Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus

Teil 4

Von Nick Beams
8. November 2005

Dies ist der vierte Teil des Vortrags "Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand. Wir veröffentlichen den Vortrag als fünfteilige Serie.

Der Krieg und die Russische Revolution

Die Erklärungen der Zweiten Internationale, der Krieg entspringe der Natur des Kapitalismus und werde erst verschwinden, wenn die kapitalistische Wirtschaftsweise ersetzt werden würde, werden von dem Historiker James Joll als eine Doktrin anerkannt, die - falls sie wahr sei - "die umfassendste Erklärung für den Ausbruchs des Ersten Weltkrieges liefern würde, wenngleich auch dann noch die Frage bliebe, warum dieser bestimmte Krieg zu diesem bestimmten Zeitpunkt innerhalb der Krise des Kapitalismus ausbrach." [35]

Doch die marxistische Analyse versucht nicht exakt darzulegen, warum genau der Krieg zu gerade jenem Zeitpunkt ausbrach, ganz so als würden die Widersprüche des kapitalistischen Systems in einer Art eisernem Determinismus wirken, der jeden Zufall ausschließt. Marx betont im Gegenteil, dass die Gesetze des Kapitalismus ihre Macht nicht direkt ausüben, sondern vielmehr durch Zufälle und Eventualitäten.

Im Falle des Ersten Weltkrieges ist klar, dass sich die Krise ohne die zufällige Ermordung des österreichischen Erzherzogs nicht so entwickelt hätte, wie sie es tat. Und auch nach dem Mord war keineswegs vorherbestimmt, dass daraus ein Krieg resultieren würde. Doch es besteht kein Zweifel, dass, auch wenn der Krieg abgewendet worden wäre, die wachsenden und aus langfristigen historischen Entwicklungen resultierenden Spannungen, die seit dem Beginn des Jahrhunderts immer sichtbarer geworden waren, früher oder später zum Ausbruch einer neuen Krise geführt hätten.

Die marxistische Analyse behauptet nicht, dass der Kriegsausbruch im August 1914 vorherbestimmt war. Doch sie bleibt bei der Feststellung, dass die tief greifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft den politischen Krisen und Konflikten zahlreiche Anlässe lieferten und ihnen eine enorme Spannung verliehen.

Das Jahr 1913 bildet einen Wendepunkt in der langfristigen Entwicklungskurve des Kapitalismus. In den vorausgegangenen 15 Jahren hatte der längste Wirtschaftsaufschwung in der Geschichte des Kapitalismus stattgefunden. Wohl gab es Krisen und Rezessionen, doch diese waren kurzlebig und machten, sobald sie vorüber waren, den Weg frei für ein noch schnelleres Wachstum. 1913 allerdings gab es deutliche Anzeichen für einen großen Abschwung der internationalen Wirtschaft.

Die Bedeutung eines Abschwungs in der Weltwirtschaft kann man an den Handelsstatistiken ablesen. Wenn wir das Jahr 1913 als Grundlage nehmen und ihm einen Index von 100 zuschreiben, dann belief sich der Welthandel in den Jahren 1876-1880 auf nur 31,6 und wuchs danach bis auf 55,6 in den Jahren 1896-1900. Das bedeutet, dass er sich in den folgenden 13 Jahren nahezu verdoppelte. Alle größeren kapitalistischen Mächte waren zunehmend abhängig von und empfindlich gegenüber den Bewegungen des Weltmarktes, und dies unter Bedingungen, da sich der Wettbewerb unter ihnen verschärfte.

Trotzki wies darauf hin, dass der wirtschaftliche Abschwung von 1913 einen bedeutenden Einfluss auf die politischen Beziehungen zwischen den Großmächten hatte, da er nicht bloß eine periodische Marktfluktuation darstellte sondern eine Veränderung in der ökonomischen Lage Europas.

"Die weitere Entwicklung der Produktivkräfte in nur annähernd dem Tempo, das man während fast der gesamten vergangenen zwei Jahrzehnte in Europa beobachtet hatte, war extrem schwierig. Das Wachstum des Militarismus fand nicht nur deshalb statt, weil Militarismus und Krieg einen Markt schaffen, sondern auch weil der Militarismus ein historisches Instrument der Bourgeoisie in ihrem Kampf um Unabhängigkeit, um Vorherrschaft usw. ist. Es ist kein Zufall, dass der Krieg im zweiten Jahr der Krise begann und die großen Schwierigkeiten der Märkte offen legte. Die Bourgeoisie spürte die Krise mittels des Handels, der Wirtschaft und der Diplomatie. [...] Dies verursachte Klassenspannungen, die Politik verschlimmerte sie noch, und dies führte im August 1914 zum Krieg." [36]

In einem Bericht an die Kommunistische Internationale erklärte Trotzki, der Krieg beende nicht das Wachstum der Produktivkräfte. Vielmehr rebelliere dieses Wachstum seit 1913 gegen die Barrieren, die ihm durch die kapitalistische Wirtschaftsweise gesetzt seien. Das bedeutete, dass der Markt gespalten und der Wettbewerb "auf seinen Höhepunkt getrieben war. Von nun an konnten die kapitalistischen Länder einander nur noch auf mechanischem Wege vom Markt verdrängen." [37]

Der Abschwung von 1913 war nicht einfach eine Marktfluktuation, d.h. eine Rezession, die in eine allgemeine Aufwärtsbewegung der langfristigen kapitalistischen Entwicklungskurve fällt. Es war ein Wendepunkt dieser Kurve selbst. Auch wenn es 1914 keinen Krieg gegeben hätte, hätte eine ökonomische Stagnation eingesetzt, die Spannungen zwischen den kapitalistischen Großmächten verschärft und einen Kriegsausbruch in unmittelbarer Zukunft wahrscheinlicher gemacht.

Dass es sich bei dem Abschwung von 1913 nicht um eine gewöhnliche Rezession handelte, geht aus der Tatsache hervor, dass die europäische Wirtschaft auch nach Kriegsende nie wieder zu den Verhältnissen im Jahrzehnt vor dem Krieg zurückkehrte. Tatsächlich betrachtete man während der allgemeinen wirtschaftlichen Stagnation der 1920er Jahre (auf vielen Gebieten erreichte die Produktion erst um 1926-27 wieder das Niveau von 1913) die Periode vor dem Krieg als eine Belle Époque, die niemals wiederkehren würde.

Um einige der grundlegenden perspektivischen Fragen aufzuzeigen, die im Zentrum der Kontroversen um den Ersten Weltkrieg standen, möchte ich ein Werk des britischen Akademikers Neil Harding ansprechen. In seinem Buch Leninismus gelangt Harding zu der Auffassung, dass es sich bei Lenins Theorien nicht um das Ergebnis einer Politik handle, die mit den rückständigen Bedingungen Russlands zu kämpfen hatte - wie dies so oft, z.B. in Bezug auf Was tun?, behauptet wird - sondern um "authentischen Marxismus". Sie hätten den Marxismus als revolutionäre Theorie wiederbelebt. Aber gerade weil es sich beim Leninismus um echten Marxismus handelt, muss er nach Ansicht Hardings widerlegt und zurückgewiesen werden.

Harding stellt fest, der Kriegsausbruch und der Verrat der Führer der Zweiten Internationale hätten Lenin davon überzeugt, dass "ihm die einzigartige Verantwortung zukam, den marxistischen Imperativ der Revolution im Weltmaßstab wiederherzustellen und ihn den wirtschaftlichen und politischen Bedingungen der modernen Welt entsprechend neu zu formulieren." [38]

Im Gegensatz zu all jenen, die Lenin als eine Art Opportunisten darstellen, der aus dem Chaos des Krieges heraus die Machtergreifung betrieben habe, indem er sich auf die Forderungen der Massen nach Brot, Frieden und Land stützte, betont Harding, Lenin habe auf den Krieg reagiert, indem er eine "marxistische Darlegung der Natur des modernen Kapitalismus" entwickelte und aufzeigte, "wie dieser notwendigerweise Militarismus und Krieg hervorbrachte". Diese Darlegung, beinhaltet in Lenins Buch Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, "beschrieb die weltweiten Charakteristika dessen, was man als eine gänzlich neue Epoche der menschlichen Geschichte betrachtete: Die Epoche des endgültigen Zusammenbruchs des Kapitalismus und des Anbruchs des Sozialismus." Damit habe Lenins Beitrag die theoretische Grundlage für die Oktoberrevolution von 1917 unter Führung der Bolschewiki geschaffen. [39]

Korrekt stellt Harding dar, wie in der Zeit vor dem Krieg die verschiedenen Schulen des Revisionismus die Revolution für eine unwahrscheinliche und überflüssige Strategie gehalten hatten und wie, zumindest aus ihrer Sicht, "der Marxismus als Theorie und Praxis der revolutionären Umgestaltung im Jahr 1914 praktisch tot" war. "Es war Lenin, der ihn - fast im Alleingang - wiederbelebte, sowohl als revolutionäre Theorie, als auch als revolutionäre Praxis. Die Imperialismustheorie war dabei der Schlüsselpunkt des ganzen Unternehmens." [40]

Er trifft die wichtige Feststellung, dass Lenins Perspektive in Bezug auf die Russische Revolution zunächst abgelehnt wurde. Als Lenin die Perspektive der sozialistischen Revolution und der politischen Machteroberung durch die Arbeiterklasse vertrat, stellten sich nicht nur die Führer aller anderen politischen Tendenzen dieser Auffassung entgegen, sondern auch seine engsten Verbündeten in der eigenen Partei. Die Prawda bestand darauf, die "Aprilthesen" seien Lenins persönliche Auffassung und unhaltbar, da sie "von der Annahme ausgehen, die bürgerlich-demokratische Revolution sei vollendet, und auf die unmittelbare Umwandlung dieser Revolution in die sozialistische rechnen". Doch während er im April noch alleine dastand, wurde Lenin im November der Führer des ersten Arbeiterstaates.

Für Harding liegt der verhängnisvolle Schwachpunkt von Lenins Perspektive darin, dass der Kapitalismus schließlich überlebt hat, entgegen der in Der Imperialismus vertretenen Ansicht. Er habe sich daher weder als höchstes, noch als letztes Stadium des Kapitalismus erwiesen.

"Das bloße Überleben des Kapitalismus, seine Anpassungsfähigkeit und noch andauernde Lebendigkeit können von der Logik des Leninismus nicht erklärt werden. Der zentrale Bestandteil seines Gedankengebäudes, der das Ganze nachvollziehbar machte, war [...] die Auffassung, dass der Kapitalismus 1914 todgeweiht war: Er konnte sich selbst nicht mehr aufrechterhalten, seine Epoche war vorbei. Je länger der Kapitalismus diese Prognose überlebte, desto mehr wurde die Leninsche Geschichtsmetaphysik durch die Empirie unterhöhlt." [41]

Es stimmt, dass Lenin den Imperialismus als "höchstes Stadium des Kapitalismus" und als "Vorabend" der sozialistischen Umgestaltung charakterisierte. Er rechnete sicher nicht damit, dass der Kapitalismus bis ins 21. Jahrhundert hinein überleben würde. War somit die Perspektive falsch, die die Revolution leitete? Um diese Frage wurde viel Verwirrung gestiftet, sowohl von Seiten derjenigen, die Lenins Perspektive aufrechtzuerhalten behaupteten, als auch durch jene, die sie ablehnten.

Als wir zum Beispiel erklärten, die Globalisierung verkörpere eine qualitativ neue Entwicklung in der Vergesellschaftung der Produktion, griffen uns die Spartakisten und andere Radikale an und warfen uns vor, wir würden Lenin zurückweisen. Wenn der Imperialismus das "höchste Stadium" der kapitalistischen Entwicklung sei, wie könne man dann von der Globalisierung als qualitativ neuem Stadium in der Vergesellschaftung der Produktion sprechen?

Andere behaupten, Lenins Analyse sei durch die Tatsache widerlegt, dass der Kapitalismus seit der Niederschrift von Der Imperialismus gewaltige Veränderungen durchlaufen und dass seither eine bedeutende Entwicklung der Produktivkräfte stattgefunden habe. Wie soll es dann möglich sein, vom Imperialismus als dem höchsten Stadium des Kapitalismus zu sprechen? Und bedeutet dies nicht, dass die Russische Revolution ein verfrühter Versuch war, die kapitalistische Ordnung zu stürzen und die sozialistische Umgestaltung zu beginnen? Das heißt, dass sie von Beginn an zum Scheitern verurteilt war, da der Kapitalismus sein kreatives Potenzial noch nicht erschöpft hatte.

Lenin vertrat jedoch nicht die mechanische Sichtweise, die ihm so oft zugeschrieben wird. Anfangs sprach er vom Imperialismus als "jüngster Phase" der kapitalistischen Entwicklung. Sicher beschrieb er ihn als "untergehenden" und "todgeweihten" Kapitalismus. Doch wies er darauf hin, es "wäre ein Fehler, zu glauben, dass diese Fäulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus ausschließt; durchaus nicht, einzelne Industriezweige, einzelne Schichten der Bourgeoisie und einzelne Länder offenbaren in der Epoche des Imperialismus mehr oder minder stark bald die eine, bald die andere dieser Tendenzen. Im großen und ganzen wächst der Kapitalismus bedeutend schneller als früher, aber dieses Wachstum wird nicht nur im allgemeinen immer ungleichmäßiger, sondern die Ungleichmäßigkeit äußert sich auch im besonderen in der Fäulnis der kapitalkräftigsten Länder (England)." [42]

Lenin charakterisiert die Aktivitäten des britischen Kapitals, das von seinen Einkünften aus dem Kapitalexport - dem "Kuponschneiden" - lebt, als Ausdruck von Niedergang und Parasitismus im kapitalreichsten Land der Erde. Man fragt sich, was er wohl über die Aktivitäten von Firmen wie Enron oder WorldCom zu sagen gehabt hätte, oder über die Plünderungen im Zusammenhang mit dem Aktienmarkt und der dot.com-Blase.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[35] Joll, a.a.O., S. 146.

[36] Trotzki, On the Question of Tendencies in the Development of the World Economy, in: The Ideas of Leon Trotsky, H. Tickten and M. Cox (Hg.), London 1995, S. 355-70, (aus dem Englischen).

[37] Trotzki, The first five years of the Third International, Bd. 2, S. 306 (aus dem Englischen).

[38] Neil Harding, Leninism, Durham 1996, S. 11 (aus dem Englischen).

[39] Ebd., S. 113.

[40] Ebd., S. 114.

[41] Ebd., S. 277f.

[42] Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, in: Werke Bd. 22, Berlin 1971, S. 305f

Siehe auch:
Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus - Teil 1
(3. November 2004)
Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus - Teil 2
( 4. November 2004)
Der Erste Weltkrieg: Zusammenbruch des Kapitalismus - Teil 3
( 5. November 2004)
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