Nobelpreis-Rede von Harold Pinter:

Ein mutiger Künstler sagt die Wahrheit über den US-Imperialismus

Von Barry Grey
13. Dezember 2005

Der britische Dramatiker Harold Pinter, diesjähriger Nobelpreisträger für Literatur, hielt letzten Mittwoch vor der schwedischen Akademie eine leidenschaftliche, aufrichtige und mutige Festrede. Pinter, renommierter Verfasser von Stücken wie Die Heimkehr und Der Hausmeister, ist ein unversöhnlicher und unbeugsamer Gegner des Irakkriegs und der Verwüstungen, die der US-Imperialismus schon früher auf dem Balkan, in Zentralamerika und anderen Ländern angerichtet hat.

Er nahm seine Rede zum Anlass, um diesen Kampf zu entwickeln und zu vertiefen, und unterzog den gesamten Kurs der US-Außenpolitik seit dem zweiten Weltkrieg einer zornigen Kritik. Auch die britische Regierung griff er wegen ihrer Rolle als Washingtons Juniorpartnerin und Komplizin scharf an. Pinter nahm kein Blatt vor den Mund; er nannte Bush und Blair Kriegsverbrecher und rief leidenschaftlich zu politischem Massenwiderstand gegen Militarismus und Krieg auf.

Die Rede des 75-jährigen Autors, Stückeschreibers, Poeten, Schauspielers und Antikriegsaktivisten wurde in England auf Video aufgenommen und der Versammlung in Stockholm auf einer Leinwand vorgeführt. Pinter wurde vor kurzem wegen Speiseröhrenkrebs behandelt, sein Gesundheitszustand ist angegriffen. Auf Anraten seiner Ärzte verzichtete er auf die Reise nach Schweden.

In dem Video erschien er in einem Rollstuhl sitzend, mit einer Wolldecke auf den Knien. Seine Stimme war heiser, aber den Berichten zufolge dennoch Achtung heischend.

Pinters Rede, die er mit "Kunst, Wahrheit und Politik" überschrieb, war erfrischend und sogar befreiend in ihrer Ehrlichkeit und wegen der Offenheit, mit der er über die katastrophalen Auswirkungen sprach, die amerikanische Subversion, Gewalt und Aggression über Jahre hinweg in vielen Teilen der Welt verursachten. Selbst die etablierte Presse in England und den Vereinigten Staaten musste teilweise eingestehen, welch großen Eindruck Pinters Worte gemacht hatten. So der Guardian und die New York Times, die sich an der Verbreitung von Lügen und an der Vertuschung von Verbrechen beteiligt haben, die mit der US-Außenpolitik in Verbindung stehen.

Pinter begann seine rede mit Bemerkungen über sein dramatisches Gesamtwerk und seine Haltung zur Kunst:

"1958 schrieb ich folgendes: ‚Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.’

Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und weiterhin gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?"

Pinter gab darauf einen Einblick in den komplexen und schwer fassbaren Prozess, durch den er seine Dramen verfasst, und machte deutlich, dass sein Hauptaugenmerk der Anwendung von Sprache, Thema und Personen galt, um damit humane und soziale Wahrheiten aufzudecken.

Über die Beziehung zwischen Kunst, Sprache und Wahrheit sagte er: "Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst vieldeutige Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte. Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man kann sie nicht vertagen, sie lässt sich nicht aufschieben. Man muss sich ihr stellen und zwar hier und jetzt."

Dieses Thema, die Verantwortung, die Wahrheit zu suchen und zu präsentieren, war das Bindeglied zwischen seinen Bemerkungen über Theater und seinen Bemerkungen über Geschichte und Politik. Er sagte:

"Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat, sondern nur an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weit verzweigtes Lügengespinst, von dem wir uns nähren."

Er fuhr fort: "Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak bedrohe die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es sei wahr. Es war nicht die Wahrheit."

Darauf wandte sich Pinter der Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Ende des zweiten Weltkriegs zu: "Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und belegt worden.

Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind.... Trotz gewisser Beschränkungen durch die Existenz der Sowjetunion, machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten Staaten ihre Überzeugung deutlich, für ihr Handeln völlig freie Hand zu besitzen."

Darauf sprach Pinter über Washingtons Bilanz in internationaler Subversion: "Vorwiegend haben sie den von ihnen sogenannten ‚Low Intensity Conflict’ favorisiert. ‚Low Intensity Conflict’ bedeutet, dass tausende von Menschen sterben, aber langsamer, als würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut, wie der Faulbrand erblüht. Ist die Bevölkerung unterjocht worden - oder tot geprügelt, es läuft auf dasselbe hinaus - und sitzen die eigenen Freunde, das Militär und die großen Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe, gang und gäbe in der Außenpolitik der USA."

Er ging auf den Massenmord und die Zerstörung ein, die die Contra-Terroristen mit Unterstützung der USA in den achtziger Jahren in Nicaragua angerichtet hatten, und sagte: "Ich darf Sie daran erinnern, dass Präsident Reagan damals folgendes Statement abgab: ‚Die Contras stehen moralisch auf einer Stufe mit unseren Gründervätern.’"

Pinter sprach über die Rolle der Vereinigten Staaten in Nicaragua und in ganz Zentralamerika. Er wies auf die sozialen Errungenschaften des links-nationalistischen Sandinista-Regimes hin, das 1979 den US-gestützten Diktator Somoza gestürzt hatte - Abschaffung der Todesstrafe, eine Landreform, eine Alphabetisierungskampagne, freies Bildungssystem und kostenlose Gesundheitsfürsorge - und sagte:

"Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der US-Regierung war dies ein gefährliches Beispiel. Erlaubte man Nicaragua, elementare Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu etablieren, erlaubte man dem Land, den Standard der Gesundheitsfürsorge und des Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale Selbstachtung zu erreichen, würden benachbarte Länder dieselben Fragen stellen und dieselben Dinge tun. Damals regte sich natürlich heftiger Widerstand gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.

... Präsident Reagan beschrieb Nicaragua meist als ‚totalitären Kerker’. Die Medien generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten dies als zutreffenden und begründeten Kommentar.... Die totalitären Kerker befanden sich eigentlich nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten Staaten hatten 1954 die demokratisch gewählte Regierung von Guatemala gestürzt, und Schätzungen zufolge sollen den anschließenden Militärdiktaturen mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sein....

Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die sandinistische Regierung. Es kostete einige Jahre und beträchtliche Widerstandskraft, doch gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war erschöpft und erneut verarmt. Die Casinos kehrten ins Land zurück. Mit dem kostenlosen Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es vorbei. Das Big Business kam mit aller Macht zurück. Die ‚Demokratie’ hatte sich behauptet.

Doch diese ‚Politik’ blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt. Sie wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hätte es sie nie gegeben.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden." [Anmerkung der Redaktion: Weitere Länder könnten Pinters Liste hinzugefügt werden, darunter Argentinien, Iran und Pakistan.]

Pinter wandte sich den geschliffenen und raffinierten Propagandamethoden des US-Establishments zu und sagte: "Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach. Mit den Worten ‚das amerikanische Volk’ wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet.... Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die 2 Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt."

Pinter fuhr fort: "Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes Lämmchen, das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbärmliche und abgeschlaffte Großbritannien.

Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden?... Nehmen wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit über drei Jahren ohne Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess, im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation existiert trotz der Genfer Konvention weiter....

Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte.... Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.

Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es ‚dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie bringen’.

Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen. Aber Bush war clever. Er hat den Internationalen Strafgerichtshof gar nicht erst anerkannt. Für den Fall, dass sich ein amerikanischer Soldat oder auch ein Politiker auf der Anklagebank wieder findet, hat Bush damit gedroht, die Marines in den Einsatz zu schicken. Aber Tony Blair hat den Gerichtshof anerkannt und steht für ein Gerichtsverfahren zur Verfügung. Wir können dem Gerichtshof seine Adresse geben, falls er Interesse daran hat. Sie lautet Number 10, Downing Street, London. ...

Die 2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei Dunkelheit zu ihren Gräbern transportiert. Die Beerdigungen finden dezent statt, an einem sicheren Ort. Die Verstümmelten verfaulen in ihren Betten, manche für den Rest ihres Lebens."

Pinter fasste zusammen: "Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten jetzt völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell verlautbarte Politik definiert sich jetzt als ‚full spectrum dominance’. Der Begriff stammt nicht von mir sondern von ihnen. ‚Full spectrum dominance’ bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und Weltraum, sowie aller zugehörigen Ressourcen....

Abertausende wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen ihrer Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche politische Macht dar - noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden....

Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig.

Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben - die Würde des Menschen."

Siehe auch:
Britischer Dramatiker Harold Pinter erhält Literaturnobelpreis
(20. Oktober 2005)
Bush reagiert auf politische Krise mit Lügen und neuen Kriegsdrohungen
( 15. Oktober 2005)