Ein Nachruf auf Simon Wiesenthal - Teil 1

"Nur eine Gesellschaft, die sich zur historischen Wahrheit bekennt, kann aus der Vergangenheit lernen"

Von Nancy Hanover
16. Dezember 2005

Dies ist der erste von zwei Teilen eines Nachrufes auf den bekannten Nazi-Jäger Simon Wiesenthal, der am 20. September im Alter von 96 Jahren in Wien starb.

Simon Wiesenthal war ein couragierter Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle dabei spielte, Nazi-Größen vor Gericht zu bringen.

In seinen Bemühungen "Recht, nicht Rache" zu erreichen und Zehntausende aufzuspüren, die im Dritten Reich am Völkermord beteiligt waren, war er geradezu verbissen. Als Überlebender fühlte er sich verpflichtet für die Toten zu sprechen, die Grundlage für die moralische Wiedergutmachung der Juden zu schaffen und zukünftige Generationen gegen die Empfänglichkeit für den Faschismus immun zu machen.

Er war der Auffassung, die größte Abschreckung vor Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestehe darin, dass die Verantwortlich fürchten müssen, gejagt und von einem Gericht zur Verantwortung gezogen zu werden - mit den größtmöglichen Auswirklungen auf das öffentliche Bewusstsein.

Während Kriegsverbrechertribunale heute als Schauprozesse für offen imperialistische Zwecke benutzt werden (wie in den Fällen Slobodan Milosevic und Saddam Hussein), setzten die Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg ein eindrucksvolles Vorbild. Sie rückten die Nazi-Verbrechen ins Licht der Öffentlichkeit und schufen ein öffentliches Bewusstsein für die Verbrechen der Schuldigen.

Wiesenthal half dabei, 1.100 ehemalige Nazis vor Gericht zu bringen, und machte dies zu seiner Lebensaufgabe. Seine Haltung war stets umstritten: Er widersprach jenen Zionisten, die einfach die Hinrichtung aller gefangenen Nazis forderten, stellte sich gegen die vom Autor Daniel Goldhagen vorgebrachten Argumente einer "Kollektivschuld", wies Eli Wiesels Haltung zurück, Millionen nichtjüdischer, durch die Nazis ermordeter Menschen nicht zu erwähnen - und nutzte dazu jede Möglichkeit medialer Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit.

Wiesenthal war in vieler Hinsicht ein Anti-Intellektueller, und seine politische Laufbahn schwankte sowohl nach links als auch nach rechts. Vom Standpunkt seiner selbst gewählten Aufgabe gesehen ist es ein großer Mangel, dass er nie versuchte, die grundlegenden politischen Zusammenhänge zu verstehen, die zum Aufstieg des europäischen Faschismus führten. Diese intellektuell und politisch schwierigen Fragen umging er und blieb ein unkritischer bürgerlich Liberaler.

In schwierigen politischen Entwicklungen machte ihn das orientierungslos. Und wie viele andere seiner Generation wurde er politisch immer konservativer.

Während seine Arbeit in früheren Jahren die westlichen Mächte in Verlegenheit brachte, spielte er ab den 70er Jahren eine nützliche, halboffizielle Rolle für sie und wurde in vielen Kreisen zu einer Celebrity für "Menschenrechte". Er passte sich rechten Kreisen an - von Helmut Kohl bis Ronald Reagan - und sah weg, wenn die Arbeiterklasse angegriffen wurde. Insbesondere billigte er die Verbrechen des Staates Israel an der palästinensischen Bevölkerung. Er hat niemals eine Verbindung zwischen dem Kapitalismus, den ihm innewohnenden sozialen Spannungen und dem Aufkommen des Faschismus hergestellt. Da er diesen Zusammenhang nicht verstand, konnte er keinen Weg vorwärts und keine Zukunftsperspektive aufzeigen. Stattdessen stärkten seine politischen Verbindungen die Rechten und verwirrten jene, die ihn respektierten.

Stalinistische Verfolgung

Simon Wiesenthal wurde 1908 in Galizien in der Ukraine geboren, das in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörte. Als er sieben Jahre alt war, zog seine Familie nach Wien um, wo er aufwuchs. Als junger Mann studierte er in Prag Architektur und gründete dann ein kleines Büro in Lemberg, der größten Stadt Galiziens.

1939 wurde Galizien den Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes gemäß unter sowjetische Hoheit gestellt. Der NKWD (der sowjetische Geheimdienst) begann Mitglieder der jüdischen Intelligenz zu verhaften. Wiesenthals Stiefbruder wurde erschossen und sein Stiefvater starb in einem sowjetischen Gefängnis. Simon gelang es, einen Beamten zu bestechen und für sich und seine Frau Papiere für die Flucht zu bekommen. Die verbliebenen Juden wurden weitgehend nach Sibirien deportiert.

Diese Erfahrungen mit dem Stalinismus bildeten die Grundlage für seinen lebenslangen Antikommunismus. Seine Biographin, Hella Pick, bemerkte zu Wiesenthals Haltung: "Es erfordert nicht sonderlich viel Nachdenken: ‚In Galizien hatten wir genug Erfahrungen aus erster Hand mit dem Kommunismus.’" Er fühlte sich erst durch rechte Zionisten angezogen, danach durch die Jabotinski-Revisionisten, sympathisierte später mit dem moderaten Zionismus und endete mit der Haltung: "Ich stimme für Personen, nicht für politische Parteien."

Im Juni 1941 brachen die Deutschen den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion und besetzten das sowjetisch kontrollierte Polen. SS-Truppen unter dem Kommando von Reinhard Heydrichs kamen mit Einsatzgruppen, die den Befehl hatten, die "bolschewistische Intelligenz" zu exekutieren, womit Juden und Sozialisten gemeint waren.

In seiner Autobiographie "Die Mörder sind unter uns" erinnert sich Wiesenthal, wie er den Nazis das erste Mal nur knapp entkommen konnte. Er hatte sich im Keller seines Hauses versteckt und spielte mit einem jüdischen Freund Schach. Man fand sie und steckte sie ins Brigidki-Gefängnis. Im Hof des Gefängnisses waren bereits etwa 40 Juden, Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte. Ihnen wurde befohlen, sich in einer Reihe aufzustellen und die Arme in den Nacken zu legen. Bei jedem dieser Männer stand eine Holzkiste. Dann begann die Erschießung. Von links nach rechts der Reihe nach wurde jedem Juden ins Genick geschossen.

Nach jedem Schuss verging etwas Zeit, bis man den Körper in die Kiste gelegt und fortgebracht hatte. Als Wiesenthal an der Reihe war, begannen die Glocken zu läuten und ein Ukrainer rief: "Genug, Abendmesse". Die Erschießung wurde für diesen Tag beendet. Die 20 verbliebenen Juden wurden in zwei Zellen gebracht. Wiesenthal wurde später aus der Zelle von einem Bauarbeiter befreit, mit dem er zusammen gearbeitet hatte. Sechstausend Juden wurden in diesem Gebiet ermordet.

Wie bei vielen andern, die die Kombination der stalinistischen Verfolgungen mit dem Hitler-Stalin-Pakte erlebten, bewirkten diese bitteren Erfahrungen auch bei Wiesenthal, dass er seine Hoffnungen auf einen liberalen Kapitalismus setzte und die Möglichkeit eines unabhängigen sozialistischen Weges der Arbeiterklasse zurückwies.

Vier Jahre in den Lagern der Nazis

Wiesenthal wurde wieder aufgegriffen und verbrachte insgesamt vier Jahre in Nazi-Lagern wie dem Arbeitslager Janowska, den Eisenbahnreparaturwerken im Osten und den Konzentrationslagern Plaszow und Mauthausen.

Die Erfahrungen in Mauthausen, wo 119.000 Menschen - davon 38.000 Juden - umgebracht wurden, überzeugten Wiesenthal, dass alle Opfer das gleiche Recht hatten, erinnert zu werden. In diesem Lager waren Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Spanienkämpfer. Zusammengenommen waren Gefangene aus 25 Ländern dort, einschließlich aus Ländern wie China, Ägypten, den USA, Kanada und Albanien. "Ich trenne die Opfer nicht", sagte Wiesenthal noch Jahre später.

Neunundachtzig Mitglieder seiner Familie kamen in den Lagern um, einschließlich seiner Mutter, die er das letzte Mal sah, als man sie auf einen LKW verlud, dessen Ziel das Vernichtungslager Belzec war.

Nach seiner Befreiung aus Mauthausen verbrachte er kurze Zeit in einem Vertriebenenlager. Sofort erklärte er sich freiwillig bereit, die Amerikaner bei der Verfolgung der Nazis zu unterstützen. Er arbeitete vom Juni 1945 bis zum Ende desselben Jahres für das Office of Strategic Services (OSS), sammelte Informationen und verhaftete Mitglieder der SS. Das OSS schloss sein Büro und verwies Wiesenthal an das CIC (Counterintelligence Corps). Ein Großteil seiner lebenslangen Arbeit drehte sich um Fälle aus diesen wenigen Nachkriegsmonaten, als es noch relativ leicht war, SS-Leute aufzuspüren.

Die Nürnberger Prozesse

Diese anfängliche Arbeit der Amerikaner mündete in die berühmten Nürnberger Prozesse. Zurückgehend auf einen Vorschlag Roosevelts, wurden die Prozesse von den Aliierten durchgeführt, um die Nazi-Führung anzuklagen. Beim ersten und bedeutsamsten Prozess, durchgeführt von einem internationalen Militärgericht der Alliierten, wurden zwölf Nazigrößen zum Tod durch den Strang verurteilt. Unter ihnen befanden sich Hermann Goering, Julius Streicher, Joachim von Ribbentrop und Hans Frank. Sieben weitere wurden zu Gefängnis verurteilt.

Bereits zur Zeit des ersten Prozesses veränderte sich die politische Lage. Am 5. März 1946, mitten in der Anklagephase, hielt Winston Churchill seine Rede vom "Eisernen Vorhang" und signalisierte damit das Zerbrechen der Nachkriegsallianz.

Mit dem Einsetzen des Kalten Krieges hatten die USA immer weniger Interesse an der Verfolgung der Nazis. Elf Prozesse folgten dem ersten in Nürnberg, führten aber nur zu etwa 175 Verurteilungen. Im Vergleich dazu listete das in Ludwigsburg ansässige Zentrale Büro zur Koordinierung der Aufklärung von Kriegsverbrechen etwa 100.000 Verdächtige auf.

Wie man heute weiß, wurden Tausende Nazis - besonders die bekannteren - nach Lateinamerika geschleust, wieder in die höchsten Ebenen der deutschen Gesellschaft integriert oder von den Amerikanern mit antikommunistischen Aufgaben betraut.

Wiesenthal war über den zunehmend nachlassenden Eifer der Amerikaner enttäuscht - vor allem von der Weigerung, eine intensive Suche nach Adolf Eichmann einzuleiten, von dem man annahm, dass er sich in der österreichischen US-Zone aufhielt.

1947 gründete er sein eigenes Jüdisches Historisches Dokumentationszentrum. Er besuchte die Vertriebenenlager und erfasste die Berichte Überlebender: wo sie gewesen waren, wen sie gesehen hatten und was sie bezeugen konnten. Nach sechs Monaten hatte er eine Liste mit etwa 1.000 Orten von Verbrechen und Zeugen dafür.

Seine Arbeit sprach sich unter den Überlebenden schnell herum, und er erhielt weiterhin Informationen aus ganz Deutschland und Österreich. Wiesenthal wollte sie sammeln und den Amerikanern übergeben. Sein Leben war asketisch. Zuweilen schrieb er Zeitungsartikel, um ein Einkommen für sein Überleben zu haben.

In dieser Zeit begann die Fehde zwischen Wiesenthal und dem Jüdischen Weltkongress (WJC) zu eskalieren. Wiesenthal war ein ausgesprochener Gegner der Linie der Brichah (einem Vorläufer des Mossad), mittlere Nazis einfach hinzurichten. Wiesenthal war viel mehr daran interessiert, die Nazis vor Gericht zu stellen.

Tatsächlich gehörte Wiesenthal niemals zur zionistischen Elite. Oft versorgte er sie mit Informationen und drängte sie zu handeln, wurde aber zumeist schroff abgewiesen. Er kam zu dem Ergebnis, dass sie nicht wirklich daran interessiert war, Nazis aufzuspüren, und es ihm verübelte, dass er es auf eigene Faust tat. Obwohl er weiterhin auf die Hilfe Israels hoffte, zog er es vor, wie er sagte, "in die Höhle des Löwen zu gehen" und die Massenmörder selbst aufzuspüren.

In dieser Zeit arbeitete Wiesenthal vor allem am Eichmann-Fall. Eichmann war nicht nur Teilnehmer der Wannsee-Konferenz von 1942 gewesen, auf der die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde, sondern er hatte die Aufgabe übernommen, sie umzusetzen. Er verkörperte den Typ des Schreibtischtäters, den aufzuspüren Wiesenthals Spezialität war.

Nach dem Krieg gab es keine Spur von Eichmann und seine Ehefrau versuchte, ihn für tot erklären zu lassen, was damals ein üblicher Trick der Ehefrauen von Kriegsverbrechern war. Wiesenthal setzte diesem Versuch eidesstattliche Erklärungen von Zeugen entgegen, die Eichmann lebend gesehen hatten. Später erfuhr er, dass Eichmann in einem Kloster bei Rom versteckt und nach Argentinien gebracht worden war.

Er brauchte nun eine Organisation mit größeren Möglichkeiten, um den aus Europa entwichenen Eichmann zu erreichen. Er informierte Nahum Goldman, den Präsidenten des WJC und übergab ihm detaillierte Informationen. Obwohl Goldman ihm versicherte, dass der WJC den Informationen nachgehen würde, gerieten sie nicht nur in Vergessenheit, sondern Goldman leugnete später, sie jemals erhalten zu haben. Es war außerdem offensichtlich, dass die israelische Regierung keine Hilfe gewähren würde, weil sie mit der Kontrolle über die Palästinenser beschäftigt war.

Wiesenthal arbeitete in Wien überwiegend allein und wurde durch die Korrespondenz aus aller Welt unterstützt. Seine Methode war es, aus Tausenden Quellen die Informationen über die Naziverbrechen, ihren Ort und die Zeugen zusammenzutragen. Danach zwang er die Rechtsorgane aktiv zu werden. Das war eine Vorgehensweise, deren Erfolg weitgehend von der öffentlichen Meinung und sympathisierenden Regierungsbeamten abhing.

1954, mittellos und niedergeschlagen, schloss er sein Dokumentationszentrum und übergab seine gesamte Informationssammlung an das Yad-Vashem-Archiv in Jerusalem. Er hielt nur einen Dokumentensatz zurück - den über Eichmann.

Wird fortgesetzt

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