Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts

Teil 1

Von David North
21. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Der Triumph des Marxismus

Das Anwachsen der sozialistischen Bewegung in Europa und der zunehmende Einfluss des Marxismus auf die Arbeiterklasse in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zählen zu den außergewöhnlichsten politischen und intellektuellen Erscheinungen der Weltgeschichte. Gegen Ende des Jahres 1849 war Marx als politischer Flüchtling nach England gekommen, Engels folgte ihm wenig später. Während der nächsten zwei Jahrzehnte setzte Marx seine theoretischen Studien zu den Bewegungsgesetzen der kapitalistischen Gesellschaft unter den schwierigsten persönlichen Umständen fort. Ein Brief an Engels vom 8. Januar 1863 vermittelt uns eine Vorstellung von dem, was Marx ertrug:

"Mag der Teufel wissen, daß nichts als Pech jetzt in unsern Kreisen sich ereignet. Ich weiß auch absolut nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Versuche, in Frankreich und Deutschland Geld aufzutreiben, sind gescheitert, und es war natürlich vorherzusehen, daß ich mit 15 £ die Lawine nur ein paar Wochen abhalten konnte. Abgesehen davon, daß wir nichts mehr kreditiert erhalten, außer Metzger und Bäcker, was auch mit Ende dieser Woche aufhört, bin ich wegen der Schule getreten, wegen der Miete und von der ganzen Rotte. Die paar, die ein paar Pfund Abzahlung erhielten, haben sie pfiffig eingesteckt, um mit doppelter Gewalt über mich herzufallen. Dazu haben die Kinder keine Kleider und Schuhe, um auszugehen. Kurz, der Teufel ist los [...]

Es ist scheußlich egoistisch von mir, daß ich Dir in diesem Augenblick diese horreurs erzähle. Aber das Mittel ist homöopathisch. Ein Unheil zerstreut das andre. Und, au bout du compte, was soll ich machen? In ganz London ist kein einziger Mensch, gegen den ich mich auch nur frei aussprechen kann, und in meinem eignen Hause spiele ich den schweigsamen Stoiker, um den Ausbrüchen von der andern Seite das Gegengewicht zu halten. Arbeiten aber under such circumstances wird rein unmöglich." [1]

Nur drei Tage, bevor dieser Brief geschrieben wurde, hatte Marx die Vorarbeiten zum Hauptteil seiner monumentalen dreibändigen Theorien über den Mehrwert abgeschlossen, ein bedeutender Schritt zum Verfassen des Kapitals, dessen erster Band im August 1867 erschien.

Innerhalb von 25 Jahren nach der Fertigstellung des Kapitals - ein Werk, dessen Veröffentlichung von den bürgerlichen Ökonomen jener Zeit praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurde - lieferte der Marxismus die theoretische Inspiration und Führung für das Wachstum der ersten Massenpartei in Europa. Dass dieser Triumph sich in Deutschland vollzog, war dabei kein Zufall. Der Marxismus fand zum ersten Mal ein Massenpublikum in der Arbeiterklasse des Landes, in dem das kulturelle und intellektuelle Leben in der Ära der Aufklärung ein Niveau von beinahe unvorstellbarer Brillanz erreicht hatte.

Das große Erbe des klassischen deutschen idealistischen Philosophie - am stärksten repräsentiert von Kant, Fichte und vor allem Hegel - wurde nach der Revolution von 1848 durch Marx und Engels an die Arbeiterklasse weitergegeben. Tatsächlich hatte Marx die außergewöhnliche Rolle der Philosophie vorhergesehen, die diese - befreit von allem idealistischen Drumherum, auf einer materialistischen Basis kritisch überarbeitet, verwurzelt in der Natur und gerichtet auf ein Studium der ökonomischen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft - bei der Befreiung der deutschen Arbeiterklasse spielen sollte. Er schrieb im Jahre 1843:

"Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift." [2]

"Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen [...] Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie." [3]

Diese Passage wurde geschrieben, als Marx seine Kritik der idealistischen Philosophie Hegels in Angriff nahm. Das Herausarbeiten des rationalen Kerns von Hegels idealistischem System - d.h. die Überarbeitung der Dialektik von Kategorien und Begriffen, die von Hegel als die Selbstentfremdung und Rekonstruktion der Absoluten Idee verstanden wurde, auf materialistischer Grundlage - bedeutete eine theoretisch-intellektuelle Errungenschaft von größter Bedeutung. Die Hinausgehen über den Hegelianismus war allerdings nicht durch eine Kritik möglich, die in den Grenzen des spekulativen Denkens verharrte. Vor Marx hatte bereits der deutsche Philosoph Feuerbach die Grundlagen für eine materialistische Kritik des Hegelianismus gelegt. Doch Feuerbachs Kritik war beschränkt durch den vorwiegend naturalistischen und mechanischen Charakter seines Materialismus. Der "Mensch" lebte nach Feuerbachs Philosophie in der Natur, aber nicht in der Geschichte. Solch einem ahistorischen Wesen fehlte jede gesellschaftliche Konkretheit.

Feuerbach beharrte zwar auf dem Primat der Materie vor dem Denken, doch er konnte auf dieser Basis nicht die Komplexität und Vielfalt der Formen menschlichen Bewusstseins erklären. Insbesondere war er nicht in der Lage, eine Erklärung für die Änderungen im Bewusstsein zu liefern, die sich im Laufe der historischen Entwicklung des Menschen zeigten.

Das Europa und Deutschland, in das Hegel 1770 und Feuerbach 1804 hineingeboren waren, wurden durch die Umwälzungen der Französischen Revolution und die Napoleonischen Kriege verwandelt. Aber wie waren solche Ereignisse zu erklären? Waren sie einfach nur das Produkt der Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Und selbst wenn man die Macht dieser Ideale anerkannte, von woher kamen sie? Die Antwort Hegels - dass diese Ideale als logisch determinierte Momente in der Selbstentfremdung der Absoluten Idee entstanden - war völlig unangemessen, um einen konkreten historischen Prozess zu erklären. Nur indem man die Geschichte des Menschen als gesellschaftliches Wesen studierte, wurde es möglich, auf einer materialistischen Basis die Ursprünge und die Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins abzuleiten.

Die wesentlichen Elemente der materialistischen Geschichtskonzeption wurden von Marx und Engels im Laufe von drei außergewöhnlichen Jahren entwickelt - zwischen 1844 und 1847. Während dieser Zeit schrieben sie Die heilige Familie, Das Elend der Philosophie und schließlich Das Manifest der kommunistischen Partei. Während der nächsten 20 Jahre lieferte Marx’ Studium der politischen Ökonomie, aus dem Das Kapital hervorging, die theoretische Untermauerung der dialektischen Methode der Analyse wie auch der materialistischen Geschichtskonzeption. Im Jahre 1859, als Marx Arbeit zur politischen Ökonomie bereits sehr weit fortgeschritten war, fasste er den "Leitfaden" seines theoretischen Werkes folgendermaßen zusammen:

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. [4]

Auch nach fast 150 Jahren überwältigt einen die durchdringende Kraft der ontologischen und erkenntnistheoretischen Prinzipien, die in dieser Passage vorgebracht werden. Wie gering, intellektuell unreif und, um es direkt zu sagen, dumm erscheinen die zynischen Postulate der Postmodernisten, wenn man sie vergleicht mit Marx’ Ausführungen zu den Treibkräften der Geschichte und den Grundlagen des menschlichen Bewusstseins in all seinen komplexen Formen. Wie die andere erstaunliche Errungenschaft des Jahres 1859, Darwins Über die Entstehung der Arten, bedeuteten die theoretischen Konzeptionen, die Marx in seinem Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie dargelegt hatte, einen höchst bedeutenden Meilenstein in der intellektuellen Entwicklung der Menschheit. Tatsächlich besteht ein tiefer innerer Zusammenhang zwischen den beiden Werken.

Marx und Darwin haben mit diesen Werken nicht nur das Studium der Geschichte, bzw. das Studium der Biologie und Anthropologie für immer verändert. Das trifft natürlich zu und ist keine kleine Errungenschaft. Aber diese Werke sind noch mehr. Im Jahre 1859, durch das Werk von Marx und Darwin, war der Mensch endlich an dem Punkt angelangt, wo es ihm möglich war, die Gesetzen unterliegenden Prozesse seiner eigenen biologischen und sozioökonomischen Entwicklung zu erkennen. Die intellektuellen Vorbedingungen waren nun gegeben, damit der Mensch bewusst in den bis dahin unbewussten Prozess seiner eigenen biologischen und gesellschaftlichen Entwicklung eingreifen konnte.

Wird fortgesetzt.

Quellen:

[1] Marx an Engels in Manchester, 8. Jan. 1863, in: MEW Bd. 30, S. 310f.

[2] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, S. 16., in: MEW Bd. 1, S. 385.

[3] Ebenda, S. 391.

[4] Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 4ff, in: MEW Bd. 13, S. 8.

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts
(14. September 2005)