Notwendiger Abschied von Illusionen

Netto, Regie: Robert Thalheim, Das Lächeln der Tiefseefische Regie: Till Endemann

Von Bernd Reinhardt
19. Juli 2005

Die beiden Filme stehen für eine Reihe neuerer deutscher Filme, die sich um einen ernsthafteren sozialen Realismus bemühen. Netto lief erfolgreich auf der Berlinale, dann im Kino und wurde kürzlich auf dem 1. Festival des Deutschen Films, das sich der Tradition des traditionellen Autorenkinos verpflichtet fühlt, zum besten deutschen Film des Jahres gekürt. Das Lächeln der Tiefseefische lief auf der Berlinale und ist vor kurzem im Kino angelaufen.

Das Lächeln der Tiefseefische spielt in Ahlbeck auf der Halbinsel Usedom, einem Sommerurlaubsparadies an der Ostsee, nahe der Grenze zu Polen. Seit Maltes Mutter an einer Krankheit gestorben ist, lebt der knapp 18-Jährige allein mit dem Vater. Sie leben ärmlich. Das baufällige alte Haus steht abseits der teuren Hotels und Pensionen. In der Saison kutschiert der Vater mit dem Pferdewagen Urlauber. Der Sohn, der die Schule abgebrochen hat, verdient ein wenig Geld in einer Fischbude. Zusätzlich schmuggelt er mit seinem polnischen Freund Pawel Zigaretten. Er hat nur ein Ziel, die Fahrerlaubnis und dann weg aus diesem trostlosen Nest, wo es keine richtige Arbeit gibt.

Die ältere Schwester Hannah, die vor fünf Jahren auch weg wollte, ist inzwischen desillusioniert aus dem Westen zurückgekommen mit einem Kind. Weil sie damals Malte mit dem ewig betrunkenen Vater allein ließ, will Malte mit ihr und dem kleinen Lukas, auf den er aufpassen soll, während sie sich bei einem Supermarkt als ungelernte Arbeitskraft bewirbt, nichts zu tun haben. Die Spannung zwischen ihnen nimmt zu, als er sich in Annika verliebt, die im Ort mit ihrer Familie Urlaub macht.

Die Armut der Familie erweist sich im Film als permanenter Hintergrund verschiedener Missgeschicke und als tickende Zeitbombe. Schon als Malte Annika kennen lernt, muss er zunächst einem Nebenbuhler Platz machen, dem reichen Sohn vom Hotelbesitzer, in dessen Macht es steht, Maltes Familie aus ihrem Haus zu vertreiben. Schließlich kauft der Neureiche, der schon diverse Hotels in der Stadt besitzt, das Grundstück von der Stadt, und die Familie wird aufgefordert auszuziehen. Dann kommt es Schlag auf Schlag. Malte kann seine Fahrprüfung nicht machen, weil ihm das Geld für die Prüfung fehlt, etwa 250 Euro. Bei seinem Versuch, auf eigene Faust Zigaretten zu schmuggeln, wird er erwischt und soll über 500 Euro Strafe zahlen, für ihn eine utopisch hohe Summe. Seit Polen EU-Mitglied ist, lohnte sich das Geschäft eh kaum noch.

Eines der beklemmenden Bilder des Films ist das bereits eng von Bauzäunen umstellte Haus: Die Familie wohnt noch darin, der Vater steht innerhalb des Zauns, will irgend etwas tun, ist aber völlig hilflos und kann einfach nicht fassen, dass es so etwas wirklich gibt, was da gerade passiert. Zu guter letzt brennt das Haus noch ab, und Maltes Vater wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert.

Einen Ausgleich zu dem ganzen Frust findet Malte nachts auf dem stillgelegten Bahnhofsgelände, wo er seit längerem einen alten Zug besprüht. Auch zu Hause bevölkern seine düsteren Tiefseemonster die Wände und machen dem kleinen Lukas Angst. Als Malte nach den auf ihn hereingebrochenen Katastrophen wieder einmal nachts auf dem stillgelegten Bahnhof sitzt, auf dem er vor ein paar Jahren vergeblich auf die Rückkehr der Mutter aus dem Krankenhaus wartete, setzt sich schweigend seine Schwester zu ihm. Diese angedeutete Hoffnung im Kleinen berührt, sie ist menschlich und lebensecht.

Eine Stärke des Films liegt darin zu verdeutlichen, welchen Druck äußere Tatsachen auf einen Menschen ausüben können. Spätestens als Malte vor dem brennenden Haus steht, denkt man: Was muss eigentlich noch passieren, damit ihm irgendwann die Nerven durchgehen? Während in Presseberichten über Amokläufer stets persönliche, psychische Probleme im Zentrum der Betrachtung stehen, zeigt der Film, welch großer Bedeutung die äußeren Lebensumstände für die Entstehung persönliche Probleme haben. Hätte Malte Geld und richtige Arbeit, würde er nicht so unbarmherzig in die Enge getrieben.

In Netto verändert der soziale Niedergang die Persönlichkeit eines Menschen. In der Tragikomödie geht es um den Wendeverlierer Marcel, immer voller Zukunftsideen, dem aber in der Realität alles misslingt und der letztlich immer tiefer absackt. Sein jugendlicher Sohn Sebastian, der eines Tages von der geschiedenen Mutter und ihrem wohlhabenden Freund abgehauen ist, hilft dem Vater, der nicht einmal in der Lage ist, eine ordentliche Bewerbung zu schreiben, Ordnung in sein Leben zu bekommen. Dieser verliert, begünstigt durch weitere Misserfolge, immer mehr den inneren Halt und die innere Sicherheit.

So wächst in ihm die Überzeugung, er müsse etwas für die Sicherheit der Gesellschaft tun. Gerade nach dem 11. September sieht er eine Marktlücke und hat die fixe Idee, eine Security-Kariere zu starten, um - die Bundesregierung zu schützen. Mit einer Pistole bewaffnet radelt er nachts durch die Gegend beim Bundestag. Dabei hat man den Eindruck, er selber könnte plötzlich zu dieser Bedrohung werden, ein verwirrter und verstörter, plötzlich wild um sich schießender Amokläufer, eine "tickende Zeitbombe", so der Regisseur. In einer früheren Fassung sei dies noch stärker betont worden.

Letztlich kommt es in beiden Filmen nicht zur Explosion, aber die Probleme bleiben weiter bestehen.

In Netto wird der Vater mit Hilfe einer mythischen Figur zunächst besänftigt. Diese Lichtgestalt ist bezeichnend für die heutige Zeit. Sie ist keine politische Autorität. Noch immer ist DDR-Country Sänger Peter Tschernig, der "Johnny Cash des Ostens", Marcels Idol. Zum Schluss begegnet Marcel dem Musiker zufällig, sie blicken sich in die Augen, Marcel gibt ihm seine Waffe und geht.

In Das Lächeln der Tiefseefische scheint die einzige Alternative in der "polnischen Methode" Pawels zu bestehen, auch in schlechten Zeiten jedem Tag Genuss abzugewinnen, und wenn es nur der Genuss des schönen Wetters ist. Zum Schluss hat auch der kleine Lukas gelernt, dass er keine Angst haben muss vor Maltes Tiefseemonstern. Denn sie lächeln in Wirklichkeit, weil sie sich immer selbst Licht machen können, auch wenn es um sie herum dunkel ist.

Armut ist inzwischen in Deutschland ein Massenphänomen, und der Gedanke, in die Armut abzugleiten, beschäftigt und ängstigt sehr viele Menschen. Allein im Osten ist jeder Fünfte von Armut betroffen. Dementsprechend selbstverständlich und unmelodramatisch, quasi sachlich, dokumentarisch, gehen die Filmemacher damit um. Als Maltes Versuch misslingt, die soziale Lage seiner Familie zunächst vor Annika zu verheimlichen, reagiert diese nicht hämisch sondern mitfühlend, wie jemand, der weiß, dass die Zeiten schwer sind. Ihrer Familie geht es besser, aber auch bei ihnen verändert sich etwas. Zum ersten Mal reicht das Geld nicht für einen Urlaub in Portugal.

Auch der Sohn von Marcel versucht zunächst, aus Scham vor der Freundin hochzustapeln. Als sie die Wahrheit über seinen Vater erlebt, ist sie lediglich wütend darüber, dass Sebastian ihr so wenig Vertrauen entgegenbringt.

Beide Filme lassen keinen Zweifel, dass die Protagonisten der Armut auch in Zukunft nicht entfliehen werden. Sie finden jedoch die Kraft zu Solidarität und entwickeln ein Gefühl gegenseitiger Verantwortung. Zum Schluss ist auch Marcel gereifter. Er, ein Vertreter der Generation, für die der Sozialstaat eine Selbstverständlichkeit war, hat gemerkt, dass heutige Armut nicht unbedingt ein Ergebnis persönlichen Versagens ist. Sein Sohn, der nach dem Zusammenbruch der DDR in einer Zeit massiven Sozialabbaus aufgewachsen ist, saß der Illusionen, jeder könne zu sozialem Wohlstand gelangen, wenn er es nur richtig wolle, nie auf. Er ist auch nicht überrascht, dass der Vater trotz guter Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch den Job bei der Sicherheitsfirma nicht bekommt, auch nicht darüber, dass es noch an die dreihundert Mitbewerber gab. Er kennt das nicht anders und steht seinem Vater bei.

Was bleibt unterm Strich, nach dem notwendigen Abschied von Illusionen, "netto" übrig? Auf jeden Fall ein nüchterner Blick auf die Realität und die Erkenntnis, dass man fest in widrigen Lebensumständen steckt und ihnen nicht durch irgendwelche Tricks und unernsthaften Spinnereien entfliehen kann. Die jungen Filmemacher porträtieren weder Arbeiterhelden, die mit unverwüstlicher Zuversicht nach jeder Niederlage wieder aufstehen, noch ewig Leidende, in photogenen Posen abgelichtet. Sie zeigen viel Verständnis und Mitgefühl für sehr einfache Menschen, die sich mühevoll durch das Leben schlagen. Die sperrigen Charaktere sind nicht sofort sympathisch, umso schöner ist es, ihre Sensibilität, Verletzlichkeit und Kraft zu entdecken.