Sechzig Jahre seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki

Teil 1: Sofortige und vollständige Zerstörung

Von Joseph Kay
19. August 2005

Im Folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil einer dreiteiligen Artikelserie anlässlich des 60. Jahrestags seit dem Abwurf der Atombombe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.

In den frühen Morgenstunden des 6. August 1945 startete ein amerikanisches Kampfflugzeug vom Typ B-29 mit dem Namen Enola Gay vom amerikanischen Luftwaffenstützpunkt auf der Pazifikinsel Tinian. Es flog sechs Stunden lang, ohne auf Widerstand vom Boden zu stoßen.

Um 8.15 Uhr Ortszeit warf das Flugzeug seine Bombenlast über dem wolkenlosen Himmel Hiroshimas ab, einer japanischen Stadt mit ungefähr 255.000 Einwohnern. Die Atombombe "Little Boy" detonierte etwa 600 Meter über dem Stadtzentrum und tötete 80.000 Menschen - ein Drittel der Bewohner - auf der Stelle oder innerhalb weniger Stunden nach der Explosion.

Drei Tage später, am 9. August, verließ ein ähnliches Flugzeug mit einer noch mächtigeren Bombe den Stützpunkt Tinian, hatte es aber schwerer, sein angepeiltes Ziel zu erreichen. Nachdem es auf Abwehrfeuer vom Boden gestoßen war und seine Zielstadt Kokura unter einem wolkenverhangenen Himmel lag, flog es zu seinem zweiten Ziel: Nagasaki, einer Industriestadt mit etwa 270.000 Einwohnern. Die besonderen topologischen Eigenschaften Nagasakis und der Umstand, dass die Bombe nicht das Stadtzentrum traf, ließen die Wirkung dieses zweiten Atombombenabwurfs etwas weniger verheerend ausfallen. Schätzungen zufolge wurden 40.000 Menschen auf der Stelle getötet.

In den darauf folgenden Monaten erlagen weitere Zehntausende ihren Verletzungen, unter anderem an der durch die radioaktive Strahlung ausgelösten Strahlenkrankheit. Exakte Zahlen sind angesichts solcher Größenordnungen naturgemäß schwer zu ermitteln, jedoch wird die Gesamtzahl der Männer, Frauen und Kinder, die innerhalb von vier Monaten nach den beiden Bombenabwürfen starben, auf 200.000 bis 350.000 geschätzt. Nie zuvor hatte es eine derartige Vernichtung in so kurzer Zeit gegeben.

Zusammen mit der sowjetischen Invasion der von Japan kontrollierten Mandschurei führten die Atombomben ein schnelles Ende des Kriegs im Pazifik herbei. Am 2. September unterzeichnete die japanische Regierung ein Abkommen mit den Alliierten, in dem praktisch die gesamte Kontrolle über das Land dem amerikanischen Militär übergeben wurde.

Japans Kapitulation, vier Monate nach der Deutschlands, bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig markierte sie ein neues Stadium in der zunehmend gegensätzlichen Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die im Krieg Verbündete waren. Innerhalb der nächsten vier Jahre entwickelte die Sowjetunion ihre eigene Atombombe, und ein nukleares Wettrüsten begann, das die nächsten vier Jahrzehnte anhalten sollte.

Die USA haben den Einsatz von Atomwaffen im Krieg seither immer mit der Notwendigkeit begründet, das Leben von Amerikanern zu retten, weil dadurch eine Invasion Japans überflüssig wurde. Als nach dem Krieg der Einsatz der Bombe kritisiert wurde, behaupteten US-Regierungsvertreter, dass durch die Bomben, die Hiroshima und Nagasaki komplett zerstört hatten, zwischen 500.000 und eine Million Amerikaner und mehrere Millionen Japaner gerettet worden seien.

Diese Rechtfertigung wurde schon immer stark angezweifelt, und in den folgenden Jahren tauchten viele Beweise dafür auf, dass nicht nur die geschätzten Opferzahlen für den Fall einer Invasion heftig übertrieben waren, sondern der Krieg auch ohne eine Invasion schnell hätte beendet werden können.

Auch wenn es vielerlei Gründe für den Bombeneinsatz gab, so hängen sie doch allesamt mit zwei zusammenhängenden geopolitischen Zielen der herrschenden Elite Amerikas am Ende des Krieges zusammen: 1) dem Bestreben, den Einfluss der Sowjetunion in Ostasien zu begrenzen, indem der Krieg beendet wurde, bevor die sowjetischen Truppen weit nach China hinein und in Richtung Japan vorgedrungen waren, und 2) dem Wunsch, die überlegene militärische Stärke der Vereinigten Staaten praktisch zu demonstrieren sowie ihre Bereitschaft unter Beweis zu stellen, diese Stärke im eigenen Interesse auch tatsächlich einzusetzen.

Die Motive hinter dem Entschluss, die Atombombe zum Einsatz zu bringen, werden im zweiten Teil dieser Serie detailliert untersucht. Die Bedeutung dieses schrecklichen Ereignisses für die heutige Zeit - auch im Hinblick auf den Ausbruch des amerikanischen Militarismus in jüngster Zeit und das Streben nach der Entwicklung neuer Atomwaffentypen - ist Thema des dritten Teils.

Eine neue Art von Bombe

Die Potsdamer Erklärung, die am 26. Juli 1945 von den Alliierten abgegeben wurde, kündigte die "sofortige und vollkommene Zerstörung" Japans an, wenn das Land sich nicht bedingungslos ergeben würde. Für die Städte Hiroshima und Nagasaki bedeuteten die Atombomben genau dies.

Zur Zeit der Bombardierung Hiroshimas waren bereits viele japanische Großstädte das Ziel schwerer amerikanischer Luftangriffe gewesen. Nachdem das US-Militär den japanischen Luftraum unter seinen Kontrolle gebracht hatte, begann die Air Force, systematisch städtische Gebiete zu bombardieren. Zu Beginn des Jahres 1945 hatten Brandbomben in Tokio etwa 87.000 Menschen das Leben gekostet. Die Tatsache, dass Hiroshima bis dahin noch nicht bombardiert worden war, kam vielen Bewohnern seltsam vor, denn die Stadt beherbergte neben zivilen Produktionsstätten auch ein wichtiges militärisches Hauptquartier.

Dennoch traf die Bombe die Bevölkerung von Hiroshima unvorbereitet. Ein Wetterflugzeug hatte früher am Morgen die Sirenen ausgelöst, doch nach seiner Abkehr hatte es eine Entwarnung gegeben. Die Enola Gay und die beiden Flugzeuge, die sie begleiteten, wurden für weitere Wetterflugzeuge gehalten und daher gab es keinen Alarm, als sie über die Stadt flogen.

Die Explosion der Uranbombe, die auf Hiroshima fiel, entsprach der Sprengkraft von 13.000 Tonnen TNT. Die atomare Kettenreaktion in der Bombe ließ Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius entstehen. Im Hypozentrum - dem Punkt auf dem Boden, über dem in 600 Metern Höhe die Explosion stattfand - erreichte die Temperatur 3.000 bis 4.000 Grad, das Doppelte des Schmelzpunktes von Eisen. Dem extremen Blitz aus Hitze und Licht, der in einem Umkreis von anderthalb Kilometern rund um das Hypozentrum alles in Brand setzte, folgte eine enorme Druckwelle, die die meisten Gebäude in zwei Kilometern Umkreis zerstörte.

Die Hiroshima-Bombe sollte die Aioi-Brücke treffen, die sie um etwa 250 Meter verfehlte. Nach einem Bericht explodierte die Bombe stattdessen direkt über einem Krankenhaus, das von Dr. Shima geleitet wurde: "Das Shima-Krankenhaus und alle seine Patienten verdampften. [...] Achtundachtzig Prozent der Menschen, die sich im Umkreis von 500 Metern befanden, starben auf der Stelle oder noch im Laufe des Tages. Die meisten anderen in diesem Umkreis verstarben in den folgenden Wochen und Monaten." [1]

Diejenigen, die sich in der Nähe des Hypozentrums aufhielten, verbrannten sofort und ohne eine Spur zu hinterlassen, außer eventuell einen Schatten auf den Wänden, deren Oberfläche ihre Körper vor dem ersten Blitz geschützt hatten. Ein Autor bemerkt, dass diejenigen, die sich in der Nähe der Explosion aufhielten, "schneller in ein Nichts verwandelt wurden, als ein Mensch es wahrnehmen kann". [2]

Wer vom Zentrum der Explosion etwas weiter entfernt war, starb nicht unmittelbar, erlitt aber schwere Verbrennungen dritten Grades am gesamten Körper und insbesondere den Partien, die der Hitze direkt ausgesetzt waren. Sie waren schlimmsten Schmerzen ausgesetzt, bevor sie ihren Verbrennungen erlagen. Augenzeugen, die die Explosion erlebten und überlebten, beschreiben diese Opfer ausnahmslos mit den schrecklichsten Worten.

Ein Arzt, der sich zur Zeit der Explosion am Rande der Stadt aufhielt, beschrieb, was er sah, als er den Opfern zu Hilfe eilen wollte. Er näherte sich dem Stadtzentrum, als eine "seltsame Gestalt in kleinen Schritten auf mich zustolperte. Sie erinnerte an die Form eines Mannes, doch sie war völlig nackt, blutig und mit Schmutz bedeckt. Der Körper war stark geschwollen. Lappen hingen an ihrer bloßen Brust und Hüfte. Die Hände waren vor die Brust gehalten, mit den Handflächen nach unten. Wasser tropfte von den Lappen. Tatsächlich waren das, was ich für Lappen hielt, war menschliche Haut und das Wasser war menschliches Blut. [...] Ich schaute auf die Straße vor mir. In Stofffetzen, verbrannt und blutüberströmt standen mir zahllose Überlebende im Weg. Sie waren dicht gedrängt, einige krochen auf ihren Knien oder auf allen Vieren, einige standen mit Mühe oder lehnten an der Schulter eines anderen." [3]

Die Beschreibung entstellter Menschen mit "Haut, die wie Lappen herabhängt" findet sich bei praktisch allen, die überlebten und davon berichten konnten. Viele sahen Menschen, die vor lauter Schmerzen ziellos auf den Straßen umherliefen, oft blind durch die Verbrennungen und taub durch die Explosion, mit nach vorne gestreckten Armen, "herabhängenden Unterarmen und Händen [...], um zu vermeiden, dass sich das rohe Fleisch schmerzvoll aneinander reibt" [4], und einige "wankten wie Schlafwandler". [5]

Wohl Tausende starben auf diese Weise. Ein Arzt namens Tabuchi erzählte, wie Hunderte verletzter Menschen "die ganze Nacht hindurch an unserem Haus vorbeigingen, aber an diesem Morgen [des 7. Augusts] hörte es auf. Ich fand sie auf beiden Seiten der Straße in solchen Massen liegen, dass es unmöglich war, hindurchzugehen, ohne auf sie zu treten" [6]. Ein Überlebender schilderte, wie "Hunderte von jenen, die noch lebten, [...] ausdruckslos umher zogen. Einige waren halbtot und wanden sich in ihrem Elend. [...] Sie waren nichts weiter als lebende Leichen." [7]

Viele derjenigen, die nicht sofort starben, versuchten sich zu den Flüssen und Stauseen durchzuschlagen, um ihre brennenden Schmerzen zu stillen. Ein Überlebender beschrieb, wie "das weite Ufer an dem Fluss Choju-En mit einer großen Anzahl von verbrannten Menschen gefüllt war. Sie besetzten das Ufer so weit, wie das Auge sehen konnte. Der größte Teil lag im Wasser und wurde von den Wellen langsam fortgetrieben", da sie ertrunken oder am Flussufer gestorben waren [8]. Ein weiterer Arzt namens Hanoka sah "Löschteiche, bis zum Rande mit Toten gefüllt, die aussahen, als wären sie bei lebendigem Leibe gekocht worden". [9]

Ein Großteil der Stadt war im Umkreis von mehreren Kilometern um den Detonationsort komplett zerstört. Gebäude, die die Explosion nicht zum Einsturz brachte, wurden von dem darauf folgenden Feuer vernichtet, das die größtenteils aus Holz gebauten Häuser verschlang. Viele, die in ihren Häusern gefangen waren, starben in diesem Feuer.

Dr. Hachiya schrieb: "Hiroshima war keine Stadt mehr, sondern eine verbrannte Prärie. Nach Osten und nach Westen war alles dem Erdboden gleich. Die entfernten Berge schienen näher, als ich es je erlebt hatte. Die Hügel von Ushita und die Wälder von Nigitsu zeichneten sich in dem Dunst und Rauch wie Nase und Augen eines Gesichts ab. Wie klein doch Hiroshima war, als seine Häuser nicht mehr waren." [10]

Eine Woche nach den Explosionen in Hiroshima und Nagasaki waren die meisten der Schwerverletzten entweder tot oder auf dem Weg der Besserung. Zu diesem Zeitpunkt jedoch erlitten unerwartet Tausende Patienten "plötzliche Fieberattacken, bei denen die Körpertemperatur über vierzig Grad Celsius stieg. [...] Und ihre Schleimhäute begannen zu bluten und bald darauf spuckten sie große Mengen Blut. [...] Es war auch zu dieser Zeit, dass eine unheimliche Form des Haarausfalls unter den Überlebenden einsetzte. Wenn Patienten ihre Hände zum Kopf streckten, während sie mit ihrem Schmerzen kämpften, fiel ihr Haar schon bei einer bloßen Berührung durch die Finger aus." [11]

Dies war die Strahlenkrankheit, verursacht von der atomaren Reaktion, bei der enorme Mengen an Gammastrahlung freigesetzt wurden. Zu dieser Zeit jedoch wussten die Ärzte in der Stadt noch nichts über die besondere Art von Bombe, die dort explodiert war, und spekulierten, dass die Bevölkerung an einer Ruhr-Epidemie litt oder von Chemikalien vergiftet worden war, die die Bombe freigesetzt hatte.

Ein britischer Bericht erklärte, dass die Strahlung der Explosion nicht die Zellen im Blut zerstörte sondern "die primitiven Zellen im Knochenmark, aus denen die meisten verschiedenen Zellen im Blut gebildet werden. Daher beginnen sich die ernsten Auswirkungen erst dann zu zeigen, wenn die wenn die voll entfalteten Zellen allmählich absterben und nicht wie üblich von neuen, im Knochenmark gebildeten Zellen ersetzt werden [...] Als keine roten Blutkörperchen mehr gebildet wurden, begannen die Patienten an fortschreitender Anämie zu leiden. Als die Blutplättchenbildung aufhörte, sickerte das dünne Blut durch kleine und größere Blutungen in die Haut und die Netzhaut des Auges und manchmal in die Gedärme und die Nieren. Die Abnahme der weißen Blutkörperchen [...] schwächte in schweren Fällen die körpereigene Abwehr, so dass der Patient unvermeidlich Opfer einer Infektion wurde, die sich in der Regel vom Mund aus ausbreitete und mit Geschwüren an den Lippen, der Zunge und manchmal der Kehle einherging. [...] Das Sterben begann ungefähr eine Woche nach der Explosion, erreichte seinen Höhepunkt nach drei Wochen und war nach sechs bis acht Wochen weitgehend zum Stillstand gekommen." [12]

Am stärksten von der Strahlung betroffen waren diejenigen, die der Explosion am nächsten waren. Viele der Überlebenden trugen jedoch seelische Wunden davon und quälten sich ständig mit dem Gedanken, dass sie, auch wenn sie heute gesund sind, morgen bereits auch schon tot sein können.

Die obige Schilderung stammt hauptsächlich aus den Zeugnissen und Berichten der Überlebenden aus Hiroshima. Die Folgen waren in Nagasaki allerdings ähnlich. Die Bombe wurde auf Nagasaki abgeworfen, ehe die ganze Verheerung der Hiroshima-Bombe allgemein bekannt geworden war. Der Tag der Bombardierung wurde wegen der Wettervorhersage vom 11. August auf den 9. August vorverlegt.

Nagasaki war seit langem ein bedeutender Hafen und eine der schönsten Städte auf der japanischen Insel Kyushu. Ihre wichtigste Industrie waren die Werften, was sie zum Ziel für die zweite Bombe machte. Die Bombe explodierte über dem Vorort Urakami, in dem bis dahin die größte Kathedrale Ostasiens stand.

Auch wenn viele Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg begangen wurden, waren die Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki zweifellos zwei der bedeutsamsten Fälle mutwilliger Zerstörung, bei denen das Leben Hunderttausender Menschen, in der überwältigenden Mehrheit Zivilisten, ausgelöscht wurden. Diese beiden Ereignisse dürfen nicht aus dem Gedächtnis der arbeitenden Bevölkerung in aller Welt verschwinden - sie zeugen von der Rücksichtslosigkeit und dem Zerstörungsvermögen des amerikanischen Militarismus.

Fortsetzung folgt

Quellen:

[1] Wyden, Peter, Day One: Before Hiroshima and After, New York 1984, S. 153.

[2] Frank, Richard, Downfall: The End of Imperial Japanese Empire , New York, S. 265.

[3] Hida, Shuntaro, The Day Hiroshima disappeared, in: Bid, Kai und Lifschultz, Lawrence (Hg.), Hiroshima’s Shadows, Conneticut 1998, S. 419.

[4] Hachiya, Michihiko, Hiroshima Diary, Chapel Hill 1955, S. 4.

[5] Frank, a.a.O., S. 266.

[6] Hachiya, a.a.O., S. 14.

[7] Okabe, Kosaku, Hiroshima Flash, in: Survivors of Hiroshima and Nagasaki, Tokio 1986, S. 35.

[8] Shuntaro, a.a.O., S.419.

[9] Hachiya, a.a.O., S. 14.

[10] Ebenda, s. 8.

[11] Shuntaro, a.a.O., S. 428.

[12] Frank, a.a.O., S. 468.

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