Erster Vortrag: Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts

Teil 3

Von David North
17. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Die ideologischen Folgen des Jahres 1989

Als Trotzki in den dreißiger Jahren erklärte, warum so viele vor der Welle der faschistischen und stalinistischen Reaktion kapitulierten, bemerkte er, dass Gewalt nicht nur erobert, sondern auch überzeugt. Der plötzliche Kollaps der stalinistischen Regime kam für viele Radikale und linkslastige Intellektuelle völlig überraschend. Sie standen dem bürgerlichen und imperialistischen Triumphgeheul, das nach dem Fall der Berliner Mauer über sie hereinbrach, theoretisch, politisch und sogar moralisch wehrlos gegenüber. Die zahllosen linken, kleinbürgerlichen politischen Strömungen waren durch das plötzliche Verschwinden der bürokratischen Regime in Osteuropa verwirrt und entmutigt. Die verstörten kleinbürgerlichen Akademiker verkündeten, der Untergang der Bürokratien bedeute das Versagen des Marxismus.

Die Behauptung, der Marxismus sei durch die Auflösung der UdSSR in Verruf geraten, war aber nicht nur feige, sondern zu einem hohen Grad intellektuell verlogen. So schrieb beispielsweise Professor Bryan Turner: "Die Autorität des Marxismus ist ernsthaft in Frage gestellt, und das nicht zuletzt durch sein Unvermögen, den völligen Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus und der Sowjetunion vorauszusehen." [14] Solche Aussagen kann man nicht mit purer Ignoranz erklären. Den linken Akademikern, die diese und ähnliche Stellungnahmen schrieben, war Trotzkis Analyse des Stalinismus nicht gänzlich fremd. Trotzki hatte gewarnt, die Politik der Bürokratie werde letztlich zum Kollaps der Sowjetunion führen.

Das Internationale Komitee hat die katastrophale Entwicklung des Stalinismus in zahllosen Dokumenten vorausgesagt. Vor dem Untergang der Sowjetunion bezeichneten die kleinbürgerlichen Radikalen solche Warnungen als sektiererischen Wahnsinn. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fanden sie, es sei leichter, dem Marxismus die Schuld für das Scheitern des "real existierenden Sozialismus" zu geben, als ihre eigenen politischen Standpunkte kritisch zu überprüfen. Sie waren verärgert und enttäuscht. Ihr politisches, intellektuelles und emotionales Engagement für den Sozialismus erschien ihnen nun als Fehlinvestition, die sie zutiefst bedauerten. Ihre Befindlichkeit wird durch den Historiker Eric Hobsbawm auf den Punkt gebracht, der selbst langjähriges Mitglied der britischen Kommunistischen Partei war und über Jahrzehnte hinweg als Verteidiger des Stalinismus agierte. Er schreibt in seiner Autobiographie:

"Der Kommunismus ist heute tot. Die UdSSR und die meisten der Staaten und Gesellschaften, die nach ihrem Vorbild errichtet wurden, Kinder der Oktoberrevolution von 1917, die uns inspirierte, sind unter Zurücklassung einer moralischen und materiellen Trümmerlandschaft so vollkommen zusammengebrochen, dass es heute für alle offensichtlich sein muss, dass das Scheitern dieses Projekts vorprogrammiert war." [15]

Mit der Behauptung, die Oktoberrevolution sei von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, kapituliert Hobsbawm vor den Argumenten der unverfrorenen rechten Gegner des Sozialismus. Die Ideologen der Bourgeoisie stellen den Zusammenbruch der UdSSR als unwiderlegbaren Beweis dafür dar, dass der Sozialismus eine wahnsinnige utopische Vision sei.

In seinen Reflexionen über ein verwüstetes Jahrhundert verurteilt Robert Conquest die "archaische Vorstellung, Utopia könne auf Erden errichtet werden", sowie "das Versprechen einer millenaristischen Lösung aller Probleme der Menschheit". [16] Der polnisch-amerikanische Historiker Andrzej Walicki erklärt: "Das Schicksal des Kommunismus auf Weltebene zeigt, dass die Vision an sich unrealisierbar war. Die enormen Energien, die in ihre Verwirklichung gesteckt wurden, waren daher zum Scheitern verurteilt." [17] Der kürzlich verschiedene amerikanische Historiker Martin Malia entwickelt dieses Thema in seinem 1994 veröffentlichten Buch Die sowjetische Tragödie weiter, wenn er schreibt: "Das Versagen des gesamten Sozialismus rührt nicht daher, dass er zuerst am falschen Ort, in Russland, ausprobiert worden ist, sondern aus der sozialistischen Idee selbst. Der Grund dafür ist, dass der Sozialismus als vollständiger Nicht-Kapitalismus an sich unmöglich ist." [18]

Eine Erklärung, warum der Sozialismus "an sich unmöglich" ist, finden wir in einem Buch des Doyens der antimarxistischen Historiker aus dem Kalten Krieg, Richard Pipes. In Eigentum und Freiheit entwickelt er eine tiefschürfende zoologische Begründung für seine Theorie des Eigentums:

"Eine der Konstanten der menschlichen Natur, die gesetzlicher und pädagogischer Manipulation widersteht, ist das Streben nach Besitz... Das Streben nach Besitz ist allen Lebensformen eigen, allgegenwärtig sowohl unter Tieren und Kindern, als auch bei Erwachsenen jeder Zivilisationsstufe. Es eignet sich daher nicht zum Moralisieren. Auf elementarster Ebene ist es ein Ausdruck des Überlebenstriebes. Doch darüber hinaus macht es einen grundlegenden Zug der menschlichen Persönlichkeit aus, für die Errungenschaften und Besitztümer Mittel zur Selbstverwirklichung sind. Und sofern die Selbstverwirklichung die Quintessenz der Freiheit ist, kann Freiheit nicht gedeihen, wenn das Eigentum und die Ungleichheit, die es hervorruft, mit Gewalt ausgeschaltet werden." [19]

Dies ist nicht der Ort, um Pipes’ Theorie des Eigentums mit der ihr zustehenden Sorgfalt abzuhandeln. Ich will lediglich darauf hinweisen, dass sich die Eigentumsformen ebenso wie der gesellschaftliche und juristische Begriff des Eigentums historisch entwickelt haben. Die ausschließliche Identifikation des Eigentums mit persönlichem Besitz stammt erst aus dem 17. Jahrhundert. In früheren geschichtlichen Perioden wurde Eigentum in einem weitaus breiteren, ja sogar gemeinschaftlichen Sinne aufgefasst. Pipes arbeitet mit einer Definition des Eigentums, die erst aufkam, als Marktbeziehungen das wirtschaftliche Leben zu dominieren begannen. An diesem Punkt begann man unter Eigentum vorrangig das Recht eines Individuums zu verstehen, "andere vom Gebrauch oder Genuss einer Sache auszuschließen". [20]

Diese Form des Eigentums, eine recht junge Errungenschaft des Menschengeschlechts, ist - das kann man, glaube ich, sicher sagen - im Rest des Tierreiches mehr oder weniger unbekannt! In jedem Falle möchte ich allen von Euch, die sich Sorgen darüber machen, was im Sozialismus aus ihren I-Pods, Häusern, Autos oder anderen geschätzten Habseligkeiten wird, versichern: Die einzige Form des Eigentums, die der Sozialismus abschaffen will, ist das Privateigentum an Produktionsmitteln.

Das einzig Positive an Professor Pipes’ jüngsten Werken - die er nach der Auflösung der Sowjetunion geschrieben hat - ist, dass in ihnen die Verbindung zwischen seinen früheren, tendenziösen Werken über die sowjetische Geschichte und seiner rechten politischen Orientierung in absoluter Klarheit hervortritt. Pipes sah in der Oktoberrevolution und der Errichtung der Sowjetunion einen Angriff auf die Vorrechte Besitz und Eigentum. Sie stellten die Spitze eines weltweiten, massenhaften Kreuzzuges für soziale Gleichheit dar, diese schreckliche Frucht der Ideale der Aufklärung. Doch dieses Kapitel der Geschichte ist nun zu Ende.

"Das Recht auf Eigentum", erklärt Pipes, "muss seinen früheren Platz in der Werteskala wieder einnehmen, anstatt den unerreichbaren Idealen sozialer Gleichheit und allumfassender ökonomischer Sicherheit geopfert zu werden." Was beinhaltet diese Restauration der Eigentumsrechte, die Pipes fordert? "Das gesamte Konzept des Wohlfahrtsstaates, wie es sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat, ist unvereinbar mit individueller Freiheit... Die Abschaffung der Wohlfahrt mit all ihren ‚Ansprüchen’ und falschen,Rechten’, die Rückgabe der Verantwortung für soziale Sicherheit an Familie und private Fürsorge, der sie vor dem 20. Jahrhundert oblagen, wäre ein großer Schritt heraus aus dieser Klemme." [21]

Die herrschende Elite betrachtet das Ende der Sowjetunion als Ausgangspunkt für die globale Restauration des kapitalistischen Ancien Regime, für die Wiedereinführung einer Gesellschaftsordnung, in der jede Beschränkung des Eigentumsrechts, der Ausbeutung von Arbeit und der Anhäufung privaten Wohlstandes beseitigt wird. Es ist kein Zufall, dass sich in den fast 15 Jahren seit der Auflösung der Sowjetunion ein schwindelerregendes Anwachsen der sozialen Ungleichheit und der Konzentration von Vermögen beim reichsten Prozent (und besonders dem reichsten Promille) der Weltbevölkerung vollzogen hat. Der weltweite Angriff auf Marxismus und Sozialismus ist letztlich die ideologische Widerspiegelung dieses reaktionären und historisch rückschrittlichen gesellschaftlichen Prozesses.

Dieser Prozess findet nicht nur in den antimarxistischen Schmähreden der extremen Rechten Ausdruck. Die allgemeine intellektuelle Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft manifestiert sich auch in der entmutigten Kapitulation der verbliebenen kleinbürgerlichen Linken vor der ideologischen Offensive der extremen Rechten. Die Buchläden der Welt sind voller Bücher reuiger Ex-Radikaler, die der ganzen Welt das Scheitern ihrer Hoffnungen und Träume verkünden. Sie scheinen eine Art perverser Befriedigung daraus zu ziehen, jedem, der es hören will, ihre Verzweiflung, Entmutigung und Ohnmacht zu verkünden. Natürlich geben sie sich selbst keine Schuld an ihrem Versagen. Nein, sie waren die Opfer des Marxismus, der ihnen eine soziale Revolution versprach und dann die Einlösung des Versprechens schuldig blieb.

Ihre im Stil einer Beichte abgefassten Erinnerungen sind nicht nur erbärmlich, sondern auch irgendwie komisch. Beim Versuch, ihrem persönlichen Desaster eine Art welthistorische Bedeutung zu verleihen, geben sie sich selbst der Lächerlichkeit preis. So beginnt beispielsweise Professor Ronald Aronson sein Werk Nach dem Marxismus mit den unsterblichen Worten:

"Der Marxismus ist vorbei, und wir sind allein. Bis vor kurzem war das Alleinsein für so viele von uns Linken eine undenkbare Pein - der völlige Verlust all unserer Bindungen, eine Verwaisung... Als letzter Generation des Marxismus hat uns die Geschichte die undankbare Aufgabe zugewiesen, ihn zu begraben." [22]

Man findet dieses Thema bei vielen dieser Möchtegern-Bestatter. Die Auflösung der Sowjetunion hat sie nicht nur politisch, sondern auch emotional aus dem Gleichgewicht geworfen. Was immer ihre Kritik der Kreml-Bürokratie gewesen sein mag, niemals hätten sie sich träumen lassen, dass deren Politik zur Zerstörung der Sowjetunion führen würde - das heißt, sie haben Trotzkis Analyse des Stalinismus als konterrevolutionärer Kraft niemals akzeptiert. So gibt Aronson zu:

"Gerade die Unbeweglichkeit und Trägheit der Sowjetunion galt in unserer kollektiven Geisteswelt als etwas Positives. Sie erlaubte uns, an der Hoffnung festzuhalten, es könne immer noch ein erfolgreicher Sozialismus entstehen. Sie war uns eine Rückfallposition, vor der wir Alternativen ausdenken und diskutieren konnten - eingeschlossen für einige die Möglichkeit, andere Versionen des Marxismus würden sich als gangbar erweisen. Das ist jetzt vorbei. So sehr wir uns bemühen mögen, seine theoretische Möglichkeit aus dem Tod des Kommunismus zu retten, scheint das große, mit dem Namen Karl Marx verbundene, welthistorische Unternehmen des Kampfes und der Umgestaltung am Ende zu sein. Und wie die Postmodernisten wissen, ist mit dem Marxismus eine ganze Weltsicht zu Bruch gegangen. Nicht nur Marxisten und Sozialisten, sondern auch andere Radikale und jene, die sich selbst als progressiv oder liberal betrachten, haben ihre Orientierung verloren." [23]

Ohne es zu wollen, enthüllt Aronson damit das kleine, schmutzige Geheimnis des Radikalismus der Nachkriegszeit - das Ausmaß seiner Abhängigkeit von stalinistischen und anderen reformistischen Arbeiterbürokratien. Diese Abhängigkeit hatte in den politischen und den Klassenbeziehungen der Nachkriegsära eine konkrete gesellschaftliche Basis. Um den sozialen und politischen Missständen ihres eigenen Klassenmilieus Abhilfe zu schaffen, verließen sich bedeutende Teile des Kleinbürgertums auf die Ressourcen, die den mächtigen Arbeiterbürokratien zur Verfügung standen. Als Bestandteil dieser Bürokratien oder im Bündnis mit ihnen konnten diese verärgerten Mittelklasse-Radikalen der herrschenden Klasse mit den Fäusten drohen und so Zugeständnisse erreichen. Der Zusammenbruch des Sowjetregimes, fast unmittelbar gefolgt vom Zerfall reformistischer Arbeiterorganisationen auf der ganzen Welt, beraubte sie der bürokratischen Schirmherrschaft, der sie bedurften. Plötzlich waren diese unglücklichen Willy Lomans der radikalen Politik allein.

Es gilt unter diesen Tendenzen mehr oder weniger als selbstverständlich, dass der klassische Marxismus einen fatalen Irrtum beging, als er der Arbeiterklasse eine historische Rolle zusprach. Bestenfalls anerkennen sie, dass dies einmal, in ferner, sicherer Vergangenheit gerechtfertigt gewesen sein mag. Doch gewiss nicht heute. Aronson erklärt: "Tatsächlich wird die These, das Marxsche Projekt sei vorüber, in hohem Maße durch die strukturellen Veränderungen gestützt, welche der Kapitalismus und die Arbeiterklasse selbst erfahren haben. Die zentrale Rolle der marxistischen Hauptkategorie, der Arbeit, ist durch die Entwicklung des Kapitalismus ebenso sehr in Frage gestellt worden wie das Primat der Klasse." [24]

Dies wurde zu einer Zeit geschrieben, da die Ausbeutung der Arbeiterklasse sich auf Weltebene auf einem Niveau vollzieht, das weder Marx noch Engels sich hätten vorstellen können. Die Extraktion von Mehrwert aus menschlicher Arbeitskraft wurde durch die revolutionären Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie gewaltig gesteigert. Sie mag keine zentrale Kategorie des kleinbürgerlichen Radikalismus sein, doch kommt der Arbeit weiterhin die zentrale Rolle in der kapitalistischen Produktionsweise zu. Dort schreitet der unaufhörliche und zunehmend brutale Feldzug, Löhne zu senken, soziale Leistungen zusammenzustreichen und die Produktion zu rationalisieren mit einer Heftigkeit voran, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.

Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will! Wenn es keine objektive soziale Kraft gibt, die einen revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus aufnehmen kann, wie kann man dann überhaupt an eine Alternative zur bestehenden Ordnung denken? Dieses Dilemma ist die Basis einer anderen Spielart des zeitgenössischen politischen Pessimismus, des Neo-Utopismus. Bei ihren Versuchen, die vor-Marxschen, utopischen Stadien sozialistischen Denkens wiederzubeleben, beklagen und verurteilen die Neo-Utopisten die Bemühungen von Marx und Engels, den Sozialismus auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen.

Für die Neo-Utopisten haftet dem klassische Marxismus zu viel von dem Steckenpferd des 19. Jahrhunderts an, objektive Kräfte zu entdecken. Dies sei der Grund für die ständige Beschäftigung der sozialistischen Bewegung mit der Arbeiterklasse und ihrer politischen Erziehung. Die Marxisten, so behaupten die Neo-Utopisten, legten ein übertriebenes und unberechtigtes Vertrauen in die objektive Gewalt der kapitalistischen Widersprüche, ganz zu schweigen vom revolutionären Potential der Arbeiterklasse. Mehr noch: Sie unterschätzten die Macht und Überzeugungskraft des Irrationalen.

Der Ausweg aus diesem Dilemma liegt für die Neo-Utopisten in der Übernahme und Verbreitung von "Mythen", die zu inspirieren und zu begeistern vermögen. Ob diese Mythen in Verbindung zu irgendeiner objektiven Realität stehen, ist von keiner großen Bedeutung. Ein führender Vertreter der neo-utopistischen Mythologisierung, Vincent Geoghegan, kritisiert Marx und Engels für ihr "Unvermögen, eine Psychologie zu entwickeln. Was die Komplexität menschlicher Motivation anbelangt, so hinterließen sie ein recht armseliges Erbe, und die meisten ihrer unmittelbaren Nachfolger sahen wenig Anlass, diesem Mangel abzuhelfen." [25] Im Gegensatz zu den Sozialisten, beschwert sich Geoghegan, seien es die extremen Rechten, besonders die Nazis, welche die Kraft der Mythen und ihrer Bildersprache verstanden hätten. "Es waren die Nationalsozialisten, denen es gelang, aus romantischen Ideen teutonischen Rittertums, sächsischer Könige und dem geheimnisvollen Drängen des ‚Blutes’ die Vision eines Tausendjährigen Reiches zu erschaffen. Allzu oft ließen die Linken dieses Feld unbestellt und murmelten etwas von Reaktion, die nur der Reaktion in die Hände spiele." [26]

Diese offene Hinwendung zum Irrationalismus mitsamt ihren zutiefst reaktionären politischen Implikationen ergibt sich mit einer gewissen perversen Logik aus dem demoralisierten Standpunkt, es gebe keine objektive Basis für die sozialistische Revolution.

Man kann in keinem der demoralisierten Klagelieder über das Versagen des Marxismus, des Sozialismus und natürlich der Arbeiterklasse eine konkrete historische Untersuchung der Geschichte des 20. Jahrhunderts finden, einen Versuch, anhand des Studiums von Ereignissen, Parteien und Programmen die Ursachen für Siege oder Niederlagen der revolutionären Bewegung im 20. Jahrhundert zu finden. In seiner Ausgabe für das Jahr 2000, die dem Thema Utopismus gewidmet war, informierte uns das Socialist Register, man müsse "den Marxismus um ein Gruppe von Begriffen erweitern, um eine Dimension, die bislang fehlte oder zu wenig berücksichtigt wurde". [27] Das ist das letzte, was gebraucht wird. Nötig ist vielmehr die Anwendung des dialektischen und historischen Materialismus auf das Studium und die Analyse des 20. Jahrhunderts.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[14] Preface to Karl Löwith, Max Weber and Karl Marx, New York and London 1993, p. 5. (aus dem Englischen)

[15] Eric Hobsbawm, Gefährliche Zeiten, München, 2003, S. 154

[16] Robert Conquest, Reflections on a Ravaged Century, New York 2000, p. 3. (aus dem Englischen)

[17] Andrzej Walicki, Marxism and the Leap to the Kingdom of Freedom—The Rise and Fall of the Communist Utopia, Stanford 1995 (aus dem Englischen)

[18] Martin Malia, The Soviet Tragedy, New York 1994, p. 225 (aus dem Englischen)

[19] Richard Pipes, Property and Freedom, New York 2000, p. 286 (aus dem Englischen)

[20] C. B. Macpherson , The Rise and Fall of Economic Justice, Oxford 1987, p. 77 (aus dem Englischen)

[21] Richard Pipes, op. cit. p. 284-288 (aus dem Englischen)

[22] Ronald Aronson, After Marxism, New York 1995, p. I (aus dem Englischen)

[23] ibid., p. VII-VIII

[24] ibid., p. 56

[25] Vincent Geoghegan, Utopianism and Marxism, New York 1987, p. 68 (aus dem Englischen)

[26] ibid., p. 72 (aus dem Englischen)

[27] Socialist Register 2000, Necessary and Unnecessary Utopias, Suffolk 1999, p. 22 (aus dem Englischen)