Erster Vortrag: Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts

Teil 2

Von David North
16. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Historisches Bewusstsein und Postmodernismus

Die Geschichtsauffassung, die wir vertreten, räumt der Kenntnis und theoretischen Aneignung historischer Erfahrungen eine entscheidende Rolle im Kampf für die Befreiung des Menschen ein. Sie steht damit in einem unversöhnlichen Gegensatz zu allen vorherrschenden Strömungen des bürgerlichen Denkens. Der politische, wirtschaftliche und soziale Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft spiegelt sich auch in ihrem intellektuellen Niedergang wieder, wenn ihm dieser nicht sogar vorangeht. In Zeiten der politischen Reaktion, sagte Trotzki einmal, fletscht die Ignoranz die Zähne.

Die gewieftesten und zynischsten akademischen Vertreter des heutigen bürgerlichen Denkens, die Postmodernisten, treten für eine ganz spezifische Form der Ignoranz ein: Für die Ignoranz und Verachtung der Geschichte. Ihre ausgeprägte Ablehnung der Bedeutung der Geschichte und der entscheidenden Rolle, die ihr von allen fortschrittlichen Schulen des gesellschaftlichen Denkens zugeschrieben wird, ist aufs engste mit einem weiteren Element ihrer theoretischen Konzeption verknüpft: Der Leugnung und ausdrücklichen Zurückweisung der objektiven Wahrheit als wichtige oder sogar Kernfrage philosophischer Untersuchung.

Was ist Postmodernismus? Ich möchte hierzu einen prominenten akademischen Verteidiger dieser Strömung zitieren, Professor Keith Jenkins:

"Wir leben heute im generellen Zustand der Postmoderne. Wir haben gar keine andere Wahl. Die Postmoderne ist nicht eine,Ideologie’ oder ein Standpunkt, den wir einnehmen können oder nicht, die Postmoderne ist ganz einfach unser Zustand: Sie ist unser Schicksal. Und dieser Zustand ist durch das generelle Versagen des sozialen Experiments verursacht worden, das wir Moderne nennen - ein Versagen, das wir heute, da sich Staub über das 20. Jahrhundert senkt, sehr klar ausmachen können. Es ist, gemessen an seinen eigenen Bedingungen, ein generelles Versagen des um das 18. Jahrhundert in Europa begonnen Versuchs, durch den Einsatz von Vernunft, Wissenschaft und Technik ein Niveau des persönlichen und gesellschaftlichen Wohlergehens in Gesellschaftsformationen zu erreichen, von denen man sagen könnte, sie hätten sich bemüht,,Menschenrechtsgemeinschaften’ zu werden, indem sie Gesetze verabschiedet haben, die auf eine immer umfassendere Emanzipation ihrer Bürger oder Untertanen abzielten. ‚Reale’ Voraussetzungen, wie sie zur Untermauerung des Experiments der Moderne angenommen wurden, gibt es weder heute - noch hat es sie je zuvor gegeben." [3]

Ich möchte diese Passage - um in der Sprache der Postmodernisten zu bleiben - "dekonstruieren". Seit mehr als zweihundert Jahren, seit dem 18. Jahrhundert hat es Menschen gegeben, die an den Fortschritt und an die Möglichkeit der Vervollkommnung des Menschen glaubten. Inspiriert durch die Wissenschaft und die Philosophie der Aufklärung haben sie nach einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft gestrebt. Dabei haben sie sich auf ein, wie sie glaubten, wissenschaftliches Verständnis objektiver historischer Gesetzmäßigkeiten gestützt. Diese Menschen haben die Geschichte als gesetzmäßigen Prozess betrachtet, gelenkt von sozioökonomischen Kräften, die außerhalb des Bewusstseins des Individuums existieren, die der Mensch jedoch entdecken, verstehen und zum Wohle des menschlichen Fortschritts anwenden kann.

All diese Vorstellungen, so erklären uns die Postmodernisten, haben sich als naive Illusionen erwiesen. Wir wissen es heute besser: Es gibt keine "Geschichte" mit großem G. Es gibt sie nicht einmal im Sinne eines objektiven Prozesses. Es gibt lediglich subjektive "Erzählungen" oder "Diskurse" mit unterschiedlichem Vokabular, das dem einen oder anderen subjektiv bestimmten Zweck dient, was immer dieser Zweck sein mag.

So gesehen hat allein schon die Vorstellung, "Lehren" aus der "Geschichte" ziehen zu wollen, keine Berechtigung. Es gibt nichts, das man studieren, nichts, das man lernen könnte. Jenkins erklärt: "Wir müssen also verstehen, dass wir in gesellschaftlichen Formationen leben, die keine berechtigte ontologische, epistemologische oder ethische Voraussetzung dafür bieten, dass unsere Auffassungen mehr wären als eine auf sich selbst bezogene (rhetorische) Konversation... Folglich erkennen wir heute, dass es niemals so etwas wie eine Vergangenheit gegeben hat, die eine Art Wesen zum Ausdruck bringt, noch wird es diese jemals geben." [4]

In eine verständliche Sprache übersetzt sagt Jenkins: 1. Das Funktionieren menschlicher Gesellschaften, vergangener oder zukünftiger, kann nicht in Form objektiver Gesetze verstanden werden, die entdeckt werden können oder auf ihre Entdeckung warten. 2. Es gibt keine objektive Grundlage für das, was Menschen über die Gesellschaft, in der sie leben, denken, sagen oder tun. Leute, die sich Historiker nennen, mögen diese oder jene Interpretation der Vergangenheit befürworten. Doch das Ersetzen einer Interpretation durch eine andere bedeutet keinerlei Fortschritt in Richtung größerer objektiver Wahrhaftigkeit im Vergleich zu dem zuvor Geschriebenen - denn es gibt keine objektive Wahrheit, der man näher kommen könnte. Die eine Weise, über die Vergangenheit zu sprechen, löst lediglich die andere ab - aus Gründen, die den subjektiv wahrgenommenen Zwecken des Historikers entsprechen.

Die Vertreter dieser Sichtweise verkünden das Ableben der Moderne, doch sie weigern sich, den Komplex historischer und politischer Urteile zu hinterfragen, auf dem ihre Schlüsse beruhen. Dabei vertreten sie politische Standpunkte. Diese liegen ihren theoretischen Ansichten zugrunde und finden in diesen Ausdruck. Professor Hayden White, einer der führenden Vertreter des Postmodernismus, erklärt ausdrücklich: "Ich bin heute gegen Revolutionen, ganz gleich ob sie von,oben’ oder von,unten’ in der sozialen Hierarchie kommen und ob ihre Führer behaupten, sie verfügten über eine Wissenschaft der Gesellschaft und Geschichte, oder ob sie die politische,Spontaneität’ hochleben lassen." [5]

Eine philosophische Auffassung verliert durch die persönlichen politischen Ansichten ihrer Vertreter nicht automatisch ihre Legitimation. Doch die anti-marxistische und anti-sozialistische Stoßrichtung des Postmodernismus ist so augenscheinlich, dass es praktisch unmöglich ist, seine theoretischen Auffassungen von seiner politischen Perspektive zu trennen.

Am deutlichsten tritt diese Verbindung in den Schriften des französischen Philosophen Jean-François Lyotard und des amerikanischen Richard Rorty hervor. Ich beginne mit ersterem. Lyotard war direkt in der sozialistischen Politik aktiv. 1954 schloss er sich der Gruppe Socialisme ou Barbarie an, einer Organisation, die sich 1949 von der PCI (Parti Communiste Internationaliste), der französischen Sektion der Vierten Internationale, abgespalten hatte. Grundlage der Spaltung war die Zurückweisung von Trotzkis Definition der Sowjetunion als degenerierter Arbeiterstaat durch die Gruppe. Socialisme ou Barbarie, deren führende Theoretiker Cornelius Castoriadis und Claude Lefort waren, entwickelte den Standpunkt, die Bürokratie sei keine parasitäre soziale Schicht, sondern eine neue Ausbeuterklasse.

Lyotard gehörte der Gruppe bis Mitte der sechziger Jahre an, bevor er gänzlich mit dem Marxismus brach.

Gemeinhin wird er mit seiner Ablehnung der „großen Erzählungen“ über die Emanzipation des Menschen identifiziert. Deren Legitimität, so behauptete er, sei durch das 20. Jahrhundert wiederlegt worden. Er argumentiert: „Jede der großen Emanzipationserzählungen, welchem Genre sie auch immer die Hegemonie eingeräumt hat, ist in den letzten fünfzig Jahren sozusagen in ihrem Prinzip verstümmelt (invalider) geworden. Alles was real ist, ist rational; alles was rational ist, ist real: ‚Auschwitz’ widerlegt die spekulative Doktrin. Wenigstens dieses Verbrechen ist real, aber nicht rational. Alles was proletarisch ist, ist kommunistisch; alles, was kommunistisch ist, ist proletarisch: ‚Berlin 1953, Budapest 1956, Tschechoslowakei 1968, Polen 1980’ (ich lasse es dabei bewenden) widerlegen die Doktrin des historischen Materialismus: Die Arbeiter erheben sich gegen die Partei. – Alles, was demokratisch ist, ist demokratisch durch das Volk und für das Volk, und umgekehrt: Der ‚Mai 1968’ widerlegt die Doktrin des parlamentarischen Liberalismus. Der gesellschaftliche Alltag lässt die repräsentative Institution scheitern. – Alles, was freies Spiel von Angebot und Nachfrage ist, begünstigt die allgemeine Bereicherung und umgekehrt: ‚Die Krisen von 1911 und 1929’ widerlegen den ökonomischen Liberalismus, und die ‚Krise von 1974-79’ widerlegt die postkeynesianische Umrüstung dieser Doktrin.“ [6]

Die Mischung aus Orientierungslosigkeit, Demoralisierung, Pessimismus und Konfusion, die dem gesamten theoretischen Unterfangen von Lyotards Postmodernismus zugrunde liegt, wird in dieser Passage zusammengefasst. Ihrer Widerlegung könnte man eine ganze Vorlesung, wenn nicht ein Buch widmen. Ich muss mich hier jedoch auf ein paar Punkte beschränken.

Das Argument, Auschwitz habe alle Versuche eines wissenschaftlichen Verständnisses der Geschichte zunichte gemacht, ist keine Eigenschöpfung Lyotards. Eine ähnliche Idee bildet die Grundlage der Nachkriegswerke Adornos und Horkheimers, der Väter der Frankfurter Schule. Lyotards Erklärung, Auschwitz sei gleichzeitig wirklich und unvernünftig gewesen, ist eine vereinfachende Verzerrung von Hegels revolutionär-dialektischer Auffassung. Ihre angebliche Widerlegung durch Lyotard gründet sich auf eine vulgäre Gleichsetzung des Wirklichen als philosophischem Begriff mit dem, was existiert. Doch wie Engels erklärt, ist die Wirklichkeit, wie Hegel sie versteht, "keineswegs ein Attribut, das einer gegebenen gesellschaftlichen oder politischen Sachlage unter allen Umständen und zu allen Zeiten zukommt." [7] Das Bestehende kann so vollständig in Konflikt zur objektiven Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geraten, dass es sozial und historisch unvernünftig wird, und dadurch unwirklich, unhaltbar und zum Untergang verdammt. In diesem tieferen Sinne demonstrierte der deutsche Imperialismus - deren Auswüchse Nationalsozialismus und Auschwitz waren - die Wahrheit von Hegels philosophischem Diktum.

Die Arbeiteraufstände gegen den Stalinismus widerlegten nicht den historischen Materialismus. Sie widerlegten vielmehr die Politik von Socialisme ou Barbarie, für die Lyotard eingetreten war. Trotzki hatte auf der Grundlage des historischen Materialismus solche Aufstände vorausgesehen. Die Gruppe Socialisme ou Barbarie hatte den stalinistischen Bürokratien einen Grad von Macht und Stabilität zugeschrieben, den diese als parasitäre Kasten nicht hatten. Darüber hinaus identifiziert Lyotard den Kommunismus als revolutionäre Bewegung mit den Kommunistischen Parteien, die in Wahrheit politische Organisationen der stalinistischen Bürokratien waren.

Was die Widerlegung des ökonomischen und parlamentarischen Liberalismus angeht, so war diese bereits lange vor den von Lyotard genannten Ereignissen von Marxisten vorgenommen worden. Seine Bezugnahme auf den Mai 1968 als Untergang des parlamentarischen Liberalismus ist besonders grotesk. Was ist mit dem Spanischen Bürgerkrieg? Dem Zusammenbruch der Weimarer Republik? Dem Verrat der französischen Volksfront? All das geschah über 30 Jahre vor dem Mai und Juni 1968. Was Lyotard als große philosophische Neuerungen präsentiert, ist in Wahrheit wenig mehr als ein Ausdruck des Pessimismus und Zynismus des enttäuschten, ehemals linken (oder sich nach rechts bewegenden) akademischen Kleinbürgertums.

Richard Rorty verbindet seine Zurückweisung des Begriffs der objektiven Wahrheit in unverfrorener Weise mit der Ablehnung revolutionär-sozialistischer Politik. Was ihn angeht, lieferte der Zusammenbruch der stalinistischen Regime in Osteuropa und die Auflösung der Sowjetunion linkslastigen Intellektuellen die lang ersehnte Gelegenheit, ein für allemal jede intellektuelle (oder emotionale) Bindung an eine revolutionär-sozialistische Perspektive von sich zu weisen. In seinem Essay "Das Ende des Leninismus, Havel und die soziale Hoffnung" erklärt Rorty:

"Ich hoffe, dass die Intellektuellen den Tod des Leninismus als Gelegenheit benutzen werden, um sich von der Vorstellung zu lösen, sie wüssten oder sollten wissen, was es auf sich hat mit den tiefen, zugrunde liegenden Kräften, welche das Schicksal menschlicher Gemeinschaften bestimmen.

Wir Intellektuellen haben dergleichen zu wissen beansprucht, seit wir unseren Laden aufgemacht haben. Einst haben wir zu wissen behauptet, die Gerechtigkeit werde erst dann regieren, wenn die Könige zu Philosophen oder die Philosophen zu Königen geworden sind; ... und dies haben wir aufgrund unserer Einsicht in die Form und Entwicklung der GESCHIICHTE zu wissen behauptet. Ich möchte hoffen, dass wir eine Zeit erreicht haben, in der wir uns endlich von der bei Plato wie bei Marx geltenden Überzeugung befreien können, es müsse große, theoretische - im Gegensatz zu kleinen, experimentellen - Verfahren geben, um herauszufinden, wie man der Ungerechtigkeit ein Ende bereiten kann." [8]

Was folgt aus einem solchen theoretischen Verzicht? Rorty bietet Vorschläge für die Neuorientierung "linker" Politik an:

"Ich halte die Zeit für gekommen, Ausdrücke wie ‚Kapitalismus’ und ‚Sozialismus’ aus dem politischen Vokabular der Linken zu streichen. Es wäre eine gute Idee, wenn man nicht mehr über den ‚Kampf gegen den Kapitalismus’ und statt dessen über etwas Banales und Untheoretisches redete, etwa über den ‚Kampf gegen vermeidbares menschliches Elend’. Ich hege, allgemeiner gesprochen, die Hoffnung, dass wir das ganze Vokabular, dessen sich die Linke bei ihren politischen Erwägungen bedient, durch einen banaleren Wortschatz ersetzen können. Zunächst schlage ich vor, wir sollten nicht mehr über die bürgerliche Ideologie, sondern über Habgier und Eigennutz reden, nicht mehr über den Warencharakter der Arbeit, sondern über Hungerlöhne und Entlassungen, nicht mehr über die Aufspaltung der Gesellschaft in Klassen, sondern über die Unterschiede in den Erziehungsausgaben pro Schüler und in der Gesundheitsversorgung." [9]

Und das nennt sich "Philosophie"? Was Rorty "durch einen banaleren Wortschatz ersetzen" nennt, wäre treffender mit intellektueller und politischer Kastration zu bezeichnen. Er schlägt vor, das Ergebnis von 200 Jahren sozialen Denkens aus der Diskussion zu verbannen. Diesem Vorschlag liegt die Auffassung zugrunde, die Entwicklung des Denkens sei selbst ein rein willkürlicher und weitgehend subjektiver Prozess. Worte, theoretische Begriffe, logische Kategorien und philosophische Systeme sind lediglich verbale Konstrukte, pragmatisch heraufbeschworen im Interesse verschiedener subjektiver Ziele. Die Behauptung, die Entwicklung theoretischen Denkens sei ein objektiver Prozess, ein Ausdruck des sich herausbildenden, sich vertiefenden und ewig komplexer und präziser werdenden Verständnisses von Natur und Gesellschaft durch den Menschen - ist für Rorty nichts als hegelianisch-marxistischer Schmu. Wie er an anderer Stelle äußert: "Es gibt keine Aktivität namens,Wissen’, die sich auf eine zu entdeckende Natur bezöge und in der die Naturwissenschaftler besonders kundig wären. Es gibt nur den Prozess, vor einem Publikum seine Überzeugungen zu rechtfertigen." [10]

Somit sind Ausdrücke wie "Kapitalismus", "Arbeiterklasse", "Sozialist", "Mehrwert", "Lohnarbeit", "Ausbeutung" und "Imperialismus" keine Begriffe, die eine objektive Wirklichkeit wiedergeben und bezeichnen. Sie sollten durch eine andere, vorzugsweise weniger emotionale Sprache ersetzt werden - was wohl die meisten von uns, nicht aber Rorty, als "Beschönigung" bezeichnen würden.

Wie bereits zitiert schlägt uns Rorty vor, über den "Kampf gegen vermeidbares menschliches Elend" zu sprechen. Befolgen wir diesen brillanten Vorschlag einen Moment lang. Sofort stehen wir vor einem Problem: Wie sollen wir bestimmen, welche Form menschlichen Elends vermeidbar ist, und bis zu welchem Grade? Auf welcher Grundlage sollen wir behaupten, ein Elend sei vermeidbar, oder dass es überhaupt vermieden werden sollte? Was sollen wir denen antworten, die behaupten, das Elend sei des Menschen Los, das Ergebnis des Sündenfalls? Und slbst wenn wir den Argumenten der Theologen irgendwie entkommen und vom Elend im weltlichen Sinne sprechen, als soziales Problem, stünden wir noch immer vor dem Problem, die Ursachen des Elends zu analysieren.

Ein Programm zur Abschaffung des "vermeidbaren menschlichen Elends" wäre gezwungen, die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft zu untersuchen. Sofern diese Untersuchung mit einem nennenswerten Grad an Ernsthaftigkeit durchgeführt würde, stießen die Kreuzritter gegen das "vermeidbare menschliche Elend" auf das Problem von "Besitz", "Eigentum", "Profit" und "Klasse". Sie könnten neue Wörter erfinden, um diese sozialen Phänomene zu beschreiben, doch würden diese nichtsdestoweniger existieren - mit oder ohne Erlaubnis Rortys.

Rortys theoretische Vorstellungen sind voller schreiender Unschlüssigkeiten und Widersprüche. Er besteht kategorisch darauf, dass es keine "Wahrheit" zu entdecken oder zu erkennen gebe. Vermutlich hält er diese Entdeckung der Nichtexistenz der Wahrheit für "wahr", schließlich bildet sie die Grundlage seiner Philosophie. Doch wenn man ihn bittet, diesen krassen Widerspruch zu erklären, windet sich Rorty um das Problem herum und erklärt, er werde sich nicht der Terminologie der Frage unterwerfen, die im klassischen philosophischen Diskurs wurzle, der bis auf Plato zurückgehe. Wahrheit, so Rorty, sei eine dieser alten, überholten Fragen, über die man heute keine interessante philosophische Diskussion mehr führen könne. Wenn diese Frage aufkommt, "möchte er lieber das Thema wechseln", hat Rorty einmal zynisch bemerkt. [11]

Den Schlüssel zum Verständnis von Rortys philosophischen Auffassungen finden wir in seinen politischen Standpunkten. Rorty hat zwar verschiedentlich versucht, die Verbindung zwischen Politik und Philosophie herunterzuspielen, dennoch ist es schwierig, einen zeitgenössischen Philosophen zu finden, dessen theoretische Auffassungen so direkt in eine politische Position eingebettet sind: In diesem Falle in die Zurückweisung und Ablehnung revolutionär-marxistischer Politik. Rorty versucht sich nicht an einer systematischen Untersuchung oder Widerlegung des Marxismus. Ob dieser korrekt ist oder nicht, ist für ihn nebensächlich. Was Rorty anbelangt, ist das sozialistische Projekt (das er weitgehend mit dem Schicksal der Sowjetunion identifiziert) gescheitert und es besteht wenig Hoffnung, es könne in Zukunft erfolgreich sein. Aus den Trümmern der alten marxistischen Linken ist nichts zu retten. Anstatt uns erneut in doktrinären Kämpfe um Geschichte, Prinzipien, Programme und - schlimmstenfalls - objektive Wahrheit zu engagieren, tun wir besser daran, uns auf eine weit gemäßigtere Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners zu beschränken. Darum dreht sich Rortys Philosophie - und der postmodernistische akademische Diskurs in Amerika.

Was Rorty (und, wie wir sehen werden, viele andere) betrifft, haben die "Ereignisse des Jahres 1989 diejenigen, die nach wie vor am Marxismus festhalten wollten, davon überzeugt, dass wir ein Verfahren brauchen, um unsere Zeit in Gedanken zu fassen, und einen Plan, um die Zukunft besser zu gestalten als die Gegenwart, ohne dabei auf den Kapitalismus, die bürgerlichen Lebensformen, die bürgerliche Ideologie und die Arbeiterklasse Bezug zu nehmen." [12] "Wir sollten es unterlassen," so argumentiert er, "das Wort ‚Geschichte’ als Namen eines Gegenstandes zu verwenden, in dessen Umkreis wir unsere Phantasievorstellungen von vermindertem Elend ausspinnen können. Wir sollten zugeben, dass Francis Fukuyama recht hat, wenn er in seinem bekannten Buch über das Ende der Geschichte behauptet: Wer sich immer noch nach der totalen Umwälzung, nach dem im weltgeschichtlichen Maßstab radikal Anderen sehne, der habe, wie die Ereignisse des Jahres 1989 zeigen, Pech gehabt." [13]

Diese Art von Zynismus und unbeholfener Ironie ist bezeichnend für die Erschöpfung und Demoralisierung, die im Milieu linker Akademiker und Radikaler angesichts der politischen Reaktion nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime um sich gegriffen hat. Anstatt die historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wurzeln dieses Zusammenbruchs ernsthaft zu analysieren, haben sich diese Tendenzen sehr schnell an das vorherrschende Klima von Reaktion, Konfusion und Pessimismus angepasst.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[3] Keith Jenkins, On "What Is History?", London and New York, 1995, p. 6-7 (übersetzt aus dem Englischen)

[4] ibid., p. 7

[5] Hayden White, The Content of the Form: Narrative Discourse and Historical Representation, Baltimore, 1990, p. 63 (übersetzt aus dem Englischen)

[6] Jean-François Lyotard, Postmoderne für Kinder, Briefe aus den Jahren 1982-85, Wien 1987, S. 45f.

[7] Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Bd. 21, S. 266

[8] Richard Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt 2003, S.329

[9] ebd., S. 330

[10] Richard Rorty, Philosophy and Social Hope, London and New York 1999, p. 36 (übersetzt aus dem Englischen)

[11] Keith Jenkins, op. cit., p. 103 (übersetzt aus dem Englischen)

[12] Richard Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt 2003, S. 337

[13] ebd., S. 330