Vierter Vortrag: Marxismus, Geschichte und Wissenschaft der Perspektive

Teil 4

Von David North
12. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Der Marxismus und die "Russische Frage"

Man kann wohl sagen, dass es die russische sozialdemokratische Bewegung war, in welcher der Marxismus als Wissenschaft der historischen und politischen Perspektive zur höchsten Entfaltung kam. In keiner anderen Sektion der internationalen Arbeiterbewegung, Deutschland eingeschlossen, gab es solch beharrliche Anstrengungen, angemessene Formen der politischen Praxis aus der detaillierten Analyse der sozioökonomischen Bedingungen herzuleiten. Dies erklärt sich vielleicht aus der Tatsache, dass Russland wegen seiner Rückständigkeit zumindest im Vergleich zu Westeuropa für den Marxismus eine außergewöhnliche Herausforderung darstellte.

Als der Marxismus anfänglich die Aufmerksamkeit der radikalen demokratischen Intelligenz Russlands auf sich zog, existierte in diesem Land keine einzige der objektiven sozioökonomischen Bedingungen, die man als Voraussetzung für die Entwicklung einer sozialistischen Bewegung ansah. Die kapitalistische Entwicklung war noch in den Anfängen. Es gab nur wenig Industrie. Das russische Proletariat hatte kaum begonnen, als eigene soziale Klasse aufzutreten, und die einheimische Bourgeoisie war politisch form- und kraftlos.

Welche Bedeutung sollte der Marxismus als Bewegung des städtischen Proletariats für die politische Entwicklung Russlands haben? In seinem "Offenen Brief an Engels" argumentierte der Populist Pjotr Tkatschow, der Marxismus habe in Russland keine Relevanz, hier könne der Sozialismus niemals durch die Anstrengungen der Arbeiterklasse erreicht werden, und wenn es eine Revolution geben würde, dann auf der Basis von Bauernaufständen. Er schrieb:

"Sie müssen wissen, dass wir in Russland uns nicht eines einzigen der revolutionären Kampfmittel bedienen können, die Ihnen im Westen allgemein und besonders in Deutschland zur Verfügung stehen. Wir haben kein städtisches Proletariat, keine Pressefreiheit, keine repräsentative Versammlung, nichts würde uns erlauben, bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage auf die Vereinigung der unterdrückten und ignoranten Volksmassen zu einer einzigen, organisierten und disziplinierten Arbeiterassoziation zu hoffen." [16]

Die Widerlegung solcher Argumente zwang die russischen Marxisten zu einer erschöpfenden Analyse dessen, was damals oft als "unsere schreckliche russische Wirklichkeit" bezeichnet wurde. Die fast endlose Debatte über "Perspektiven" behandelte so wesentliche Fragen wie: 1) Gab es in Russland objektive Bedingungen für den Aufbau einer sozialistischen Partei? 2) Angenommen, diese Bedingungen existierten - auf welche Klasse sollte sich eine solche Partei bei ihren revolutionären Bemühungen stützen? 3) Welchen Klassencharakter würde, in objektiven soziökonomischen Begriffen gesprochen, die kommende Revolution in Russland haben: bürgerlich-demokratisch oder sozialistisch? 4) Welche Klasse würde im Kampf der Volksmassen gegen die zaristische Autokratie die politische Führung übernehmen können? 5) Welches Verhältnis würden im Verlauf des revolutionären Kampfes gegen den Zarismus die wichtigsten Klassen und Gegner der Autokratie - Bourgeoisie, Bauernschaft und Arbeiterklasse - zueinander haben? 6) Was würde das politische Ergebnis der Revolution sein, welche und Staats- und Regierungsform würde aus ihr hervorgehen?

Plechanow beschäftigte sich in den 1880er Jahren als Erster systematisch mit diesen Fragen und gab damit der sozialdemokratischen Bewegung Russlands eine programmatische Grundlage. Mit der ihm eigenen Nachdrücklichkeit antwortete er, die kommende Revolution in Russland werde einen bürgerlich-demokratischen Charakter haben. Die Aufgabe dieser Revolution sei der Sturz des zaristischen Regimes, die Befreiung Russlands von seinem feudalen Erbe in Staat und Gesellschaft, die Demokratisierung des politischen Lebens und die Schaffung bestmöglicher Bedingungen für die Entwicklung einer modernen kapitalistischen Wirtschaft.

Das politische Ergebnis der Revolution könne nur die Herrschaft des bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus sein, ähnlich dem, der in den fortgeschrittenen bürgerlichen Saaten Westeuropas herrschte. Die politische Macht in diesem Staat würde in den Händen der Bourgeoisie liegen. Angesichts der ökonomischen Rückständigkeit Russlands, dessen überwältigende Bevölkerungsmehrheit aus Analphabeten bestand, die als Bauern das weit ausgedehnte Land bewohnten, könne vom sofortigen Übergang zum Sozialismus keine Rede sein. In Russland bestünden ganz einfach nicht die notwendigen Vorbedingungen für solch einen radikalen Wandel.

Die Aufgabe der Arbeiterklasse lag demnach darin, als militanteste soziale Kraft innerhalb des demokratischen Lagers den Kampf gegen die zaristische Autokratie anzuführen. Dabei sollte sie die objektiven, bürgerlich-demokratischen Grenzen, die der Revolution durch Russlands sozioökonomischen Entwicklungsstand gesetzt seien, anerkennen und akzeptieren. Dies zog unweigerlich eine Art politischer Allianz mit der liberalen Bourgeoisie im Kampf gegen den Zarismus nach sich. Die Sozialdemokratische Partei sollte zwar ihre politische Unabhängigkeit bewahren, aber nicht die ihr von der Geschichte vorgeschriebene Rolle als Oppositionskraft innerhalb einer bürgerlichen Demokratie überschreiten. Sie würde versuchen, das bürgerliche Regime so weit wie möglich zur Erfüllung eines fortschrittlichen Programms zu bewegen, ohne dabei jedoch den kapitalistischen Charakter der Wirtschaft und die Aufrechterhaltung des bürgerlichen Eigentums in Frage zu stellen.

Plechanows Programm enthielt keine ausdrückliche Absage an sozialistische Ziele. Der "Vater des russischen Marxismus" hätte vehement bestritten, dass aus seinem Programm solche Schlüsse gezogen werden könnten. Vielmehr wurden diese Ziele in eine ferne Zukunft verschoben, um damit dem bestehenden sozioökonomischen Entwicklungsstand Russlands Rechnung zu tragen. Während sich Russland schrittweise auf kapitalistischem Wege weiterbewegen würde, in Richtung eines ökonomischen Reifegrades, der den Übergang zum Sozialismus ermöglicht, sollte die sozialdemokratische Bewegung die Möglichkeiten nutzen, die ihr der bürgerliche Parlamentarismus eröffnen würde, um weiterhin die Arbeiterklasse politisch zu erziehen und sie auf die schließliche - wenn auch ferne - Machteroberung vorzubereiten.

Kurz zusammengefasst: Plechanow entwickelte eine "Zweistufentheorie" der Revolution in vollendeter Form. In einem ersten Schritt sollte demnach die bürgerlich-demokratische Revolution und die Festigung kapitalistischer Herrschaft stattfinden. In einem zweiten Schritt, nach einer mehr oder weniger ausgedehnten Periode wirtschaftlicher und politischer Entwicklung, würde die Arbeiterklasse die zweite, sozialistische Stufe der Revolution durchführen - nach Abschluss ihrer notwendigerweise lang andauernden politischen Lehrzeit.

Nahezu zwei Jahrzehnte lang bildete Plechanows Analyse der Triebkräfte und des sozialen, ökonomischen und politischen Charakters der kommenden Revolution die programmatische Grundlage, auf der die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands aufgebaut wurde. Doch um die Wende zum 20. Jahrhundert, spätestens mit dem Ausbruch der Revolution im Januar 1905, begannen die Schwächen von Plechanows Theorie hervorzutreten. Das geschichtliche Rahmenwerk, dessen er sich bedient hatte, war in bedeutenden Teilen aus den revolutionären Erfahrungen Westeuropas abgeleitet, beginnend mit der französischen Revolution von 1789-1794. Die Zweistufentheorie der Revolution nahm an, die Entwicklung in Russland würde sich entlang der Linien dieses alten, vertrauten Musters bewegen. Die bürgerliche Revolution in Russland würde, wie in Frankreich, die Bourgeoisie an die Macht bringen. Kein anderes Ergebnis war denkbar.

Ungeachtet seiner oftmals brillanten Kommentare zur Dialektik - die Plechanow als abstraktes logisches Modell sehr gut zu erklären verstand - gab es ein deutliches Element formaler Logik in seiner Analyse der russischen Revolution. Wie A=A ist, so war ihm eine bürgerliche Revolution gleich einer anderen bürgerlichen Revolution. Plechanow übersah, wie tief greifende Unterschiede in der gesellschaftlichen Struktur Russlands - von Europa und der Welt ganz zu schweigen - diese politische Gleichung und die sich daraus ergebenden politischen Berechnungen beeinflussten. Es stellte sich die Frage, ob eine bürgerliche Revolution im 20. Jahrhundert identisch wäre mit einer im 18. Jahrhundert oder auch nur Mitte des 19. Jahrhunderts. Dazu musste die Kategorie Bürgerliche Revolution nicht nur vom Standpunkt ihrer äußeren politischen Form, sondern vom breiteren und tieferen Standpunkt ihres sozioökonomischen Inhalts untersucht werden.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[16] Tkatschow zit. nach Plekhanov, Selected Philosophical Works Bd.1, Moskau 1974, S. 157 (aus dem Englischen).

Siehe auch:
Vierter Vortrag - Teil 1