Erster Vortrag: Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts

Teil 4

Von David North
20. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS. Dies ist der letzte Teil des ersten Vortrags.

Hat der Marxismus versagt?

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat niemals bestritten, dass die Auflösung der Sowjetunion eine große Niederlage für die Arbeiterklasse war. Doch hat dieses Ereignis, das Ergebnis jahrzehntelangen stalinistischen Verrats, weder die Methode des Marxismus, noch die Perspektive des Sozialismus ihrer Gültigkeit beraubt. Weder die eine noch die andere war in irgendeiner Weise für den Zusammenbruch der UdSSR verantwortlich. Seit 1923 gab es mit der Gründung der Linken Opposition eine marxistische Opposition gegen den Stalinismus. Trotzkis Entscheidung, die Vierte Internationale zu gründen und zur politischen Revolution in der Sowjetunion aufzurufen, beruhte auf der Erkenntnis, dass die Verteidigung der sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution sowie das bloße Überleben der UdSSR als Arbeiterstaat vom gewaltsamen Sturz der Bürokratie abhinge.

Das Internationale Komitee entstand 1953 aus dem Kampf gegen eine Tendenz innerhalb der Vierten Internationale, die behauptete, nach Stalins Tod werde die Bürokratie einen Prozess der politischen Selbstreform durchlaufen. Diese Tendenz unter Führung von Ernest Mandel und Michel Pablo war der Auffassung, die Bürokratie werde schrittweise zu den Prinzipien des Marxismus und des Bolschewismus zurückkehren und Trotzkis Eintreten für eine politische Revolution werde damit bedeutungslos.

Die gesamte Geschichte der Vierten Internationale und des Internationalen Komitees bezeugt die Richtigkeit der politischen Analyse des Stalinismus, die mittels der marxistischen Methode vorgenommen wurde. Bisher konnte uns niemand nachweisen, wie und in welcher Weise der Marxismus durch die Verrätereien und Verbrechen des Stalinismus wiederlegt worden sei. Ein Vertreter linker akademischer Kreise meint: "Zu sagen, der Zusammenbruch des organisierten Kommunismus als politischer Kraft und die Zerstörung des Staatssozialismus als Gesellschaftsform habe keine Auswirkungen auf die intellektuelle Glaubwürdigkeit des Marxismus, ist, als würde man behaupten, die Entdeckung der Gebeine Christi auf einem israelischen Friedhof, die Abdankung des Papstes und die Auflösung des Christentums habe keine Bedeutung für die intellektuelle Kohärenz der christlichen Theologie." [28]

Dieser Vergleich ist schlecht gewählt. Die marxistischen Gegner des Stalinismus, die Trotzkisten, haben den Kreml nie als Vatikan der sozialistischen Bewegung betrachtet. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, dann hat die Vierte Internationale nie an die Unfehlbarkeit Stalins geglaubt - was sich von den vielen linken kleinbürgerlichen und radikalen Gegnern der trotzkistischen Bewegung nicht unbedingt behaupten lässt.

Es ist schwer, die Skeptiker zufrieden zu stellen. Selbst wenn der Marxismus nicht für die Verbrechen des Stalinismus verantwortlich gemacht werden kann, so fragen sie, bedeutet nicht die Auflösung der Sowjetunion das Versagen des revolutionär-sozialistischen Projekts? Diese Frage verrät das Fehlen 1) einer umfassenden historischen Perspektive, 2) der Kenntnis der Widersprüche und Errungenschaften der sowjetischen Gesellschaft und 3) eines theoretisch fundierten Verständnisses des internationalen politischen Umfeldes, in welchem die Russische Revolution stattfand.

Die Russische Revolution war selbst nur eine Episode im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Gibt es Präzedenzfälle, die den angebrachten zeitlichen Rahmen beim Studium eines derart gewaltigen historischen Vorgangs ermessen lassen? Die sozialen und politischen Umwälzungen, die den Übergang von der agrarisch-feudalen Gesellschaft zur industriekapitalistischen Gesellschaft begleiteten, erstreckten sich über mehrere Jahrhunderte. Wenngleich die Dynamik der modernen Welt - mit ihrem außergewöhnlichen Grad an ökonomischer, technischer und sozialer Verflechtung - einen derart langgestreckten Zeitrahmen beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ausschließt, erfordert die Analyse eines historischen Prozesses, der die grundsätzlichsten, komplexesten und weitreichendsten ökonomischen Veränderungen umfasst, einen bedeutend längeren Zeitraum, als dies bei gewöhnlicheren Ereignissen der Fall wäre.

Dennoch war die Lebensdauer der Sowjetunion nicht unbedeutend. Als die Bolschewiki im Oktober 1917 die Macht ergriffen, erwarteten nur weniger Beobachter, das neue Regime könne auch nur einen Monat überleben. Der Staat, der aus der Oktoberrevolution hervorging, bestand über 74 Jahre, fast ein dreiviertel Jahrhundert. Im Verlauf dieser Zeit erlitt das Regime eine schreckliche politische Degeneration. Doch diese Degeneration, die 1991 in der Auflösung der Sowjetunion durch Gorbatschow und Jelzin gipfelte, bedeutet nicht, dass die Machteroberung durch Lenin und Trotzki im Oktober 1917 sinnlos, ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen wäre.

Das letzte Kapitel der Sowjetgeschichte direkt und ohne die nötigen Zwischenschritte von der bolschewistischen Machtergreifung herzuleiten, ist eine extreme Form des logischen Fehlschlusses Post hoc, ergo propter hoc (Danach, also deswegen). Ein objektives und ernsthaftes Studium der Geschichte der UdSSR erlaubt kein so einfaches Durcheinanderwerfen der Ereignisse. Der Ausgang der Sowjetgeschichte war nicht vorherbestimmt. Wie wir im Verlauf dieser Woche erklären wollen, hätte die Entwicklung der Sowjetunion auch eine andere, weit weniger tragische Richtung nehmen können. Obwohl der objektive Druck - der aus dem historischen Erbe von Russlands extremer Rückständigkeit und der Tatsache der imperialistischen Einkreisung des ersten Arbeiterstaates herrührte - bei der Degeneration des Sowjetregimes eine große Rolle spielte, trugen doch Faktoren subjektiver Art - also die Fehler und Verbrechen ihrer politischen Führung - maßgeblich zur schließlichen Zerstörung der UdSSR bei.

Das Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 verweist das gewaltige Drama der Russischen Revolution und der Folgezeit nicht in die Bedeutungslosigkeit. Sie war mit Sicherheit das wichtigste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts und eines der bedeutendsten der Weltgeschichte. Unsere Opposition gegen den Stalinismus wird nicht abgeschwächt, weil wir die kolossalen sozialen Errungenschaften der Sowjetunion anerkennen. Ungeachtet der Misswirtschaft und der Verbrechen des bürokratischen Regimes entfesselte die Oktoberrevolution außergewöhnlich kreative und zutiefst fortschrittliche Tendenzen im gesellschaftlichen Leben der sowjetischen Menschen.

Das rohe und rückständige Russland durchlief als Folge der Revolution eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Umformung, die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen sucht. Die Sowjetunion war - das betonen wir - keine sozialistische Gesellschaft. Das Niveau der Planung blieb rudimentär. Das von Stalin und Bucharin 1924 eingeleitete Programm, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen - ein Programm, für das es in der marxistischen Theorie keine Grundlagen gibt - bedeutete die völlige Zurückweisung der internationalen Perspektive, welche die Oktoberrevolution inspiriert hatte. Trotzdem stellte die Sowjetunion die Geburt einer neuen Gesellschaftsform dar, errichtet auf der Grundlage einer Revolution der Arbeiterklasse. Das Potenzial der nationalisierten Industrie zeigte sich in aller Klarheit. Die Sowjetunion konnte dem Erbe von Russlands Rückständigkeit nicht entkommen, ganz zu schweigen von dem ihrer zentralasiatischen Teilrepubliken. Doch ihre Fortschritte auf den Gebieten von Wissenschaft, Bildung, sozialer Wohlfahrt und Künsten waren real und erheblich. Die Warnungen der Marxisten-Trotzkisten vor den katastrophalen Implikationen des Stalinismus erschienen sogar vielen Linken, die dem stalinistischen Regime kritisch gegenüberstanden, als unglaubwürdig, weil die Errungenschaften der Sowjetunion so bedeutend waren.

Schließlich, und das ist das Wichtigste, können Wesen und Bedeutung der Oktoberrevolution nur im globalen politischen Zusammenhang ihrer Entstehung verstanden werden. Wenn die Oktoberrevolution eine Art historischer Irrweg war, dann muss man dasselbe über das 20. Jahrhundert insgesamt sagen. Man kann die Berechtigung der Oktoberrevolution nur abstreiten, wenn man gleichzeitig plausibel macht, dass die Machtübernahme der Bolschewiki von gänzlich opportunistischem Charakter war, dass sie keine Basis in den Strömungen und Widersprüche des europäischen und internationalen Kapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts hatte.

Eine derartige Behauptung wird durch die Tatsache untergraben, dass die Russische Revolution und die bolschewistische Machtübernahme vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs stattfanden. Beide Ereignisse sind untrennbar miteinander verbunden, und das nicht nur in dem Sinne, dass der Krieg den Zarismus geschwächt und die Bedingungen für die Revolution geschaffen hat. Grundlegender ist, dass die Oktoberrevolution eine andere Erscheinungsform derselben tiefen Krise der internationalen kapitalistischen Ordnung war, aus der sich auch der Krieg selbst ergeben hatte. Die schwelenden Widersprüche des Weltimperialismus brachten den Konflikt zwischen internationaler Wirtschaft und kapitalistischem Nationalstaatssystem 1914 zur Explosion. Ebendiese Widersprüche, die mehr als zwei Jahre blutigen Gemetzels an den Kriegsfronten nicht zu lösen vermochten, lagen dem Ausbruch der Russischen Revolution zugrunde. Die Führer des bürgerlichen Europa hatten das Chaos des Weltkapitalismus auf eine Weise zu beheben versucht. Die Führer der revolutionären Arbeiterklasse, die Bolschewiki, versuchten, einen anderen Ausweg aus demselben Chaos zu finden.

Da viele bürgerliche Akademiker die historischen und politischen Implikationen dieser Verbindung zwischen dem Weltkrieg und der Russischen Revolution verstehen, gab es immer wieder Versuche, die zufälligen und willkürlichen Aspekte des Ersten Weltkrieges zu betonen. Man bemühte sich nachzuweisen, dass der Krieg im August 1914 nicht habe ausbrechen müssen, dass es auch andere Wege zur Beilegung der Krise gegeben habe, die durch die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajevo entstanden war. Darauf muss man zwei Dinge erwidern.

Erstens: Obwohl andere Lösungen denkbar gewesen wären, entschieden sich die Regierungen Österreich-Ungarns, Russlands, Deutschlands, Frankreichs und schließlich Großbritanniens doch bewusst und absichtlich für den Krieg. Es ist vielleicht nicht so, dass all diese Regierungen den Krieg herbeisehnten; doch am Ende entschieden sie alle, dass er einer Einigung auf dem Verhandlungswege - die die Aufgabe des einen oder anderen strategischen Zieles erfordert hätte - vorzuziehen sei. Und die Führer des bürgerlichen Europas setzten den Krieg auch dann noch fort, als der Preis an Menschenleben in die Millionen ging. Die kriegführenden Mächte führten keinerlei ernsthafte Friedensverhandlungen, bis zuerst in Russland und dann in Deutschland die soziale Revolution ausbrach, die eine Veränderung der Klassenbeziehungen mit sich brachte und ein Ende des Krieges erzwang.

Der zweite Punkt ist, dass der Ausbruch eines vernichtenden Weltkrieges von den sozialistischen Arbeiterführern seit langem vorausgesehen worden war. Bereits in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Engels vor einem militärischen Zusammenstoß der kapitalistischen Industriemächte gewarnt, der Europa zum großen Teil in Trümmer legen würde. "Es würde eine Verwüstung geben wie im 30-jährigen Krieg", schrieb Engels im Januar 1888 an Adolph Sorge. "Und rasch ist nichts zu erledigen, trotz der kolossalen Streitkräfte... Wenn der Krieg ohne innere Bewegungen bis zuletzt ausgekämpft würde, so träte eine Erschöpfung ein, wie Europa sie seit 200 Jahren nicht durchgemacht." [29]

Ein Jahr später, im März 1889, schrieb Engels an Lafargue, der Krieg sei für ihn "die schrecklichste aller Möglichkeiten". Es wäre "ein Krieg, in dem es 10 bis 15 Millionen Kämpfende geben wird, der, allein um sie zu ernähren, eine noch nie dagewesene Verwüstung mit sich bringen wird; ein Krieg, der eine verstärkte und allgemeine Unterdrückung unserer Bewegung, eine Verschärfung des Chauvinismus in allen Ländern und schließlich eine Schwächung mit sich bringen wird, zehnmal schlimmer als nach 1815, eine Periode der Reaktion als Folge der Erschöpfung aller ausgebluteten Völker - und alles dies gegen die geringe Chance, dass aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht - das entsetzt mich." [30]

Während der nächsten 25 Jahre stellte die europäische sozialistische Bewegung den Kampf gegen den kapitalistischen und imperialistischen Militarismus in den Mittelpunkt ihrer politischen Agitation. Die Analyse der notwendigen Verbindung zwischen Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus durch die herausragendsten Theoretiker der sozialistischen Bewegung und die zahllosen Warnungen, ein imperialistischer Krieg sei nahezu unvermeidlich, widerlegen die Behauptung, die Ereignisse im August 1914 seien zufällig und stünden in keinerlei Beziehung zu den unausweichlichen Widersprüchen der kapitalistischen Weltordnung.

Im März 1913, weniger als 18 Monate vor Ausbruch des Weltkrieges, wurde folgende Analyse der Auswirkungen der Balkankrise erstellt: "[D]er Balkankrieg hat nicht nur die alten Grenzen auf dem Balkan zerstört und den Hass und Neid der kleinen Balkanstaaten aufeinander zum Glühen gebracht - er hat auch die kapitalistischen Staaten Europas für lange Zeit aus dem Gleichgewicht geworfen... Das europäische Gleichgewicht, das schon früher äußerst instabil war, ist nun ganz und gar zerstört. Es ist schwer vorauszusagen, ob diejenigen, die die europäischen Geschicke lenken, das Wagnis eingehen, es diesmal zu einem gesamteuropäischen Krieg kommen zu lassen." [31]

Autor dieser Zeilen war Leo Trotzki.

Aus dem angeblich zufälligen und willkürlichen Charakter des Ersten Weltkrieges leiten die akademischen Fürsprecher des Kapitalismus ab, dass auch jede andere unerfreuliche Episode des Kapitalismus im 20. Jahrhunderts zufällig war: die Große Depression, der Aufstieg des Faschismus und der Zweite Weltkrieg. Es war alles eine Sache von Fehleinschätzungen, unvorhersehbaren Ereignissen und - natürlich - einem Haufen Bösewichten. Der französische Historiker François Furet belehrt uns: "Das Verständnis unserer Epoche ist nur möglich, wenn wir uns von der Illusion der Notwendigkeit freimachen. Unser Jahrhundert ist - wenn überhaupt - nur dann zu erklären, wenn man ihm seinen unvorhersehbaren Charakter belässt." Er behauptet: "[D]ie Geschichte unseres wie des vorhergehenden Jahrhunderts hätte ebenso gut anders verlaufen können. Man stelle sich zum Beispiel nur vor, wie Russland im Jahr 1917 ohne Lenin gewesen wäre, oder Deutschland während der Weimarer Republik ohne Hitler." [32]

In ähnlicher Weise widmet Professor Henry Ashby Turner von der Universität Yale ein ganzes Buch dem Nachweis, dass Hitlers Machtübernahme großenteils das Ergebnis von Zufällen war. Sicher, es gab ein paar seit langem bestehende Probleme der deutschen Geschichte, ganz abgesehen von ein paar unglücklichen Ereignissen wie dem Ersten Weltkrieg, dem Versailler Vertrag und der Weltwirtschaftskrise. Doch weit wichtiger ist, dass "das Glück - diese launenhafteste aller Zufälligkeiten - klar auf Hitlers Seite" war. [33] Es gab auch "persönliche Zu- und Abneigungen, verletzte Gefühle, getrübte Freundschaften und die Sehnsucht nach Rache" - die alle gemeinsam die deutsche Politik in unvorhersehbarer Weise beeinflussten. Und, ja, da gab es auch die "zufällige Begegnung zwischen Papen und Baron von Schröder im Herrenklub", die sich letztlich zu Hitlers Vorteil auswirkte. [34]

Man fragt sich: Wenn von Papen nur mit einer Grippe im Bett geblieben wäre, anstatt in den Herrenklub zu gehen, hätte dann der gesamte Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts anders ausgesehen? Ebenso gut ist es möglich, dass wir die gesamte Entwicklung der modernen Physik dem glorreichen Apfel verdanken, der zufällig auf Newtons Kopf fiel.

Wenn die Geschichte lediglich "ein Märchen ist, erzählt von einem Blödling, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet", warum sollte man sie dann studieren? Die Prämisse der Vorträge dieser Woche ist, dass die Lösung der Probleme unserer heutigen Welt - Probleme mit katastrophalen möglichen Folgen für die Menschheit - nicht nur ein weitreichendes Faktenwissen über die Geschichte des 20. Jahrhunderts erfordert, sondern auch die Aneignung der Lehren aus den viele tragischen Erfahrungen, die die Arbeiterklasse in den letzten hundert Jahren durchlaufen hat.

Als das Jahr 2000 nahte, erschien eine Vielzahl von Bänden auf dem Buchmarkt, die sich dem Studium des zuende gehenden Jahrhunderts widmeten. Eine Charakterisierung dieser Periode, die bemerkenswert populär wurde, war die des "kurzen 20. Jahrhunderts". Besonders Eric Hobsbawm propagierte sie. Er argumentierte, die Charakteristika, die das Jahrhundert bestimmten, hätten mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 begonnen und mit dem Ende der Sowjetunion 1991 geendet. Was immer Hobsbawms eigene Absicht gewesen sein mag, stützte diese Herangehensweise der Tendenz nach die These, die entscheidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts seien eher eine Art surrealistische Abweichung von der Wirklichkeit gewesen, als der Ausdruck historischer Gesetzmäßigkeiten.

Entgegen dieser Definition glaube ich, dass man die betreffende Epoche weit besser als das "unvollendete Jahrhundert" bezeichnen sollte. Vom Standpunkt der historischen Chronologie ist das 20. Jahrhundert natürlich zu Ende. Es ist vorbei. Doch vom Standpunkt der großen und grundlegenden Probleme, die den massiven sozialen Kämpfen und Umstürzen der Periode zwischen 1901 und 2000 zugrunde lagen, wurde sehr wenig gelöst.

Das 20. Jahrhundert hat dem 21. eine gewaltige unbeglichene Rechnung hinterlassen. All die Schrecken, denen die Arbeiterklasse im letzten Jahrhundert ausgesetzt war - Krieg, Faschismus, ja der Möglichkeit der Auslöschung aller menschlichen Zivilisation -, begleiten uns auch heute noch. Wir sprechen nicht wie die Existenzialisten von Gefahren und Zwangslagen, die der Natur des menschlichen Daseins immanent sind. Nein, wir haben es mit den grundsätzlichen Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise zu tun, mit denen die größten revolutionären Marxisten des 20. Jahrhunderts - Lenin, Luxemburg und Trotzki -auf einem weit früheren Entwicklungsstadium gerungen haben. Was im letzten Jahrhundert nicht gelöst werden konnte, muss in diesem gelöst werden. Andernfalls besteht die große und wirkliche Gefahr, dass dieses Jahrhundert das letzte der Menschheit sein wird.

Eben darum ist das Studium des 20. Jahrhunderts und die Aneignung seiner Lehren eine Frage von Leben und Tod.

Anmerkungen:

[28] Bryan Turner, Preface to Karl Löwith, Max Weber and Karl Marx, New York and London 1993, p. 5. (aus dem Englischen)

[29] Engels an Friedrich Adolph Sorge, 7. Januar 1988, in MEW Band 37, S. 11

[30] Engels an Paul Lafargue, 25. März 1889, ebd. S. 171

[31] Leo Trotzki, Die Balkankriege 1912-13, Essen 1996, S. 350

[32] François Furet, Das Ende der Illusion, München 1996, S. 14

[33] Henry Ashby Turner, Hitler’s Thirty Days to Power, Addison Wesley 1996, p. 168 (aus dem Englischen)

[34] ibid..