Wie lange noch können sich die finanziellen Ungleichgewichte der Weltwirtschaft zuspitzen, ohne dass sie zu einer großen Krise führen? Das ist die Frage, die in den führenden Finanz-, Wissenschafts- und Regierungskreisen diskutiert wird.
Anfang Oktober veröffentlichte die Financial Times eine achtseitige Beilage über den Zustand der Weltwirtschaft. Darin warnte sie, dass es trotz des scheinbar starken Wachstums und der niedrigen Zinsen immer mehr Grund zur Besorgnis gebe.
"Die Weltwirtschaft", schrieb sie, "wächst weiterhin stark. Die Zinsen sind niedrig. Die Finanzmärkte zeigen wenig Zeichen von Nervosität. Und die Zukunftsaussichten der Weltwirtschaft sind glänzend. Nach dem stärksten Wachstum seit 30 Jahren erwartet der Internationale Währungsfond, dass sich das Wachstum in den Jahren 2005 und 2006 bei gesunden 4,3 Prozent halten werde.
Aber nicht alles ist in Ordnung. Wachstum und Handelsströme waren niemals so unausgeglichen wie heute. Das globale Wachstum ist in China und den USA konzentriert. Asien, Deutschland und die Öl exportierenden Länder verzeichnen Rekordhandelsüberschüsse. Dementsprechend haben die USA ihr historisch größtes Handelsbilanzdefizit, das vom IWF für 2005 auf 670 Milliarden Dollar oder 6,1 Prozent des BSP [Bruttosozialprodukt] geschätzt wird."
Eines der größten Ungleichgewichte ist das schnelle Anwachsen der Fremdwährungsreserven in asiatischen Zentralbanken, die US-Finanztitel anhäufen - oft zu niedrigen Zinssätzen -, um ein Aufwerten ihrer Währungen gegenüber dem Dollar zu verhindern. Diese Entwicklung, die nach der Asienkrise von 1997/98 einsetzte, als die asiatischen Zentralbanken einen finanziellen Puffer gegen künftige Turbulenzen zu schaffen suchten, hat sich in der zurückliegenden Zeit beschleunigt.
Die Financial Times weist auf dieses "außerordentliche" Anschwellen der asiatischen Währungsreserven hin und schreibt: "Vor gerade 10 Jahren hielten die sieben stärksten asiatischen Volkswirtschaften Fremdwährungsreserven in Höhe von 509 Milliarden Dollar oder 36 Prozent der Weltwährungsreserven ohne die der USA. Ende 2004 war diese Summe auf 2.300 Milliarden Dollar oder 60 Prozent der Weltwährungsreserven angestiegen." Die asiatischen Reserven, die früher denen der sieben führenden Wirtschaftsnationen der Welt (G7) entsprachen, sind jetzt zehnmal so hoch wie deren Reserven.
Die wachsenden Ungleichgewichte, die durch die steigenden Ölpreise weiter verschärft werden, sind der Aufmerksamkeit des IWF und der Regierungen der G7 nicht entgangen. Sie standen ganz oben auf der Tagesordnung der IWF-Jahrestagung im September.
"Wenn man die Herbsttreffen nach dem Polizeiaufgebot, der Größe der Delegationen oder der Anzahl der produzierten Dokumente bewerten würde, so könnte man sagen, dass die Welt das Problem angeht", kommentierte die Financial Times. "Doch es hat sich wenig geändert, und eine wachsende Zahl von Teilnehmern - Zentralbankern und Finanzministern - äußerte öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Fähigkeit der internationalen Finanzinstitutionen, das globale Wirtschaftsumfeld zu koordinieren.
Während Länder und Institutionen Lippenbekenntnisse über die Notwendigkeit von koordiniertem Handeln abgeben, können sie nicht der Versuchung widerstehen, andere für die Risiken der Weltwirtschaft verantwortlich zu machen. Die USA brüsten sich, wie sie beispielsweise ihren Teil zu einem guten Wachstum beitragen, während Europa und Japan vor den Gefahren der kurzsichtigen US-Haushaltspolitik warnen."
Eine der größten Gefahren, die der Weltwirtschaft drohen, besteht darin, dass die Finanzströme, die aus dem Rest der Welt in die USA fließen, austrocknen und zurückgehen und somit zu einer Abwertung des Dollars, einem drastischen Anstieg der Zinsen und einer Rezession in den USA und weltweit führen.
In einer Studie, die im September von Ökonomen des Levy Economics Institute veröffentlicht wurde, wird gefragt: Die USA und ihre Gläubiger - kann diese Symbiose fortbestehen? Den Ökonomen dieser Studie zufolge können "die strategischen Probleme, vor denen die USA und die Weltwirtschaft stehen, nur durch eine internationale Vereinbarung gelöst werden". Doch es gebe keinen unmittelbaren Druck für eine solche Veränderung - wegen der gegenwärtigen "Symbiose".
Die USA erfreuen sich eines kurzfristigen Vorteils, weil sie der Zufluss von Auslandskapital in die Lage versetzt, jährlich 6 Prozent über die eigene Produktionsleistung hinaus zu konsumieren. Andererseits erhalten Japan und Europa Wirtschaftsimpulse von ihren Exporten in die USA, und China und die anderen asiatischen Volkswirtschaften erleben eine rasante Industrialisierung, während sie gleichzeitig gigantische Finanzreserven anhäufen. Während sich die Ungleichgewichte verschärfen, "jagen diejenigen einem Phantom nach, die auf eine Lösung durch den Markt hoffen".
Der Bericht des Levy Economics Institute prophezeit selbst für den Fall, dass sich die US-Handelsbilanzposition nicht weiter verschlechtert, dass das Zahlungsbilanzdefizit auf 8,5 Prozent des BSP ansteigen könnte - verglichen mit zur Zeit 6 Prozent. Wenn der Immobilienmarkt seinen Höhepunkt erreicht hat, die Haushaltsverschuldung zu wachsen aufhört und die Konsumausgaben zurückgehen, werden höhere Staatsausgaben notwendig sein, um eine Rezession zu verhindern. Diese werden dann auf 8,5 Prozent des BSP steigen, verglichen mit den jetzt 4 Prozent.
Wenn die US-Exporte nicht steigen und wenn die Regierung "keinen gigantischen fiskalischen Stimulus geben will, wird die US-Wirtschaft in eine Periode einer hartnäckigen Nachfrageschwäche mit ernsthaften deflationären Auswirkungen im In- und Ausland treten".
Obwohl es unmöglich ist, klare und kurzfristige Vorhersagen zu treffen, werden die Sorgen immer größer, dass das, was die Financial Times als "bizarre Welt" bezeichnet, in der die relativ armen Länder der US-Wirtschaft zu geringen Zinssätzen Geld leihen, nicht unendlich weitergehen kann. Und wenn es zu einer "Anpassung" kommt, wird sie weitreichende Konsequenzen haben.
