zu sterben. Allein die Frage zu stellen, welche Rolle die Teilnahme Großbritanniens am Irakkrieg beim Anwachsen der Empörung unter Muslimen spielt, reicht aus, um als Verteidiger terroristischer Gräueltaten gebrandmarkt zu werden.

Aber erklären bedeutet nicht rechtfertigen. Der islamische Fundamentalismus und die terroristischen Bombenanschläge sind das Symptom einer schweren Krankheit von Gesellschaft und Politik. Erbitterte Anschuldigungen ändern daran nichts. Man muss es verstehen.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Bombenanschläge von London eine Reaktion auf die Kriege im Irak und in Afghanistan und auf die andauernde Besetzung dieser Länder sind. Es war kein besonders entwickeltes Gesellschaftsverständnis und keine ungewöhnliche politische Weitsicht nötig, um vorherzusehen, dass Großbritanniens Teilnahme an einem illegalen Raubkrieg terroristische Akte provozieren würde.

Die ungesunde Verbindung von Blairs Bündnis mit den Militaristen im Weißen Haus und im Pentagon mit seiner heuchlerischen Berufung auf die Demokratie musste in diesem Land tödliche Konsequenzen nach sich ziehen. Nur Regierungssprecher und offizielle Kriegsbefürworter können das abstreiten. Die Feststellung, dass der Krieg unter britischen Muslimen Wut und Empörung ausgelöst hat, ist aber nur der Anfang einer Erklärung.

Es gibt keinen direkten und unvermeidlichen Zusammenhang zwischen der heftigen Empörung über den Krieg und der Entscheidung, einen Terroranschlag gegen die Zivilbevölkerung zu verüben. Das Auftauchen von Selbstmordattentätern in Großbritannien ist ein Hinweis auf den krankhaften Zustand der gesellschaftlichen Beziehungen in diesem Land selbst.

Wir haben es hier nicht mit psychotischen Killern zu tun, bei denen eine Familientragödie oder irgend eine andere Lebenserfahrung nachweisbar eine Persönlichkeitsstörung ausgelöst hat. Bei den drei zuerst identifizierten mutmaßlichen Bombenlegern handelt es sich um Studenten und einen Familienvater, die aus religiöser Überzeugung gehandelt haben.

Shehzad Tanweer, 22 Jahre alt, ist in Bradford geboren und lebte den größten Teil seines Lebens mit seinen Eltern in Leeds im Stadtteil Beeston. Er war ein guter Student und machte einen Abschluss in Sportwissenschaften. Sein pakistanischer Vater besitzt einen Fish-and-Chips-Laden und ist ein respektiertes Gemeindemitglied.

Der 18-jährige Hasib Hussain, ein Schulfreund von Tanweer, kam ebenfalls aus Beeston. Sein Vater arbeitet in einer Fabrik am Ort.

Mohammed Sadique Khan, 30 Jahre alt, auch aus Beeston, war verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Er arbeitete als Sozialarbeiter in einer Grundschule, wo er Mentor für Kinder mit Lernschwierigkeiten war. Sein Vater arbeitete in einer Gießerei. Seine Frau, die von ihm getrennt lebt, arbeitet bei der Umweltbehörde am Ort. Letztes Jahr nahm Khans Schwiegermutter, Farida Patel, sogar an einer Garden Party im Buckingham-Palast teil, wo sie eine Auszeichnung für ihre Arbeit als zweisprachige Lehrerin erhielt.

Der vierte mutmaßliche Bombenleger, ein auf Jamaica geborener britischer Einwohner um die dreißig, Lindsey Germaine, wurde erst gestern zum ersten Mal namentlich genannt.

Diese jungen Männer sollen diese wahrhaft entsetzliche Tat geplant und durchgeführt haben. Man stelle sich vor, was es bedeutet, sich in eine Untergrundbahn oder einen Bus zu setzen und in die Gesichter um sich herum zu blicken - Männer, Frauen und Kinder, die nicht die mindeste Verantwortung für die Untaten der Blair-Regierung tragen -, und dann zehn Pfund hochexplosiven Sprengstoff im klaren Bewusstsein zu zünden, dass die Bombe sie alle töten wird.

Eine Tat dieses Kalibers drückt ein außergewöhnliches Maß an gesellschaftlicher Entfremdung aus. Es ist zu einfach, sie einer "Gehirnwäsche" oder der "perversen und vergiftenden" Doktrin des islamischen Extremismus zuzuschreiben, wie es Premierminister Tony Blair am 13. Juli im Parlament tat. Solche Erklärungen umgehen die wirkliche Frage. Warum wurden vier wohlausgebildete junge Männer von Visionen eines tausendjährigen Märtyrerparadieses, wie sie die Fundamentalisten verkünden, angezogen? Wie können solche reaktionäre Heilslehren sich ausbreiten und Unterstützung gewinnen?

Die Fähigkeit von Gruppen, die mit Al-Qaida sympathisieren, Einfluss zu gewinnen, ist mit bedeutsamen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen innerhalb der britischen Gesellschaft verbunden. Schon wenn man den Begriff "britische Gesellschaft" benutzt, muss man bedenken, dass die ehemalige Tory-Führerin Margaret Thatcher ihre politische und ökonomische Philosophie des jeder gegen jeden einst mit den Worten untermauerte, es gebe keine Gesellschaft.

Thatcher erklärte: "Ich glaube, wir haben eine Zeit hinter uns, in der den Menschen zu sehr glauben gemacht wurde, es sei die Aufgabe der Regierung, ihre Probleme zu lösen. 'Ich habe ein Problem, also muss ich eine Beihilfe bekommen.' 'Ich bin obdachlos, die Regierung muss mir ein Haus verschaffen.' Man lädt seine Probleme der Gesellschaft auf. Aber so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt Individuen, Männer und Frauen, und es gibt Familien."

Die Regierungsübernahme Thatchers 1979 markierte den definitiven Bruch der herrschenden Klasse Großbritanniens mit der Nachkriegspolitik, die den gesellschaftlichen Ausgleich mit Hilfe des Sozialstaats erhalten wollte. Thatcher modelte Großbritannien zu einem Billiglohnparadies für die großen internationalen Konzerne um, indem sie die ganze Macht des Staates gegen die Arbeiterklasse mobilisierte.

Thatchers Verachtung für das Schicksal der breiten Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung und die Kultivierung extraordinären Reichtums für ausgewählte Wenige bildeten den Auftakt zu einem Vierteljahrhundert, in dem alle komplexen gesellschaftlichen Beziehungen und Institutionen zerbrachen, die den Menschen bis dahin das Gefühl gegeben hatten, zu einem größeren Ganzen zu gehören. Die Glorifizierung des mächtigen Individuums - des milliardenschweren Geschäftsmanns, der fantastisch reichen "Berühmtheit" - als Personifizierung des Erfolgs ging mit der Verarmung von Millionen in Großbritannien und überall auf der Welt einher.

Die vier vermutlichen Bombenleger stammen vielleicht nicht alle aus den ärmsten Schichten, aber sie spiegeln in ihrer gesellschaftlichen Existenz die Lebensbedingungen breiter Schichten der arbeitenden Bevölkerung wider, die sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in Großbritannien entwickelt haben. Sie leben in einem Teil des Landes, in Yorkshire, der von der massenhaften Schließung von Bergwerken, Textil- und anderen Fabriken geprägt ist. Einige mögen profitiert haben, aber für die meisten bieten die neuen Jobs nur niedrige Löhne im Dienstleistungsgewerbe.

Beeston ist ein Beispiel für diesen städtischen Niedergang. Ein Bericht des Stadtrats von Leeds vom Juli 2004 stellt fest, Beeston habe "keinen Anteil am Wirtschaftswachstum von Leeds genommen, und es klafft eine große Lücke zwischen den Wohlabenden und den Benachteiligten".

Einwanderer machen nur 22 Prozent der Bevölkerung aus. Die meisten Bewohner sind arme Weiße, die um ihre Existenz kämpfen. Die Arbeitslosigkeit beträgt knapp acht Prozent, aber nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung hat einen Vollzeitarbeitsplatz. Fast ein Sechstel der Bewohner leidet an chronischen Krankheiten. Zweidrittel wohnen zur Miete und besitzen kein eigenes Haus.

Diese gesellschaftliche Polarisierung geht mit allen möglichen Erscheinungsformen sozialer und intellektueller Rückständigkeit einher. Der wachsende Einfluss der Religion und besonders ihrer apokalyptischen Varianten ist nur ein Ausdruck davon.

Um das zu erklären, muss man den anderen Schlüsselfaktor benennen, der zu dieser extremen Entfremdung vieler junger Menschen von der Gesellschaft geführt hat: der Zerfall der Arbeiterbewegung und ihr Verschwinden als nennenswerter Faktor in der britischen Gesellschaft.

Es ist nicht notwendig, hier die Kritik der marxistischen Bewegung an dem reformistischen Programm der Labour Party und der Gewerkschaften zu wiederholen. Trotz ihrer engen und letztlich verhängnisvollen Grenzen widerspiegelten diese Massenorganisationen, wenn auch nur unvollkommen, die Klassensolidarität und die echten sozialistischen Bestrebungen von Millionen Arbeitern und sogar bedeutenden Teilen der Mittelschichten. Diese vertrauten fest darauf, dass ein Ende der kapitalistischen Unterdrückung abzusehen sei und eine neue Welt aufgebaut werden könne. Die Frage war nicht, ob der Kapitalismus überwunden werden könne, sondern wann und wie. Die Jugend reagierte auf diesen Optimismus und strömte in sozialistische Organisationen weit links von der Labour Party.

In einem solchen intellektuellen und gesellschaftlichen Klima wandten sich enttäuschte Jugendliche auf der Suche nach einem besseren Großbritannien dem Studium von Marx zu und schlossen sich der fortgeschrittensten Philosophie an, die jemals entwickelt wurde - geprägt von Optimismus, menschlicher Solidarität und höchstem Idealismus.

Selbst Mitte der 1980er Jahre wirkte diese Haltung noch nach. Das änderte sich erst nach einer endlosen Reihe von Verrätereien der Labour Party und der Gewerkschaftsbürokratie, beginnend mit dem Bergarbeiterstreik von 1984-85, und nach einer massiven Propagandakampagne, die nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime in der Sowjetunion und Osteuropa den "Tod des Sozialismus" verkündete.

Heute ist die Labour Party eine Bastion der Reaktion. Ihr Premierminister ist das Sprachrohr der Murdoch-Medien. Im Namen von "New Labour" setzt Blair die Wirtschaftsphilosophie Thatchers in Großbritannien durch und empfiehlt sie als Modell für Europa und die Welt. Er preist Krieg und koloniale Eroberungen als die große zivilisatorische Mission des Westens an, die den Völkern des Nahen Osten und Afrikas "Demokratie" bringen müsse.

Und was die Gewerkschaften betrifft, so sind diese rückgratlosen und impotenten Organisationen nicht mehr ernst zu nehmen.

Der jungen Generation wird keine Möglichkeit geboten, Einfluss zu nehmen und die Gesellschaft zu verändern. Jeder Weg dazu ist ihr verbaut.

Im Februar 2003 demonstrierten mehr als eine Million Menschen in London gegen die Pläne der USA und Großbritanniens, in den Irak einzufallen. Als Reaktion auf diese beispiellose Opposition erklärte Blair, das Wesen einer demokratischen Regierung bestehe darin, dass der politische Führer bereit sei, dem Volkswillen die Stirn zu bieten.

Das heutige Großbritannien ist eine zutiefst verunsicherte und gestörte Gesellschaft. Im verlauf von 25 Jahren politischer Reaktion haben die schwärenden, vernachlässigten gesellschaftlichen Gegensätze des Landes einen bösartigen Charakter angenommen.

Die Lösung liegt in der Politik, aber in einer ganz anderen als der heute vorherrschenden. Allein durch einen erneuten Aufschwung des Sozialismus kann ein Ausweg aus der momentanen Sackgasse gefunden werden. Die großen Prinzipien des Internationalismus, der sozialen Gleichheit und wirklicher Demokratie des Volks sind das Gegengift gegen religiösen Obskurantismus und bieten die Grundlage, auf der alle Arbeiter und die Jugend im Kampf für eine bessere Zukunft vereint werden können.

Siehe auch:
Terroristische Bombenanschläge in London: Ein politisches Verbrechen
(9. Juli 2005)
Unbeantwortete Fragen über Bombenanschläge in London
(14. Juli 2005)
Warum ist Blair gegen einen Untersuchungsausschuss?
(15. Juli 2005)