Achter Vortrag: Die 1920er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus

Teil 3

Von Nick Beams
30. Dezember 2005

Dies ist der dritte Teil des Vortrags "Die 1920-er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion. Er hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand.

Die wirtschaftliche Sackgasse nach dem Krieg

Historische Analysen zur politischen Ökonomie der 1920er Jahre beginnen in der Regel mit einer Diskussion über den Einfluss des Krieges und seiner wirtschaftlichen Auswirkungen. Dies war auch die Herangehensweise zeitgenössischer Beobachter, die meinten, die wachsenden Probleme der 1920er Jahre seien ein Ergebnis der Kriegsverheerungen, die das weltwirtschaftliche Gleichgewicht schwer erschüttert hätten.

Doch von unserem heutigen, rückblickenden Standpunkt aus werden die Probleme dieser Herangehensweise augenscheinlich, sobald wir die Periode nach dem Ersten Weltkrieg mit der nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen. Im ersten Fall finden wir ein Jahrzehnt höchst unstabiler Erholung vor, das, unterbrochen von einer Reihe scharfer Rezessionen, am Ende in die tiefste Depression in der Geschichte des Weltkapitalismus und zum barbarischsten Regime aller Zeiten führte - der Naziherrschaft in Deutschland. Im zweiten Fall sehen wir, dass trotz der weit schlimmeren Zerstörungen von Kapital und Infrastruktur sich der Weltkapitalismus innerhalb von nur zehn Jahren nach Kriegsende des größten Booms seiner Geschichte erfreute.

Anstatt den Einfluss des Krieges auf die kapitalistische Wirtschaft zu untersuchen, ist es notwendig, sich dem Problem von einer anderen Seite zu nähern. Das heißt zu untersuchen, welche langfristigen Veränderungen und Verschiebungen in der kapitalistischen Wirtschaft stattfanden und wie diese den Krieg sowie die ihm folgenden wirtschaftlichen Entwicklungen hervorbrachten. Das heißt nicht, dass wir den Krieg einfach als Ergebnis ökonomischer Prozesse betrachten oder seinen Einfluss auf die Wirtschaft abstreiten. Der Krieg und besonders die politische Neuordnung Europas durch den Versailler Vertrag hatten tatsächlich weitreichende ökonomische Auswirkungen. Doch der Krieg war nicht die Ursache der Krisen, die zuerst die europäische und schließlich die Weltwirtschaft heimsuchten. Vielmehr verstärkte er bereits bestehende ökonomische Tendenzen.

In seiner Analyse dieser Frage verwies Trotzki auf das Verhältnis zwischen der kapitalistischen Entwicklungskurve als ganzer und dem Ausbruch des Krieges.

"Ab dem Jahre 1913", schrieb er in einem Bericht an den Vierten Kongress der Kommunistischen Internationale, "kam die Entwicklung des Kapitalismus, seiner Produktivkräfte, ein Jahr vor dem Ausbruch des Kriegs zum Stillstand, weil die Produktivkräfte an die Grenzen stießen, die ihnen durch das kapitalistische Eigentum und die kapitalistischen Formen der Aneignung gesetzt waren. Der Markt war aufgeteilt, der Wettbewerb auf den Höhepunkt getrieben, und fortan konnten sich die kapitalistischen Länder nur durch mechanische Mittel gegenseitig vom Markt verdrängen. Nicht der Krieg hat die Entwicklung der Produktivkräfte in Europa angehalten, sondern der Krieg selbst ist vielmehr daraus entstanden, dass es den Produktivkräften unmöglich war, sich unter den Bedingungen kapitalistischer Regie weiterhin in Europa zu entwickeln." [19]

Das Wirtschaftswachstum in Europa war in der Zeit zwischen den Kriegen langsamer als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt des 20. Jahrhunderts. In der Periode von 1913 bis 1950 wuchs das Bruttoinlandsprodukt von fünfzehn westeuropäischen Volkswirtschaften im Durchschnitt um 0,5 Prozent pro Jahr, verglichen mit 1,4 Prozent in der Spanne von 1890 bis 1914 und 4,0 Prozent in der Zeit von 1950 bis 1973.

Das Problem, mit dem die Volkswirtschaften Westeuropas in den 1920er Jahren konfrontiert waren, bestand nicht so sehr in der Zerstörung industrieller Kapazitäten, als vielmehr im Erschließen neuer Märkte für die im Lauf des Krieges stark gesteigerte Industrieproduktion. So hatte sich beispielsweise die weltweite Schiffsbauproduktion seit 1914 fast verdoppelt, die Eisen- und Stahlproduktion Großbritanniens und Westeuropas lag Mitte der 20er Jahre um 50 Prozent höher als vor dem Krieg. Dennoch befanden sich diese Industrien beständig unter Druck. Deutschland, das in der Zeit vor dem Krieg einer der führenden Chemieproduzenten gewesen war, musste gleichzeitig erleben, wie seine Exportmärkte durch die gestiegene Produktion der Alliierten halbiert wurden.

Der Ausbruch des Krieges 1914 bedeutete, dass die Produktivkräfte in Widerspruch zum System des Nationalstaates geraten waren. Der aggressive Charakter des deutschen Imperialismus stellte einen Versuch des dynamischsten Teils des europäischen Kapitals dar, den Kontinent neu zu organisieren, um die Bedingungen für seine weitere Expansion zu schaffen. Der Versailler Vertrag jedoch half auf keinerlei Weise, die tiefer liegenden Probleme der kapitalistischen Entwicklung zu lösen, die zum Krieg geführt hatten. Er verschärfte sie vielmehr. Einem zeitgenössischen Historikers zufolge kann man "behaupten, dass die unmittelbaren Konsequenzen der mehr als vier Jahre anhaltenden Feindseligkeiten für die langfristige Zukunft Europas weniger wichtig waren als die Abmachungen, die unmittelbar nach dem Krieg getroffen wurden". [20]

Die Neuorientierung nach dem Krieg bedeutete den bedeutendsten Kraftakt zur Umordnung der politischen Landschaft Europas, der je unternommen worden war. Das vertiefte alle bestehenden Probleme. Es kam zur Aufteilung von Gebieten, die zuvor zusammenhängende wirtschaftliche Einheiten gebildet hatten. Deutschland verlor 6,5 Millionen seiner Bevölkerung und 13 Prozent seines Territoriums. Oberschlesien ging verloren, die Verbindung zwischen der Kohle des Ruhrgebiets und dem Eisenerz Lothringens war abgebrochen.

Die Zahl der wirtschaftlichen Einheiten Europas, innerhalb derer sich die Produktionsfaktoren ohne Beschränkungen bewegen konnten, stieg von 20 auf 27. Die ehedem zusammenhängende Volkswirtschaft des österreichisch-ungarischen Reiches war zerstückelt und auf sieben Staaten verteilt. Aus den westlichen Grenzgebieten Russlands wurden fünf neue Staaten geschnitten. Es gab nun 27 verschiedene Währungen in Europa, im Gegensatz zu 14 vor dem Krieg, sowie zusätzliche 12.500 Meilen an Grenzen. Viele dieser Grenzen schnitten Fabriken von ihren Rohstoffen ab, Landgüter von ihren Märkten und Eisenhütten von Kohlefeldern.

Der Historiker William Keylor fasst diese Entwicklung folgendermaßen zusammen: "Anders als der Prozess der nationalen Einigung im westlichen Europa des 19. Jahrhunderts, der die wirtschaftlichen Einheiten vergrößert und die Produktivität hatte wachsen lassen, verringerte die Staatenbildung in Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg die Größe der bestehenden ökonomischen Einheiten und minderte damit die Effizienz, die traditionell mit der Großproduktion einhergeht." [21]

Abgesehen von den neu gezogenen Grenzen war die umstrittenste Bestimmung des Versailler Vertrags die Entscheidung, Deutschland Reparationszahlungen aufzuerlegen. Artikel 231 des Vertrags, die berüchtigte "Kriegsschuldklausel", konstatierte: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben."

Die Frage der Reparationen wurde oft als Versuch Frankreichs dargestellt, Deutschland maximalen ökonomischen Schaden zuzufügen. Doch Frankreich handelte nicht anders als die übrigen kapitalistischen Großmächte - eingeschlossen die Vereinigten Staaten - die allesamt danach strebten, sich die beste Ausgangslage in der Nachkriegswelt zu sichern. Wenn sie auf bestimmte Fragen unterschiedliche Antworten hatten, so weil sie unterschiedliche Interessen verfolgten.

Der Standpunkt des französischen Präsidenten Clemenceau war, wie Keynes aufzeigte, völlig nachvollziehbar für jemanden, der "der Ansicht war, dass der Bürgerkrieg in Europa auch in Zukunft als normaler oder zumindest sich wiederholender Zustand betrachtet werden müsse, und dass die Art von Konflikten zwischen organisierten Großmächten, die das letzte Jahrhundert ausgefüllt hatten, auch das nächste beschäftigen würden". Jedwede Zugeständnisse an Deutschland auf der Grundlage gerechter und gleicher Behandlung hätten nur zum Ergebnis, dass sie "den Zeitraum bis zur Erholung Deutschlands verkürzen und den Tag näher heranrücken, an dem es abermals seine größere Bevölkerungszahl und seine überlegenen Ressourcen und technischen Fähigkeiten gegen Frankreich ins Feld führt." Die französische Politik zielte daher darauf ab, das deutsche Territorium zu beschneiden, seine Bevölkerung zu verkleinern und vor allem seine Wirtschaftskraft zu reduzieren, um so der ungleichen Stärke der beiden Hauptrivalen um die europäische Hegemonie entgegenzuwirken.

Wenn Großbritannien eher bereit war, eine versöhnliche Haltung einzunehmen - dies ungeachtet des Wahlkampfes vom Dezember 1918, in dem Lloyd George gefordert hatte, Deutschland auszuquetschen, "bis es nur noch Piep macht" - dann weil seinen Zielen schon mit der Zerstörung der deutschen Flotte und der Übergabe der Kolonien gedient war. Als die Stellung des Empires gerettet war, war Großbritannien peinlich darauf bedacht, die Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft zu sichern, die einen wertvollen Exportmarkt für britische Produkte darstellte.

Die Position der Vereinigten Staaten war geleitet von ihrer Entschlossenheit, aus ihrer neu errungenen wirtschaftlichen Vormachtstellung Kapital zu schlagen. Folglich verweigerten sie sich allen Vorschlägen, Schulden der Alliierten untereinander - und besonders an die USA - zu streichen oder zu reduzieren, um so die Reparationszahlungen Deutschlands zu mindern.

Nach dem Kriegseintritt der USA stellte ein offizielles Bulletin der US Staatsbank vom April 1917 fest, dass die Regierung der Vereinigten Staaten, indem sie den europäischen Alliierten einen Teil des amerikanischen Wohlstandes zur Verfügung gestellt, nicht nur diesen geholfen, sondern, indem sie den Krieg zu einem schnellen Ende brachte, auch "die Mühen, Gefahren und Leiden unserer Soldaten vermindert" habe. Da Amerika im ersten Jahr nach seiner Kriegserklärung nicht in der Lage war, Soldaten in den Kampf zu schicken, betrachteten die europäischen Mächte die Anleihen gewissermaßen als Bezahlung für die Männer, die sie auf die Schlachtfelder schickten. Sie sahen sich - zumindest ab April 1917 - als Auftragskämpfer der USA und gingen davon aus, dass sie zu diesem Zweck gezahlte Anleihen nicht würden zurückzahlen müssen. Das war jedoch nicht die Ansicht des US-Finanzministeriums. Dieses machte sich im Dezember 1918 die Sichtweise zueigen, die sie die gesamten 20er Jahre hindurch behalten sollte, dass nämlich keinerlei Verbindung zwischen den Schulden der Alliierten untereinander und den deutsche Reparationen bestehe. Die Alliierten würden ihre Schulden an Amerika zurückzahlen müssen, unabhängig davon, was Deutschland bezahlen konnte.

Als der führende Industrielle Walther Rathenau vorschlug, Deutschland solle anstelle von Reparationszahlungen die Kriegsschulden der Alliierten an die USA übernehmen, die sich auf 44 Milliarden Goldmark beliefen, verweigerten die Amerikaner ihre Zustimmung. Sie bestanden darauf, dass es keine Verbindung zwischen Reparationen und Schulden gebe. Die USA scheuten diesen Transfer, da sie fürchteten, Deutschlands Zahlungsfähigkeit sei geringer als die Frankreichs, Großbritanniens und der anderen Alliierten. Es wäre ein schlechtes Geschäft gewesen, Forderungen an die siegreichen Alliierten gegen eine Hypothek an das insolvente und besiegte Deutschland auszutauschen.

Es gab ein komplexes Gewirr von Schulden. Deutschland hatte elf Gläubiger. Die USA erhielten Zahlungen von 16 Schuldnern. Großbritannien trieb die Schulden von 17 Staaten ein, Frankreich die von zehn. Kleine Länder wie Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Tschechoslowakei hatten jeder um die neun oder zehn Gläubiger.

Nicht weniger als 28 Länder waren untereinander in Kriegsschulden verstrickt. Fünf von ihnen waren nur Schuldner, zehn nur Gläubiger und 13 beides. Zehn waren Nettoschuldner und 18 Nettogläubiger. Von den 28 Milliarden Dollar Kriegsschulden der Alliierten untereinander wurden den USA 12 Milliarden geschuldet, davon 4,7 Milliarden von Seiten Großbritanniens. Seine europäischen Alliierten wiederum schuldeten Großbritannien um die elf Milliarden Dollar. Etwa 3,6 Milliarden schuldete Russland, doch diese waren nach der Revolution nicht mehr einzutreiben.

Vor Beginn der Friedensgespräche richtete die französische Regierung am 15. Januar 1919 eine offizielle Anfrage an den US-Finanzminister Carter Glass, in der sie darum bat, die Schuldenfrage zum Teil der Friedensverhandlungen zu machen und simultan mit diesen zu lösen.

Glass antwortete, die USA unterstützten es nicht, dass die Schuldenfragen in Paris in Zusammenhang mit den Friedensverhandlungen diskutiert würden. Das Ergebnis dieser Entscheidung war, dass die Alliierten und besonders Frankreich auf maximale Reparationen von Deutschland drängten. Am Ende wurde der Betrag der Reparationszahlungen nicht in den Vertrag mit aufgenommen, sondern einer Reparationskommission überlassen, die im Mai 1921 ihren Bericht abliefern sollte.

Im Februar 1920 schlug die Regierung Großbritanniens einen allseitigen Erlass der Kriegsschulden vor und wies darauf hin, dass "das Bestehen einer gewaltigen Menge an Schulden zwischen den Staaten nicht nur sehr ernste politische Gefahren beinhaltet, sondern auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein sehr schweres Hindernis für die Erholung der Welt und besonders Kontinentaleuropas von den immensen Belastungen und Leiden des Krieges darstellt." [22]

Die offizielle Antwort des US-Finanzministers David F. Houston machte deutlich, dass die Vereinigten Staaten entschlossen waren, ihre Ziele mit Nachdruck zu vertreten. Houston bestritt die Annahme, ein Schuldenerlass würde die wirtschaftliche Erholung Europas und der Welt erleichtern, und betonte stattdessen, ein solcher Schuldenerlass habe "keinen Einfluss auf die Probleme, aus denen die gegenwärtigen finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas vorrangig erwachsen". [23]

Er hielt dann einen Vortrag über die Vorzüge des freien Marktes und gesunder Staatsfinanzen: "Die Erholung von der gegenwärtigen Krankheit liegt, sofern sie überhaupt möglich ist, in den Händen der verschuldeten Staaten und Völker selbst. Die meisten der Schuldnerstaaten haben keine zur Ausbalancierung ihrer Haushalte ausreichenden Steuern erhoben, noch haben sie irgendwelche energischen und angemessenen Maßnahmen ergriffen, um ihre Ausgaben auf ein ihren Einnahmen entsprechendes Niveau zu senken. Die Entwaffnung ist zu wenig vorangeschritten. Kein ernstzunehmender Fortschritt wurde bei der Entwertung überschüssiger Währungsbestände oder der Stabilisierung der Währungen auf neuem Niveau gemacht, doch ist es in Kontinentaleuropa zu einem beständigen Wachstum der Notenausgaben gekommen. Die private Initiative ist nicht wieder aufgenommen worden. Unnötige und unkluge Wirtschaftsgrenzen bestehen fort. Anstatt Handel und Geschäftsleben durch die angemessenen Schritte von Beschränkungen zu befreien, scheint es vereinte Bemühungen zu geben, von den Hilfsbedürftigsten diskriminierende Vorteile und exklusive Konzessionen eingeräumt zu bekommen. Noch ist keine Bereitschaft von Seiten Europas erkennbar, zu einer schnellen, vernünftigen und endgültigen Übereinkunft über die Reparationszahlungen Deutschlands zu gelangen, oder zu einer Politik überzugehen, die es Deutschland und Österreich ermöglichen würde, ihren notwendigen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung Europas zu leisten." [24]

Darüber hinaus, so Houston, beinhalte der Vorschlag des Schuldenerlasses "keine gegenseitigen Opfer von Seiten der betroffenen Nationen - es handelt sich lediglich um einen Beitrag, der hauptsächlich von den Vereinigten Staaten geleistet werden soll". Während die USA keinen nennenswerten Nutzen aus dem Krieg gezogen oder zu ziehen versucht hätten, hätten "die Alliierten ungeachtet ihrer großen Leiden durch die Verluste von Menschenleben und Eigentum dennoch durch die Bestimmungen des Friedensvertrages und auf andere Weise beträchtliche Zugewinne an Territorien, Bevölkerung, ökonomischen und anderen Vorteilen erreicht. Man sollte daher meinen, dass es bei einer vollständigen Aufstellung dieser Zuwächse und der Gesamtsituation kein Verlangen und keinen Grund geben sollte, die Regierung dieses Landes um weitere Beiträge zu ersuchen." [25]

Die Reparationskommission lieferte ihren Bericht am 5. Mai 1921 ab. Dieser legte die deutschen Reparationszahlungen auf 130 Milliarden Goldmark fest, um die 33 Milliarden Dollar. Was die Alliierten anbelangte, so machten diese sich nun daran, Zahlungen von Deutschland einzutreiben, mit denen sie dann ihre Kredite bei den Vereinigten Staaten begleichen würden.

"Welch ein kurioses Spektakel", sollte Churchill in einer Rede etwa vier Monate darauf anmerken: "Die großen Nationen der zivilisierten Welt versuchen allesamt, enorme Summen entweder voneinander oder von Deutschland zu bekommen. Tatsächlich könnte man sagen, das Schuldeneintreiben sei zu unserer wichtigsten Industrie geworden." [26]

Ein Motiv für die Einführung dieses Systems war die Krise der Finanzsysteme nach dem Krieg. Einer Berechnung zufolge lagen die Gesamtkosten des Krieges bei 260 Milliarden Dollar, "etwa sechseinhalb Mal die Summe aller nationalen Staatsschulden der Welt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges". [26]

Nimmt man alle kriegführenden Mächte zusammen, so wurden etwa 80 Prozent dessen, was während der Kriegszeit mehr ausgegeben worden war als in den letzten drei Friedensjahren, durch Schulden finanziert. Ein bedeutender Teil hiervon war durch Bankkredite finanziert. Die Kriegführenden machten sich diese finanziellen Methoden zu eigen, da sie glaubten, der Unterlegene werde am Ende zahlen.

Churchills halb im Scherz gemachte Anmerkung, das Schuldeneintreiben sei "zu unserer wichtigsten Industrie" geworden, weist auf das zugrunde liegende Problem hin, mit dem der Nachkriegskapitalismus in Europa konfrontiert war: Der Unfähigkeit, eine neue Grundlage für eine ökonomische Expansion zu schaffen.

In seiner Kritik am Versailler Vertrages verwies Keynes auf die Wichtigkeit der deutschen Volkswirtschaft für ganz Kontinentaleuropa. Doch für Frankreich stellte das deutsche Wirtschaftswachstum eine Bedrohung dar und keinen Nutzen. Die wirtschaftliche Expansion auf dem Kontinent war zu einem Kampf aller gegen alle geworden - einem Kampf, zu dessen wichtigem Bestandteil das Eintreiben von Schulden geworden war. Die internationale Arena schien keinen Ausweg zu bieten.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[19] Trotzki, Report on the Forth World Congress, 28. Dezember 1922, in: ders., First Five Years of the Communist International, a.a.O., Bd. 2, S. 306.

[20] Derek H. Aldcroft, Studies in the Interwar European Economy, Ashgate 1997, S. 1 (aus dem Englischen).

[21] William Keylor, The Twentieth Century World, New York, S. 96f (aus dem Englischen).

[22] Zit. nach: Harold Moulton und Leo Pasvolsky, War Debts and World Propesrity, Washington DC 1932, S. 61 (aus dem Englischen).

[23] Ebd., S. 63.

[24] Ebd.

[25] Ebd., S. 64.

[26] Zit nach: David Felix, Walther Rathenau and the Weimar Republic, S. 110f (aus dem Englischen).

[27] Siehe Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte, Frankfurt am Main 1991, S. 421.

Siehe auch:
Achter Vortrag - Teil 1
(28. Dezember 2005)
Achter Vortrag - Teil 2
( 29. Dezember 2005)
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