Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus

Teil 1

Von Nick Beams
3. November 2005

Dies ist der erste Teil des Vortrags "Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand. Wir veröffentlichen den Vortrag als fünfteilige Serie in den kommenden Tagen.

Trotzkis Der Krieg und die Internationale

In seinem Buch Der Krieg und die Internationale, das erstmals im November 1914 als Artikelserie in der Zeitschrift Golos veröffentlicht wurde, lieferte Leo Trotzki eine herausragende und überaus weitsichtige Analyse des drei Monate zuvor ausgebrochenen Krieges. Wie alle marxistischen Führer jener Zeit, insbesondere Lenin und Rosa Luxemburg, befasste er sich dabei mit zwei zusammenhängenden Fragen: 1) Dem Ursprung des Krieges und seiner Beziehung zur historischen Entwicklung des Kapitalismus und 2) der Entwicklung einer Strategie für die internationale Arbeiterklasse angesichts des Verrats der Führer der Zweiten Internationale - vor allem derjenigen der deutschen Sozialdemokratie - die unter Missachtung ihrer eigenen Parteikongresse auf der Grundlage der nationalen Verteidigung ihre "eigenen" herrschenden Klassen unterstützten.

Die dringendste theoretische Aufgabe, von der alle strategischen und taktischen Erwägungen abhingen, bestand für Trotzki darin, den Kriegsausbruch in den Kontext der historischen Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft zu stellen.

Marx hatte erklärt, dass eine Zeit sozialer Revolutionen komme, wenn die "materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen" gerieten. An einem solchen Punkt schlagen diese Verhältnisse "aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte [...] in Fesseln derselben um".

Hierin lag die Bedeutung des Krieges. Er verkündete die Tatsache, dass das gesamte System des Nationalstaats, das während der vergangenen vier Jahrzehnte für einen historisch ungekannten wirtschaftlichen Aufschwung verantwortlich gewesen war - ein wahres Sprungbrett für die Produktivkräfte, wie Trotzki es einmal ausgedrückt hatte - nun zu einer Fessel für ihre weitere rationale Entwicklung geworden war. Die Menschheit war in eine Epoche sozialer Revolution eingetreten.

"Der Kern des gegenwärtigen Krieges", so schreibt Trotzki zu Beginn seiner Analyse, "ist der Aufruhr der Produktivkräfte, die der Kapitalismus erzeugte, gegen ihre national-staatliche Ausbeutungsform. Der ganze Erdball, das Festland wie das Meer, die Oberfläche wie die Tiefe, sind bereits zur Arena einer weltumfassenden Wirtschaft geworden, deren einzelne Teile unlösbar miteinander verbunden sind." [1]

Trotzki maß diesem Prozess - der heute als Globalisierung bezeichnet wird - weitreichende Bedeutung bei. Wenn der Aufstieg der Menschheit auf eine einzige Messgröße reduziert werden kann, dann ist es sicherlich die Produktivität der Arbeit, deren Wachstum die materielle Basis für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation bildet. Und steigende Produktivität der Arbeit ist untrennbar verbunden mit der Expansion der Produktivkräfte auf lokaler, regionaler und globaler Ebene. Die Entwicklung der Produktivkräfte im Weltmaßstab wurde während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts mit hohem Tempo vorangetrieben, unter Schirmherrschaft der expandierenden kapitalistischen Mächte.

Doch dieser Prozess nahm einen zunehmend widersprüchlichen Charakter an, da er, wie Trotzki erklärte, "auch die kapitalistischen Staaten [veranlasste], diese Weltwirtschaft den Profitinteressen jeder einzelnen nationalen Bourgeoisie zu unterwerfen. Die Politik des Imperialismus ist vor allem ein Zeugnis dafür, dass der alte nationale Staat, der in den Revolutionen und Kriegen der Jahre 1789-1815, 1848-1859, 1864-1866 und 1870 geschaffen wurde, sich überlebt hat und nun als ein unerträgliches Hindernis für die Entwicklung der Produktivkräfte erscheint. Der Krieg von 1914 bedeutet vor allem die Zertrümmerung des nationalen Staates als eines selbständigen Wirtschaftsgebietes." [2]

Die Menschheit stand vor der Aufgabe, die weitere harmonische Entwicklung der Produktivkräfte zu gewährleisten, die dem nationalstaatlichen Rahmen gänzlich entwachsen war. Doch für die verschiedenen bürgerlichen Regierungen galt: "[N]icht auf der Grundlage einer vernünftig organisierten Zusammenarbeit der gesamten produzierenden Menschheit trachtet man diese Aufgabe des Imperialismus zu lösen, sondern auf der Grundlage der Ausbeutung der Weltwirtschaft durch die kapitalistische Klasse des siegreichen Landes, das durch diesen Krieg aus einer Großmacht zu einer Weltmacht werden soll." [3]

Der Krieg, so betonte Trotzki, bedeutete nicht nur den Zusammenbruch des Nationalstaates, sondern auch das Ende der fortschrittlichen historischen Rolle der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Das System privaten Eigentums und der daraus folgende Kampf um Märkte und Profite bedrohte die Zukunft der Zivilisation überhaupt.

"Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft auf kapitalistischer Grundlage bedeutet einen unaufhörlichen Kampf der Weltmächte um neue und immer neue Gebiete der einen Erdoberfläche als eines Objekts kapitalistischer Ausbeutung. Im Zeichen des Militarismus lösen ökonomische Rivalität auf der einen Seite und Raub und Zerstörung auf der andern Seite einander in ständigem Wechsel ab, Mächte, die die elementaren Grundlagen menschlicher Wirtschaft auflösen. Die Weltproduktion empört sich nicht nur gegen das national-staatliche Chaos, sondern auch gegen die kapitalistische Wirtschaftsorganisation selbst, die zu dieser barbarischen Desorganisation geführt hat. Der Krieg von 1914 ist der größte Zusammenbruch eines an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehenden ökonomischen Systems, den die Geschichte kennt." [4]

Der Begriff "Zusammenbruch" war nicht zufällig gewählt. Er bezog sich ganz direkt auf den Revisionismus Bernsteins. Dieser hatte darauf bestanden, die Marxsche Zusammenbruchstheorie sei durch die Entwicklung widerlegt, und damit versucht, dem marxistischen Programm sein revolutionäres Herzstück zu nehmen. Jetzt hatte die Geschichte ihr Urteil über die revisionistische Kontroverse gefällt: Die ökonomischen Tendenzen, die Bernstein zufolge die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise mildern und überwinden sollten, hatten in Wirklichkeit diese Widersprüche in neuer und schrecklicher Weise vertieft.

Die Analyse der objektiven historischen Bedeutung des Krieges hatte unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung einer Perspektive für die Arbeiterklasse. Es musste einen völligen Bruch mit der nationalistischen und allmählichen Politik der Zweiten Internationalen geben. Entgegen denen, die behaupteten, die erste Aufgabe der Arbeiterklasse sei die nationale Verteidigung und erst danach könne man den Kampf für den Sozialismus wieder aufnehmen, erklärte Trotzki, für die Arbeiterklasse könne es sich "nicht um die Verteidigung des überlebten nationalen ‚Vaterlandes’ handeln, das zum hauptsächlichsten Hemmnis für die ökonomische Entwicklung geworden ist."

Das zentrale Thema in Trotzkis gesamter Analyse lautete, dass das Aufkommen des Imperialismus und der Ausbruch des Krieges die Geburt einer neuen Epoche im Lauf der menschlichen Zivilisation bedeuteten.

"Der Imperialismus ist der von Raubgier geprägte kapitalistische Ausdruck für eine progressive Tendenz in der wirtschaftlichen Entwicklung: Er will die Wirtschaft im Weltmaßstab errichten, indem er sie von den einengenden Fesseln der Nation und des Staates befreit. Die nationale Idee pur, die dem Imperialismus entgegensteht, ist nicht nur kraftlos, sondern auch reaktionär : Sie schraubt die menschliche Wirtschaft zurück bis hin zu den Kinderschuhen in eine Zeit nationaler Einschränkungen." [5]

Die Entwicklung des Imperialismus und der Ausbruch des Krieges war der widersprüchliche Ausdruck der Tatsache, dass eine neue Gesellschaftsform heranwuchs und um ihre Geburt kämpfte. Folglich konnte es kein Zurück zum Status Quo der Vorkriegszeit geben - diese Epoche war nun Geschichte.

Die einzige Möglichkeit, die "imperialistische Verblüffung" des Kapitalismus zu überwinden war, "ihr ein praktisches Tagesprogramm für die sozialistische Organisierung der Weltwirtschaft entgegenzustellen. Krieg ist die Methode, mit der der Kapitalismus auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung die unlösbaren Widersprüche zu lösen sucht. Dieser Methode muss das Proletariat seine eigene entgegenstellen: Die der sozialen Revolution." [6]

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass vom Beginn des Krieges an alle ideologischen und politischen Ressourcen der herrschenden Kapitalistenklasse auf ein Ziel gerichtet waren: Die marxistische Analyse zu widerlegen, der zufolge der Krieg den historischen Bankrott des kapitalistischen Systems bedeutete und es somit notwendig war, dieses System durch den internationalen Sozialismus zu ersetzen, um die rationale Entwicklung der Produktivkräfte der Menschheit voranzutreiben.

In der Hitze des Gefechts selbst versuchten bürgerliche Politiker aller Seiten, die Verantwortung für den Krieg ihren Gegnern zuzuschreiben: Für britische Politiker war er das Ergebnis der deutschen Aggression, die die Neutralität Belgiens verletzt hatte; für die herrschenden Klassen Deutschlands war es ein Kampf gegen die russische Barbarei und die Bestrebungen der anderen Mächte, dem Reich seinen berechtigten Platz in der Weltordnung zu verweigern; für die Bourgeoisie Frankreichs wurde der Krieg gegen deutsche Unterdrückung gefochten, ganz abgesehen von der Allianz mit dem Zaren. Am Ende versuchten sich die Sieger von aller Schuld an dem Schlagabtausch freizusprechen, indem sie die "Kriegsschuldklausel" in den Versailler Vertrag schrieben und alle Verantwortung Deutschland zuschoben.

Für den zum US-Präsidenten aufgestiegenen Historiker Woodrow Wilson lag die Verantwortung für den Krieg bei den politischen Methoden des 19. Jahrhunderts, die auf dem so genannten Mächtegleichgewicht, auf Geheimdiplomatie und Bündnissen beruhten. Wilsons Analyse war zumindest teilweise dadurch motiviert, dass er Folgendes verstand: Sollte der Kapitalismus den Schock des Krieges überleben, dann musste man eine neue Perspektive vertreten, in der für Frieden und Demokratie geworben wurde. Bezeichnend ist, dass Wilson während der Vorbereitung seiner berühmten "Vierzehn Punkte", auf denen Amerikas Pläne für den Aufbau einer Nachkriegordnung und die weltweite Sicherung der Demokratie basierten, Trotzkis Broschüre Der Krieg und die Internationale studierte.

In der Zeit nach dem Krieg versuchte Lloyd George, der britische Premierminister der Kriegsjahre, alle bürgerlichen Politiker von der Schuld an dem Gemetzel freizusprechen. Dieses habe sich fast unbeabsichtigt ergeben, als ein großes Durcheinander. Niemand in den "führenden Positionen", so erklärte er, sei im Juli 1914 "auf Krieg aus" gewesen. Es war, als seien sie in ihn "hereingerutscht, oder vielmehr getaumelt und gestolpert." In seinen Kriegserinnerungen wiederholte er dieses Argument: "Die Nationen schlitterten über den Rand dieses bluttriefenden Kriegeskessels, ohne dies auch nur im geringsten zu begreifen oder sich dagegen zu wehren." Niemand habe den Krieg eigentlich gewollt. [7]

Über neunzig Jahre danach ist die Frage nach den Ursprüngen des Ersten Weltkrieges noch immer von ungeminderter Bedeutung und Wichtigkeit. Der Grund hierfür ist nicht schwer auszumachen: Dieser Krieg war, wie der amerikanische Historiker und Außenpolitik-Experte George F. Kennan es nannte, " die große Urkatastrophe dieses Jahrhunderts." Das routinierte Töten in den Schützengräben, in denen eine Welle junger Männer - viele von ihnen fast noch Kinder - nach der anderen verging, leitete eine neue Epoche ein, eine Epoche der Barbarei und des millionenfachen Sterbens.

Was waren die Ursprünge dieser Katastrophe? Wurzelten sie in der kapitalistischen Produktionsweise selbst? Und wenn ja, wird damit nicht die Abschaffung des Kapitalismus zur Notwendigkeit? Diese Fragen haben nichts von ihrer Bedeutung verloren. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass, mit den Worten des herausragenden französischen Historikers Elie Halevy, die "Weltkrise von 1914-18 nicht nur ein Krieg - der Krieg von 1914 - war, sondern eine Revolution - die Revolution von 1917." Diese Revolution war nicht einfach ein Produkt des Krieges. Sie sollte der Ansicht ihrer Führer nach einen Weg vorwärts für die Entwicklung der Menschheit eröffnen, heraus aus der Barbarei, in die die kapitalistischen herrschenden Klassen sie gestürzt hatten.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[1] Leo Trotzki, Der Krieg und die Internationale, in: ders., Europa im Krieg, Essen 1998, S. 377.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 377f.

[5] Trotzki, Imperialismus und nationale Idee , in: ders., Europa im Krieg, a.a.O., S. 230.

[6] Trotzki, Der Krieg und die Internationale, a.a.O., S. 380.

[7] Zit. nach: Richard F. Hamilton/Holger H. Herwig, Decisions for war 1914-17, Cambridge 2004, S. 19 (aus dem Englischen).

Siehe auch:
Weitere Vorträge der SEP-Sommerschule