Die gesellschaftliche Komponente der Vogelgrippe

Von Andreas Reiss
26. Januar 2006

Abermals ist die auch für den Menschen gefährliche Form der Vogelgrippe ausgebrochen, die durch den Erreger H5N1 übertragen wird. In der Türkei sind bislang 21 Menschen nachweislich an der Grippe erkrankt, vier von ihnen starben.

Die Gefahr einer weltweiten Pandemie mit Tausenden von Todesopfern ist damit erneut gestiegen. Derzeit wird von 150 bestätigten Fällen weltweit ausgegangen, bei etwa der Hälfte der Infizierten (80 Menschen) verlief die Erkrankung tödlich. Bislang sind zwar keine Fälle einer Ansteckung der Krankheit von Mensch zu Mensch belegt, man geht davon aus, dass sich alle Erkrankten bei infiziertem Geflügel angesteckt hatten. Gleichwohl gilt es unter Experten vielfach nur als eine Frage der Zeit, bis ein außer Kontrolle geratener Ausbruch der Seuche unter Tieren zu den entsprechenden Mutationen im Erbgut des Virus führen wird.

Der nie da gewesene Grad an globaler Verflechtung der Menschheit würde leicht zu einer explosionsartigen Verbreitung einer Grippe-Pandemie führen. Der Infektion folgt eine Inkubationszeit von zwei bis 14 Tagen, in denen der unwissentlich Infizierte das Virus um die ganze Welt tragen kann. Man kann davon ausgehen, dass keine dicht besiedelte Region der Welt in einem solchen Fall von H5N1 verschont bleiben würde - die Folgen der Seuche in den Slums Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas wären nicht auszudenken.

Welche Fragen stellt der aktuelle Ausbruch von H5N1? Handelt es sich lediglich um eine unkontrollierbare Laune der Natur? Oder spielen gesellschaftliche Faktoren eine Rolle?

Der Erreger H5N1

Die Region Südostasien gilt aufgrund des dortigen engen Zusammenlebens von Mensch und Tier sowie der gigantischen Geflügelfarmen als wichtigste Brutstätte für globale Grippeepidemien. Im Jahr 2003 trat mit SARS eine völlig neuartige Krankheit auf, bei der ein Erreger von der Säugetierart der Zirbelkatze auf den Menschen übersprang. H5N1, der Erreger der aktuellen Vogelgrippeepidemie, trat erstmals im Jahr 1997 in Hongkong auf. Es gelang damals durch rechtzeitige Massenschlachtung von Zuchthühnern, den Ausbruch einzudämmen - so wurde der gesamte Hühnerbestand der Kronkolonie getötet, insgesamt etwa 1,5 Millionen Tiere. 18 Menschen infizierten sich mit dem Virus, sechs von ihnen starben.

Die Massenschlachtungen zeigten durchaus die erhoffte Wirkung: Der nächste Ausbruch von H5N1 ereignete sich erst im Jahr 2003. Abermaligen massenhaften Tötungen blieb diesmal jedoch der Erfolg verwehrt - die Seuche hatte bereits auf mehrere Provinzen Chinas übergegriffen.

Von nun an beginnt eine Art Katz- und Maus-Spiel zwischen chinesischen sowie internationalen Forscherteams und den chinesischen Behörden - jeder Entdeckung eines Ausbruchs der Seuche folgen tage- bis wochenlange Versuche der stalinistischen Bürokratie, diesen zu leugnen und die entsprechenden Maßnahmen zu unterlassen. Hierin blieb sich die Bürokratie durchaus treu: Das Auftreten von SARS, ebenfalls im Jahr 2003, wurde mit derselben menschenverachtenden Politik des wochenlangen Totschweigens behandelt.

Im Frühjahr 2005 befiel H5N1 Gänse im Qinghai-See in Westchina. Zu Beginn war der Ausbruch auf eine kleine Insel in dem riesigen See begrenzt, doch schon bald breitete sie sich über seine gesamte Vogelpopulation aus. Als der in Hongkong arbeitende Wissenschaftler Yi Guan in der britischen Zeitung The Guardian der Regierung vorwarf, sie habe einen Ausbruch in Südchina einige Zeit zuvor, in dem vermutlich der Ursprung der Infektion im Qinghai-See liege, völlig verschwiegen, schloss die Regierung eines seiner Forschungsbüros.

Der Weg des Virus konnte vom Qinghai-See aus den Wanderrouten von Zugvögeln folgen, die das Virus nacheinander in verschiedene Länder Südostasiens (2003/04), nach Russland (Juli und August 2005) und schließlich Rumänien und die Türkei (beide Oktober 2005) einschleppten.

Zustände in der Türkei

Abermals bot das Verhalten einer nationalen Regierung dem Virus die beste Gelegenheit zur weiteren Ausbreitung, diesmal der türkischen. Seit Oktober wiederholten sich die Beteuerungen von Seiten des Landwirtschaftsministeriums, der Regierung und anderer Stellen, es gebe "kein Vogelgrippeproblem" in der Türkei. Wissenschaftlern, die auf den Ausbruch aufmerksam machten, wurde vorgeworfen, aus Sensationsgier übertriebene oder falsche Meldungen zu streuen. Ernsthaft reagiert wurde erst ab Mitte Dezember, zu einem Zeitpunkt also, da sich die Epidemie unter Geflügeltieren bereits etabliert hatte.

Durch diese Verschleppungstaktik der Regierung wurden einerseits die erforderlichen Maßnahmen erst viel zu spät eingeleitet, andererseits auch der einfachen Bevölkerung der betroffenen Regionen lebenswichtige Informationen vorenthalten. So haben noch immer zahlreiche Hühnerzüchter keine Ahnung davon, dass ihr krankes Tier möglicherweise von einer auch für Menschen gefährlichen Seuche befallen ist. Noch immer werden daher erkrankte Tiere geschlachtet, ausgeweidet und verzehrt.

Der Berliner Tagesspiegel schrieb am 14. November , der Staat versage "schon bei der Prävention. Ein Beispiel: Viele Menschen rund um Van sprechen kein Türkisch - sie sprechen Kurmanci, einen kurdischen Dialekt. Und so verstehen ausgerechnet die, die dieser Tage am meisten gefährdet sind - und deren Kooperation beim Hühnerfang besonders wichtig wäre - die Infosendungen der Regierung nicht, die seit Neuestem im Fernsehen laufen. Nirgendwo in der Türkei ist die Arbeitslosigkeit so hoch, die Infrastruktur so schwach und das Bildungsniveau so niedrig wie im Osten, dem Hühnerland."

Die jüngst verstorbenen Kinder infizierten sich vermutlich beim Spielen mit den Köpfen geschlachteter Hühner mit dem Virus.

In den türkischen und kurdischen Bergdörfern leben Menschen und Geflügel wie in Südostasien in engstem Kontakt zueinander. Vielfach fehlt selbst das Geld für Stallbehausungen, im Winter werden die Tiere oftmals mit ins Haus genommen, um sie vor dem Erfrieren zu retten.

In den betroffenen Regionen stellt die Vogelgrippe eine Bedrohung der Lebensgrundlagen der einfachen Bevölkerung dar, die sich nur schwer mobilisieren lässt, ihre Tiere den Regierungsbeauftragten zur Schlachtung zu überlassen. Auch den Zusagen der Regierung, für jedes Tier würden zwei Euro Entschädigung, weniger als der Marktpreis, gezahlt, wird nur wenig Glauben geschenkt. Viele Hühnerbesitzer und -händler verstecken daher noch immer ihr Vieh vor den Schlachtkommandos. Man geht davon aus, dass in einigen Dörfern über 90 Prozent der Hühner versteckt werden - in anderen hat überhaupt noch niemand die "Männer in Weiß", die Schlachtkommandos der Regierung zu Gesicht bekommen.

In Istanbul brach die Epidemie in einer der vor zehn Jahren illegal errichteten Slumsiedlung aus, von denen inzwischen nahezu alle türkischen Großstädte umgeben sind. Die Flucht vor der Armut auf dem Land und dem jahrzehntelangen Krieg in Kurdistan treibt die Menschen in die Städte, wo sie unter katastrophalen Bedingungen leben.

Epidemologie und Soziologie der Virusgrippe

Vor der Gefahr einer nahenden Pandemie wird seit geraumer Zeit gewarnt. Das Influenza-Virus, das die Virusgrippe verursacht, unternimmt in Abständen von ca. 15-20 Jahren eine völlige Veränderung seines Erbgutes - es entsteht quasi aus dem Nichts heraus ein neuer Virustyp.

Seine Gefährlichkeit für den Menschen erlangt dieses Virus dadurch, dass es auf eine völlig unvorbereitete Weltbevölkerung trifft: Da es sich um ein neuartiges Virus handelt, besteht keine Immunität von Menschen, wogegen Grippeerreger aus vergangenen Jahren bereits bei einem guten Teil der Bevölkerung auf Teil- oder Vollimmunität treffen.

Das Auftreten eines solchen neuartigen Virustyps wird begünstigt durch ein enges Zusammenleben von Mensch und Tier: So kann sich der auf den Menschen spezialisierte Teil des Virus mit einem tierischen Anteil mischen und gewisser weise "verjüngen".

Auch ein langsames Mutieren des Vogelgrippevirus ist durchaus denkbar und wird aktuell befürchtet. Das Virus könnte auf diesem Wege zu der Fähigkeit gelangen, dem Menschen nicht nur gefährlich, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragbar zu sein. Eine US-amerikanische Studie gelangte im Herbst 2005 zu dem Ergebnis, dass der Erreger der spanischen Grippe, die im Jahr 1918 weltweit bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte, vermutlich aus einer derartigen langsamen Mutation von Grippeviren hervorgegangen war. Diese Erkenntnis änderte die Einschätzung der Pandemiegefahr - da es der Epidemie gestattet wurde, sich unter Vögeln festzusetzen, ist es in diesem Falle nur noch eine Frage der Zeit, bis die entsprechende Mutation vonstatten geht.

Jede Epidemie, so auch die Virusgrippe, hat ihre soziale Komponente: Die spanische Grippe von 1918 wäre ohne die Verheerungen des Ersten Weltkrieges in ihrem tatsächlichen Ausmaß wohl undenkbar gewesen. Auch die Verbreitung der Seuche wurde durch den Krieg maßgeblich beeinflusst: Man geht davon aus, dass sie von amerikanischen Soldaten nach Europa eingeschleppt wurde, wo die ausgezehrten Armeen in den Schützengräben ihr eine extrem schnelle Verbreitung in die vom jahrelangen Krieg geschwächten Bevölkerungen Europas ermöglichten.

Mit den Mitteln moderner Medizin und Technologie ist es nun durchaus möglich, der Virusgrippe als Krankheit dauerhaft ihren Schrecken zu nehmen. Sobald ein neuer Pandemieerreger aufgetreten ist, kann heute mit der Entwicklung eines Impfstoffes begonnen werden, die zwischen drei und sechs Monate benötigt. Es ist daher möglich, dem Virus "zuvorzukommen" und die Weltbevölkerung mit einem immunologischen Schutz auszustatten, bevor dies auf dem Wege einer Pandemie mit Millionen von Todesopfern geschieht.

Doch die Produktion von Impfstoffen gilt in der Pharmazeutischen Industrie als wenig reizvoll - zu hoch sind die Kosten verglichen mit den zu erwartenden Gewinnen, zu hoch die finanziellen Risiken, zu gut die Verdienstaussichten bei anderen (oft völlig unnützen) Medikamenten.

Auch die Zeit bis zur Entwicklung eines Impfstoffs kann durch die Bereitstellung von Medikamenten wirksam überbrückt werden. An diesem Punkt kommen die Nationalstaaten der ganzen Welt sowie die Pharmaindustrie, mithin also das Profitsystem an sich ins Spiel - in recht unrühmlicher Weise.

Tamiflu und das Verhalten von Roche

Nach allem bisherigen Anschein ist das Virus des Typs H5N1 sensibel gegen das seit einiger Zeit bereitstehende Medikament Oseltamivir, besser bekannt unter dem Handelsnamen Tamiflu. Der Ausbruch der Erkrankung kann einerseits bei gesichertem Kontakt mit infektiösen Tieren bzw. mit infizierten Menschen verhindert, zumindest aber bei zügiger Einnahme nach Beginn der Symptome erheblich abgeschwächt werden. Eine weltweite Pandemie durch H5N1 wäre somit die erste in der menschlichen Geschichte, die wirksam medikamentös beeinflusst werden könnte.

Der Krisenplan der WHO rät allen Staaten weltweit, sich für den Ernstfall einer Pandemie mit ausreichend Tamiflu für mindestens 20% der Bevölkerung einzudecken (andere Institutionen empfehlen eine Vorsorge für 30% der Bevölkerung). Hierdurch könnte die Zeit bis zur Entwicklung eines Impfstoffs überbrückt werden, indem einerseits die Zahl der Todesopfer möglichst gering gehalten würde, andererseits aber auch die Verbreitung des Virus entscheidend verlangsamt werden könnte.

In Deutschland haben einige Landesregierungen die Zahl von 20% weit unterschritten. In Hamburg wird lediglich für 10% der Bevölkerung, in Sachsen-Anhalt gar nur für 4,5% Vorsorge getroffen.

Eine Reihe von Staaten hat angekündigt, sich mit großen Vorräten an Tamiflu eindecken zu wollen, doch wird dies wohl nur reichen Staaten möglich sein. Völlig desolat ist die Situation in Ländern der Dritten Welt, wo kaum von nennenswerten Vorräten gesprochen werden kann. Der Grund: Das Medikament unterliegt dem Patentschutz. Der einzige produzierende Konzern ist derzeit die Schweizer Firma Roche aus Basel. Roche weigert sich hartnäckig, auf seine Monopolstellung bei der Produktion des Medikaments zu verzichten und dadurch eine dezentrale und preiswerte Herstellung von Oseltamivir (Tamiflu) zu ermöglichen. Der Konzern kann somit den Preis des Medikaments quasi allein bestimmen. Die Profitinteressen eines Konzerns werden somit, sollte es zu einer Pandemie kommen, zu deren Verbreitung bedeutend beitragen, ganz zu schweigen von der Zahl der Todesopfer. Aus der Monopolstellung Roches resultieren darüber hinaus völlig unzureichende Produktionskapazitäten.

Vorstöße aus einer Reihe von asiatischen und afrikanischen Ländern, den Patentschutz für Tamiflu vorzeitig aufzuheben oder auszusetzen, um so armen Ländern grundsätzlich die Beschaffung größerer Mengen des Medikaments zu ermöglichen, scheiterten am Widerstand von Roche. Anfang 2005 warfen Thailand und Südafrika bei einer WHO-Konferenz die Frage auf, ob nicht billigere Darreichungen des gleichen Wirkstoffes (Generika) produziert werden könnten. Der Vorstoß scheiterte am Widerstand von Frankreich und den USA, wo die neben Roche bedeutendsten Profiteure von Tamiflu ansässig sind - das Patent für das Medikament hält die US-amerikanische Firma Gilead, der frühere Arbeitgeber von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Noch heute besitzen Rumsfeld und andere Regierungsmitglieder beträchtliche Aktienpakete von Gilead.

Die Beteuerungen der Firma Roche, es fehle anderen Unternehmen an dem zur Produktion von Oseltamivir nötigen Know-how und der erforderlichen Infrastruktur, sind vorgeschoben und bereits praktisch widerlegt: In Indien analysierten Wissenschaftler das Medikament und rechnen damit, es noch 2006 selbst herstellen zu können.

Eine Anklage gegen das Profitsystem

Bei näherer Betrachtung der Tatsachen im Zusammenhang mit der Vogelgrippe ergibt sich somit keineswegs ein Bild blind wirkender Naturkräfte. Vielmehr ist der konkrete Verlauf der Epidemie an jeder seiner Stationen (Entstehung in Südostasien, Verbreitung durch Vogelzug, Einnistung in Europa und schließlich der - noch ausstehende - Übergang auf den Menschen) mit ganz bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen verknüpft.

Es ist frappierend, sich auszumalen, welche wissenschaftlichen und technologischen Möglichkeiten der Menschheit heute in ihrem Kampf gegen Epidemien zur Verfügung stehen, und diese mit der tatsächlichen Realität zu vergleichen. Eine neu auftretende Epidemie unter Tieren kann zügig erkannt und beschrieben werden, mit modernen Methoden kann ihr Verbreitungsgebiet schnell und präzise bestimmt werden, was wiederum zur Ergreifung von entsprechenden Gegenmaßnahmen befähigt. Nichts davon ist im Falle des H5N1-Ausbruches geschehen.

In vergleichsweise kurzer Zeit kann im Fall eines Übertretens auf den Menschen ein Impfstoff gegen den Erreger entwickelt werden. Bis zu dessen Bereitstellung kann mittels Medikamenten die Ausbreitung der Seuche eingeschränkt und ihre schlimmsten Folgen bedeutend gemildert werden. Nichts deutet darauf hin, dass dies geschehen würde.

Nur wenige Staaten werden in der Lage sein, sich mit den nötigen Vorräten an Tamiflu einzudecken, doch eine Epidemie wie die Virusgrippe kann nur international bekämpft werden. Dies galt schon während des 20. Jahrhunderts, in ungleich höherem Maße jedoch in der globalisierten Welt von 2006.

Der Vergleich des technologisch Machbaren mit dem real Unternommenen ergibt eine vernichtende Anklage gegen das System konkurrierender Nationalstaaten und das gesamte Profitsystem. Die Möglichkeiten der Menschheit werden gewaltsam beschränkt, anstatt sie auch nur annähernd zu ihrer vollen Entfaltung gelangen zu lassen. Hierin liegt die gesellschaftliche Komponente von H5N1.

Siehe auch:
SARS - Wissenschaft und Soziologie
(22. Mai 2003)