Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts

Teil 2

Von David North
22. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Das Anwachsen des sozialistischen Einflusses und die bürgerliche Gegenoffensive

Wenn auch zunächst langsam, so machte sich der Einfluss des theoretischen Werks von Marx und Engels doch bemerkbar. Die Erste Internationale, gegründet 1864, war trotz der erbitterten Konflikte mit Bakunin und seinen Anhängern ein wichtiges Forum zur Verbreitung marxistischer Ideen. Im August 1869 wurde auf einer Versammlung in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Diese Partei stützte sich nicht auf ein theoretisch einheitliches marxistisches Programm. Die Konzeptionen von Lassalle übten - auch über viele weitere Jahre noch - einen beträchtlichen politischen Einfluss auf die deutsche Arbeiterklasse aus.

Doch im darauf folgenden Jahrzehnt erlangte der Marxismus eine dominante Stellung unter den sozialistisch gesonnenen Arbeitern in Deutschland. Die Bemühungen des Bismarck-Regimes, die Sozialdemokratische Partei zu unterdrücken, erwiesen sich als kontraproduktiv. Bei den Wahlen des Jahres 1890, elf Jahre nachdem der Staat die so genannten "Sozialistengesetze" in Kraft gesetzt hatte, erhielt die SPD 19,7 Prozent der Stimmen. Das Auftreten der Arbeiterklasse als mächtige politische Kraft, geführt von einer Partei, die in ihrem Programm die Totenglocke der bürgerlichen Ordnung anschlug, musste unvermeidlich weitreichende Folgen für die allgemeinen intellektuellen und politischen Anschauungen der herrschenden Klasse haben.

In den 1880-er Jahren konnte die Bourgeoisie den wachsenden und immer mächtigeren Einfluss des Marxismus auf das politische und intellektuelle Leben in Europa nicht mehr ignorieren. Sie stellte fest, dass ein so gewaltiger Angriff auf die existierende gesellschaftliche Ordnung nicht Bismarck und seiner politischen Polizei überlassen werden konnte. Auch reichte die einfache Verurteilung des Sozialismus nicht aus. Der Kampf gegen den Sozialismus nahm unvermeidlich eine ausgefeiltere ideologische Form an. In verschiedenen und vielfältigen Bereichen - Ökonomie, Soziologie und Philosophie - nahmen intellektuelle Vertreter der Bourgeoisie den Kampf mit dem Marxismus auf und versuchten Schwächen in seinen theoretischen Grundlagen zu finden. Ein beharrliches Element der neuen Kritik, die mit einer Wiederbelebung der Kantschen Philosophie verbunden war, lautete, dass sich der Marxismus fälschlich als Wissenschaft darstelle.

Die neuen Gegner argumentierten, der Marxismus könne keine Wissenschaft sein, weil seine nicht zu leugnende Verbindung mit einer politischen Bewegung ihn der Objektivität und Distanziertheit beraube, die die Vorbedingungen für wissenschaftliche Forschung seien. Der Soziologe Emile Durkheim schrieb, dass Marx’ Forschung "unternommen wurde, um eine Doktrin zu etablieren [...], weit entfernt davon, dass die Doktrin das Resultat der Forschung sei. [...] Es war die Leidenschaft, die all diese Systeme inspirierte; was sie hervorbrachte und ihnen Stärke verlieh, ist der Hunger nach einer höheren Gerechtigkeit [...] Der Sozialismus ist keine Wissenschaft, keine Soziologie en miniature, er ist ein Schmerzensschrei". [5] Der liberale italienische Historiker Benedetto Croce argumentierte auf ähnliche Weise, dass der Marxismus keine Wissenschaft sein könne, weil seine Schlussfolgerungen das Ergebnis revolutionärer politischer Leidenschaften seien. [6]

Über ein Jahrhundert hinweg konzentrierten sich die bürgerlich-liberalen Angriffe auf die Gültigkeit des Marxismus darauf, seinen wissenschaftlichen Charakter zu leugnen. Diese Kritik beinhaltete immer eine Verfälschung dessen, was Marx und Engels mit der Aussage meinten, sie hätten den Sozialismus auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Sie haben niemals behauptet, sie hätten Gesetze entdeckt, die den sozioökonomischen Prozess so exakt steuern, wie dies bei physikalischen Gesetzen der Fall ist, mit denen sich die Bewegungen und Umlaufbahnen von Planeten und interstellaren Phänomenen bestimmen lassen. Solche Gesetze existieren nicht.

Dies beeinträchtigt jedoch keineswegs den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus, der folgendermaßen verstanden werden muss: Die Projekte und Ideen einer früheren Generation utopischer Denker konnten keine notwendige, objektive kausale Beziehung zwischen den bestehenden Gesellschaftsverhältnissen und den eigenen Plänen zur Reform und Neugestaltung der Gesellschaft herstellen. Von ihnen unterschied sich der Sozialismus von Marx und Engels. Sie überwanden diese Beschränkung erstens mit der Ausarbeitung eines materialistischen Geschichtsverständnisses und zweitens mit der Entdeckung der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise. Dass diese Gesetze sich als Tendenzen äußern und nicht in vollständig voraussagbaren und wiederkehrenden Abläufen, ist kein Mangel des Marxismus, sondern eine Folge des heterogenen und in sich widersprüchlichen Charakters der objektiven gesellschaftlichen Realität.

Allgemein gesprochen haben die Entdeckung und der Nachweis der entscheidenden Rolle, die ökonomische Prozesse und Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft spielen, es möglich gemacht, die Geschichte zu entmystifizieren und bewusst zu verstehen. Die Kategorien, die Marx im Laufe seiner Untersuchung des Kapitalismus entwickelte, bereicherte und anwandte - wie Arbeitskraft, Wert, Profit - waren abstrakte theoretische Ausdrücke realer, objektiv existierender sozioökonomischer Beziehungen.

Die Behauptung, dass politische Parteinahme mit wissenschaftlicher Objektivität nicht zu vereinbaren sei, ist ein Scheinargument. Die Validität von Forschung wird weder durch Parteinahme ausgeschlossen noch durch Gleichgültigkeit garantiert. Parteinahme ist kein Argument gegen den wissenschaftlichen und objektiven Charakter des Marxismus; es müsste bewiesen werden, dass die Parteinahme die Integrität der Untersuchung in Mitleidenschaft gezogen und nachweislich zu falschen Schlussfolgerungen geführt hat.

Mitte der 1890er Jahre machte sich die beharrliche bürgerliche Kritik am Marxismus innerhalb der sozialistischen Bewegung bemerkbar. Eduard Bernstein, eine der wichtigsten Gestalten in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, begann - zunächst vorsichtig und dann mit dem zügellosen Enthusiasmus, wie er für politische Renegaten charakteristisch ist - seine Einwände gegen das revolutionäre Programm des Marxismus zu artikulieren. Angesichts der prominenten Stellung, die Bernstein in der deutschen und internationalen sozialistischen Bewegung innehatte - er war der Nachlassverwalter von Friedrich Engels - wurde seine Kritik am Marxismus unvermeidlich zu einer politischen cause célèbre, die interne Kämpfe in den sozialistischen Parteien ganz Europas auslöste. Das Ausmaß des Konflikts über Bernsteins "Revision" des Marxismus, das Bernstein weder erwartet noch gewollt hatte, machte deutlich, dass der Disput tiefe gesellschaftliche und nicht nur rein persönliche Wurzeln hatte.

Wie ich bereits bemerkt habe, hatten bürgerliche Theoretiker - als eine Art ideologischer Verteidigungsmechanismus - in den 1890er Jahren begonnen, aggressiv auf das Anwachsen der sozialistischen Bewegung zu reagieren. Doch die Wirkung dieser Gegenoffensive war durch bedeutende Veränderungen im weltweiten ökonomischen Klima bedingt. Die lang anhaltende Wirtschaftsdepression, die Mitte der 1870er Jahre begonnen hatte, machte endlich einer Erholung der Profitrate und einer robusten Expansion in Industrie und Finanzen Platz. Trotz einiger Rückschläge hielt die wirtschaftliche Expansion, die in den 1890er Jahren begann, bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs an. Grob empirisch und positivistisch betrachtet stellten die sichtbare Stärkung der grundlegenden Indizes der kapitalistischen Produktion und des Handels sowie die positiven und spürbaren Folgen für den Lebensstandard großer Teile des Kleinbürgertums und Schichten der Arbeiterklasse, die damit einher gingen, die marxistische Analyse des kapitalistischen Systems - und insbesondere seines baldigen revolutionären Zusammenbruchs - in Frage

Hinter den Widersprüchen der deutschen Arbeiterbewegung stand die massive Industrialisierung Deutschlands nach dem französisch-preußischen Krieg von 1870 und der formalen Gründung des Kaiserreiches 1871 (die die Einigung Deutschlands unter Bismarck abschloss). Sie ermöglichte das außergewöhnlich schnelle Wachstum der Arbeiterbewegung und die formale Annahme des Marxismus als theoretische, revolutionäre Grundlage ihres Programms, aber auch das Anwachsen des Revisionismus.

Die neuen Industrien Deutschlands entwickelten sich auf der Grundlage modernster Technologien, woraus eine gebildete und hochqualifizierte Arbeiterklasse hervorging. In dieser Schicht fanden die marxistischen Auffassungen ein aufgeschlossenes Publikum. Darüber hinaus leistete die ängstliche liberale Bourgeoisie keinen ernsthaften Widerstand gegen den erzreaktionären Hohernzollern-Bismarckschen Staat, der die politische Macht in den Händen einer Grundbesitzerelite konzentrierte, die tief in der Tradition des preußischen Militarismus verwurzelt war und jede Form von Demokratie für das Volk mit pathologischem Hass ablehnte.

Die sozialistische Bewegung war der Brennpunkt der Massenopposition gegen den Staat. Die Sozialdemokratie schuf ein gewaltiges Netzwerk von Organisationen, das buchstäblich jeden Aspekt des Lebens der Arbeiterklasse umfasste. Die SPD unter der Führung von August Bebel stellte einen "Staat im Staate" dar. Wilhelm II mochte der Kaiser des Deutschen Reiches sein, doch Bebel - der sein gesamtes Erwachsenenleben seit den frühen 1860er Jahren dem Aufbau der sozialistischen Bewegung gewidmet hatte und dafür u.a. fünf Jahre im Gefängnis zubrachte - wurde in der Bevölkerung als "Kaiser" der Arbeiterklasse betrachtet.

Die Praxis der sozialistischen Bewegung, die sich aus den schwierigen Kämpfen gegen die Sozialistengesetze der 1880er Jahre ergab, konzentrierte sich auf die systematische Entwicklung und Stärkung ihrer Organisationen. Das legendäre deutsche Organisationstalent wurde durch die theoretischen Einsichten, die der Marxismus bot, noch gesteigert. Darüber hinaus war das Anwachsen der deutschen Arbeiterorganisationen organisch mit der Entwicklung der deutschen Industrie verbunden. Die tragischen politischen Auswirkungen der tiefen inneren Verbindung zwischen der deutschen industriell-ökonomischen Entwicklung und dem Anwachsen der nationalen Arbeiterbewegung wurden in der Krise von 1914 nur allzu deutlich.

Wie schockierend die Ereignisse des Augusts 1914 auch sein mochten, sie waren über eine ziemlich lange Periode vorbereitet worden. Ich werde darauf an späterer Stelle noch ausführlicher eingehen. Ich will aber darauf hinweisen, dass bestimmte Kennzeichen der sozialdemokratischen Bewegung, sowohl organisatorischer wie politisch-praktischer Art, die zur Tragödie von 1914 führen sollten, bereits Mitte der 1890er Jahre in Erscheinung traten.

Mit der Annahme des Erfurter Programms im Jahre 1893 hatte sich die SPD formal zu einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft verpflichtet, doch die Praxis der deutschen sozialistischen Bewegung - die in großem Maße von den vorherrschenden objektiven Bedingungen in einer Periode rascher wirtschaftlicher Expansion geprägt war - hatte einen vorrangig reformistischen Charakter. Trotzki sagte später, dass sich der Marxismus im Deutschland der Hohenzollern in der besonderen Lage befand, eine revolutionäre Perspektive mit einer reformistischen Praxis in Einklang zu bringen. In diesem Rahmen waren zwei Aktionsfelder besonders wichtig: Die Beteiligung an Wahlen, um die sozialdemokratische Vertretung im deutschen Reichstag und verschiedenen Landtagen zu vergrößern, und die Gewerkschaftsarbeit - d.h. die Organisierung und Vertretung der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Industrie.

In beiden Bereichen erzielte die SPD bedeutende praktische Resultate, für die sie aber vom revolutionär-strategischen Standpunkt betrachtet einen hohen Preis zahlte. Die Arbeit der Parlamentsfraktionen warf in unzähligen Formen das Problem auf, wie die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse vom bürgerlichen Staat gewahrt werden konnte, während gleichzeitig der Druck stieg, praktische Ergebnisse zu erzielen. Obwohl die SPD die größte politische Partei in Deutschland war, hatten ihre aristokratischen und bürgerlichen Gegner im Reichstag zusammen die Mehrheit. Auf sich allein gestellt konnte sie nichts weiter tun, als sich als parlamentarische Minderheit gegen Maßnahmen der Regierung zu stellen.

Für diese frustrierende Situation gab es keine einfachen oder gar prinzipiellen Lösungen. Es gab aber Elemente innerhalb der Sozialdemokratie, insbesondere in Süddeutschland, die eine Lösung sahen - in einer Art parlamentarischen Allianz mit den bürgerlichen Liberalen. Die nationale Führung lehnte das ab und Bebel weigerte sich, diese Form der Klassenkollaboration im Reichtag zu sanktionieren, wo er die Parteifraktion führte. Aber der Druck, mit Teilen der deutschen Bourgeoisie praktisch zusammenzuarbeiten, war da.

Der andere Arbeitsbereich, die Gewerkschaften, warf sogar noch größere Probleme auf. Die SPD hatte sich in den 1870er und 1880er Jahren als Geburtshelferin für die deutschen Gewerkschaften betätigt. Sie stellte die Führung und finanzierte die Gewerkschaften in ihrer Entwicklungsphase. Doch zu Beginn der 1890er Jahre begann sich das Kräfteverhältnis zwischen den Gewerkschaften und der Partei zu verändern. Die Gewerkschaften wuchsen schneller als die Partei, und letztere wurde mit der Zeit immer stärker von der organisatorischen und finanziellen Unterstützung der Gewerkschaften abhängig. Die großen Gewerkschaften in Deutschland wurden von Sozialdemokraten geleitet, die formal der politischen Linie verbunden blieben, die die Bebel-Fraktion in der SPD-Führung vertrat. Doch die tagtägliche Arbeit der Gewerkschaftsführer wies unvermeidlich einen allgemein reformistischen Charakter auf.

Selbst wenn die theoretischen Formeln Bernsteins direkt auf den Einfluss verbreiteter und vorherrschender Tendenzen in der bürgerlichen antimarxistischen Philosophie zurückzuführen war, lag der materielle Impuls für Bernsteins Revisionismus in den objektiven sozioökonomischen Bedingungen in Europa und Deutschland. In diesem objektiven Zusammenhang entstand Bernsteins Revisionismus als theoretischer Ausdruck einer generell reformistischen Praxis der deutschen sozialistischen Bewegung. Da diese objektiven Voraussetzungen und Formen praktischer Aktivität in geringerem oder stärkerem Maße auch in anderen Ländern existierten, fand Bernsteins Reformismus ein internationales Echo.

Wird fortgesetzt.

Quellen:

[5] Emile Durkheim, Le Socialisme, Paris 1971, S. 37.

[6] Vgl. H. Stuart Hughes, Conciousness and Society, New York 1977, S. 88.

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts
(14. September 2005)