Ein Briefwechsel zu "Hundert Jahre seit Albert Einsteins Annus mirabilis "

18. August 2005

Das folgende ist ein Meinungsaustausch zur kürzlich veröffentlichten vierteiligen Serie über Einsteins wissenschaftliche Arbeiten.

Danke für Ihren Artikel "Hundert Jahre seit Albert Einsteins Annus mirabilis". Die Wissenschaftsgeschichte hat mir immer gefallen, ich habe die Bücher von Stephen Hawking gelesen, usw., und Ihr Artikel liefert eine perfekte Zusammenfassung der Unterschiede zwischen der Relativitätstheorie und den Quantentheorien. Er ist gut zu lesen und ich würde ihn jedem empfehlen.

Er war gut zu lesen bis zum letzten Absatz, in dem Sie von der Analyse abgewichen und in Ideologie versackt sind. Ihre Schlussfolgerung hat mich ziemlich amüsiert! Um Sie zur Realität zurückzubringen, lassen Sie mich Ihnen zwei Dinge sagen:

Erstens hat der Papst niemals die Relativitätstheorie oder die Quantentheorien verdammt. Zugegeben, man kann das Papsttum für seine Haltung in sozialen Fragen wie der Abtreibung kritisieren und ich würde darin mit Ihnen übereinstimmen, aber die Quantentheorien? Nun mal halblang! Zweitens, auch wenn es mir leid tut, Ihre ideologischen Empfindungen furchtbar damit zu verletzen, hat sich der wissenschaftliche Fortschritt der letzten zweihundert Jahre ausgehend von den (und ich würde sogar sagen, aufgrund der) liberalen, kapitalistischen Gesellschaften entwickelt.

Wenn Sie heute die Regime betrachten, die von "Sozialisten" wie Ihnen verdammt werden, dann sind das jene kapitalistischen Staaten, in denen wissenschaftliche Forschung fortbesteht, unterhalten und gefördert wird. Wohingegen in den Regimes, denen Sie "Sozialisten" lässiger gegenüberstehen, ob es sich um früher kommunistische Diktaturen wie Kuba oder Nordkorea handelt oder um Theokratien wie Iran handelt, die wissenschaftliche Forschung geradezu überhaupt nicht existiert.

Man kann daraus nur schließen, dass Sozialisten sich deutlich weniger "um die Zukunft der Menschheitsentwicklung sorgen" als dass sie sich bereitfinden, jedes Regime zu unterstützen, das sich in Opposition zum Kapitalismus stellt, selbst wenn dies bedeutet, dass die "Erweiterung der Grenzen unseres Wissens über die Natur und das Universum" in der Zukunft immer unmöglicher wird.

Wie auch immer, ich habe den letzten Absatz schon so gut wie vergessen... Danke nochmals für den Hauptteil des Artikels, der eindeutig eine empfehlenswerte Lektüre für jeden an Physik Interessierten darstellt.

Mit freundlichen Grüßen

CM

* * *

Sehr geehrter CM,

Danke für Ihre Bemerkungen zu den Artikeln über Einstein, besonders für Ihre Kritik an dem letzten Absatz. Sie liefert uns eine Gelegenheit, unsere Schlussfolgerungen noch weiter zu entwickeln.

In Ihrem Anfall von Heiterkeit haben Sie den springenden Punkt unserer Argumentation völlig verfehlt. Der Artikel kritisierte nicht speziell die Haltung des Papstes zur modernen Physik. Mir ist durchaus bekannt, dass der Papst und die Römisch-Katholische Kirche sich gezwungen sahen, zurückzurudern und sich gezwungen sahen von ihrer vormaligen Haltung aus den Tagen, als sie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannten und Galileo Galilei mit Folter drohten, Abstand zu nehmen. Die Tatsache, dass die Kirche heute die Päpstliche Akademie der Wissenschaften einberuft und davon absieht, die unzweifelhaften Tatsachen der modernen Physik offen abzulehnen, macht sie nicht weniger zu einer Bastion der Reaktion und Mittelalterlichkeit. Doch war dies nicht das Problem, das wir aufgeworfen haben.

Der Hinweis auf den Tod von Papst Johannes Paul II sollte stattdessen unterstreichen, wie viel beispiellose Medienaufmerksamkeit dieses Ereignis begleitete, im Gegensatz zu dem allgemeinen Mangel an Interesse für den Jahrestag des Erscheinens von Einsteins bahnbrechenden Artikeln von 1905. Man könnte diesen Kontrast natürlich als bedeutungslos abtun - als eine Grille des heutigen Zeitungswesens. Nichtsdestotrotz ist es allgemein symptomatisch für ein intellektuelles Klima, in dem zahlreichen Formen von Irrationalismus, Mystizismus, religiösem Dogma und Aberglauben offen Vorschub geleistet wird, zum Schaden der Wissenschaft. Dieses Phänomen ist eng verbunden mit dem allgemeinen politischen Klima und dem breiten Angriff auf grundlegende demokratische Rechte, der weltweit im Gange ist - welchen die World Socialist Web Site peinlich genau dokumentiert.

In den Vereinigten Staaten zum Beispiel ist eine ideologische Offensive der religiösen Rechten zur Gleichstellung theologischen Aberglaubens mit der Darwinschen Evolutionstheorie sehr weit fortgeschritten. Es mag Sie interessieren, einen kürzlichen WSWS-Artikel zu lesen, der Kritik übt an der Entscheidung der Smithsonian Institution - einer angesehenen, staatlich finanzierten Organisation auf dem Gebiet der Wissenschaft - einen Film zu zeigen, der für die quasireligiösen Ansichten des Discovery Institute wirbt (siehe "An attack on science: Smithsonian Institution to show film on Intelligent Design").

Diese Offensive ist nicht einfach das Ergebnis des Drängens von Seiten religiöser Fundamentalisten. Verschiedene soziale Konstruktivisten, Postmodernisten und Kulturkritiker, die oft als "linksstehend" posieren, spielen gleichfalls eine bedeutende Rolle in der Unterminierung der Wissenschaft. An der Wurzel ihrer Haltung findet sich eine Leugnung der objektiven Realität und ein Abgleiten in Subjektivismus, der alles - Aberglauben und Wissenschaft - gleichsetzt und den Wert jeglicher Theorie auf der Basis subjektiver Kriterien bemisst. In den extremsten Fällen ersetzen diese Leute wirklich wissenschaftliche Forschung durch "Ethnowissenschaft", "Grüne Wissenschaft" oder "Feministische Wissenschaft".

Im Ergebnis fühlen sich Wissenschaftler ziemlich in der Defensive. Zum Beispiel ließ sich der Physiker Steven Weinberg, keineswegs ein Sozialist, ausführlich über einige dieser Fragen aus. In einem Essay mit dem Titel "Sokals Streich" aus dem Jahr 1996 schrieb er (im Hinblick auf die Postmodernisten): "Wenn wir denken, dass die wissenschaftlichen Gesetze hinreichend flexibel sind, um durch die sozialen Umstände ihrer Entdeckung beeinflusst zu werden, dann werden einige versucht sein, Druck auf Wissenschaftler auszuüben, mehr proletarische oder feministische oder amerikanische oder religiöse oder arische (oder nach was auch immer ihnen der Sinn steht) Gesetze zu entdecken.

Dieser Weg ist gefährlich, und es steht bei der Kontroverse mehr auf dem Spiel als nur das Wohlergehen der Wissenschaft. Wie ich vorher erwähnte, wurde unsere Zivilisation auf machtvolle Weise von der Entdeckung geprägt, dass die Natur strikt von unpersönlichen Gesetzen beherrscht wird. Als ein Beispiel zitiere ich gerne die Bemerkung von Hugh Trevor-Roper, dass eine der ersten Auswirkungen dieser Entdeckung war, den Enthusiasmus für das Verbrennen von Hexen zu dämpfen. Wir müssen die Vision einer rational verstehbaren Welt untermauern und bestärken, wenn wir uns vor den irrationalen Tendenzen schützen wollen, die der Menschheit immer noch zusetzen." [1]

Es gibt in Weinbergs Essaysammlung einige Aspekte, die wir kritisieren würden. Doch sind wir völlig mit ihm einverstanden, wie auch mit anderen, die ähnliche Befürchtungen geäußert haben, was die Verteidigung der Wissenschaft und eines wissenschaftlichen Weltbildes angeht - sowie, noch allgemeiner, die Verteidigung des Erbes der Aufklärung gegen die Wiederauferstehung irrationalistischer Tendenzen. Eine Schwäche von Weinbergs Ansatz liegt darin, dass er nicht in der Lage ist, das Auftauchen der Tendenzen zu erklären, die er auf häufig geistreiche Weise entlarvt. Seit den 1990ern, als Weinberg diese Texte verfasste, ist der Einfluss der religiösen Rechten noch wesentlich angewachsen. Sie dominiert heute die Republikanische Partei und die Bush-Regierung. Ähnliche Prozesse finden auf der ganzen Welt statt, und dies ist kein Zufall. Sie sind, wie ich in dem anstößigen Absatz schrieb, eine Widerspiegelung des "zugrunde liegenden sozialen Verfalls des Kapitalismus".

Das ist nicht besonders schwer zu begreifen. Unfähig, der übergroßen Mehrheit der Menschheit irgendeine Hoffnung auf eine bessere Welt anzubieten, bauen die politischen Verfechter des Status quo zunehmend auf eine soziale Basis, die auf Ignoranz, Aberglauben und Vorurteilen fußt. Viele Menschen sind über diese Prozesse tief beunruhigt. Auch wenn sie nicht notwendig den Sozialismus gutheißen, so teilen sie zumindest nicht Ihre ziemlich blasierte Zuversicht in die Fähigkeit "liberaler, kapitalistischer Gesellschaften", die Zivilisation zu bewahren, geschweige denn voranzubringen.

Das bringt mich zu einer zweiten Feststellung. Warum sollten unsere ideologischen Empfindungen verletzt werden durch Ihre Behauptung, dass "sich der wissenschaftliche Fortschritt der letzten zweihundert Jahre ausgehend von den (und ich würde sogar sagen, aufgrund der) liberalen, kapitalistischen Gesellschaften entwickelt" hat? Wenn Sie die Artikel über Einstein noch einmal sorgfältig nachlesen, dann werden Sie finden, dass dieser Punkt betont wird. Marx und Engels beharrten im Kommunistischen Manifest darauf, dass der Kapitalismus seinem ureigenen Wesen gemäß die ständige Umwälzung der Produktionsmittel vorantreibt, die im Gegenzug wieder zur treibenden Kraft für wissenschaftliche Forschung wird.

Doch was für die Renaissance, die Aufklärungszeit und das Aufkommen des industriellen Kapitalismus im neunzehnten Jahrhundert richtig war, muss stark eingeschränkt werden, wenn wir zum zwanzigsten Jahrhundert kommen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges markierte einen scharfen Wendepunkt: die progressive Expansion der Produktivkräfte stieß an die dem Kapitalismus eingeschriebenen Grenzen - die Aufteilung der Welt in separate Nationalstaaten und die Produktion für den privaten Profit. Die Welt wurde für die nächsten 30 Jahre in ein Desaster gestürzt. Es wäre absurd zu behaupten, dass dies keinen Effekt auf die Wissenschaft gehabt hätte. Eine ganze Generation von Physikern, Einstein eingeschlossen, wurde von wirtschaftlichem Zusammenbruch, Krieg und Faschismus geplagt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte sich das kapitalistische System zeitweilig wieder, als Ergebnis einer Reihe von Prozessen, die ich hier nicht schildern kann. Diese Periode hielt weniger als drei Jahrzehnte an. Es kann dennoch nicht geleugnet werden, dass der Kapitalismus sich als unfähig erwiesen hat, irgendeinen seiner Grundwidersprüche zu überwinden. Die Euphorie herrschender Kreise, die den Kollaps der Sowjetunion zu Anfang der 1990er begleitete, hat sich schon lange gelegt. Weit entfernt davon, eine neue Ära des Friedens und der Prosperität einzuleiten, ist das genaue Gegenteil geschehen. Dies hatte tiefgehende Auswirkungen auf die Wissenschaft.

Im Sozialismus würde die Globalisierung der Produktion die Grundlage für die Entwicklung rationaler Planung im Weltmaßstab bilden. Im Kapitalismus besteht das Resultat in ständig zunehmender Konkurrenz und dem unablässigen Drang, jeden Aspekt der Gesellschaft - die Wissenschaft eingeschlossen - den Maßstäben internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität unterzuordnen. Weinbergs Eintritt in die öffentliche Debatte war von seinem Entsetzen über die Entscheidung des amerikanischen Kongresses geprägt, 1993 das Projekt des supraleitenden Superteilchenbeschleunigers einzustellen. Die öffentliche Förderung für wissenschaftliche Grundlagenforschung, ebenso wie für die Bildung, ist im Niedergang begriffen, nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Zunehmend sind Wissenschaftler gezwungen, sich nach Geldern aus der Privatwirtschaft oder den expandierenden Bereichen der Staatsausgaben - vornehmlich den Militärausgaben - umzusehen. Die Effektivität der Wissenschaft wird mehr und mehr auf der Basis unmittelbarer Ergebnisse gemessen statt an ihrem eigentlichen Wert. Wenn Forschung sich nicht mehr selbst finanziert, dann wird sie zurechtgestutzt oder eingestellt. In manchen Universitäten wurden Physikfachbereiche aufgeteilt und mit anderen Fakultäten, wie den Ingenieurwissenschaften, zusammengelegt.

Forschung für Profit hat auch zur Ausweitung des Privatbesitzes an Wissen geführt. Natürlich hat es, wofür Einsteins früher Berufsweg ein Zeugnis ablegt, immer Patente gegeben. Doch die Praxis, zum Beispiel Teile menschlicher DNS zu patentieren, die als juristisches Hindernis für die Forschung und Entwicklung durch andere Gruppen von Biologen und Medizinforschern wirkt, bringt eine qualitative Ausdehnung dieses Prozesses mit sich. Dies steht in direktem Widerspruch zu freier und offener Kommunikation und Kollaboration - die sich stets als entscheidend für die Wissenschaftsentwicklung erwiesen haben.

Wir leugnen nicht, dass die Wissenschaft weiterhin Fortschritte macht. Jedoch hemmt ihre Unterordnung unter die Erfordernisse des Profits und des Nationalstaats unweigerlich ihre Entwicklung und richtet ihre Anwendung an Zwecken aus, die mit den Bestrebungen der großen Mehrheit der Weltbevölkerung unvereinbar sind. Wenn wir dies sagen, so teilen wir in keiner Weise die Haltung der Grünen, die Wissenschaft und technologischen Fortschritt, nicht die gegenwärtige Gesellschaftsordnung, für die Gefahren von Umweltkatastrophen und Kriegen verantwortlich machen.

Meine letzte Feststellung betrifft Ihre Bemerkungen über "Sie Sozialisten", die eine ziemlich leichtfertige Haltung offenbaren. Wenn Sie sich der Mühe unterzogen hätten zu untersuchen, was auf der WSWS geschrieben wurde, so hätten Sie gefunden, dass unsere Haltung zu Nordkorea, Kuba, Iran und ähnlichen Regime das Gegenteil dessen ist, was Sie behaupten. Sozialismus hat nichts mit islamischem Fundamentalismus oder mit der unter dem Namen Stalinismus bekannter Perversion des Marxismus zu tun. Die internationale trotzkistische Bewegung hat eine lange und prinzipienfeste Vergangenheit von politischer Opposition gegen deren Repräsentanten.

Wir brauchen nicht belehrt zu werden über den tief reaktionären Einfluss jener, die Sie fälschlicherweise als "Kommunisten" bezeichnen - Stalin, seine Helfershelfer und Anhänger. Stalins Schauprozesse zielten vor allem auf die physische Eliminierung der Trotzkisten - den wirklich marxistischen Gegnern der Sowjetbürokratie - neben all denen, die irgendeine Spur von politischer oder intellektueller Unabhängigkeit zu äußern wagten.

Niemand war dagegen gefeit, nicht einmal Physiker. Das Schicksal des herausragenden theoretischen Physikers Lew Dawidowitsch Landau ist ein typischer Fall. Er wurde vom stalinistischen NKWD im April 1938 zusammen mit zwei weiteren Physikern, Juri Rumer und Moisej Korez, verhaftet für die Veröffentlichung eines Flugblatts mit dem Titel "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch" [2], das wie folgt begann:

Genossen!

Die große Sache der Oktoberrevolution ist gemein verraten worden. Das Land ertrinkt in den Fluten von Blut und Schmutz. Millionen unschuldiger Menschen sitzen im Gefängnis, und niemand kann wissen, wann er an der Reihe sein wird. Die Wirtschaft bricht zusammen. Eine Hungersnot rückt näher.

Seht Ihr denn nicht, Genossen, dass die Stalinsche Clique einen faschistischen Umschwung vollzogen hat? Den Sozialismus gibt es nur auf den Seiten der verlogenen Zeitungen. In seinem wilden Hass auf den wahren Sozialismus hat sich Stalin an Hitler und Mussolini gemessen. Stalin, der um seiner Machterhaltung willen das Land zerstört, verwandelt es in eine leichte Beute für den vertierten deutschen Faschismus.

Der einzige Ausweg für die Arbeiterklasse und alle Werktätigen unseres Landes besteht im entschlossenen Kampf gegen den Stalin- und Hitlerfaschismus, im Kampf für den Sozialismus.

Die Bedeutung dieser Zeilen ist glasklar. Landau, der 1908 geboren wurde, verkörperte die Besten einer Generation, die in dem außerordentlichen Klima unmittelbar nach der Oktoberrevolution ihre Blütezeit erlebt hatten, in einem Klima intensiver geistiger Gärung. Seine Feindschaft gegen die Geistesfeindlichkeit und die politische Repression von Stalin und seinen Gangstern ergab sich aus seiner tiefen Überzeugung, für die er mutig sein Leben riskierte, der Sozialismus sei der einzige Weg vorwärts für die Menschheit. Er wurde schließlich dank der Bemühungen seiner Familie und anderer prominenter Physiker aus dem Gefängnis entlassen. Was aus Rumer und Korez wurde, ist nicht bekannt. [3]

Es lohnt sich, bei diesem Beispiel zu verweilen, da Landaus Schicksal, zusammen mit dem zehntausender sozialistischer Gegner Stalins, die in den darauf folgenden Jahrzehnten endlos wiederholte Verleumdung Lügen straft, nach der die stalinistische Bürokratie "sozialistisch" oder "kommunistisch" gewesen wäre. In der größten Fälschung des zwanzigsten Jahrhunderts wurden von Stalin im Namen des Marxismus seine bewusstesten, talentiertesten und mutigsten Vertreter misshandelt oder getötet. Obwohl die Säuberungen sich auf die Sowjetunion am verheerendsten auswirkten, waren ihre Folgen auf der ganzen Welt spürbar, auf jedem Gebiet des politischen, geistigen und kulturellen Lebens.

Im Gegensatz zu dem, was Sie nahe legen, sind Wissenschaft und wirklicher Sozialismus auf jeder Ebene eng miteinander verknüpft. Für diejenigen, die an den bemerkenswerten wissenschaftlichen Entdeckungen des letzten Jahrhunderts beteiligt waren, stellte sich die offensichtliche Frage: wie kann die Menschheit derartige Einsichten in die inneren Mechanismen der Natur gewinnen und dennoch dabei scheitern, solch elementare soziale Missstände wie Armut, therapierbare Krankheiten und Kriege zu bessern, geschweige denn aufzuheben? Nicht wenige zogen in den 1930ern den Schluss, dass die Verantwortung dafür in der veralteten Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts lag, die als Kapitalismus bekannt ist, und dass die rationale Umgestaltung der Gesellschaft nach sozialistischen Prinzipien sowohl möglich als auch notwendig sei.

Es überrascht nicht, dass Einstein dazugehörte. In dem 1949 geschriebenen Essay "Warum Sozialismus" [4] erklärte er: "Es wird produziert für den Profit statt für den Bedarf. Es ist nicht dafür gesorgt, dass die ganze arbeitsfähige Bevölkerung am Produktionsprozess beteiligt ist; es gibt immer ein ‚Heer der Arbeitslosen’. Jeder muss um seinen Arbeitsplatz zittern, wenn er einen hat. Für die Arbeitslosen und schlecht bezahlten zu produzieren lohnt sich im allgemeinen nicht; viel Not und Schrumpfung der Produktion von Konsumgütern sind die Folge. Der technologische Fortschritt hat zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit zunimmt, statt die Arbeitslast aller zu vermindern. Das Profitmotiv in Verbindung mit der Konkurrenz der Kapitalbesitzer bringt eine Instabilität in der Verwendung des Kapitals mit sich, die zu den immer häufiger sich wiederholenden ‚Depressionen’ führt. Hemmungslose Konkurrenz führt zu einer maßlosen Verschwendung von Arbeitskraft und zu der schon erwähnten Verkrüppelung der sozialen Seite in der Veranlagung der Individuen. Diese Verkrüppelung halte ich für das größte Übel, das der ‚Kapitalismus’ mit sich bringt."

Einsteins Schlussfolgerung war unzweideutig: "Nach meiner Überzeugung gibt es nur einen Weg zur Beseitigung dieser schweren Übel, nämlich die Etablierung der sozialistischen Wirtschaft, vereint mit einer auf soziale Ziele eingestellten Erziehung."

Wir bleiben bei unserer tiefen Überzeugung, dass im Verlauf der lange ausstehenden Klärung der politischen Fragen des zwanzigsten Jahrhunderts - vor allem der Rolle des Stalinismus - und die Wiederherstellung einer echt sozialistischen Kultur in der Arbeiterklasse durch die trotzkistische Bewegung, die humansten und aufmerksamsten Wissenschaftler die natürliche Verwandtschaft von Wissenschaft und Sozialismus erkennen und sich für seine Einführung einsetzen werden.

Mit freundlichen Grüßen,

Peter Symonds

Fußnoten:

[1] Steven Weinberg, Facing up: Science and its Cultural Adversaries, Harvard University Press, 2001, S.153f.
[2] Anm. d. Ü. : Der vollständige Text des Flugblatts findet sich in Wadim Rogowin, Die Partei der Hingerichteten, Essen 1999, S. 288.
[3] Anm. d. Ü. : Laut Wadim Rogowin (s. Fn. 2) verbrachte Korez bis zu seiner Freilassung zwei Jahrzehnte in Lager- und Gefängnishaft.
[4] Anm. d. Ü. : Manuskript 28-857 des Jerusalemer Einsteinarchivs, im Internet per Einstein Archives Online einsehbar.

Siehe auch:
Hundert Jahre seit Albert Einsteins Annus mirabilis
(10. August 2005)

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