Vierter Vortrag: Marxismus Geschichte und Wissenschaft der Perspektive

Teil 2

Von David North
8. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Von der Französischen Revolution zum Kommunistischen Manifest

Die Ereignisse von 1789 bis 1794 gaben der Entwicklung einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zweifellos einen Anstoß. Eine Revolution, die unter dem Banner der Vernunft begonnen hatte, entwickelte sich in einer Weise, die niemand geplant oder vorausgesehen hatte. Der Kampf der politischen Gruppen nahm zunehmend blutige und brudermörderische Formen an, bis er schließlich im Terrorregime gipfelte. Dies alles schien sich mit einer Logik zu entfalten, deren Triebkraft ebenso verrückt wie unaufhaltbar war. Schließlich war das Ergebnis all der schrecklichen Kämpfe dieses revolutionären Zeitalters in keiner Weise eine Verwirklichung der Ideale, in deren Namen die Revolution geführt und für deren Verwirklichung so viel Blut vergossen worden war. Aus dem Kampf für "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" waren neue Unterdrückungsformen hervorgegangen.

In den Jahrzehnten nach der Revolution erkannten eine Reihe von Theoretikern - vor allem St. Simon, Thierry, Mignet und Guizot - dass die erschütternden Ereignisse der 1790er Jahre aus dem Kampf widerstreitender sozialer Kräfte erwachsen waren. St. Simon schrieb speziell über den Konflikt zwischen besitzenden und besitzlosen Klassen. 1820 legte Guizot folgende Definition der Kämpfe der 1790er Jahre vor: "Seit dreizehn Jahrhunderten beherbergte Frankreich zwei Völker, ein Siegervolk und ein Volk der Besiegten. Seit über 13 Jahrhunderten versuchen die Besiegten, das Joch ihrer Eroberer abzuschütteln. Unsere Geschichte ist die jenes Kampfes. In unserer Zeit ist es zur Entscheidungsschlacht gekommen: Ihr Name ist Revolution."[7]

Guizot schrieb als unerschrockener Anwalt des "Volkes" - d.h. des Dritten Standes - gegen die Aristokratie. Doch schon zu jener Zeit offenbarten Veränderungen im Gesellschaftsaufbau Frankreichs, bedingt durch die Entwicklung der kapitalistischen Industrie, dass das "Volk" durch tiefe innere Widersprüchen gespalten war. Obwohl sich die Industrie in Frankreich weit langsamer entwickelte als in England, waren doch Streiks so verbreitet, dass der Code Napoleon sie scharfen Gesetzen unterwarf.

Das Zerschlagen von Maschinen durch die so genannte Ludditen-Bewegung, in dem sich die Kämpfe der Arbeiterklasse anfangs äußerten, kam zuerst im England der 1770er Jahre auf. Die Ludditen-Bewegung wurde so bedrohlich, dass in den Jahren 1811/12 Truppen gegen die Aufständischen eingesetzt werden mussten und das britische Parlament 1812 die Todesstrafe für die Zerstörung von Maschinen verhängte. Die ersten belegten Vorfälle von Luddismus in Frankreich ereigneten sich im Jahr 1817 und setzten sich von da an über mehrere Jahrzehnte fort. Zu ähnlichen Vorfällen kam es in anderen europäischen Ländern und sogar den Vereinigten Staaten.

Weiterentwickelte Formen des Kampfes der Arbeiterklasse - wie z.B. Massenstreiks - häuften sich im Frankreich der 1830er und 1840er Jahre. Während dieser Periode tauchte in Frankreich zum ersten Mal das Wort "Sozialismus" auf. Nach dem Historiker G. D. H. Cole waren "die ‚Sozialisten’ diejenigen, die im Gegensatz zu der damals vorherrschenden Betonung der Rechte des Individuums das soziale Element der menschlichen Beziehungen betonten. In der großen Debatte über die Rechte des Menschen, die von der Französischen Revolution und der sie begleitenden Revolution im wirtschaftlichen Bereich losgetreten worden war, versuchten sie die soziale Frage an oberster Stelle zu platzieren." [8]

Das erste große Werk über den französischen Sozialismus wurde im Jahre 1842 von dem Deutschen Lorenz von Stein geschrieben. Er definiert den Sozialismus als "die systematische Idee des Kapitals, des Eigentums, der Familie, der Gesellschaft und des Staates unter der Herrschaft der Arbeit". [9]

Ich will hier keine Vorlesung über die Ursprünge und Geschichte des Sozialismus halten. Es geht mir vielmehr darum, auf die Veränderungen im sozialen und intellektuellen Leben hinzuweisen, unter denen Marx und Engels ihre außergewöhnliche Zusammenarbeit aufnahmen, die materialistische Geschichtsauffassung entwickelten und im Jahre 1847 das Kommunistische Manifest schrieben. Dabei möchte ich besonders betonen, dass ihr Werk in entwickelten theoretischen Begriffen das Aufkommen einer Spaltung in der allgemeinen demokratischen Bewegung des "Volkes" widerspiegelte und vorwegnahm, die neue Spaltung der Gesellschaft zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie.

Es gibt keine kraftvollere Widerlegung der Auffassung, historische Voraussagen seien generell unmöglich, als den Text des Kommunistischen Manifests, dieses ersten wahrhaft wissenschaftlichen und noch immer unübertroffenen Werkes zur historischen, sozioökonomischen und politischen Perspektive. Auf wenigen Seiten machen Marx und Engels den Klassenkampf als entscheidende Triebkraft der Geschichte aus, umreißen den ökonomischen und politischen Prozess, aus dem die moderne bürgerliche Gesellschaft entstand, und erklären die welthistorischen, revolutionären Implikationen der Entwicklung der von kapitalistischer Industrie und Finanzwesen.

"Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung’. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt. [...]

Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. [...]

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. [...] Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur." [10]

Man muss wirklich der Versuchung widerstehen, weiter aus diesem epochalen Werk vorzulesen, mit dem sich nichts zuvor Geschriebenes messen kann.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[7] Zit. nach Plechanow, Selected Philosophical Works Bd. 2, Moskau 1976, S. 439 (aus dem Englischen).

[8] Cole, A History of Socialist Though t Bd. 1, London 1953, S. 2 (aus dem Englischen).

[9] Stein, Die industrielle Gesellschaft, der Sozialismus und Kommunismus Frankreichs von 1830 bis 1848, hg. von Salomon, München 1921, S. 123

[10] Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei, in: MEW Bd. 4, S. 464ff.

Siehe auch:
Vierter Vortrag - Teil 1
Weitere Vorträge der WSWS/SEP Sommerschule