Erster Vortrag: Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts

Teil 1

Von David North
14. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Historisches Wissen und Klassenbewusstsein

Wir beginnen heute eine einwöchige Vortragsreihe zum Thema "Marxismus, Oktoberrevolution und die historischen Grundlagen der Vierten Internationale". Im Verlauf dieser Vorträge wollen wir die historischen Ereignisse, die theoretischen Auseinandersetzungen und die politischen Kämpfe untersuchen, aus denen die Vierte Internationale hervorgegangen ist. Wir wollen uns dabei auf die ersten 40 Jahre des 20. Jahrhunderts konzentrieren. Diese Begrenzung ist teilweise durch die Zeit vorgegeben, die uns zur Verfügung steht: In einer Woche kann man nur eine gewisse Menge besprechen, und es ist schon ein ziemlich ehrgeiziges Unterfangen, die ersten vier Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts in nur sieben Tagen durchzuarbeiten. Die Konzentration auf die Zeit zwischen 1900 und 1940 entspricht aber auch einer gewissen Folgerichtigkeit.

Als Leo Trotzki im August 1940 ermordet wurde, hatten bereits alle Ereignisse stattgefunden, welche die grundlegenden politischen Charakteristika des 20. Jahrhunderts bestimmen sollten: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914; die Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewiki im Oktober 1917 und die darauf folgende Errichtung der Sowjetunion, des ersten sozialistischen Arbeiterstaates; der Aufstieg der USA zum mächtigsten imperialistischen Staat als Ergebnis des Ersten Weltkrieges; die Niederlage der Linken Opposition und der Ausschluss Trotzkis aus der Kommunistischen Partei und der Dritten Internationale 1927; der Börsenkrach im Oktober 1929 und der Beginn der Weltkrise der kapitalistischen Wirtschaft; der Aufstieg Hitlers und der Sieg des Faschismus in Deutschland im Januar 1933; die Moskauer Prozesse und der politische Genozid gegen sozialistische Intellektuelle und Arbeiter in der UdSSR; der Verrat und die Niederlage der Spanischen Revolution 1937-38 unter der Ägide der stalinistisch geführten Volksfront; der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 und der Beginn der Ausrottung des europäischen Judentums.

Wenn wir sagen, die grundlegenden politischen Charakteristika des 20. Jahrhunderts seien in diesen vier Jahrzehnten festgelegt worden, dann meinen wir das in folgendem Sinne: Alle bedeutenden politischen Probleme, vor denen die internationale Arbeiterklasse während der Nachkriegsperiode stehen sollte, konnten nur verstanden werden, wenn sie durch das Prisma der strategischen Lehren aus den großen revolutionären und konterrevolutionären Erfahrungen der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg betrachtet wurden.

Die Analyse der Politik der sozialdemokratischen Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg setzt ein Verständnis der historischen Implikationen des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale im August 1914 voraus. Der Charakter der Sowjetunion, der nach dem Krieg in Osteuropa etablierten Regime und des maoistischen Regimes, das im Oktober 1949 in China an die Macht gelangte, konnten nur auf der Grundlage des Studiums der Oktoberrevolution und der langwierigen Degeneration des ersten Arbeiterstaates verstanden werden. Schließlich konnten die Antworten auf die Probleme der Welle antikolonialistischer und antiimperialistischer Revolutionen, die nach 1945 über Asien, den Mittleren Osten, Afrika und Lateinamerika hinwegrollte, nur durch ein gründliches Studium der politischen und theoretischen Kontroversen um Trotzkis Theorie der permanenten Revolution gefunden werden, die er erstmals im Jahre 1905 formuliert hatte.

Ihren tiefsten Ausdruck fand die Beziehung zwischen historischer Kenntnis einerseits und politischer Analyse und Orientierung andererseits in den letzten Jahren der Sowjetunion. Als Michail Gorbatschow im April 1985 an die Macht kam, befand sich das stalinistische Regime in einer verzweifelten Krise. Der Niedergang der sowjetischen Wirtschaft, durch steigende Ölpreise während der siebziger Jahre kurzfristig hinausgezögert, konnte nicht länger verheimlicht werden, als der Ölpreis auf einmal stark fiel. Was unternahm der Kreml, um diesen Niedergang aufzuhalten? Fragen der Politik waren unmittelbar mit unbeantworteten Fragen der sowjetischen Geschichte verknüpft.

Über sechzig Jahre hinweg hatte das stalinistische Regime eine unausgesetzte Kampagne historischer Fälschung betrieben. Die Bürger der Sowjetunion hatten praktisch keinerlei Kenntnis ihrer eigenen revolutionären Geschichte. Die Werke Trotzkis und seiner Mitstreiter waren jahrzehntelang zensiert und unterdrückt worden. Es existierte kein einziges glaubwürdiges Werk über sowjetische Geschichte. Jede neue Ausgabe der offiziellen sowjetischen Enzyklopädie revidierte die Geschichte in Übereinstimmung mit den politischen Interessen und Instruktionen des Kreml. Wie unser verstorbener Genosse Wadim Rogowin einmal sagte: In der Sowjetunion war die Vergangenheit so unvorhersehbar wie die Zukunft!

Für jene Flügel der Bürokratie und der privilegierten Nomenklatur, welche die Abwicklung der nationalisierten Industrie, die Wiedereinführung des Privateigentums und die Restauration des Kapitalismus befürworteten, war die Wirtschaftskrise der Sowjetunion der Beweis, dass der Sozialismus versagt habe und die Oktoberrevolution ein katastrophaler historischer Fehler gewesen sei, aus dem sich alle nachfolgenden sowjetischen Tragödien unvermeidlich ergeben hätten. Die ökonomischen Rezepte, die diese Marktbefürworter vertraten, basierten auf einer Interpretation der Sowjetgeschichte, die den Stalinismus als unvermeidliches Ergebnis der Oktoberrevolution darstellte.

Man konnte diesen Befürwortern der kapitalistischen Restauration nicht einfach auf ökonomischer Basis entgegentreten. Die Zurückweisung ihrer pro-kapitalistischen Argumente verlangte eine Untersuchung der sowjetischen Geschichte. Es musste gezeigt werden, dass der Stalinismus weder das notwendige, noch das unvermeidliche Ergebnis der Oktoberrevolution war. Man musste zeigen, dass eine Alternative zum Stalinismus nicht nur theoretisch denkbar gewesen war, sondern tatsächlich existiert hatte: In Form der Linken Opposition unter der Führung Leo Trotzkis.

Was ich hier und heute sage, deckt sich mehr oder weniger mit einem Vortrag, den ich im November 1989 vor einem Publikum von Studenten und Dozenten am Institut für Historische Archive der Universität Moskau hielt. Ich begann meinen Vortrag zum Thema "Die Zukunft des Sozialismus" mit der Bemerkung, man müsse "sich recht eingehend mit der Vergangenheit befassen, um über die Zukunft diskutieren zu können. Denn wie kann man heute über den Sozialismus diskutieren, ohne auf die vielen Auseinandersetzungen einzugehen, die es in der sozialistischen Bewegung gibt? Und wenn wir die Zukunft des Sozialismus diskutieren, dann diskutieren wir damit das Schicksal der Oktoberrevolution - ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das auf die Arbeiterklasse in jedem Land tiefe Auswirkungen hatte. Große Teile dieser Vergangenheit sind noch von Mystifikationen und Fälschungen verdunkelt." [1]

Zu jener Zeit bestand in der UdSSR ein immenses Interesse an historischen Fragen. Mein Vortrag, organisiert in weniger als 24 Stunden auf die spontane Einladung des Institutsdirektors hin, zog mehrere Hundert Zuhörer an. Die Ankündigung des Treffens wurde dabei fast ausschließlich von Mund zu Mund weitergegeben. Schnell verbreitete sich die Nachricht, ein amerikanischer Trotzkist werde im Institut sprechen, und eine große Zahl von Menschen erschien.

Obwohl es in der kurzen Periode der Glasnost -Politik keine völlige Neuheit mehr war, dass ein Trotzkist öffentlich sprach, so war doch der Vortrag eines amerikanischen Trotzkisten noch immer eine ziemliche Sensation. Das intellektuelle Klima war für einen solchen Vortrag extrem günstig: Es bestand ein Hunger nach historischer Wahrheit. Wie Genosse Fred Williams in seiner Besprechung der miserablen Stalinbiographie von Robert Service berichtet, sah die sowjetische Zeitschrift Argumente und Fakten - die in der Zeit vor Glasnost noch eine sehr kleine Veröffentlichung gewesen war - ihre Auflage plötzlich exponentiell steigen, auf 33 Millionen Exemplare, da sie Aufsätze und Dokumente zur sowjetischen Geschichte veröffentlichte, die lange Zeit unterdrückt worden waren.

Die Bürokratie wurde durch dieses weit verbreitete und um sich greifende Interesse am Marxismus und Trotzkismus aufgeschreckt. Dieser wichtige intellektuelle Prozess der historischen Klärung tendierte dazu, die Wiederbelebung eines sozialistischen Bewusstseins zu fördern. Sie versuchte, ihm zuvorzukommen, in dem sie beschleunigt auf das Aufbrechen der UdSSR hinarbeitete. Wie die Bürokratie die Auflösung der Sowjetunion vollzog und damit den Höhepunkt des stalinistischen Verrats an der Oktoberrevolution erreichte, den Trotzki mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor vorausgesehen hatte, bleibt ein Thema, das im Detail untersucht werden muss. Was wir aber hier betonen müssen, ist, dass ein kritisches Element in der Auflösung der UdSSR - deren katastrophale Folgen für die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion inzwischen allzu klar geworden sind - die Unkenntnis der Geschichte war. Es gelang der sowjetischen Arbeiterklasse nicht, die Lasten jahrzehntelanger historischer Fälschungen rechtzeitig zu bewältigen und sich dadurch politisch zu orientieren, ihre unabhängigen sozialen Interessen zu vertreten und der Auflösung der Sowjetunion und der Restauration des Kapitalismus entgegenzutreten.

In dieser historischen Tragödie liegt eine wichtige Lehre. Ohne die genaue Kenntnis der Erfahrungen, durch die sie im Laufe ihrer Geschichte gegangen ist, kann die Arbeiterklasse noch nicht einmal ihre elementarsten sozialen Interessen verteidigen, geschweige denn einen politisch bewussten Kampf gegen das kapitalistische System führen.

Historisches Bewusstsein ist ein unabdingbarer Bestandteil des Klassenbewusstseins. Diese Worte Rosa Luxemburgs sind heute ebenso gültig wie 1915, als sie geschrieben wurden, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Kapitulation der deutschen Sozialdemokratie vor dem preußischen Militarismus:

"Die geschichtliche Erfahrung ist seine [des Proletariats] einzige Lehrmeisterin, sein Dornenweg der Selbstbefreiung ist nicht bloß mit unermesslichen Leiden, sondern auch mit unzähligen Irrtümern gepflastert. Das Ziel seiner Reise, seine Befreiung, hängt davon ab, ob das Proletariat versteht, aus den eigenen Irrtümern zu lernen. Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung. Der Fall des sozialistischen Proletariats im gegenwärtigen Weltkrieg ist beispiellos, ist ein Unglück für die Menschheit. Verloren wäre der Sozialismus nur dann, wenn das internationale Proletariat die Tiefe dieses Falls nicht ermessen, aus ihm nicht lernen wollte." [2]

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[1] Ein Vortrag im Historischen Archivinstitut in: Vierte Internationale Jg. 16-17, Essen 1991, S. 113-114

[2] Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre) in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke Band 4, Berlin 1987, S. 53