Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus

Teil 3

Von Nick Beams
5. November 2005

Dies ist der dritte Teil des Vortrags "Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand. Wir veröffentlichen den Vortrag als fünfteilige Serie.

Der Aufstieg des deutschen Kapitalismus und die europäische Krise

Unsere bisherige Konzentration auf die Position Deutschlands sollte nicht so aufgefasst werden, dass Deutschland irgendeine größere Verantwortung für den Krieg trug als andere Großmächte und ihm daher mit Recht die "Kriegsschuld" zugeschrieben wurde, wie dies durch den Versailler Vertrag geschah. Die Betonung Deutschlands leitet sich vielmehr aus der politischen Ökonomie der internationalen Beziehungen um die Jahrhundertwende ab. Es war vor allem die dynamische Entwicklung des deutschen Kapitalismus infolge der Reichsgründung von 1871, die das Mächtegleichgewicht Europas durcheinander brachte.

Deutschland versuchte den Status Quo dem Aufstieg seiner Industrie anzugleichen und seine wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zu vertreten. Doch dabei geriet es in Konflikt mit den anderen Großmächten, die mit diesem Status Quo zufrieden waren - da sie von ihm in großem Maße profitierten, waren sie ebenso entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten.

Deutschlands Entschluss, die Ereignisse von Sarajevo im Juni 1914 zu nutzen, um seine Stellung in Südosteuropa zu stärken und eine Kraftprobe mit Russland, dessen Verbündeten Frankreich und wenn nötig auch England zu erzwingen, leitete sich aus der Auffassung ab, dass angesichts einer sich verschlechternden Situation im Inland und international gehandelt werden müsse.

Was Frankreich anbelangte, so war der Ausbruch eines gesamteuropäischen Krieges die einzige Möglichkeit, durch die es seine Position auf dem europäischen Kontinent wiedererlangen konnte. Die französische Vormachtstellung während des 19. Jahrhunderts hatte auf der Uneinigkeit der deutschen Staaten beruht. Doch der deutsch-französische Krieg und die deutsche Einigung hatten dafür gesorgt, dass Frankreich nun von Bündnissen mit anderen Mächten gegen seinen gestärkten Rivalen abhängig war.

Als nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 Elsass-Lothringen von Deutschland annektiert worden war, hatte Marx darauf hingewiesen, dass sich Frankreich unvermeidlich mit Russland zusammentun würde, auch wenn eine solche Allianz zu jener Zeit als undenkbar galt, weil die politischen Systeme beider Länder so weit auseinander lagen. "Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein Interesse hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den Krieg von 1870. Ich sage notwendig, unvermeidlich, außer im unwahrscheinlichen Falle eines vorherigen Ausbruches einer Revolution in Russland. Tritt dieser unwahrscheinliche Fall nicht ein, so muss der Krieg zwischen Deutschland und Russland schon jetzt als un fait accompli [eine vollendete Tatsache] behandelt werden. Es hängt ganz vom jetzigen Verhalten der deutschen Sieger ab, ob dieser Krieg nützlich oder schädlich. Nehmen sie Elsaß und Lothringen, so wird Frankreich mit Rußland Deutschland bekriegen. Es ist überflüssig, die unheilvollen Folgen zu deuten." [25]

Nicht dass Frankreich von bloßer Rachsucht in einen Krieg mit Deutschland getrieben wurde. In den vier Jahrzehnten seit der Annexion waren andere Faktoren ins Spiel gekommen. Die Auseinandersetzung mit Deutschland war über die Grenzen Europas hinausgewachsen, da beide Mächte nach Kolonien und Einflusssphären auf dem gesamten Globus strebten.

In Rückschau auf die Julikrise verdeutlichte der französische Präsident Poincaré die strategischen Fragen im Zusammenhang mit der Entscheidung Frankreichs, Russland zu unterstützen und die deutschen Forderungen nach französischer Neutralität zurückzuweisen:

"Uns oblag die Erfüllung zweier Verpflichtungen, schwer zu vereinen und doch gleichermaßen heilig: Zum einen unser Äußerstes zur Verhütung eines Konflikts zu tun; und zum anderen unser Äußerstes zu tun, um auf ihn vorbereitet zu sein, sollte er dennoch ausbrechen. Doch gab es da noch zwei andere Verpflichtungen, die ebenfalls mit der Zeit Gefahr liefen, in Widerspruch zueinander zu treten: Ein Bündnis zu wahren, auf das sich die französische Politik eines Vierteljahrhunderts gegründet hatte und dessen Bruch uns isolieren und der Gnade unserer Gegner ausliefern konnte; und gleichzeitig alles in unserer Macht stehende zu tun, um unseren Verbündeten zur Mäßigung anzuhalten in Belangen, in die wir selbst viel weniger involviert waren, als er selbst." [26]

Die Entscheidung Londons, an der Seite Frankreichs und Russlands in den Krieg einzutreten, war ebenso durch langfristige strategische Erwägungen geleitet - besonders durch den Glauben, an irgendeinem Punkt werde man gegen Deutschland Stellung beziehen müssen, dessen wirtschaftlicher Aufschwung immer mehr zu einer Bedrohung für die Interessen Großbritanniens und seines Empires wurde. Man hatte das Gefühl, je länger die Auseinandersetzung hinausgezögert würde, desto schlechter würde Großbritanniens Position in ihr sein.

Warum konnten Großbritannien und Deutschland nicht zu einem gemeinsamen Modus vivendi gelangen? Die Geschichte wie die Vernunft schienen auf diese Möglichkeit zu verweisen. Schließlich hatten die beiden Nationen niemals in der Vergangenheit Krieg gegeneinander geführt, sie teilten zahlreiche Interessen und hatten enge wirtschaftliche Beziehungen entwickelt - so stellten sie bedeutende Märkte für die Waren des jeweils anderen. Dennoch bedrohte der Aufstieg Deutschlands zunehmend die globale Stellung Großbritanniens.

Fast zwanzig Jahre vor der Julikrise hatte der britische Außenminister Edward Grey seine Sicht des Aufstiegs Deutschlands wie folgt zusammengefasst: "Es ist eine Tatsache, dass der Erfolg der britischen Rasse den Zorn der restlichen Welt heraufbeschworen hat. Und nun, da sie aufgehört haben, sich um die europäischen Provinzen herumzustreiten und sich weiter entfernten Gebieten zuwenden, stehen wir ihnen überall im Weg. Es besteht daher die allgemeine Tendenz, uns als Plage zu empfinden und sich gegen uns zusammenzutun. Ich fürchte, dass wir früher oder später zum Kampf werden schreiten müssen, es sei denn, dass zuvor irgendein Streitapfel die kontinentaleuropäischen Mächte voneinander entzweit." [27]

Zumindest theoretisch konnten führende Politiker Großbritanniens das Bedürfnis Deutschlands nach weltweiter Expansion nachvollziehen. Und doch wollte Großbritannien, wie es ein Memorandum des Ersten Staatssekretärs des Außenministeriums Eyre Crowe vom 1. Januar 1907 ausdrückte, "mit der allergrößten Entschlossenheit die britischen Anrechte und Interessen überall auf der Welt" vertreten. [28]

Das Memorandum diskutierte detailliert die strategischen Erwägungen, von denen sich die britische Außenpolitik in Bezug auf Deutschland und dessen zunehmende Ansprüche auf den Status einer Weltmacht leiten lassen sollte. Crowe zufolge strebte Deutschland entweder nach einer allgemeinen politischen und maritimen Vormachtstellung; oder aber es hatte keine derartig klaren Ambitionen, sondern versuchte lediglich seine legitime Position einzunehmen, um dadurch seinen Außenhandel zu fördern, die Segnungen der deutschen Kultur zu verbreiten und neue deutsche Interessen überall auf der Welt zu entwickeln, sobald sich eine friedliche Möglichkeit hierzu böte.

Wie sollte man den Unterschied ausmachen? Tatsächlich, so Crowe, bestand gar nicht die Notwendigkeit einer solchen Unterscheidung - die Konsequenzen für Großbritannien wären dieselben. Das zweite Handlungsmuster könne "an jedem Punkt in das erste oder bewusste übergehen", und "wenn sich je das Schema friedlicher Entwicklung verwirklichen sollte, dann würde die Deutschland hierdurch zufallende Position für den Rest der Welt ganz offensichtlich eine ebenso furchtbare Bedrohung darstellen, wie die gezielte Eroberung einer ähnlichen Position durch ‚vorausberechnende Bosheit’."

Die Bedeutung des Crowe-Memorandums liegt darin, dass es auf die objektiven Vorgänge und Tendenzen im deutsch-englischen Verhältnis hinweist. Crowe bestand darauf, dass unabhängig davon, welche Politik die politische Elite Deutschlands verfolgen würde und worin seine Interessen liegen mochten, der bloße wirtschaftliche Fortschritt des Landes und die daraus folgende Ausbreitung seiner Interessen auf Weltebene für das britische Imperium eine Gefahr darstellten, der man begegnen musste.

Obwohl er die Berechtigung der deutschen Expansion nicht bestreite, so schloss er, müsse man doch Acht geben, "dass diese wohlwollende Haltung beim ersten Anzeichen einer Beeinträchtigung der Interessen Großbritanniens oder seiner Verbündeten entschlossener Opposition weichen muss". Ein Weg, den man - wollte man irgendetwas aus der Vergangenheit lernen - aufgeben müsse, sei "die Straße, die gepflastert ist mit großzügigen britischen Konzessionen - Konzessionen, die weder mit der Überzeugung gemacht werden, sie seien berechtigt, noch angemessene Gegenleistungen mit sich bringen. Die nichtigen Hoffnungen, Deutschland könne auf diese Weise ‚beschwichtigt’ und uns freundlicher gesonnen werden, muss definitiv aufgegeben werden."

Für Kontinentaleuropa verlangte Großbritannien die Aufrechterhaltung des "Mächtegleichgewichts". Doch die kapitalistische Entwicklung selbst zerstörte dieses "Gleichgewicht". Deutschland versuchte seine Interessen auszuweiten, ebenso Russland, das in den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts ein rapides Wachstum erfahren hatte. Italien war eine neue Macht auf dem Kontinent, während die alten Imperien der Türkei und Österreich-Ungarns sich im Stadium des fortgeschrittenen Verfalls befanden.

Ungeachtet der Politik der verschiedenen Regierungen brach das alte europäische Gleichgewicht der Mächte auseinander. Zugleich geriet die deutsche Expansion, in welchem Teil der Welt sie auch stattfand, unvermeidlich in Konflikt mit dem britischen Empire. Aus einer Politik, die das alte Gleichgewicht der Mächte aufrechterhalten und zugleich britische Interessen überall auf dem Globus "mit der allergrößten Entschlossenheit" verteidigen wollte, ergab sich logisch die militärische Auseinandersetzung.

Tatsächlich hatte Churchill in einem Moment der Offenheit während der Debatte über die Flottenpolitik 1913-14 zugegeben: "Wir haben alles an Territorien, was wir wünschen, und unser Begehren, die gewaltigen und prachtvollen Besitzungen unbelästigt genießen zu dürfen, die wir uns größtenteils mit Gewalt verschafft und durch Zwang erhalten haben, erscheint anderen oft weniger berechtigt als uns." [29]

Schon 1905 hatte Großbritannien auf Seiten Frankreichs in die erste Marokkokrise eingegriffen. Als die zweite Krise 1911 ausbrach, schälten sich die damit verbundenen Fragen noch klarer heraus. Im britischen Außenministerium stellte Crowe die Frage in Zusammenhang mit dem Mächtegleichgewicht in Europa. "Deutschland", so Crowe in einer Note des Ministeriums, "spielt um den höchstem Einsatz. Wenn man seinen Forderungen entweder im Kongo oder in Marokko oder - wonach es meiner Meinung nach streben wird - in beiden Regionen stattgibt, wird dies definitiv die Unterwerfung Frankreichs bedeuten. Die Forderungen sind nicht solcher Art, dass ein Land mit einer unabhängigen Außenpolitik sie akzeptieren könnte. Die genauen Begrifflichkeiten sind jetzt nicht besonders wichtig. Wenn es um irgendetwas geht, dann um ein Kräftemessen. Hier Zugeständnisse zu machen, bedeutet nicht den Verlust von Interessen oder Prestige. Es würde eine Niederlage bedeuten, mit allen unvermeidlichen Konsequenzen." [30]

Diese Sicht auf die Marokkokrise wurde weitgehend geteilt. Der Ständige Unterstaatssekretär im Außenministerium Sir Arthur Nicholson stellte fest, dass "unsere seit 1904 verfolgte Politik zur Bewahrung des Gleichgewichts und, daraus folgend, des Friedens in Europa" kollabieren würde, sollte Deutschland Erfolg haben. Großbritanniens Unterstützung für Frankreich war von der Sorge getrieben, dass Frankreich eine Einigung mit Deutschland suchen könnte, wenn die Entente zusammenbräche. Großbritannien hätte hierdurch isoliert werden können.

Für Großbritannien stellte der Ausbruch der Julikrise den Höhepunkt eines Konflikts dar, der sich während der vorangegangenen anderthalb Jahrzehnte entwickelt hatte. Wenn nicht entweder Deutschland seine Forderungen nach einer Änderung der europäischen und internationalen Ordnung aufgäbe oder Großbritannien große Veränderungen an dieser Ordnung akzeptierte, war ein Konflikt unvermeidlich. Doch keine der Seiten konnte von ihrer Position abrücken. Auf dem Spiel stand nicht die Ausgestaltung einer bestimmten Politikform oder das Ansehen einzelner Politiker, sondern die fundamentalsten Wirtschaftsinteressen der von ihnen vertretenen Staaten.

Ein kürzlich erschienenes Buch untersucht, warum sich die Großmächte zum Kriegseintritt entschlossen, und gelangt zu dem Schluss, in Großbritannien hätten die Interessen der Kapitalistenklasse hierbei keinerlei Rolle gespielt. Britische Industrielle hätten wenig Einfluss auf die politische Elite besessen, und die großen Finanziers der Stadt London seien von der Aussicht auf Krieg erschrocken gewesen, da sie glaubten, er würde sie wirtschaftlich in den Ruin stürzen. "Was immer die britische Kriegserklärung von 1914 bewirkt haben mag, es waren nicht die Wünsche des nationalen ‚Finanzkapitals’." [31]

Wie dem auch sei, die Entscheidung für den Kriegseintritt wurde getroffen, um die Stellung des britischen Empires zu verteidigen, das wiederum die Grundlage für die Vormachtstellung des britischen Finanzkapitals war. Ein Jahrzehnt vor Kriegsausbruch hatte der konservative Politiker Joseph Chamberlain den Bankiers der Londoner Börsen- und Finanzviertels in klaren Worten erklärt, worin die Bedeutung des Empires für ihre Aktivitäten lag:

"Sie sind die Rechnungsstelle der ganzen Welt. Und warum? Warum florieren ihre Bankgeschäfte so? Warum ist ein Wechselschein aus London die Standardwährung für alle kommerziellen Transaktionen? Liegt das nicht an den produktiven Energien und Kapazitäten, für die er steht? Liegt es nicht daran, dass wir bis dato kontinuierlich neuen Reichtum geschaffen haben? Liegt es nicht an der Vielzahl, der Verschiedenheit und dem Umfang unserer Transaktionen? Wenn wir in einer dieser Fragen auch nur einen kleinen Rückschlag erleiden würden, glauben Sie, dass Sie das nicht zu spüren bekämen? Denken Sie, dass Sie in einem solchen Falle die Position behalten könnten, auf die Sie mit Recht stolz sind? Nehmen wir an - sofern eine solche Annahme erlaubt ist - Sie verlören Ihre gegenwärtigen Beziehungen zu unseren großen Kolonien und Territorien, zu Indien oder zu den neutralen Ländern der ganzen Welt - würden Sie dennoch deren Rechnungsstelle sein? Nein, Gentlemen. Zumindest können wir anerkennen, dass der Wohlstand Londons auf das engste zusammenhängt mit dem Wohlstand und der Größe des Empires, dessen Zentrum es bildet." [32]

Und der Dreh- und Angelpunkt des Empires war Indien. Großbritanniens Festhalten an Indien gründete sich weder auf irgendeinem fehlgeleitetes Machtstreben um seiner selbst willen, noch basierte es auf psychologischen Faktoren. Indien spielte eine zentrale und immer wichtigere Rolle für die wirtschaftliche und militärische Macht Großbritanniens. Der indische Vizekönig Lord Curzon erklärte 1901: "Solange wir Indien beherrschen, sind wie die größte Macht der Erde. Wenn wir es verlieren, werden wir geradewegs zu einer Macht dritten Ranges absteigen." [33]

Vom Beginn der Kolonialisierung an hatte Indien eine entscheidende Rolle dabei gespielt, den britischen Kapitalismus mit Finanzmitteln zu versorgen. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts rivalisierende Industriemächte aufsteigen (Deutschland und die Vereinigten Staaten) und die Konkurrenz um Märkte immer größer wurde, wuchs die Bedeutung Indiens für das britische Empire sogar noch. Seit langem hatte Großbritannien in seiner sichtbaren Handelsbilanz ein Defizit eingefahren - die Importe überwogen die Exporte. Doch die so genannten unsichtbaren Faktoren - wie Devisen- und Versicherungshandel - hatten dies mehr als wettgemacht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts allerdings waren selbst diese Einnahmen unzureichend. Die Stabilität des britischen Finanzsystems geriet zunehmend in Abhängigkeit von Kapitalerträgen und der so genannten Home Charges, einer Indien auferlegten Sondersteuer.

Der indische Markt nahm einen großen Teil der britischen Exporte auf, während Indien zur selben Zeit in seinem Handel mit dem Rest der Welt einen Überschuss erwirtschaftete, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von 4 Millionen auf 50 Millionen Pfund anstieg und dann durch die an Großbritannien gezahlten Steuern aufgesogen wurde. Mit den Worten einer Studie: Vor dem Ersten Weltkrieg lag "der Schlüssel zur gesamten britischen Zahlungsstruktur in Indien, das wahrscheinlich über zwei Fünftel des gesamten britischen Defizits finanzierte." [34]

Doch je weiter Großbritannien in Abhängigkeit von Indien geriet, umso gefährdeter war die britische Herrschaft über die Kolonie und die Stabilität des Empires insgesamt. Der Burenkrieg (1899-1902) war ein Schock für das britische Establishment. Man erwartete einen kurzen Konflikt - bis Weihnachten würde alles vorbei sein -, doch der Krieg zog sich über zwei Jahre hin und die Kosten an Geldmitteln und Menschenleben waren hoch.

Der Burenkrieg brachte er die geschwächte militärische Lage Großbritanniens ans Licht, aus der die britischen Rivalen auf dem europäischen Kontinent mit Sicherheit Vorteile schlagen würden. Hieraus wurden definitive politische Schlussfolgerungen gezogen. Die britische Außenpolitik konnte nicht länger vom Ideal der "splendid isolation", der großartigen Isolation, geleitet werden, die sie im 19. Jahrhundert geprägt hatte. Innerhalb von fünf Jahren nach dem Burenkrieg war man eine Reihe von Abmachungen eingegangen, mit dem Ziel, die britische Kontrolle über das Empire zu stärken.

Zunächst kam die Allianz mit Japan 1902, darauf die Beilegung der kolonialen Differenzen mit Frankreich in der Entente von 1904, was 1907 in der Entente mit Russland wiederholt wurde. Im Falle Frankreichs wurde die britische Kontrolle über Ägypten, Schlüssel zur Kontrolle des Mittleren Ostens und zugleich Route nach Indien, anerkannt. Mit Russland handelte man die ausdrückliche Anerkennung der britischen Vorherrschaft in Afghanistan und eine Beendigung der russischen Bedrohung Indiens von Norden her aus.

Mit diesen Maßnahmen versuchte Großbritannien, das Empire fester in den Griff zu bekommen, doch es wurde durch sie auch in die Konflikte des europäischen Festlands hineingezogen.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[25] Karl Marx/Friedrich Engels, Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, August 1870, in: MEW Bd. 17, Berlin 1973, S. 269

[26] David Stevenson, Armaments and the Coming of War, Oxford 1996, S. 391 (aus dem Englischen).

[27] zitiert nach Zara S. Steiner, Britain and the Origins of the First World War, London 1977, S. 44. (aus dem Englischen).

[28] Ebd., S. 40.

[29] Zit. nach: Paul M. Kennedy, The Rise of the Anglo-German Antagonism, London 1987, S. 467.

[30] Zit. nach: Berghahn, a.a.O. S. 95-96.

[31] Hamilton/Herwig, a.a.O., S.133 (aus dem Englischen).

[32] Peter J. Cain/A. G. Hopkins, British Imperialism, London 2002, S. 195f (aus dem Englischen).

[33] John H. Morrow, The Great War: An Imperial History, London 2004, S. 9 (aus dem Englischen).

[34] S. B. Saul, Studies in British Overseas Trade, zit. nach: Eric Hobsbawm, Industrie und Empire. Britische Wirtschaftsgeschichte seit 1750, Bd. 1, Frankfurt/Main 1968, S. 152.

Siehe auch:
Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus - Teil 1
(3. November 2004)
Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus - Teil 2
( 4. November 2004)
Weitere Vorträge der SEP-Sommerschule